Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Inland und Ausland. 
Deutsches Reich. 
W. Zur Ostastenreise des Kronpriuzen. Nachdem der Kron⸗ 
zrinz die Sehenswürdigkeiten des alten Delhi sowie die durch 
ruhmvolle Erinnerungen vom Jahre 1857 geweihten Stätten 
inter sachkundiger Führung durchwandert hat, unternahm er 
gestern mit den Gouverneur der United Provinces einen für 
etwa eine Woche berechneten Ausflug ins Innere dieses 
interessanten Teiles Indiens. Bei der Schwierigkeit der Un⸗ 
terbringung abseits der grohen Heerstraße wird der Kron—⸗ 
orinz auf dieser Tour nur von zwei Herren des Gefolges 
degleitet werden. (Tel.) 
W. Ordens auszeichnung durch den Prinzregenten Luitpold 
»on Bayern. Der Prinzregent verlieh den Staatssekretären 
Delbrück und v. Kiderlen-Wächter das Groß— 
reuz des Michgelordens, Wermuth und von 
Zdisco den Michaelsorden 1. Klasse. Die Bedeutung 
»er Auszeichnung ergibt sich aus dem Anlaß, daß der Prinz⸗ 
legent, selbst Zeuge Deutschlands großer Zeit, dem Tage nahe 
st, wo er unter den Kundgebungen innigster Liebe und Treue 
eines Volkes, sein 90. Geburtsfest zu feiern sich anschickt. 
dah er derart des 18. Januars 1871, des Tages der Gründung 
»es Reiches gedenkt. wird in Bayern und im Reich freudig 
egrüßt 
Italien. 
W. Wie Popolo Romano meldet, veranstaltete der bayerische 
Hesandte Irhr. von und zu der Tann⸗Rathsamhausen gestern 
ibend ein Diner zu Ehren des Ministers des Aus⸗ 
värtigen Marquis di San Giuliano, woran auch der deutsche 
Hesandte v. Jagow, Unterstaatssekretär im Ministerium des Aus⸗ 
rärtigen Fürst di Soalesx und andere hervorragende Persönlich- 
eiten teilnahmen. Es wurden mehrere Trinfsprüche auf die 
Hesundheit Giulianos ausgebracht, wofür der Gefeierte mit he⸗ 
veoten Worten dankte. (Tel.) 
Frankreich. 
Im Verlaufe der Kammerdebatte über die Nach— 
rragskredite für die militärischen Ope⸗ 
rationen in Marokko sagte Zaurds: Ich will 
die Debatte über Marokko nicht wieder eröffnen, aber 
ich frage den Minister des Aeußern und den Kriegsminister, 
wie lange noch ihrer Voraussicht nach unsere Besetzung dauern 
orul. GBewegung.) Sie haben immer dem Lande und der 
tammer erklärt, daß diese Besetzung nur provisorisch sein 
önne. So muß sie in der Tat sein kraft der internationalen 
Verträge, die nicht allein die Unabhängigkeit, sondern auch 
die Integrität Marokkos garantieren und mit Rüchicht darauf, 
datz man die politischen und finanziellen Schwierigkeiten, die 
wischen dem Sultan und Frankreich vorhanden waren, mit 
dem Sultan regelte. Was also könnte der Zweck der ver—⸗ 
längerten Okkupation sein, die im Gegenteil schwere Nachteile 
nit sich bringen würde? Zunächst würde sie gewissen Führern, 
ie mehr von Abenteurerlust als von Disziplin erfüllt sind, 
die Versuchung bieten, den von der Regierung bestimmten 
Wirkungskreis zu überschreiten und bis ins Herz Marokkos 
uu dringen, wie es letzhin General Moinier getan hat. Tann 
zätte die Besetzung noch einen zweiten Nachteil. Jede mili— 
tärische Kraftanstrengung, die Frankreich in Marokko unter⸗ 
nrehme, ziehe eine entsprechende oder eine noch bedeu⸗ 
lendere militärische Maßnahme der spanischen Regierung nach 
ich. Sicherlich besteht Freundschaft zwischen den beiden Regie— 
rungen und den beiden Völkern. Niemand freut sich mehr 
arüber als ich, aber die besten Freundschaften dürfen gewissen 
Proben nicht unterworfen werden. Je mehr wir auf die stän— 
