Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Ver Maitrank und seine Ahnen. 
Von Friedrich Kunze. 
deutscher Waldmeister, 
R Kraut, des Vai, 
Zum Maitrank gieß ich Wein auf, 
daß dein Duft befreie des Weines Geister! 
Sobald der holde Lenz ins Land gezogen ist, erscheint auf 
bem schattigen Boden unserer deutschen Buchenwälder ein zartes, 
duftiges Kräutlein, das trotz seiner Unansehnlichkeit eine gewisst 
Rolle spielt, nämlich der echte Waldmeister (Asperula odoratad, 
der als eigentliche Grundlage des wohlmundenden Maitrankes 
gzilt, denn wo 
„Waldmeister sich und Rebenblüt' umschlingen, 
Ei, welch duftig, herzlich, zärtlich Pärchen, 
Welch wonniglicher, süßer Geisterbund!“ 
Bekanntlich wird dem köstlichen Pflänzchen am eifrigsten im 
vielgefeierten Wonnemonde nachgestellt, deun um diese hoch⸗ 
poetische Zeit ist es ganz besonders „aromatisch“ und daher am 
wirkungsvollsten, doch muß man es pflücken „frisch betaut, eh es 
Blüten trägt und Samen“, und danu 
streu'n und stürzen 
Ins Kännelein, 
Sue kühlen Wein 
Wohl damit zu würzen.“ J 
Indes, nicht immer war der balsamhauchende „Meister des 
Waldes“ das wahre Ideal leichtlebiger Frühlingszecher, ja sein 
zeutiger Name gehört erst der jingeren Vergangenheit an. Im 
Jahre 1557 schrieb der belgische Botaniker Clusius, daß die nied⸗ 
liche Asperula in Frankreich sehr volkstümlich sei und „das kleine 
Maiblümchen“ genannt werde. Die alten Lateiner bezeichneten 
es mit Herba stellaris (Sterntraut) oder cordialis, woraus wieder⸗ 
um die französische Benennung „ia cordiale par excellence“, das 
— 
und Cordiale (Herzgespannkraut) stammt jedenfalls auch das spät— 
mittelalterliche „Herzfreyde“, wenigstens meinen alte Kräuter⸗ 
bücher mit diesem eigenartigen Ausdruck den berühmten Wald— 
meister, denn auch „er erfrent des Menschen Herz“, sobald er mit 
dem goldigen Rebenblut vermischt wird. „Herzfreid und Leber⸗ 
rraut nennt man des gestirn kraut, deßgleichen Waltmeyster, 
darumb, daß es in den wäldern wächst“, schreibt Hieronymus Bock 
im Jahre 1557 und bemerkt noch ergänzend: „Dies kreutlein mit 
seiner blüet pflegt man in wein zu legen und darüber zu trinken, 
vermeinend, also ein Fröhlichkeit und gesunde Leber davon zu 
erlangen.“ Aus diesen schlichten Worten ergibt sich gewisser—⸗ 
maßen die gesundheitliche Bedeutung des Maiweins, doch etwa 
hundert Jahre später (16649) begleitet J. Th. Tabernagemontanus 
in seinen „New vollkommenlich Kräuterbuch“ die dürftige Ab—⸗ 
bildung des unansehnlichen Pflänzchens „Herzfreyd“ mit folgen⸗ 
den Worten: „Im Mayen, wenn das Kräutlein noch frisch ist und 
blühet, pflegen es viele Leute in den Wein zu legen und davon 
zu trinken, soll auch das Herz stärken und erfreuen.“ Es sollte 
damals schon das „süße Unkraut“ mehr erquickend wirken, wäh⸗ 
rend an eine medizinische Wirkung weniger gedacht wurde. 
Diesen lenzmonatlichen Trinkbrauch schilderte Jon Gerard 
um 1650 als einen rein deutschen, doch soll er andererseits wieder 
erst vor achtzig Jahren durch den Regierungsassessor v. Rohr in 
Berlin eingefüͤhrt worden sein, und zwar unter anfänglichem 
Widerstreben der beteiligten „besseren Kreise“. Später aber hieß 
es allgemein: „Wen hätte er nicht schon erfreut und an glückliche, 
frohe Stunden erinnert, der herrliche Kühltrank, den man doch 
nur in liebster Gesellschaft genießt, in der Zeit, da Gottes heitere 
Sonne uns ins Herz lacht und mit Hoffnungsfreude erfüllt! Hat 
man den duftigen Waldmeister gar selbst gepflückt oder beim 
Pflücken geholfen, den letzten Taler für Mosel- oder Schaum— 
wein ausgegeben, dann gibt es wohl niemand, mit daan man 
lauschen wollte.“ Natürlich ist bei einer solch maimondlichen 
„Herzfreude“ die würdige, verständnisinnige Zubereitung des 
köstlichen Trankes die grundlegende Vorbedingung. 
