Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

die haltung Spaniens zur Marokkofrage 
in der Kammer. 
(Telegramm.) 
W. Madrid, 17. Mai. In der Kammer kritisierte der Re— 
»ublikaner Azcarale die Operationen in Centa. Sie seien ge— 
ignet, einen Zusammenstoß heraufzubeschwören. 
das Land wolle keinen Krieg. Welches auch immer die Haltung 
zrankreichs sei, Spanien dürfe Frankreich nicht folgen, denn das 
väre sein Verderben. Antwortend, versicherte Ministerpräsident 
Fanaleias, Spanien wolle weder einen Krieg noch Streit, sondern 
volle vollkommene Neutralität wahren. „Aber“, fuhr Canale— 
jas fort, „wir haben die Pflicht, die Unordnung in der Um— 
gebung unserer festen Plätze hintanzuhalten. Spanien hat po— 
lizeiliche Aufgaben in seiner Einflußzone zu erfüllen; hierbei 
darf es sich von keiner Nation ersetzen lassen. Wir besetzen 
die Stellungen in der Umgebung von Ceuta, um freien Durch— 
ug und freie Ausübung des Handels zu sichern. Wir werden 
nicht vorrücken, wenn das Ansehen unserer Waffen das gegebene 
Ziel erreicht. Im entgegengesetzten Falle, wenn sich nämlich 
Dinge ereignen sollten, ie nicht vorauszusehen sind, müßte 
die Linie der von uns eingenommenen Stellungen verschoben 
werden. Ministerpräsident Canalejas erklärte weiter: Das Vor— 
gehen Frankreichs kann auf verschiedenen Gebieten einen Widesr— 
hall finden. Wenn es einen Zustand der Anarchie schaffen und 
Angriff auf die spanischen Waffen in der spanischen Einfluß— 
„one mit sich bringen sollte, würden wir zu allen Mitteln greifen, 
dies zu verhindern 
Inland und Ausland. 
Deuisches Reich. 
Die Reisedispositionen des Kaisers. Die „Sohen« 
zollern“ und ihre Begleitschiffe bleiben bis Sonn— 
abend in den englischen Gewässerrn. Das Kaiserpaar und 
die Prinzessin Viktoria Luise schiffen sich dann in Scheerneß 
zur Heimreise ein und fahren über Vlissingen nach Deutschland 
zurück. Die „Königsberg“ geht direkt nach den heimischen Ge— 
wässern und dürfte aufs neue in die Hohleeflotte eintreten, 
um den letzten Teil der Uebungen der Frühiahrsreise mitzu— 
machen. „Hohenzollern“ und „Sleipner“ dampfen nach Kiel 
und bleiben hier bis Mitte Juni. Es werden die Vorbereitungen 
ür die Anbordnahme des Kaisers zur Kieler Woche und für 
die Nordlandreise getroffen. Am 15. Juni gehen beide Schiffe 
durch den Kanal nach Hamburg, um die Ankunft des Kaisers 
zu erwarten. Die Nordlandreise endet in diesem Jahre in 
Swinemünde, da der Kaiser in Vorpommern den großen Ka— 
oalleriemanövern beizuwohnen gedenkt. C(GTel.) 
Die elsaß⸗-lothringische Verfassing. Die elsaß-lothringische 
Verfassungskommission ist noch immer nicht einberufen worden. 
Hestern ist der gedruckte Bericht über die bisherigen Verhand— 
ungen erschienen. Das Gerücht erhält sich, daß die Kom— 
mission nicht mehr bemüht werden soll, sondern daß die ganze 
Vorlage an das Plenum gehen wird. Delbrück konferierte 
zestern mit dem Abgeordneten Konrad Hausmann. (Tel.) 
Aus der Reichsversicherungs-Kommission. In der Sitzung 
er Reichsversicherungs-Kommission baten die Sozialdemokraten, 
»ie zur Tagesordnung stehende Beratung des Gesetzentwurfs 
zetreffend Aufhebung des Hilfskassengesetzes, mit Rücksicht auf 
die starke Znanspruchnahme durch die zweite Lesung der Reichs— 
»erficherungsordnung im Plenum bis zur Herbjstsession zu ver— 
chieben. Sie seien bereit, die Reichsversicherungsordnung mit 
»em Einführungsgesetz bis Pfingsten erledigen zu helfen; die 
Verschleppung der Beratungen sei nicht beabsichtigt. Die Ver— 
reter der übrigen VParteien erklären sich im Hinblick auf die 
Zusage mit der Hinausschiebung der Beratung einverstanden, 
benso Ministerialdirektor Caspar. (Tel.) 