dige Besetzung des Schaujagebietes hinarbeiten würden, desto 
nehr wird sich die spanische Regieruüng verpflichtet fühlen, die 
nilitärische Besatzung in der eigenen Sphäre zu verstärken. Es 
si ein eigentümliches Paradoxon, daß die französische Besetzung 
in der Küste ausgedehnt wird. Die Grenze Algeriens ist abge⸗ 
egen, während in der Nachbarschaft der Provinz Oran die 
nilitärische Politik Spaniens sich entwidelt und befestigt. Für 
zie Zukunft sind da Anlässe zu Schwierigkeiten möglich und 
Tlugheit sollte uns geboten haben, unsere Besetzung Marolkos 
owohl räumlich wie zeitlich einzuschränken. Sie gaben dem Sul⸗ 
an Mittel, das Land zu beherrschen und zu verwalten. Wann 
werden Sie es für gut befinden, daß er die Verantwortung dafür 
sttagen soll? Er weiß wohl, daß im Jalle der geringsten Ver— 
etzung einer Person und des Eigentums Sie unverzüglich ein⸗ 
chreiten wurden. Ohne Gefahr können Sie ihm daher beweisen, 
daß auf der friedlichen Entwickelung des Reiches keine Drohung 
nehr laste. GBeifall bei der äußersten Linken.) Ich glaube, 
nan könnte ohne Gefahr im Interesse des Friedens zund Ma—⸗ 
ottos der Okkupation ein Ziel setzen. Geifall bei der äußersten 
Linsen) — Pichon erklärte, was den Zeitpunkt betrifft, in 
velchem wik in der Lage sind, Marokko vollständig zu räumen, 
exkläre ich rund heraus, daß ich den Zeitpunkt nicht kenne. Die 
Jenaueste Antwort, die ich geben dönnte, befindet sich in dem im 
Parlament verteilten Gelbbuche, das die mit Mulay Hafid abge⸗ 
chlossenen Abkommen enthält. Was Schauja betrifft, hängt 
as Ende unserer Besetzung von der Errichtung einer marokkani— 
chen Polizeigewalt ab, die genügt, um die Sicherheit der Person 
ind des Eigentums zu schützen und die unter den Befehl einer 
rranzösischen Mission gestellt wird. Für die Räumung Casa— 
blaͤncas ist wieder eine andere Genugtuung notwendig, die sich 
auf die Bezahlung unserer Kosten bezieht. (Jaurès: Sie haben 
ßand auuf die Einnahmen des Sultans gelegt, welche andere 
harantien wollen Sie noch?) Wir legten nicht Hand auf diese 
kinnahmen. Wir regelten die Erhebung seiner Einnahmen und 
hrachten größtmögliche Ordnung in ihre Verteilung. Im zweiten 
Abkommen sahen wir eine fortschreitende Verringerung unserer 
Truppen entsprechend der Vermehrung der Polizei des Machsen 
bor. Wenn die Abkommen verwirklicht sein werden, werden wir 
dazu gelangen, an Stelle der französischen Truppen marokkanische 
u setzen. Bis dahin entspricht Las von der Kammer erbetene 
finanzielle Opfer dem, was unsere Interessen und die nationale 
Würde fordern. Ich bin überzeugt, daß wir in Marokko ein 
französisches Werk errichten, das wir auf keinen Fall im Stiche 
Jassen dürfen soll es nicht verlassen sein. (GBeifall) 
Spanien. 
W. Ministerpräsident Canalejas erklärte gegen— 
über den Gerüchten von Absichten Spaniens auf Por— 
zugal folgendes: Portugal ist ein ungbhhängiges Land, das 
iich Einrichtungen gab, die es münschte. Unsere Haltung darf 
nur sein, die Unabhänigkeit zu achten und im Falle von Ruhe— 
sttörungen unseren Grenzen Achtung zu verschaffen.“ (Tel.) 
W. Gegenüber der amtlichen Ertlärung. daß die Regierung 
keineswegs ein Einschreiten in Portugal ins Auge gefaßt hat, 
wie ernst auch die gegenwärtige Lage dort sei, hält die Zeitung 
ABEraufrechi, daß im nächsten inisterrat nach der Rück— 
Ahr des Ministerppäsidenten Canalejas die Frage einer Inter— 
dention Spaniens in Portugal erörtert werden solle. 
