Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Ausgabe A. 
Abend⸗Blatt Kr. 261. 
Aus den Nachbargebieten. 
Hanfest ãdte. 
Hamburg, 24. Mai. Carl Augustvonder Medenf. 
Montag verschied im 70. Lebensjahre der Mitinhaber der Haus- 
maklerfirma C. A. K W. von der Meden, Carl August von 
der Meden. Der Verstorbene erfreute sich an der Haus— 
maklerbörse großer Achtung und Sympathie. 
Der Maschinenbauerstreik bei Blohm K Voß 
ust beigelegt. Nach Begleichung der Vifferenzen wurde 
seitens der ausständig Gewesenen heute morgen die Arbeit 
wieder aufgenommen. 
Gleine Nachrichten) Tödlicher Unfall eines 
Kindes. Der 8jährige Knabe Arthur Witthöft aus der 
Volksdorfer Straße geriet in Barmbed beim Laufen über den 
Straßendamm unter einen Geschäftswagen und wurde über—⸗ 
fahren. Er erlitt außer leichteren äußeren Verletzungen einen 
Becdenbruch und wurde ins Krankenhaus geschafft. Tort ist 
er den Verletzungen erlegen. 
Schleswig⸗ Holstein. 
Altona, 24. Mai. Dia konissen-Anstalt. Im ver— 
flossenen Geschäftsiahre sind 7522 Kranke, 3419 Kinder und 
1277 junge Mädchen in der Pflege der Schwestern gewesen. 
Der Pflegetätigkeit dienen: das Krankenhaus der Diakonissen⸗ 
Anstalt in Altona, das Augustenstift, das Julienstift in Itze⸗ 
hoe, die Krankenhäuser in Meldorf, Schleswig, Neumünster 
und Elmshorn, das Armen- und Pilegehaus in Pinneberg, 
das Kinderhospital zu Altona, die Kinderheilanstalt in Ol— 
desloe, das Krüppelheim in Stellingen, das Heinrich-Langhans— 
Stift in Mölln, die Fürsorgestelle' suür Lungenkranke in Wands— 
bek, die 22 Gemeindepflegen (6 in Altona, 3 in Schleswig, 
2 in Pinneberg, 4 in Itzehoe, je 1 in Wandsbek, Neumünster, 
Eustin, Bad Oldesloe, St. Jakobi-Hamburg, Meldorf, Mölln 
und Elmshorn). Der Erziehungstätigkeit an Kindern dienen: 
b Krippen in Altona, St. Jakobi-Hamburg, Neumünster und 
Wandsbek, 11 Warteschulen in Altona, Neumünster, Meldorf, 
Pinneberg, Mölln, Elmshorn und Schleswig, 6 Mädchenhorte 
in Altona, Neumünster und Pinneberg, das Sophienstift in 
Altona, die Kochschule in Bad Ordesloe, die Haushaltungs⸗ 
schule in Schleswig, die Sonntagsschule der Diakonissen-An— 
stalt, das Krüppelheim und die mit den Gemeindepflegen ver— 
bundenen Nähschulen. Der Erziehung und Bewahrung der weib⸗ 
lichen Jugend dienen: die Mädchen-Herberge des Marthaheims 
in Altona und das Kleinkinderlehrerinnen-Seminar in Altona. 
— Die Sterbekasse der Beamtenvereinigung zu 
Altona A.G. hielt Montag ihre ordentliche Hauptversamm- 
lung unter dem Vorsitze des Reg.»Rats Baumann ab. Er— 
schienen waren 84 Mitglieder. Der Geschäftsbericht wurde vor⸗ 
getragen und genehmigt. 5 00 Tividende werden zur WVer— 
teilung gelangen. Der Haushaltsplan für 1911 wurde in 
Finnahme und Ausgabe mit 767 300 Mugenehmigt. 
Lauenburg. 