W. Die Budgetkommission des preußischen Abgeordneten⸗ 
zauses bewilligte den Rest der Sekundärbahnvorlage und über— 
vies die dazu eingegangenen Petitionen als Material.— 
Neueste Nachrichten und Telegramme. 
Eine aufregende Szene im Reichstag. 
Berlin, 17. Mai. Im Reichstag spielte sich heute kurz nach 
Beginn der Sitzung eine aufregende Szene ab, die eine Unter— 
»rechung der Verhandlungen auf einige Minuten zur Folge 
jatte. Auf der Tribüne saß eine offenbar den einfachen Stän— 
»en angehörende Frau, die schon bei den einleitenden Worten 
oes Präsidenten „Lauter, Lauter“ in den Saal rief. Als wenige 
Minuten darauf Dr. Mugdan das Wort nahm, rief sie wieder—⸗ 
um „Lauter. Leute mit so schwacher Stimme gehören nicht 
in den Reichstag.“ Sehr störend wirkte es, daß die Frau ver— 
schiedenen Abgeordneten zuwinkte. Sie unterhielt sich recht laut 
mit ihren Nachbarn und mit den Herren der nahen Journalisten— 
zühne. Nun wurden auch der Präsident und Abgeordnete auf 
die Frau aufmerksam und verlangten ihre Entfernung. Die 
viederholten Aufforderungen der Beamken des Hauses, die 
Tribüne zu verlassen, wurden nicht berücksichtigt. Auch das Ein— 
zreifen des Bureaudirektors hatte keinen Erfolg. Drei Be— 
amte ergriffen die Frau schließlich, um sie gewaltsam zu ent— 
kernen und die Sitzung konnte wieder aufgenommen werden. 
Graf Zeppelin in Düsseldorf. 
Düsseldorf, 17. Mai. Graf Zeppelin, der heute früh 
hier eingetroffen ist, besichtigte die Trümmer des Luftschiffes. 
Er äußerte sich hierbei über den Unfall dahin, daß es angebracht 
ei, einen zweiten Ausgang an der Halle zu schaffen, um 
das Luftschiff auch bei ungünstigem Winde unversehrt aus der 
Halle herauszubringen. 
Verlobung des serbischen Kronprinen. 
Velgrad, 17. Mai. Hiesige Abendblätter mel— 
den gegenüber allen offiziellen Dementis, daß der 
Thronsolger Kronprinz Alexander unmittelbar 
ncach den Londoner Krsnunagsfeierlichkeiten sich nach 
Vetersburg begeben werde, um sich dort mit der Tochter 
bes Großfürsten Konstantin Nikolalewitsch, des jüngsten Oheims 
des Zaren, mit der Großfürstin Tatjana Nikola— 
ewna zu verloben. Zur Verlobung begebe sich die ganze 
erbische Königsfamilie nach Petersburg. 
Der Pariser Erzbisszef cegen eine dlnnunzio-Aufführung. 
Varis, 17. Mai. (Privattel. Unter Hinweis auf die 
hevorstehende AUfführung des neuen Stückes d' An— 
nunzios „Das Martyrum des Heiligen Sebastian“ läßt der 
Srzbischof von Paris eine Note veröffentlichen, in 
der er daran erinnert, daß er den Katholiken empfohlew 
habe, von den Theatervorstellungen fernzubleiben, wodurch das 
christliche Gewissen verletzt würde. 
Der Maimonprozeß. 
Paris, 17. Mai. Die Untersuchung in der Angelegenheit 
Maimon ist nunmehr abgeschlossen. Der Untersuchungsrichter 
verwies Maimon, den Sekretär Pallier und den Bizekonsul 
Nouet quf Grund des Spionagegesetzes vor das Zuchtpolizei— 
zericht. Der Prozeß kommt vorgaussichtlich am 26. Wlai zut 
Berhandlung. 
Samon protestiert. 