Das Blatt füat hinzu. daß Enttann einer iolihen Intoryentiyn 
-—paniens gegenwärtig nicht geneigt sei und behauptet, daß zwischen 
wei Großmächten eine alte Abmachung für den Fall bestehe, 
„aß in Portugal Unruhen ausbrechen. (Tel.) 
Neuefte Nachrichten und Telegramme. 
W. Berlin, 17. Jan. Der Kaiser fuhr heute Morgen 
beim Reichskanzler und dem Staatssekretär des Aeußern vor. 
We Hamburg, 17. Jan. Der Zentralausschuß der 
Brinzipalverbände in Sachen Pensionsversiche— 
ung der Privatangestellten beruft seine Arbeits— 
ommission zu einer Sitzung auf den 24. d. M. zwecks Stellung⸗ 
sahme zu dem im Reichsanzeiger veröffentlichten Entwurfe 
ines Versicherungsgesetzes für Angestellte ein. 
We Kiel, 17. Jan. Der Leutnant zur See Svart 
om Linienschiff „Braunschweig“ wurde vom Kriegsgericht zu 
5 Tagen Gefängnis und Dienstentlassung wegen vorschrifts— 
oldriger Behandlung Untergebener verurteilt. — Wegen mili— 
ärischen Aufruhrs wurden die Obermatrosen Trinkwitz 
ind Rick zu je einem Jahr 3 Monaten und einer Woche Ge—⸗ 
ängnis verurteilt. Beantragt waren 5 Jahre 3Z Monate. 
10. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reiches. 
WVt. Berlin, 17. Jan. Die Nordd. Allg. 3tg. gedenkt des 
mnorgigen vierzigsten Jahrestages der Gründung des Deutschen 
skeiches. In dem Artikel heiht es: Die Gründung war Ab— 
chluß und Anfang. Er erfüllte alte Hoffnungen und begrün— 
ete neue. Noch nie ist ein Volk in so kurzer Spanne 
zeit auf allen Gebieten so weit energisch fortgeschritten, wie das 
eutsche. Die Tatsache kann niemand leugnen, der Augen hat, 
»as wachsende Volk bei der Arbeit zu sehen. Doch ist sicher— 
ich noch nie während einer Periode solcher Entwickelung so 
iel von dem Pessimismus, der weite Volksschichten ergriffen 
aben soll, von Verärgerung über eine unerträgliche Reaktion, 
ie Rede gewesen. Die Nation empfindet, daß auch der deut— 
chen Gegenwart, wenn auch in veränderter Form, jene Tendenz 
er Sonderbildung naheliegt, die die Tragik der deutschen 
zergangenheit war, daß auch die Gegenwart des gemeinsamen 
Ddealismus jener Zeit bedarf, deren wir heute gedenken. 
Wenn der Deutsche, der am morgigen Tage die Gegen— 
bart überblickt, mit Stolz auf die Entwickelung der Nation 
ehen kann, so darf doch dieses Gefühl des Stolzes nicht 
azu führen, daß die Nation in selbstgefälliger Zufriedenheit 
uit dem Erreichten sich bescheide. Wir verlangen von den 
Inzufriedenen nicht Zufriedenheit. Beide, Zufriedenheit und 
Inzufriedenheit sind unproduktiv. Zwilchen beiden liegt das 
eben mit seiner Hoffnung, seiner Arbeit, leiner Forderung des 
astlosen Mühens um das Wahl der gegenwärtigen wie der 
ommenden Deutschen 
sum Untergang des Unterseebootes „U II.“. 
W. Kiel, 17. Jan. Der Unfall des Untersecbootes „U 3“ 
st wahrscheinlich infolge unbeabsichtigten Vollaufens einer Ab⸗ 
eilung des Bootes entstanden. Eine unmittelbare Gefahr 
ürdie Besatzung liegt nicht vor, zumal der Sauer⸗— 
toffapparat für mehr als 46 Stunden ausreicht. 
das Bootskommando ist bereits durch die Telephonboje mit der 
lusßenwelt in telephonische Verbindung getreten. 
3 Uhr 50 Min. nachm. Amtlich wird gemeldet: Die Ber⸗— 
4ungsarbeiten am Unterseeboot „U 30 sind in gutem 
Fortgang. Die Besatzung ist am Leben. Die Periskope 
ragen bereits aus dem Wasser. 