S Ratzeburg, 24. Mai. Das Mislsionsfest für 
das Fürstentum Ratzeburg wird am Sonntag, dem 2. Juli in 
Schönberg gefeiert werden. Die Festpredigt wird Pastor 
Tlorius-Neubrandenburg halten. Pastor Rüdiger wird 
einen Missionslehrkursus in Rostock durchmachen und dann die 
gemachten Erfahrungen im hiesigen Missionsverein verwerten. 
Auf diese Weise hofft man eine regere Tätigkeit im Missions⸗ 
wesen zu erwecken. — Personalnachricht. Oberlehrer 
Prof. Dr. Jörß liegt nach einer Magenoperation sehr schwer 
krank im Lübecher Krankenhaus. Da an Aufnahme seiner 
Amtstätigkeit lange nicht zu denken ist, wird ein wissenschaftlicher 
Hilfslehrer zur Vertretung eingestellt werden müssen. 
M Sandesneben, 24. Mai. Fahnenweihe. Am 
Sonntag fand im Lauenburger Hof unter Beteiligung zahl⸗ 
reicher Mitglieder und Freunde des Vereins die Weihe der 
neuen Fahne des Schützenvereins statt. Heinrich Wittenburg 
aus Amerika stiftete einen wertvollen Fahnennagel, die Ehren⸗ 
damen überreichten eine prachtvolle Fahnenschleife. — Ver— 
kauf. Der von uns gemeldete Verkauf der Püstschen Land⸗ 
stelle zu Linau ist wieder rückgängig gemacht worden. — 
Missionsfest. Am 23. Juni sindet hierselbst das Kreis- 
Missionsfest statt. Die Festpredigt wird Pastor Gottfried Otte, 
Apenrade. der älteste Sohn des irüher hier amtierenden Pa— 
A 
stors Otte, halten. Nachmittags wird Missionar Kabis, Leipzig, 
eine Ansprache halten. Zur Beförderung der auswärtigen 
Häste werden zum 8⸗Uhr-⸗Zug morgens Wagen nach der 
Station Kastorf gesandt. 
Großherzogtümer Medlenbura. 
Schwerin, 24. Mai. Hofnachrichten. Aus Dresden, 
24. Miai, meldet der Draht: Das Großherzogspaar 
»on Medlenburg-Schwerin traf vorgestern nachmittag 
nit Gefolge auf der internationalen Hygiene-Aus— 
tellung s 'ein und besichtigte diese mit großem Interesse 
Bei dem vorgestrigen Galadiner im hiesigen Residenz- 
chloh wurden Trinksprüche ausgebracht, in denen der 
önig die hohen Gäste willkommen hieß und der Groß— 
derzog für die liebenswürdige Aufnahme seinen Dank aus— 
prach, und in denen beide Herrscher auf die seit langem 
zestehenden herzlichen Beziehungen zwischen beiden Herrscher 
zäusern hinwiesen. Der König verlieh dem außerordentlichen 
Hesandten und bevollmächtigten Minister v. Brandenstein 
owie dem Oberhofmeister v. Köcheritß das Großkreuz 
des Albrechtsordens. Dienstag nahmen der Groß— 
zerzog und die Großherzogin die Sehenswürdigkeiten der 
zesidenz in Augenschein. Später besichtigte das Großherzogs— 
aar in Begleitung des Prinzen und der Prinzessin Johann 
ßeorg sowie des Ehrendienstes die königliche Gemãldegalerie 
nd fuhr dann nach Moritzburg, wo König Friedrich 
lugust inzwischen eingetroffen war. Man besichtigte gemeinsam 
ie Gärten des königlichen Jagdschlosses, worauf um 1 Uhr 
Frühstückstafel stattfand. Dienstag nachmittag erfolgte 
ie Rückkehr nach Dresden, wo das Großherzogspaar beim 
zrinzen und der Prinzessin Johann Georg den 
dee einnahm. Um 4 Uhr 20 Min. nachmittags reiste das 
zroßherzogspaar von Dresden wieder ab. Der König und 
as Prinzenpaar Johann Georg begleiteten die Allerhöchsten 
zerischaften zum Bahnhof. — Landesgewerbe-Aus— 
dellung. Mehrere große goldene Medaillen hat der Groß— 
jerzog von Medlenburg⸗Strelitz für die Landesgewerbe-Aus⸗ 
tellung prägen lassen. Die Lieferung der hervorragend 
auber gearbeiteten Auszeichnungen war dem Hoflieferanten 
carl Friedrich Michgelis, Neustrelitz, übertragen. Die Medaille 
jat einen Durchmesser von 50 mmn. Die Vorderseite zeigt das 
zild Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs. Auf der 
kückseite enthält eine Tafel die Worte: „Vreis Sr. Königl. 