Paris, 17. Mai. Hamon erhob vor dem Untersuchungs⸗ 
ichtet Einspruch dagegen, daß er dem Ministerium eine 
luswahl der ihm als Untersuchungsmaterial dienenden Schrift⸗— 
tücke überließ. Er fürchte, daß gewisse Papiere, in welchen 
hmuverschiedene Diplomaten ihre Sympathie ausdrückten, pho— 
ographiert seien, und daß die Diplomaten wahrscheinlich die 
hmerwiesene freundschaftliche Gesinnung teuer büßen müßten. 
Inter den Papieren befindet sich ein Schreiben eines Botschaf⸗ 
ers, der ihn anläßlich eines Empfangsabends um Gewährung 
iner besonderen Entschädigung ersuchte, er konnte dem An— 
uchen nur so entsprechen, daß er die verlangte Summe einem 
inderen Kreditposten entnahm. Dieser Brief sei mit einem 
zerzeichnis der mehreren Diplomaten gewährten Vorschüsse zu— 
ammengeheftet gewesen. Das Verzeichnis sei verschwunden. 
kr fürchte, daß die für seine Verteidigung wertvollen Papiere 
ovom Ministerium des Aeußern zurücbbehalten worden seien. 
Die Veto-Bill formell vom Unterhaus angenommen. 
London, 17. Mai. (Oberhaus.) Viscount Morley brachte 
jeute die Veto-Bill ein. Sie wurde in erster Lesung formell 
angenommen. 
Das neue chinesische Kabinett. J 
W. Peking, 17. Mai. Die chinesische Presse steht dem 
Kabinett skeptisch gegenüber und meint, es werde nur von 
urzer Dauer sein. Dem Prinzen TIsching gibt die Presse den 
kat, wegen seiner Verwandtschaft mit dem Herrenhause und 
eines vorgerückten Alters auf seinen Abschied zu bestehen. 
Das Antitrustgesetz in den Neremigten Staaten. 
Washington, 17. Mai. Präsident Taft erklärte Besuchern 
zegenüber, er habe für jetzt nicht die Absicht dem Kon— 
zreß eine besondere Botschaft über die Anti— 
rustgesetze zu übersenden. Der Kongreß sei zur 
jegenwärtigen Session einberufen, um das Gegenseitigkeits— 
abkommen mit Kanada in Erwägung zu ziehen. Wenn nicht 
lin ganz besonderer Anlaß vorliege, werde der Präsident dem 
Kongreß keine weiteren Aufgaben stellen. 
Allgemeiner Waffenstillstand für ganz Mexilo. 
Newyork, 17. Mai. Wie die Associated Preß“ aus Juarez 
erfährt, werden die Regierung und die Aufständischen innerhalb 
24 Stunden einen allgemeinen Waffenstillstand für ganz Mexiko 
erklären. 
Unfall des Luftschiffes „P 2“. 
VWt. Bitterfeld, 17. Mai. Das im Besitz des Luftschiffer- 
hataillons befindliche Luftschiff „P 2“, das auf der hiesigen 
Werft der Luftfahrzeuggesellschaft instandgesetzt wurde, erledigte 
deute abend seine erste Probefahrt. Im Begriff zu landen, 
vurde es gegen die Halle getrieben. Die Hülle stieß an 
zie Halle und erhielt einen Riß, wodurch das Schiff zu 
Boden kam. Einiger Materialschaden ist an der Gondel ent— 
tanden. Von den sechs Insassen erlitten zwei leichte Fußver— 
tauchungen. 
Streik bei Piano⸗Blüthner. 
Lerpzig, 17. Mai. Ueber fünfhundert Arbeiter der Piano— 
fortefabrik Julius Blüthner legten wegen Maßregelung des 
Vorsitzenden des Arbeitsausschusses die Arbeit nieder. 
Drei Bergleute tödlich verunglüdktt. 
Esͤsen, 17. Mai. Infolge Streckenbruchs auf den Kal. 
Möllerschächten bei Gladbeck wurden drei Bergleute ge⸗ 
tö tet. 
Feueorsbrunst in Kirin. 
Charbin, 17. Mai. Die Feuersbrunst in Kirin zerstörte 
4387 Gebäude im Werte von 15 Miillionen Rubel, 4046 Läden 
und fünfzehn Bankkontore. Ueber 40 000 Menschen sind obdach— 
los. Der Gesamtiverlust deträgt 40 Millionen. 