W. Kiel, 17. Jan. (Privattelegramm der Lüb. Anz.) 
ReBesabung des Unterseebootes „UZ3“, in welchem 
ich 30 Mann befanden, wurde bis auf 4 Mannge— 
ettet. Diese befinden sich im Turm. Zu ihrer Rettung 
nuß erst das Unterseeboot gehoben werden. 
Wt. Kiel, 17. Jan. Die Bergungsarbeiten des gesunkenen 
Interseebootes „U 30 waren heute nachmittag soweit fort⸗ 
eschritten, daß der Bug des Bootes über Wasser gebracht 
verden konnte. 27 Mann der Besatzung wurden sodann 
ius dem Torpedobugrohr un versehrt herausgeschafft. 
jm Turm befinden sich noch der Kommandant, Kapitänleut⸗— 
ant Fischer, und zwet Mann. Man ist eifrig bemüht, das 
zoot mit Hilfe eines zweiten Werftkrans weiter zu heben, so 
aß auch diese gerettet werden können. Die Arbeiten werden 
nergisch fortgesetzt. Prinz Heinrich von Preußen ist unaus⸗ 
esetzt an der Unfallstelle anwesend, die von den Scheinwerfern 
weior Kreuzer beleuchtet wird. 
Bergung des Ballons „Hildebrandt“. 
W. Wildenbruch, 17. Jan. Mit dem Frühzuge kamen 
dandrat Köhler und der Faährtenleiter des Verliner Vereins 
ür Luftschiffahrt, Bröckelmann, hier an und begaben sich mif 
em Forstmeister Borbstädt zur Unfalistelle. Auch die Ver— 
bandten der beiden Verunglückten sind hier eingetroffen. Gegen 
Uhr gelang es, die Leiche des Rechtsanwalts Kohrs 
ind den Ballon „Sildebrandt“zu bergen. Die 
rdeiche Keidels konnte dagegen noch nicht gelandet werden, sie 
efand sich nicht in der Gondel. Die Bergungsarbeit war sehr 
chwer und wagehalsig. 
We Wildenbruch, 17. Jan. Die Bergung des Ballons 
Hildebrandt“ hat vormittags begonnen. ist jedoch durch das 
ioch immeer dünne Eis sehr erschwert. Die Leiche Keidels 
iel bei dem Bergungsversuch aus dem Ballonkorb ins Wasser 
ind versank. Die Ballongondel wurde geborgen. Die Uhr 
zon Kohrs ist um 754 Uhr stehen geblieben. Demnach haben die 
jnsassen wahrscheinlich schon nach zweistündiger Fahrt einen 
andungsversuch unternommen. 
Wt. Wildenbruch, 17. Jan. Bei der fortgesetzten Suche 
jach der Leiche des Prokuristen Keidel wurde feltgestellt, 
aß die Vermutung, die Leiche sei bei der Bergung ins Wasser 
eglitten, ein Irrtum war. Der ins Wasser gefallene Gegen⸗ 
tand war eine Wolldecke, die aus dem See herausgefischt 
vorden ist. Man neigt zu der Annahme, daß Keidel während 
»er Fahrt aus der Gondel gestürzt ist. Die Leiche des Rechts⸗ 
Nwaoltes Kohrs wird naoch Berslin vüHeraefüsßrt 
Zin Attentat auf den französischen Ministerpräsidenten. 
W. Paris, 17. Jan. (Privattelegramm der Lüb. Anz.) 
zm Verliaufe der heutigen Siung der Deputierten- 
ammer wurden von der Zuschauertribüne zwei 
—AsAWc 
ßrtand, der auf der Min'ssterbank saß, abgefeuert. 
zriand blieb unversehrt. Ter Dircktor des Armenwefeus 
Nirman wurde an der Wade verwundeit. Ter Angreifer wurde 
estgenommen. Er ist ein chemaliger Gerichtssgereiher aus 
Janenne. 
vet. Paris,17. Jan. Kammer. Nach der Wiederauf— 
ahme der Verhandlung gab Brisson, während Briand ruhig 
iuf seinem Platze saß, dem einmütigen Wunsche der Kammer 
usdruck, Mirman rasch wiederhergestellt zu sehen. ECLeb⸗ 
after Beifall 
Im Senat wurde auf Vorschlag des Präsidenten ein Untrag 
ingenommen, durch den Briand und Mirman die Sympathie 
»es Senats ausgesprochen werden. 