„Viel holde Kraft in Müßiggang 
Ist diesem Kraut verliehen; 
Ddoch nicht zu kurz und nicht zu lang, 
darf in dem Wein es ziehen. 
An einem Augenblicke hängt, 
Wie man im Nest den Vogel fängt, 
Des Wonnetranks Gelingen. 
Wird er verpaßt, 
Weh' dir! Du hast 
Ein Lied davon zu singen!“ — 
Der Sierkorb. 
Von Julius Knopf. 
Nach den kühlen Tagen des Vorfrühlings war endlich der 
Lenz wirklich eingezogen, und des Wettergottes mürrische Laune 
hatte sich merklich gebessert. Weiche Luftwellen umschmeichelten 
Dorf, Wald und Stadt, die Zweige schimmerten in jungem Hell⸗ 
grün, und wie die Knospen an den Bäumen, so sprang auch die 
Reiselust in der Menschenseele guf. 
Walter Born packte seinen Rucksack. Schon als junger Bursch 
yatte er sich seine achttägige Wanderfahrt durch den Frühling 
nicht nehmen lassen und da seine pekuniären Verhältnisse sich im 
Laufe der Zeit gebessert — mit seinen dreißig Jahren war er 
bereits Prokurist in einem bedeutenden Fabrikationsgeschäft — 
so konnte er sich's ruhig leisten, seine gewohnte Spritztour auf 
vierzehn Tage auszudehnen. —— 
Lange war er über das Ziel seiner diesjährigen Reise un⸗ 
—— 
Jüugend, für den Thüringer Wald, entschieden, in dem er als 
Pennäler seine Schulferien verbracht. 
Als der Zug vom Anhalter Bahnhof abdampfte, warf Born 
noch einen Blick auf die aroße Steinwüste Berlin, in der die 
swinen Dasen so spärlich zu finden sind. Leichten Herzens fuhr 
r junge Mann seinem ersten Ziel, der Wartburgstadt Eisenach, 
entgegen, gab es doch in Berlin keine Lieben, von denen ihm eine 
Trennung schwer fallen konnte. Denn er war Junggeselle — 
ohne jeden Anhang. — — —.. 
Vier Tage bereits durchstreifte Walter Born die Eisenacher 
Gegend, erfrischt und gekräftigt von der würzigen Waldluft. 
Am fünften Tage aber hielt es den Wanderlustigen nicht mehr, 
er warf den Rucksack über und ging, das langgestreckte Rubla 
durchquerend, dem Inselsbera zu. 
Ein herrlicher Frühlingstag, im Walde sproßte und garunte 
es, die Amsel sang ihr Lied, der Pirol pfiff, die Anemonen und 
Primeln blühten, und der Forst atmete seinen herben Erdgeruch 
auus. Munter wanderte Born bergaufwärts. Nun stand er auf 
einem kleinen Plateau, auf dem sogenannten „Dreiherrnstein“, 
der die Landesgrenze von Preußen, Sachsen-Meiningen und 
Sachsen-Koburg-⸗Gotha markiert. Vor dem Schutzhaus, das in 
dieser Jahreszeit noch unbewirtschaftet und aeschlossen war, 
vassierte er zwei Damen. Die eine lagerte, sehr erschöpft, wie es 
ichien, auf dem Boden, die andere, eine hochgewachsene, schlanke 
Blondine, stand neben ihr. Liber kaum, daß sie den Touristen 
erblickt, kam sie arüßend auf ihn zu und sprach mit einer füßen, 
veichen Stimme: „Verzeihung, mein Herr, wenn ich Sie um 
Ihre Hülfe bitten muß. Meine Freundin“ — sie wies auf die 
ruhende Dame — „hat sich auf dem Wea nach dem Inselsberg 
üheranstrengt, wir waren so unvorsichtig, uns nicht zu verprovi⸗ 
antieren — könnten Sie uns nicht mit einem Schluck Koanak oder 
Rotwein aushelfen?“ 
Natürlich half Walter Born mit Veranügen aus. Seine 
Feldflasche enthielt einen quten Bordeaux, er eninahm dem Etui 
ein Gläschen, füllte es mit dem Wein und präsentierte es der 
maroden Dame. Sie trank den belebenden Wein und war nach 
einigen Minuten wieder leidlich frisch. Dann wandte sich Born 
der hübschen, Blondine zu und bot ihr das aufs neue gefüllte 
Glas. „Dieser Tropfen läßt sich trinken, auch wenn man nicht 
matt ist, mein anädiges Fräulein.“ 
„Frau —“ verbesserte ihn die Blondine energisch, „wenn ich 
bitten darf: Frau.“ 
„Ach nein,“ entschlüpfte es ihm naiv. Dann faßte er sich 
mid stellte sich vor. 