W. Haniburg, 17. Mai. Wegen Lohndifferenzen 
jaben heute auf der Werft von Blohm &C Voß 500 Ma— 
schinenbauer die Arbeit niedergelegt. 
W. London, 17. Mai. Der ordentlihe Professor 
er theologischen Fakultät in Betlin, Lehmann, wurde auf 
zen Lehrstuhl der griechischen Fakultät in Liverpool be— 
ufen als Nachfolger des zurüchgetretenen Myres. 
W. Kopenhagen, 17. Mai. Die etwa vierzigtausend Ar— 
zeiter umfassende Aussperrung ist aufgehoben, nach— 
»em ein Uebereinkommen zwischen den Arbeitern und den 
Arbeitgebern in den strittigen Punkten erzielt wurde. 
W. Konstantinovel, 17. Mai. In Smyrna sind vom 
26. April bis 14. Mai neun Cholerafälle vorgekommen, 
don denen sieben tödlich verliefen. 
„Jeune Turc“ zufolge wurde der Mutessarif von Jerusalem 
wegen eines Diebstahls in der Omarmoschee abgesetzt. 
VWV. Brünn, 17. Mai. Ueber Großmeseritsch, Boikowitz, 
Netzditz und Schumitz gingen gestern Wolkenbrüche nieder, 
»ie großen Schaden anrichteten. Einzelne Wirkschaftsgebäude 
n der Umgebung von Boikowitz wurden fortgeschwemmt. In 
Froßmeseritsch drang das Wasier in einige Häuser ein. Auch 
iber die Patzauer und Kamenitzer Gegend bei Prag ging ein 
Wolkenbruch nieder, bedeutenden Schaden anrichtend. 3 Men— 
chen sollen in den Fluten umgekommen sein. 
Deutscher Reichstag. 
W. Berlin, 17. Mai. 
Die zweite Lesung der Reichs-Versicherungsord— 
rung wird bei 8 58924 fortgesetzt, Befreiung von Betriebs— 
nternehmern, die keiner besonderen Unfallgefahr ausgesetzt sind, 
on der Versicherungspflicht. Fim vom Abg. Busold (Soz.) be⸗ 
ründeter sozialdemokratischer Antrag wird abgelehnt. Dafür 
bird ein Kompromißantrag Schultz angenommen, der den Wider— 
uf für diese Befreiung vorsieht, sobald die Voraussetzung nicht 
iehr vorliegt. Mit dieser Zusatzbestinmung wird 8 589 4 an— 
enommen. (Auf der allgemeinen Zuschauertribüne sitzt eine 
ltere Dame, die fortgesetzt laut ruft. Sie wird von Haus— 
eamten zur Ruhe ermahnt und schließlich auf ihre Weigerung, 
ie Tribüne zu verlassen, mit Gewalt hinausgeschafft.) 
Zu 8 572 a, der die Außerkraftsetzung der freiwilligen Ver— 
icherung vorsieht, wenn die Beiträge nicht rehtzeitig bezahlt 
werden, beantragt Abgeordneter Albrecht wiederholte Mahnung 
für diese Außerkraftsetzung vorauszusetzen. 
Unter Streichung des Wortes „wiederholter“ wird der An— 
trag Albrecht und damit 8 572 4 angenommen. 8 577 sieht die 
Hewährung der Krankenbehandlung und der Renten vom Be— 
zjinn der 14. Woche nach dem Unfall vor. Ein sozialdemo— 
xatischer Antrag dazu wird abgelehnt. Weiter werden die 
38 578, 581, 589 unter Ablehnung der eingebrachten sozialdemo— 
tatischen Anträge angenommen. 
Als 8 5844 wollen die Sozialdemokraten einfügen, daß 
die Reuten für Lehrlinge und jugendliche Arbeiter von 3 zu 
3 Jahren eine Erhöhung erfaähren, 
Abg. Sachse (Soz.) begründet diesen Antrag. 
Aba. Dr. Semler (natlib.): Manche Wünsche auf Ab 
änderung der Vorlage erscheinen im einzelnen als wohlberech 
igt. Tatsächlich ist die Kommission auf diese Forderungen viel. 
