Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Ausgabe 4. 
Cagesbericht. — 
Lübeck, 3. Juni. 
Verein Jugendschutz. Dem 10. Jahresbericht entneh— 
men wir das nachstehende: Der Verein Jugendschutz, oder 
genauer gesagt, dessen erste Abteilung „Kostkinderschutz“, 
,lonnte am 16. Nov. auf ein 10jähr. Bestehen zurückblicken. 
Aus diesem Anlaß wurde die Geschichte des Vereins unter 
»em Titel „10 Jahre Jugendschutz“ veröffentlicht. Die Zahl 
»er Schutzfrauen in der Abteilung 1, Kostkinderschutz, ist auf 
19 gestiegen, da die Zahl der zu beaufsichtigenden Kinder 
sich bedeutend vermehrt hat, seit der Verein die Zöglinge 
»er Kinderpflegeanstalt auf Wunsch der Armenanstalt bis 
zuum 21. Jahre überwacht, während sie früher, ebenso wie 
die dem Polizeiamt unterstellten Kinder, nur bis zum voll—⸗ 
indeten 6. Lebensjahr besucht wurden. Am 1. Januar 1910 
»efanden sich 160 Kinder in Pflege und im Laufe des 
Jahres kamen 157 hinzu. Dagegen schieden 133 aus, so 
daß am 31. Dez. ein Bestand von 193 Kindern zu verzeich— 
ien war. 19 waren verstorben, 9 in das Kinderhospital 
ind 1 in das Krankenhaus aufgenommen, 3 unentgeltlich 
n Pflege behalten und 1 an Kindesstatt angenommen, 10 
varen schulpflichtig geworden und die übrigen teils zu ihren 
siesigen Angehörigen, teils nach auswärts verzogen. Von 
»em Polizeiamt wurden dem Verein 390 Meldungen ge— 
nacht, von dem Verein an das Polizeiamt 87. Drei Frauen 
wurde die Erlaubnis zum Halten von Kostkindern ent—⸗ 
zogen und 9 empfehlenswerte Koststellen durch den Verein 
nachgewiesen. In 20 Fällen erfolgte eine Untersuchung durch 
den Herrn Polizeiarzt. Durch Verfügung der Armenanttalt 
sind die Besuche in Stockelsdorf und Fackenburg wieder ein—⸗ 
gestellt worden, weil inzwischen auch in Oldenburg die Ueber— 
wachung der Pflegekinder durch Gesetz geregelt ist. Außer— 
— 
jetzt nur noch Krempelsdorf und Vorwerk besucht. Am 
.Jan. 1910 befanden sich 125 Kinder in Pflege und im 
Laufe des Jahres wurden 44 neu aufgenommen. 41 schie— 
den aus, so daß am 31. Dez. ein Bestand von 128 Kindern 
‚u verzeichnen war. 4 waren verstorben, 2 in das Kinder— 
hospital aufgenommen, 7 in die Armenanstalt, 1 in das 
Waisenhaus; 21 wurden auswärts untergebracht und 6 ent⸗ 
lassen. — In der Abteilung 2, Jugendfürsorge, wurde die 
Hilfe des Vereins in diesem Jahre in 51 Fällen in An— 
pruch genommen; davon kamen 14 auf das Jugendgericht, 
J auf das Vormundschaftsgericht und 28 auf sonstige Be— 
zörden und Private. In 3 Fällen wurde eine Vormund—⸗ 
chaft übernommen, in 5 eine Pflegschaft und in 15 die Auf— 
icht. Vom Voriahr blieben 11 Fälle, 23 kamen hinzu und 
wurden erledigt, so daß am 31. Dez. 29 Fälle zu ver— 
eichnen waren. Die Verfehlungen, die vor dem Jugend— 
zericht zur Verhandlung kamen, betrafen in 12 Fällen Eigen— 
umsvergehen, in einem Gottesgeldschwindeleien und in einem 
zroben Unfug. In den von anderen Seiten an den Verein 
serantretenden Fällen handelte es sich um den Nachweis 
»on Pflegestellen oder Arbeitsgelegenheit und sonstige Aus— 
ünfte, auch wurde ein 4jähr. Knabe zur unentgeltlichen 
Aufnahme nach auswärts nachgewiesen. Die Zahl der Schutz⸗ 
rauen belief sich Ende des Jahres auf 28, doch sind 
weitere freiwillige Hilfskräfte, ebenso wie zahlende Mit— 
zlieder dringend erwünscht, da die Aufgaben des Vereins 
sttetig wachsen. Größere Aufgaben können aber nur erfüllt 
werden, wenn reichliche Mittel und vor allem genügend Hilfs- 
räfte vorhanden sind. 