zoheit des Großherzogs Adolf Friedrich von Meclenburg“, 
und eine andere Tafel die Worte: „Z3. Mecklenburgische 
Landes⸗Gewerbe⸗ und Industrie-Ausstellung Schwerin“. 
Rostock, 24. Mai. Die metdlenburgische Steuer— 
eform. Die kommissarisch⸗deputatischen Verhandlungen über 
die Umgestaltung der bestehenden Steuergesetzgebung in den 
zeiden Großherzogtümern Mecklenburg, die am 14. Mai im 
Ständehaus hierselbst begannen, sind gestern vorläufig zum 
Ubschluß gekommen. Die Verhandlungen waren vertraulich. 
88 Grevesmühlen, 24. Mai. Der 49. Ver bands⸗ 
ag der norddeutschen FErwerbs-sundWirtschafts- 
renossenschaften findet hier am 183. und 14. Juni statt. 
rür den Verbandsanwalt Prof. Dr. Crüger, der am Erscheinen 
zehindert ist, wird der Verbandsdirektor Justizrat Dr. Alberti, 
Wiesbaden, am Verbandstage teilnehmen. Verhandelt wird 
.. a. über folgende Punkte: Konkurrenz der Sparkassen und 
zanken, die Ruhegehaltskasse und die Witwen⸗- und Waisen⸗ 
Pensionskasse des allgemeinen Verbandes und die Zwanas⸗ 
ersichetung, die neuen Girobedingungen der Dresdener Bank 
ind Entsendung von Abgeordneten zum Genossenschaftstag in 
ztettin. — Einen Füllenmarkt für Säuge⸗ und ältere 
züllen mecklenburgischer Halbblutzucht wird der Patriotische 
Berein und der Verein kleiner Landwirte hier am 13. Juni 
»eranstalten. Im Anschluß an den Markt werden die drei 
hbesten Säugefüllen mit 50, 30 und 20 Muprämiiert. — 
Angetrieben am Oberhofer Ufer ist die Leiche des Kuh— 
ütterers beim Hauswirt Winter in Wohlenberg, der seit etwa 
JWochen vermißt wurde. 
Plau, 24. Mai. Eine mutige Dat, verbunden mit 
igener Lebensgefahr, vollbrachte Sonntag der Schiffer H. Koch 
ndem er den vierjährigen Sohn des Drechslers Schlosser aus 
der Mitte der Elde vom sicheren Tode des Ertrinkens rettete 
Friedland, 24. Mai. Gutsverkauf. Das Gut 
Friedrichshof wurde von Fratscher an Schwebe aus Thüringen 
für 600 000 Moverkauft. 
Luitsahrt. 
Der oberrheinische Zuverlässigkeitsflug. Strakburg 
Els.), 23. Mai. Die heutigen Schauflüuge auf dem Po⸗ 
lygon begannen um 6 Uhr mit der Bewerbung um den 
bröffnungspreis. Den ersten Preis errang Hirth, den zweiten 
Jeannin, den dritten Brunhuber. Bei der zweiten Preisbe— 
verbung für den kürzesten Anlauf, für welchen auch ein Rund— 
sug von mindestens einer Runde vorgeschrieben war, stürzte 
dämmlin aus einer Höhe von 60 m herab und wurde getötet. 