Die Blondine, hielt ihm den Ringfinger entgegen. „Da 
schauen Sie selbst!“ 
In der Tat, der schmale, güldene Reif, der die Menschen 
ürs Leben bindet oder vielmehr fürg Leben binden sollte, er⸗ 
zlänzte vor seinen Augen wie ein frisch polierter Metallspiegel. 
Er. erschien ibhm wie eine Rabnuna: Sei vorsichtia. Walter 
bedeutet uns Julius Wolff in launiger Weise, doch überläßzt er es 
uns selbst, nach dem geeignetsten ‚Rezepte“ Umschau zu halten. 
Nun, ein praktischer Poet hat auch hierfür Sorge getragen, weun 
er inhaltsvoll reimt: 
„Willst du bereiten den Maitrank fein, 
RNimm eine Frasche guten, weißen Wein, 
In diese — eine Hand voll Waldmeisterlein! 
Auch vermehrt bedeutend seine Güte 
Fine halbe Handvoll Erdbeerblüte; 
Zitronenkraut, sechs Blättchen dazut, 
Gibt ihm gar einen aromatischen Gout; 
Es gehören ferner noch zum Ganzen 
LBon Gundelreben zwei volle Pflanzen. 
Drei Blätter von schwarzen Johannistrauben 
Werden die Delikatesse noch höher schrauben. 
Von Krauseminze fünf, sechs Blättchen, 
Die du haben kannst in jedem Städchen. 
RNach vier Stunden magst du den Wein abgießen, 
Ihn noch mit vier Lot Zucker versüßen 
Und dann mit freudigem Herzen genießen!“ 
un, wer weiß, ob ein solch reichhaltiges Gehräu jedem der 
„geneigten Leser“ munden würde! In der Regel wird es weit 
unfacher hergestellt. „Ländlich-sittlich“, heißt es auch in diesem 
Falle. Man scheint aber noch vor einigen Jahrzehnten möglichst 
diel Zutaten bei der Bereitung einer „echten Maibowle“ verwandt 
in haben, wie aus der einschlägigen Literatur ersichtlich ist. 
Jedenfalls hat auch wohl der gelehrte Jakob Grimm im Hinblick 
suf den huntscheckigen Kräuterzusatz den beliebten Maiwein als 
iberliefertes Opfergetränk Frühgermaniens erachtet. Das dürfte 
Wer keineswegs zutreffen, doch fann nicht geleugnet werden, daß 
der löbliche Lenzbrauch dem grauen Altertum entstamnmt und 
richts anderes ist als die saisongemäße Erzeugung eines wohl⸗ 
nundenden „Gewürzweines“. Es machten nämlich schon alt⸗ 
ömische Winzer die Erfahrung, daß dieser und jener „Jahrgang“ 
hres Rebenblutes nicht sonderlich „herzerfreuend“ ausgefallen 
var, besonders in kälteren Landstrichen. Deshalb sahen sie sich 
jenötigt, das herbe Produkt durch Beimischung würziger Kräuter 
oder Beeren zu veredeln, eine Ueblichkeit, die sich das ganze 
Mittelalter hindurch forterhalten hat, heute aber fast verblaßt ist. 