Esperanto⸗Vewegung. Vom Verein für Handlungs— 
ommis von 1858, Bezirk Lübeck, ist vor einiger Zeit ein Unter—⸗ 
ichtskursus zur Erlernung der Hilfssprache Esperanto eingerich— 
et. Die Teilnehmer haben sich zu einer „Kaufmännischen Espe— 
ranto⸗Gruppe“ zusammengeschlossen. Die Gruppe hat sich dem 
Deutschen Esperanto-Bunde, der Pfingsten zur Abhaltung seines 
ZBundestages hier in Lübeck zusammentritt. als Mitalied an— 
geschlossen. 
Beurteilung des Fleisches dänischer Rinder. Eine 
Bersammlung des Vereins der ECchlachthoftierärzte der Rhein— 
rovinz, die in Barmen stattfsand, nahm Stellung gegen die 
erschiedenartige Behandlung des Fleisches tuberkulöser Tiere, 
e nachdem diese Aus dom Inlande oder qus Dänemarf stammen 
— — 
Oie Pfingstrose. 7 
Von Käte Lubowski. 
1. 
Wachlitz und Berna, diese beiden schönsten und größten 
Rittergüter des Kreises, stießen so hart zusammen, daß sich 
hͤermann Heller, der Besitzer des ersteren, mit Martha 
Riehl, der Tochter des Bernaer Herrn, bequem von hüben nach 
drüben unterhalten konnte. Das tat er denn auch reichlich. 
Sie kannten sich beide seit den frühesten Kinderjahren, und 
var Hermann Heller auch zehn Jahre älter als seine Ge— 
ährtin, so hatte er doch ihr gegenüber niemals den Ueber— 
legenen herausgekehrt, hatte auch niemals einen anderen Freund 
ils die kleine Marthe begehrt und auch nur sie in jener 
Zeit des erwachenden Jugendstolzes heimlich gefragt: „Du, 
Marthe, ist es sehr, sehr häßlich. daß ich den linken Fuk nach— 
iehen muß?“ 
Jedesmal hatte sie empört den Kopf geschüttelt. 
„Man sieht es ja kaum ... und wem schon,. es geht doch 
riemand wie uns beide etwas an....“ 
Er war's zufrieden gewesen, bis sie sich zu lieblicher 
Schönheit großzwuchs, die Bälle in der nahen Garnison mit⸗ 
machte und im heimatlichen Park mit den jungen Leutnants von 
des Bruders Regiment die Tennisbälle schlug. Da hatte er die 
Hände geballt und gegen sein hartes Geschick geeifert. 
Anfangs war es immer wieder gelungen, ihn zur Vernunft 
u bringen; aber als er dam seine innerlichen Schmerzen gar 
u offen zur Schau trug, sie zu quälen und schelten begann 
vegen Nichtigkeiten, da wurde sie kühler gegen ihn. — Und 
ein Schmerz und seine Verbitterung nahmen zu! Nicht als 
zolge seines Wesens empfand er ihr verändertes Betragen, 
ondern als jene Umwälzung, die er sich in schlaflosen Nächten 
undertmal ausgemalt und im voraus mit zusammengebissenen 
zähnen betrauert hatte 
* 
77 “ 5d 
Lonnabend, den 3. Juni 191. 
* 44 
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Moragen⸗Blatt Rr. 277. 
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wie solche vom 1. Juli ab angeordnet ist. Man hielt die Be-j feier im Konzerthaus Lübeck durch die Begrüßung der erschie— 
immung über die andersartige Veurteilung dänischen Fleisches nenen Gäste seitens des ersten Vorsitzenden der Brüderschaft ein— 
ür nicht vereinbar mit dem Fleischbeschaugesetz und beschloß, die jeleitet wird. Die Festrede hält Herr Ed. Kliefoth, erster Ober— 
ztadtverwaltungen zu veranlassen, gegen die in Aussicht stehende neister der hiesigen Bäckerinnung. Gesangsvorträge der Lie— 
eue Erschwerung der Fleischversorgung beim Reichskanzler vor⸗ ertafel der Lübecker Bäckerinnung werden die weiteren Fest— 
tellig zu werden. eden und Ansprachen umrahmen und die Teilnehmer unter— 
uc. Bauernregeln für den Monat Juni. Stellt der Juni salten. Um 7 Uhr abends findet das offizielle Festessen 
nild FFch ein, wird mild auch der Tezember sein. — Singt tatt, worauf ein den Abschluß des Festes bildender Ball 
ie Grasmüd' eh' treiben die Reben, will Gott ein gutes 'olgt. Möge der Verlauf des Festes ein allseitig befriedigender 
zjahr uns geben. — Im Juni wird des Nordwinds Horn ein und bei den wackeren Bäckergesellen eine ungetrübte frohe 
och nichts verderben an dem Korn. — Steigt die Lerche hoch, Frinnerung an das 100jährige Bestehen ihres „Willkumpft“ 
ngt lange hoch oben, habt bald ihr das lieblichste Wetter zu interlassen. 