Das Flugzeug wurde zertrümmert. Das Publikum verhielt 
ich musterhaft. Die Leiche Lämmlins wurde nach der Stadt 
zebracht. Die Schauflüge wurden sofort eingestellt. — Von 
zerufener Seite wird über den Todessturz Lämmlins folgen— 
es mitgeteilt: Beim Ausweichen vor dem über ihn hinwegflie— 
zenden Hirth versagte die Steuerung Lämmlins 
ind er drehte nach Westen ab, sa daß er mit einem Flügel 
in einer Pappel haͤngen blieb. Lämmlin brachte den Apparat 
nicht mehr herum und stürzte mit dem vom Geälste stark be— 
chädigten Flugzeuge in die Tiefe. Der Aviatiker wurde mit 
Anem Schädelbruch sowie mehreren Bein- und Rippenbrüchen 
unter dem Apparat hervorgezogen. 
Noch ein Flegerunfall. Petersburg, 24. Mai. Der 
ranzösische Avaͤatiker Slegiere blieb gestern während eines 
yluges auf dem Flugplatz mit einem Flügel seines Apparates 
an einer Stange hängen. Der Flieger stürzte mit dem Flug—⸗ 
eug herab, das zertrümmert wurde, und wurde schwer verletzt. 
Die sächsische Flugwoche. Chemnitz, 28. Mai. Auch 
heute behinderte böiges unsichtiges Wetter die programmäßige 
Abwidlung der Flugkonkurrenzen. Zunächst wurde nachmittags 
der Aufklärungspreis ausgetragen. In einer Ent— 
fernung von etwa 15 km vom Start war die feindliche 
Stellung durch Flaggen dargestellt. Die Aufgabe lautete, 
in kürzester Zeit die beste Meldung uͤber die Zahl der ver— 
schiedenen Flaggen und über den Ort der Aufstellung zu 
bringen. Grade absolvierte den Flug in 23 Min. 232 Sek., 
Laitsch in 25 Min. 5711 Sek. und Lindpaintner in 28 Min. 
4625 Sek. Alle drei brachten sehr gute Erkundungen, die 
zeste Grade. Ueber die Zuerkennung der Preise ist noch nicht 
intschieden. — Um 5 Uhr 15 Min. stieg Lindpaintner zum 
Fluge nach Dresden auf; es folgten um s Uhr 30 Min. 
Laitsch und v. Mossner. Der Flieger v. Mossner verlor in 
det Gegend von Oederan die Orientierung und ging dort 
u einer Zwischenlandung nieder. Wegen starken Regens 
kehrte er wieder nach dem Fluaplatz Chemnitz zurück, wo 
er um 7 Uhr 30 Min. wieder eintraf. Büchner ist um 
7 Uhr 12 Min. zum Fluge nach Dresden aufgestiegen. 
Dresden, 23. Mai. Laitsch ist um 6 Uhr 47 Min. 
Lindpaintner um 7 Uhr 30 Min. hier gelandet. Beide hatten 
aunter starker Kälte zu leiden sowie unter böigen Winden. 
Lindpaintner hatte wegen Motordefekts zwei Zuwischen⸗ 
landungen vornehmen müssen. 
Vermischtes. 
Erpressungen einer Primadonna. Die frühere Primadonna 
der Breslauer Oper, Marie Seiffert, wurde Freitag wegen 
Erpressung an einem reichen thüringischen Fabrikanten, zu dem 
iie bis vor einiger Zeit Beziehungen unterhielt, in Inusbruck 
oerhaftet. Da der Fabrikant nach Befriedigung zahlreicher 
Forderungen jede weitere Zahlung ablehnte, setzte sich Marie 
Seiffert mit dem Herausgeber eines kleinen Thüringer Blattes 
in Verbindung, der allerhand „Enthüllungen“ veröffentlichte. 