'ach eingegangen. Der Kreis der Versicherten und die Leistungs—. 
rähigkeit der Kassen sind erheblich erweitert worden, so daß in der 
Totalität den Wünschen zu entsprechen, eine völlige Unmöglich 
keit ist. 
Abg. Hue (Soz.) tritt sur den Antrag ein. 
8 5844 wird abgelehnt. Weiter beantragen die Sozial— 
demokraten einen neuen 8 592 a, in dem verlangt wird, daß 
nach je zehn Jahren die Rentenberechnung entsprechend der Lohn— 
steigerung erhöht wird. 
Abg. Zubeil (Soz) befürwortet diesen Antrag, der in 
dessen abgelehnt wird. 
Zu 8 593 wird ein vom Abgeordneten Hoch (Soz.) begrün— 
deter redaktioneller Antrag angenommen. 8 607 setzt die Renten 
jür Witwen oder Kinder auf ein Viertel des Jahresverdienstes 
eest und zwar für die Witwen bis zu ihrem Tode oder ihren 
Wiederverheiratung und für jedes Kind bis zum vollendeten 
15. Lebensjahr, für ein uneheliches Kind jedoch nur, soweit de 
Verstorbene ihm nach gesetzlicher Pflicht Unterhalt gewährt hat 
Abg. Kunert (Soz.) beantragt für Witwen ein Dritte 
und für jedes Kind bis zum 15. Jahre und für unehelich 
Rinder unter obigen Bedingungen ein Fünftel des Jahresver— 
dienstes und bemerkt: Die Kommissionsfassung ist eine Karikatur 
einer Erziehungsbeihilfe, für die bedeutend höhere Mittel an 
gesetzt werden müssen. 
Der Antrag wird abgelehnt. Ein sozialdemokratischer An 
trag zu 8 608, die Abfindung der Witwen bei ihrer Wieder— 
verheiratung statt auf drei Fünftel auf den vollen Betrag zu 
bemessen, wird abgelehnt. 
8 612 sieht die Abfindung weiterer Verwandten eines 
tödlich Verunglückten vor. 
Abg. Schmidt-Berlin (Soz.) beantragt eine Abänderung 
dieser Bestimmung im Interesse der ausländischen Arbeiter. 
Unter Ablehnung weiterer sozialdemokratischer Anträge wird 
der 2. Abschnitt, „Gegenstand der Versicherung“, bis einschließ— 
lich 8637 angenommen. 
Abg. Semler (natlib.): Wenn man die sozialdemokratischen 
Anträge und ihre Begründung im einzelnen hört, ist kein Zwei— 
fel, daß diese und jene Gesichtspunkte in der Tat für die 
Anträge sprechen (Hört! Hört! bei den Soz.), was von uns 
aie bestritten wurde. Man möchte manchmal das Gefühl 
haben, daß man gegen wohlbegründete Anträge zu hart wäre 
Zurufe bei den Soz.) Wenn wir bei der Kondifiszierung der 
nefsamten Versicherungsgebung schon gezwungen sind, in einer 
aroßen Reihe von Beziehungen den Unternehmern mehr Lasten 
aufzubürden, ergibt es sich ganz von selbst, daß wir uns eine 
gewisse Reserve auferlegen müssen, wenn nun nach zwei Rich— 
tungen gearbeitet werden soll, nämlich einmal den Kreis der 
Versicherten zu erweitern und zum andern auch den Inhalt der 
Bersicherung zu erhöhen. Täten wir das auf der ganzen 
dinie, würden Ansprüche, die im einzelnen berechtigt erscheinen. 
in ihrer Totalität volle Unmöglichkeit werden. 
Es folgt der dritte Abschnitt „Träger der Versicherung“, 
38 631- 661. 8 640 sagt, daß das Reich oder der Bundesstaat 
Träger der Versicherung ist, wenn der Betrieb für seine Rech— 
aung geht, ꝛ⁊c. 
Abg. Bassermann (natlib.): Die kleinen und die mittleren 
Binnenschiffer, die Binnenschiffahrtsberufsgenossenschaft über. 
haupt, wird erheblich überlastet, wenn das Reich bei den 
vachsenden Kanalbauten besondere Versicherungen einrichtet. Es 
wäre richtiger, die staatlichen Betriebe in der Berufsgenossen- 
schaft zu lassen. Ich beantrage Streichung des Paragraphen. 