Ueber den Revolveranschlag, der von einem Geistes 
kranken, dem ehemaligen Gerichtsaktuar Gizelme ver 
übt wurde, sind noch folgende Einzelheiten zu berichten: Der 
ttentäter befand sich auf der Zuschauertribüne. Der erst 
Schutß ging am Kopfe des konservativen Deputierten de 
Billebois Mareil vorbei, die zweite Kugel streifte den Direkto 
des Armenwesens und der Gesundheitspflege im Ministerium 
»es Innern, Mirman, welcher der Sitzung als Regierungskom— 
nifsar beiwohnte, an einem Bein und prallte dann zum Boden 
ieder. Gizelme war noch vor wenigen Tagen im Irrenhause 
zilleEvrard bei Paris. Er wurde seiner Familie übergeben, 
»a die Aerzte, welche ihn als einen Neurastheniker ansahen, 
mpfahlen, ihm möglichst viel Zerstreuung zu bieten. Zu 
iesem Zweck gab man ihm eine Karte für die heutige Kam 
nersitzung. Es heißt, daß er vor dem Staatsanwalt und dem 
Intersuchungsrichter erllärte, er habe keinerlei Rache üben, 
ondern nur sich amüsieren wollen. Er hat vor mehreren 
Fahren mit derselben Motivierung zwei Revolverschüsse qauf 
inen Konsul in San Sebastian abgefeuert. Damals ist er 
einer Gerichtsaktuarstelle enthoben worden. Sein Bruder ist 
Ingenieur und der Präsidialkanzlei des Ministers der Oeffent 
sichen Arbeiten zugeteilt und wohnte der Kammersitzung bei 
Deutscher Reichstag. 
W. Berlin, 17. Januar. 
Am Bundesratstisch: Staatssekretär Wermuth. 
Der Antrag, der Geschäftsordnungskommission die Geneh— 
nigung zur Strafverfolgung des Abgeordneten Carstens (Freis. 
n der Privatbeleidigungssache nicht zu erteilen, wurde ange 
lommen, obgleich seine Parteifreunde und mehrere andere Red 
er im eigenen Interesse Carstens für die Ablehnung des An 
rages eingetreten waren. 
Sodann wurde die zweite Lesung des Zuwachssteuer 
‚esetzes fortgesetzt. 
Abg. Dweertsen (Rpt.): Trotz mancher Bedenken gegen 
kinzelheiten wird die Mehrheit der Reichspartei für das Geset 
m der Kommissionsfassung stimmen. Bis auf den Antrag 
Tuno, der die Bestimmung streichen will, daß der Werizuwachs 
zetroffen werden soll, der ohne Zutun des Eigentümers ent— 
tanden ist, lehnen wir alle Abänderungsanträge ab. Wir 
brauchen neue Steuern für das Militär und die Veteranen. 
Wird die Steuer abgelehnt, wird eine Erhöhung des Umsatk— 
tem pels n otwendig. 
Abg. Senyda (Pole): Die Veteranenbeihilfe ist uns sehr 
ympathisch, zumal auch viele alte Krieger unter den Polen 
ind. Gegen Einzelheiten der Vorlage haben wir eine Reihe 
von grundsätzlichen Bedenken. 
Abg. Raab (w. Vgg.): Es ist wünschenswert, daß nicht 
noch weitere Abstriche an dem Gesetz gemacht werden. Das Vor— 
gehen vieler Gemeinden beweist, daß die Steuer wohl brauch— 
dar ist. In Hamburg hat sie sich sehr gut bewährt. Eine 
ndgültige Verständigung wird sich in der dritten Lesung er— 
ielen lassen, nachdem alle Parteien dem Grundgedanken zu— 
zestimmt haben. Die Veteranen-Fürsorge ist dringend, darum 
ollte der Reichstag die Vorlage annehmen. 
Abg. Werner (Refpt.): Die Wertzuwachssteuer ist die denk 
har populärste Steuer. Im Interesse der Veteranen⸗Fürborge 
muß sie angenommen werden. 