Als Marie Sefffert trotz der Intervention eines Rechtsanwalts 
ihre erpresserische Tätigkeit nicht einstellte und eine Abfindungs- 
umme für die in ihrem Besitz befindlichen Briefe ablehnte, 
ieß der Fabrikant gegen den Herausgeber des Blattes, der 
inzwischen die Flucht ergriffen hatte, und gegen Marie Seiffert 
Strafantrag stellen. Der Herausgeber wurde in Zürich und 
die Primadonna Freitag früh in Innsbrud verhaftet 
Pariser Frühlingssonntage. 
(CGon unserem Korrespondenten.) 
nge. Paris, im Mai. 
z, Die Sonne scheint!“ Wenn dieser Ruf das in sonntäg⸗ 
iichem Frieden daliegende Paris durcheilt, treibt er den 
schlimmsten Faulenzer aus dem Bett. Sowie Sonnenschein 
und Sonntag zusammenfallen, gibt es für den Pariser kein 
zalten mehr. Jeder Pariser, auch der ärmste, spart die 
Woche Uber, um am Sonntag genießen zu können. Wer sich 
reinen Ausflug bis in die prachtvollen Wälder von Robinson 
oder nach Joinville an die Ufer der Marne leisten kann, wan⸗ 
dert wenigstens mit Kind und Kegel ins Bois⸗de-Boulogne. 
Dort wird auf dem Rasen gefrühstücht, ein Schläfchen ge— 
macht und schließlich von alt und jung Fußball gespielt. Alles 
ist lustig. lacht, singt und freut sich des Lebens. Um den 
Sonntag im Freien mit einem Mahle aus Knoblauchwurst, 
Sardinen. kaltem Braten, Salat, Orangen und mehreren 
Litern Wein feiern zu können, nährt man sich wochentags in 
den „Bouillons“, wo das Mittagessen einen Franken zehn 
Centimes kostet, oder auch nur in den Cremerien von Milch und 
Sahnenkäse. Vor den großen Warenhäusern, dem ,Printemps“, 
dem „Von Marché“ und den „Galeries Lafayette“ herrscht 
augenblidlich ein höchst unterhaltendes Treiben. Die Straßen sind 
durch die bis an den Fahrdamm heranreichenden Verkaufstische für 
den Verkehr einfach gesperrt. Midinetten, die sich mit galanten 
Freunden für den nächsten Sonntag verabredet haben, pro⸗ 
bieren mitten auf der Straße mit größter Ungeniertheit Blusen 
zu einem Franken und 95 Centimes das Stüch und fragen Ver⸗ 
läufer oder wohl gar Vorllbergehende, ob ihnen das Klei— 
dunasstüch hinten, wo sie keine Augen haben, auch sitzt. 
Denn man kann umterwegs Bekannte treffenn und muß aut 
und propper ilsfehen. 
Joimnwille, der kleine, liebliche Ort an der Marne, ist eins 
zer beliebtesten Ziele der Sonntagsausflüge der Pariser. Breit 
ind klar fließt der Fluß zwischen den grünen Ufern dahin, wo 
echts und links Hunderte von Anglern stumm und steif da—⸗ 
itzen, ein unsagbar komisches Bild. Mitten im Wasser plät⸗ 
chern Männlein und Weiblein munter nebeneinander. In bunt⸗ 
eitreiften Badekostümen schwimmen sie hinter den Booten 
jer, bespritzen deren Insassen, die sich mit lautem Gekreisch 
ur Gegenwehr setzen, und entwenden ihnen die blauwweiß⸗roten 
xähnchen, die den Schmuck des Nachens bilden. Das geht so 
ungezwungen, so harmlos vor sich, daß man seine Freude 
daran haben kann. Sind das dieselben Pariser, die wochen⸗ 
a nie ohne Revolver in der Tasche aus dem SGause 
Jehen? 