ben. — Juni trocken mehr als naß, füllt mit gutem Wein 
as Faß. — Bläst der Juni ins Tonnerhorn, so bläst er ins 
rand das liebe Korn. — Wenn kalt und naß der Juni war, 
erdirbt er meist das ganze Jahr. — Vor dem Johannistag 
ine Gerste man loben mag. — Wenn der Kuckuck noch lang 
ach Johanni schreit, ruft er Mißwachs und teure Zeit. — 
bie's Wetter am Medardustag (8.), bleibt es sechs Wochen 
ing danach. — Reznet's am St. Barnabas (11.), schwimmen 
ie Trauben bis ins Faß. — O heiliger Veit (15.), o regne 
icht, daß es uns nicht an Gerst' gebricht. — Ist es Corporis 
hristi (24.), klar, bringt es uns ein gutes Jahr. — Regnet's 
m Sicbenschläfertag (27., man sieben Wochen Regen er— 
„arten mag. — Eine Elster allein ist schlechten Waetters 
zeichen, doch fliegt ein Elsternpaar. wird schlechtes Wetter 
veichen. 
Die Wasserwärme in den städtischen Badeanstalten be— 
rug am Freitag im Krähenteich 20 Grad Cels., auf dem 
Falkendamm 2024 Grad Cels. 
Sihles wiag⸗Hohtein. 
Kiel, 3. Juni. Die Kaiserin und die Prinzessin 
Biktoria Luise werden an der Kieler Woche teilnehmen, 
agegen bleibt das Kronprinzenpaar wegen der Beteiligung an 
ier Krönungsfeier in England den Veranstaltungen fern. Im 
triegshafen hat sich bereits eine stattliche Zahl von Jachten 
zereinigt. Es werden amerikanische, englische, iranzösische und 
zelgische Dampfjachten erwartet. 
Preetz, 3. Juni. Ein 100jähriges Jubiläum 
onnte in diesem Monat die Familie Becker auf Wahlstorf 
eiern. Vor 100 Jahren übernahm die Familie den Hof Wahl— 
lorf in Zeitpacht. Leider ist die männliche Linie der Familie 
eit 1907 ausgestorben, doch hat die noch lebende Witwe Becker 
nediesem Jahre nach Ablauf der alten Pachtperiode den Hof 
zuf weitere 10 Jahre gepachtet. 
Itzehore, 3. Juni. Ein großer Moorbrand vütete 
wischen Wrist und Dauenhof, wo das sogenannte Breitenburger 
MNoor, zum Gute Breitenburg gehörig, brannte. Das Feuer 
st durch die Fahrlässigkeit eines Tischlers in Wulssmoor ent— 
landen. Dieser besitzt ein Stück Land im Moor, auf dem er 
dor einigen Tagen ein Feuer angezündet hatte, um Heidekraut 
u verbrennen. Er hat das Fener nicht gehörig beaufsichtigt, 
o daß der Torf, der auf dem Nachbargrundstück gegraben 
nurde, Feuer fing. Die Flammen verbreiteten sich mit garoßer 
chnelligkeit über das Moor, das in seiner ganzen Aus— 
ehnung mit Heidekraut bedeckt ist. Die 550 Hektar große Moor— 
läche ist zu vier Fünftel vom Feuer vernichtet worden. Außer 
»er Breitenburger Feuerwehr waren die Feucrwehren der 
venachbatten Ortschaften zur Bekämpfunag des Feners ous— 
gerückt. 
Keltenkirchen, 3. Juni. Ein ausgedehnter 
zeide- und Moorbrand entstand bei den Heidlaten. 
—s brannte zunächst auf Kampener, Nützener und Kalten— 
irchener Gebiet. Dann zog das Feuer mehr westwärts und 
aßte die fiskalischen Tannen. Das Feuer war meilenweit 
ichtbar. Der Schaden ist sehr groß, da viel Torf mitverbrannt 
st. Bis zur Stunde wütet das Feuer noch fort. Wie ver— 
lautet, ist bereits Militär angefordert worden. 