Der Antrag wird gegen die Stimmen der Linken und eines 
Teils der Nationalliberalen abgelehnt. Die Paragraphen 
bis 648 werden angenommen, ebenso werden die 88 544 bis 
361 betreffend die Zusammensetzung der Genossenschaften und 
die Aenderung des Bestandes der Berufsgenossenschaften ohn 
Debatte erledigt. 
Es folgte der vierte Abschnitt „Verfassung der Berufs 
jenossenschaften“, 88 662 bis 721, Die Unterabschnitte, Mit— 
lliedschaft, Stimmberechtigung, Anmeldung der Betriebe, Be— 
riebsverzeichnis, Wechsel des Unternehmers, Aenderung im 
Zetrieb und in seiner Zugehörigkeit zur Genossenschaft und 
Zatzung, werden ohne Debatte erledigt. Die folgenden Para— 
zraphen des Abschnittes werden gleichfalls in der Kommissions— 
fassung erledigt. Der Rest des vierten Abschnittes wird unver— 
indert angenommen, ebenso ohne Debatte der fünfte Ab— 
scchnitt, die Aufsicht betreffend, 88 722 bis 725. 
Es folgte der sechste Abschnitt, Auszahlung der Entschädi— 
gung und Aufbringung der Mittel, 88 726 bis 779. 8 747 
hestimmt, daß der Buͤndesrat im Jahre 1921 dem Reichstag die 
gesetzlichen Vorschriften über die Rücklagen zur erneuten Be— 
chlußfassung vorzulegen hat. Hierzu liegt ein Kompromiß—- 
intrag Schultz vor, statt 1921 zu setzen 1923. Nach unerheb— 
icher Debatte wird der Kompromißantrag, darauf werden 
ämtliche Bestimmungen des sechsten Abschnittes, ebenso der 
iebente Abschnitt betreffend Zweiganstalten, 88 780 bis 841, 
und der achte Abschnitt, betreffend weitere Einrichtungen., 
s8 842 bis 846, debattelos angenommen. 
Die Bestimmungen des neunten Abschnittes, Unfallverhü— 
z8 847 bis 889, werden angenommen, ebenso der zehnte Ab— 
chnitt, Betriebe und Tätigkeiten für Rechnung öffentlicher Ver— 
Ȋnde, 88 890 bis 895. Es folgt der 11. Abschnitt: Haftung 
»on Unternehmern und Angestellten. 8 896 besagt: Der Un⸗ 
ernehmer ist den Versicherten und deren Hinterbliebenen, auch 
venn sie keinen Anspruch auf Rente haben, nach anderen ge— 
etzlichen Vorschriften zum Schadenersatz, den der Unfall ver— 
trsacht hat, nur dann verpflichtet, wenn strafgerichtlich fest— 
gestellt ist, daß er den Unfall vorsätzlich herbeigeführt hat, ic. 
Der ganze elfte Abschnitt wird bis 8 905 angenommen, 
ebenso der 12. Abschnitt, Strafvorschriften, 88 906 bis 912 
Damit ist der erste Teil der Unfallversicherung und der 
Gewerbeunfallversicherung erledigt. 
Weiterberatung Donnerstag 1 Uhr. 
heer und Flotte. 
WV. Berlin, 17. Mai. R.P. D. „Kleitf“ mit dem Rest 
der aus dem Kiautschöougebiet ahgelöten Qiiziere und Mann— 
chaften ist auf der Heimreise om 16. Mai in Genna einge— 
roffen und setzt am 18. Mai die Neise nach Algier fort. R.P.D. 
Windhuk“ mit dem Ablssungsttanspoct für „Zeeadler“ ist auf 
»er Ausreise am 16. Mai in Tanger eingetrofsen und setzt dit 
Keise nach Marseille am 16. Mai fort. „GHeiet“ itt am 16. Mai 
in Cadiz, „Luchs“ am 17. Mai in Schangbai einzetroften. Fluß— 
kanonenboot „Tsingtau“ ist am 17. Wiai von Caunton in Sek 
gegangen. „Hansa“ und „Hertha“ gehen am 18. Maisnon Flen— 
»urg nach Mürwik in See. „Gritle“ ist am 16. Mai vor Hel 
roland eingetroffen und am 17. Migi wieder in Se— 
Jegangen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.