den draußen angebrachten Messingsiäben. Sobald der Zug in 
die Bahnhofshalle rollt, reißt bereits alles die Türen auf 
und rast dem Ausgang zu. Man will nämlich so schnell wie 
möglich ins Bett, um am Montag früh wieder rechtzeitig 
ruf den Beinen sein zu können. Der Pariser ist viel solider, 
als meist im Auslande angenommen wird. 
Die Leute, die des Somtags noch spät nach Mitter— 
nacht auf den Terrassen der großen Cafés in den Champs 
Elysées sitzen, haben den Frühlinzstag nicht in Robinson zu— 
gebracht, wo man hoch oben in den Bäumen an festgeschraubten 
Tischen speist und sich das Essen in einem kleinen Fahrstuhl 
selber hinaufzieht. Nein, sie waren in Longchamps oder 
in Auteuil, haben am „Retour de Courses“ teilgenommen 
und den Abend im „Jardin de Paris“ beim „Bowling“ 
Kegelspiel) totgeschlagen. Zur Zeit des zweiten Kaiserreiches 
bot die Rückkehr von der Rembahn ein anderes Bild als 
heutzutage, im Zeitalter der Automobile und der Aeroplane. 
damals warteten auf der Strecke vom Bois-de-Boulogne bis 
zur Place de la Concorde Tausende von Menschen geduldig 
am Wegrande, um die vorbeiziehenden Karossen à la Daumont, 
die siattlichen Mailcoaches und sonstigen eleganten Wagen zu 
beobachten. Wie stolz und wie liebenswürdig neigte sich da 
die schöne Kaiserin Eugenie dem Volke zu. Die Krinoline 
villte beinahe den ganzen Wagen aus und der winzige 
Rikikie warf kaum einen Schatten auf das liebliche Antlitz 
der Spanierin. gde 
Der Anblich des braven Ehepaares Fallidres ist nicht 
o verloddend, daß man Lust hätte, seinetwegen den Staub 
ind Dunst der Benzinmaschinen einzuatmen. Der Pariser 
Burger kennt nur einen Herrscher, dem er an diesen hellen 
Frühlingssonntagen gern seine Huldigung darbringt, und dieser 
deißt: Natur G. K. 
Das Lachen dringt herüber in die weinbewachsenen Lauben 
der Wirtshäuser, wo ganze Familien sich an grünen Holz- 
lischchen für den bald beginnenden Tanz stärken. Und wenn 
„om Tanzboden her die ersten Klänge vernehmlich werden, dann 
rzittert die Bank unter den Wellenschwingungen der darauf 
itzenden beleibten Ehehälfte. Bis zur hereinbrechenden Nacht 
dreht man sich im rasenden Wirbel, und wäre das Orchester 
nicht schließlich am Ende seiner Kränte, die Tanzenden würden 
nicht aufhören. Warum auch? Der in der Ferne pfeifende 
Vorortzug hat es nicht eilig, — der wartet. Fahrplanmäßig 
ibaehende Pariser Vorortzüge gibt es nicht, und dem Deut⸗ 
chen, der auch im sonntäglichen Eisenbahnverlehr an eine 
zewisse Ordnung gewöhnt ist. würden die Haare zu Berge 
tehen. Nicht genug, daß sich oft 30, 40 Menschen in ein 
Abteil drängen, sich auß den vor Schmutz starrenden, staubigen 
Boden des Wagens einer über den anderen legen, in die Netze 
zinaufkriechen, mit einem Billett seelenvergnügt in die erste 
lasse einsteigen. — nein, sie klettern sogar auf die Dacher 
ves Zuges hinaul behen auf den Trittibrettern, hängen an 
——— — w — 
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