Blankenese, 8. Juni. Zur Brandkatastrophe 
hreiben die Nordd. Nachr.: Entseßlich hörten sich die Hilfe— 
ufe der vom Feuer eingeschlossenen Eheleute Barkendorf an. 
das Herz krampfte sich in dem Bewußisein, nicht helsen zu können. 
in Maschinist hatte den Versuch genacht, durch Einschlagen des 
jensters des zur ebenen Erde belegenen Schlafzinimers der beiden 
Ilten diese herauszuziehen. In der Aufregung und durch den 
arken Rauch und Qualm am Sehen behindert, ergriff er statt 
er Frau ein Kleiderbündel und zog dieses heraus. Bei den Auf— 
iumungsarbeiten stieß man auch bald auf die Leichen der beiden 
heleute. Sie lagen dicht aneinander in einer Ecke der Küche, 
ahe am Ausgang. Wahrscheinlich haben beide noch versucht, durch 
en Ausgang der Küche zu entkommen, sind dabei aber durch her— 
ibstürzendes Balkenwerk getroffen oder vom Qualm betäubt 
vorden. Beide Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. 
in den Flammen sind auch eine Kuh, zwei Schweine, eine Anzahl 
»ühner, sowie das gesamte Mobiliar und eine große Menge 
däucherware umgekommen. Der Tat verdächtig ist der ehemalige 
dachtwächter K. Er befand sich nach dem leßten Brande schon 
inmal in Haft, weil er verdächtig war, mit den Brandstiftungen in 
Berbindung zu stehen. Anscheinend hat das gegen ihn vor— 
iegende Belastungsmaterial bisher nicht zu einer Anllag? võllig 
rusgereicht. Diesmal fällt neben der Aussage eines Mädchens 
zesonders belastend für ihn ins Gewicht, daß er seit zwei Tagen in 
jeringer Entfernung von der Brandstelle als Privatwächter 
5fig mor 
b. Stadthallen⸗Theater. Aus der Theaterkanzlei schreibt 
ran uns: Die heutige volkstümliche Vorstellung, jeder Platz 
0 Pfg., bringt nochmals: „Die Waise aus Lowood“, 
das alte, aber stets gern gesehene Schauspiel von Charl. 
irch⸗Pfeiffer. Für die Feiertage ist ein vorzügliches Pro— 
ramm aufgestellt, am Sonntag die Schwank-Neuheit: „Der 
oppelmensch“ von Jacoby und Lippschitz und am Montag das 
iteressante Lustspiel „Komtesse Guckerl“ von Franz v. Schön— 
han und Koppel-Ellfeld. — Die beiden Vorstellungen finden 
ußer Abonnement statt, jedoch haben Dutzend- und Vereins— 
arten Gültigkeit. In der kommenden Woche gelangt Henrik 
bsens: „Hedda Gabler“ mit Frl. Wanda Wilden vom Stadt— 
neater in Halle als Gast in der Titelrolle, zur Darstellung. 
b. Villigerer Koks. Im amtlichen Teil unseres Blattes 
rachen die Gaswerke eine abermalige Dreisermäßkiaung he— 
annt. 
b. Oeffentliche Bücher⸗ und Lesehalle. Am ersten Pfingst⸗ 
age findet keine Bücherausgabe statt. Aa zweiten Festtage 
t die Bücherhalle wie an Sonntagen von 1156 bis Iä Uhr 
„eöffnet. Die Lesehalle wird an beiden Festtagen um 9 Uhr 
ibends geschlossen. 
ie Vucergesellen Brüderschaf! Lübeck begeht am kom— 
nenden Pfingstsonntag die Feier des 100j5hrigen Bestehens 
es „Willkomms“ der Bäckergesellen-Brüdershaft. Die Feier, 
ie in großzfügiger Weise geplant ist, führt uns wieder einmal 
in Stück altlübeckischen Innungslebens mit all seinem Kultus 
ind sinnigen, poesievollen Gebräuchen vor Augen, und es 
ürfte wohl von Interesse sein, wenn wir den Pokal, der nun 
00 Jahre lang unter unseren waderen, rührigen Bäckergesellen 
ekreist hat, ein wenig näher in Augenschein nehmen. Den 
Willkomm“ (oder be ser „Wällkumpfe“, wie es in den Annalen 
er Brüderschaft heiht) zäert eine Fahne, die folgende In— 
chrift trägt: Hans Vehrend, Möller üschenschaft (wohl gleich⸗ 
edeutend mit Kassenführer). Anno 1753. — Auf dem Will—⸗ 
umpft selbst lesen wir folgendes: „Dies ist der löblichen Weiß— 
nd Fasßbeckergesellen ihren Willkumpft, gemacht im Jahre 
811. — Ferner sind die Namen von 6 derzeitigen Altgesellen 
ingeführt, von denen einer als Büschenschafter fungierte. — 
— Wie schon gesagt, hat die Bäckergesellen-Brüderschaft alle 
erdenklichen Anstrengungen gemacht, das Fest zu einem des 
lten „Willkumpft“ würdigen zu gestalten. Eine Reihe aus— 
pärtiger Brudervereine haben ihre Teilnahme an dem Fest 
ugesagt, so daß man sich über die Teilnehmerzahl nicht zu 
eklagen haben wird. Nachmittags 4 Uhr ist ein Festzug 
qurch die Stadt vorgesehen, nach dessen Beendigung die Haupt— 
Er glaubte, sie habe endlich — neben den anderen — er— 
annt, daß er ein Krüppel sei, und wolle ihn jetzt behutsam 
abschütteln. 