Abg. Pauln Cochem (Ztr.) begründet den Antrag zu 8 1, 
vonach Steuerfreiheit eintreten soll, wenn der Veräußerer im 
etzten Jahre nur 3000 MeEinkommen gehabt hat. Die Kom⸗— 
mission seßzte 2000 Miüfest. Die Veteranen brauchen dabei nicht 
zu kurz zu kommen. 
Abg. Südekum (Soz.) begründet den soz'aldemokratischen 
Antrag zu 8 1bis 16, der diese Paragraphen zusammenfaßt 
u einem 8 1und damit die Regierungsvorlage wiederherstellt. 
Die sonst gestellten Anträge sind für uns unannehmbar. 
Schatzsekreitär Wermuth: Ich bitte, alle Anträge abzulehnen, 
Es liegt absolut kein Grund vor, Ausnahmen zu schaffen. Schon 
etzt sind mehr als neunzig Prozent aller Auflassungen unter 
wanzigtausend Mark, bleiben also steuerfrei. Daher sollte 
es bei der Regierungsvorlage bleiben. 
Abg. Nenumann⸗Hofer (Vpt.): Es handelt sich um eine 
Besitzsteuer, die den Ausfall bei der Erbschaftssteuer einiger— 
naßen wieder gut machen kann. Bedenkliche Folgen wird sie 
nicht habeen. Die Gemeinden sollten wenigstens die Hälfte 
des Ertrages erhalten. Wir stellen einen entsprechenden Antrag. 
Abg. Vogel (natlib.): Für die Industrie kommt ein un—⸗ 
erdienter Zuwachs überhaupt nicht in Betracht. Die Teue—⸗ 
ung von Grund und Boden fällt den Fabrikunternehmungen 
bei jeder Betriebserweiterung zur Last. Ebenso ist der Berg⸗ 
bau aus dem Gesetz herausgelassen. 
Abg. Arendt (Rpt.): Daß das Gesetz das gerechteste aller 
Hesetze ist, trifft nicht zu, man sollte auch den mobilen Besitz 
reffen. Eine Veteranenfürsorge muß endlich geschaffen wer— 
»en. Die fünf Millionen aus der Reichswertzuwachssteuer 
eichen hierfür nicht aus. 
Staatssekretär Wermuth: Eine Verbindung der Steuer 
nit der Veteranenfürsorge wird aus dem Hause selbst ge— 
vünscht. Unsere Berechnung ist so vorsichtig wie möglich auf⸗ 
zestellt. Ich kann nur bitten, unsere Finanzen durch die An⸗ 
iahme der Vorlage aufzuhelfen. (GBravo!) 
Abg. Graf Westarp (kons.): Ich glaube, es ist gelungen, 
»en Zweck des Gesetzes zu erreichen, nämlich den Spekulations— 
zewinn heranzuziehen und den auf redlicher Arbeit beruhenden 
Verdienst des Grundbesikers auf dem Lande und in der Stadt 
freizulassen. 
Abg. v. Sarigny (Ztr.) begründet einen Antrog, die 
untere Grenze des von der Steuer betroffenen Verkaufspreises 
bon 20000 auf 30000 Miufür beebaute und von 5000 auf 
10 000 Mefür unbebaute Grundstücke heraufzusetzen. 
Weiterberatuna Mittwoch 1 Uhr. 
heer und glotte. 
W. Berlin, 17. Jan. „Luchs“ ist am 16. Jan. in Cantort 
ingetroffen und geht am 21. Jan. wieder in See. „Scharnhorst“ 
stham 17. Jan. von Singapore in See gegangen. Die 5. und 
3. Halbflottille ist am 16. Jan. von Swinemünde in See, die 
1. ist an demselben Tage von Flensburg und die 12. 
on Apenrade nach Kiel gegangen. — Privatpakete. An die Be— 
atzungen der in Ostasien befindlichen Schiffe, an die Besatzung 
von Kiautschou und die Angehörigen des ostasiatischen Marine—- 
detachements können zu den bekannten Versendungsvorschriften 
ZRrivatpakete kostenfrei verschickt werden, wenn sie mit der Wyg 
orto- und bestellgeldsrei bis spätestens 21. Januar 1911 be 
»er Speditionsfirma Matthias Rohde & Jörgens-Bremen ein- 
reffen. Für Verpadungs— und Ladegebühr sind 0.30 Mubei 
zer annehmenden vo- ontrichfen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.