Dem kam er zuvor. 
Er mied das gastliche Bernasche Haus, und wenn ihn der 
ilte Amtsrat zwischen Klee und Brache etwa deswegen zur Rede 
etzte, entgegnete er leichthin: „Die Heumahd bringt viel 
Arbeit, da muß, ich doppelt auf dem Posten sein.“ 
Und der alte Landmann war ltets mit dieser Entschuldi⸗ 
gung zufrieden. 
Aber die Marihe nicht. 
Sie kannte das alte Wachlitzer Mamsellchen und den grau— 
öpfigen Inspektor, den Gärtner Tietz und den alten Hofmeister 
krause. Sie alle waren ihre guten Freunde und lachten über 
as ganze Gesicht, wenn sie sie nur sahen. 
Als nun Mamsellchen sich eines Tages zum Austausch von 
Bruteiern von Wachlitz nach Berna hinüberfand, hielt sie 
die Alte heimlich am Zipfel fest und fragte sie gehörtig aus. 
„Mamsellchen, was hat denn der dumme Männe nur, daß 
x lich gar nicht mehr bei uns schen läßt?“ 
Die Treue lächelte schlau. 
„Nu ... seine Liebsten ...“ 
Gan, blaß wurde das feine Mähdchengesicht bei dieser 
Muskunft. 
„Seine L....?“ 
„Ja, ja, sie haben akkurat solche spitzen Dornen wie die 
leinen Mädchen, wenn sie ihre Liebe noch nicht recht be— 
ennen wollen.“ 
‚Ach, die Rosen! Habe ich mich aber erschrocken.“ 
„Natürlich die Rosen,“ nickte Mamsellchen, „na, Sie kennen 
hn ja darin, Fräulein Marthe. Jetzt aber treibt er es 
ein toll. Eine Sorte hat er rausgekundschaftet, die in vier 
Wochen das ganze Haus umranken und wie toll blühen und 
riechen soll. Bestellt ist sie bereits, und zu Pfingsten soll sie 
mkommen — von weit, weit her .... und in dem kleinen 
Treibhaus ist schon ein Quartier für sie zurechtgemacht, wenn 
ie etwa so spät abends eintrifft, daß sie nicht mehr ge⸗ 
oflanzt werden kann.“ 
„Sind denn die anderen Rosen eingegangen, Mam⸗ 
ellchen ?“ 
„Behüte ... wie eine Mauer stehen sie vor seiner 
Lieblingebank. Jetzt, wo der alte Onkel ihn doch besucht, 
itzen denn die beiden da und können sich gar nicht 
att sehen ...“ 
„Ach, der alte Onkel Hertel aus Querfurth ist in 
Wachlitz ?“ 
„Seit zwei Wochen doch schon! Alt und studkrig ist er 
jeworden, daß es einem ans Herz greift ...“ 
„Wie blühen denn die Rosen an seiner Lieblingsbank, 
Mamsellchen?“, fragte das junge Mädchen verträumt. 
„In allen Farben. Ganz goldgelbe, wie unsere Gardinen, 
venn die Mädchen ihnen zu viel Ocer geben, sind auch 
vabei.“ 
„Ich möchte sie wohl mal sehen ...“ 
„Schön, kommen Sie gleich morgen! Dann bade ich 
Sahnenwaffeln.“ 
„Nein, nein, er darf nichts davon ahnen.“ 
„Nanu..er ... der Männe. .. der Herr ... soll nicht 
wissen, wenn Sie da sind, wo er sich doch immer wie ein 
Kind gefreut hat ..“ 
„Das ist vorbei!“ 
„Na sowas!!! Na, Martheken, reden Sie, was Sie 
wollen. Das glaube ich Ihnen doch nicht. Aber nun mujs 
ich zur Frau Mutter «Schluß folagt.) 
ü — —— ————
	        
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