Selbst der edle Falerner wurde im klassischen Süd-Italien über 
Rosenfilter gegossen. Wenn Columella eine stattliche Reihe von 
»inheimischen Gewächsen nennt, mit denen weniger gute römische 
Weine versetzt werden sollten, und hierzu die nötige Anweisung 
erteilt, so können wir ihn deshalb noch nicht als antiken „Wein— 
schmierer“ ansehen, sondern der praktische Mann war vielmehr 
auf die wirkliche Verseinerung ansprechender Traubensäfte be— 
dacht. Wermut und Ysop, Thymian und Fenchel waren nicht 
minder als Polei und Myrte zu dieser kräuterlichen Auffrischung 
rusersehen. Wenn Plinius „Myrrhenwein“ erwähnt, so handelt 
s sich dabei ebenfalls um ein parfümiertes Rebenblut, dessen 
äuerlicher Geschmack und Geruch im Naturzustande verdeckt 
verden mußte. Setzte man doch meistens schon dem urwüchsigen 
Most allerhand Gartenkräuter und Beeren zu, während der süße 
Honigwein“ durch eine förmliche Verzuckerung mundgerecht ge⸗ 
nacht wurde. In der Regel goß man den minderwertigen Most 
iber lieblich duftende Kräuter oder kochte diese mit seimigem Most 
ein und setzte das würzige Gemisch herbem Jungwein bei. Selbst 
her stark reizende Pfeffer mußte hülfeleistend einnreifen, wie über— 
saupt die angewandten sehr kräftigen „Substanzen“ römischer 
Veinveredelung ziemlich zahlreich waren. Doch „Weine, die fich 
ahrelang ohne allen Zusatz halten, müssen für die besten gelten 
und dürfen dann auch mit nichts vermischt werden, das ihren 
echten Geschmack verändert oder verlarvt“, behauptet mit Recht 
ein römischer Geschichtschreiber. 
Nun, in mittelalterlichen Tagen konnte man der kräuter⸗ 
vürzenden Beeinflussung des Rebengewächses erst recht nicht ent⸗ 
raten, besonders auf deutschem Boden, denn das rauhe Klima 
virkte sehr nachteilig auf die erforderliche Traubenreife. Vor⸗ 
iehme Kreise geben den aus Oesterreich, Italien oder Griechen⸗ 
and stammenden Weinsorten stets den Vorzug, wenn diese auch 
zerhältnismäßig teuer waren. Rein, wie er von der Kelter kam, 
ranken den deutschen „Tropfen“ nur gewöhnliche Leute, denn er 
var zähe, sauer, trübe oder gar faul. Da war es denn auch nicht 
zinreichend, daß man ihn durchseihte, nein, auch allerhand Bu⸗ 
aten machten sich zwecks Genießbarmachung erforderlich. Honie 
dräuter, Früchte und Gewürze wurden beigesetzt, und nicht blo 
en minderwertigen „Hahnenbeißern“ und „Rachenputzern“, son 
zern selbst manche unserer heutigen Rhein- und Moselweine be⸗ 
anspruchten eine tiefergehende Korrektur“ dieser Art. Mitte“ 
Born, laß Dich nicht von diesen lustigen blauen Augen gefangen 
iehmen, verliere Dein Herz nicht, Achtung! Gefährliche Kurve!“ 
Auch die Damen nannten ihre Namen, seine fesche Blondine 
var Alice Helmer, die marode Brünette Grete Roedlich; auch an 
hrem Finger blitzte der bekannte Rinn, der das Symbol der 
Ehe bedeutet. 
Wie dem auch sei, sagte sich Born, Frau hin, Frau her — 
die Damen sind nett, und au dreien geht sichs besser als allein. 
Zo bat er denn höflich und mit der Phrase des gebildeten Mittel⸗ 
uropäers: „Meine Damen, da ich das agleiche Ziel habe wie Sie, 
o wäre es mir ein Veranügen, mich Ihnen anschließen zu dürfen. 
de Rotwein steht zu Ihren Diensten, solange der Vorrat 
reicht.“ 
Er schien Gnade vor den Augen der beiden Damen gefunden 
zu haben — oder sollte es sein Rotwein sein? genug, sein An⸗ 
erbieten wurde huldvoll aufgenommen. 
Man verlebte einen gemütlichen Abend auf Thüringens be— 
iihmtem Berg, und als die Damen am andern Morgen nach 
Friedrichsroda abstiegen, war Born natürlich ihr getreuer Be— 
sleiter, und er blieb mit ihnen in dem stillen Kurort. 
Zwar hatte er die Absicht gehabt, weiter zu wandern — 
iber was sind eines Mannes Pläne, was seine Entwürfe! Der 
Blick einer schönen Frau wirft sie um, wie ein leichtes Kartenhaus. 
WVon früh bis abends waren die drei, nun zusammen, und 
ne mehr umfstrickten Alicens Reize Walters verzweifelnde 
Seele. 
Und das Gräßliche geschah: Walter Born, dreißig Jahre, 
vangelisch, unbestraft und von strengster Moralität — er machte 
iner verheirateten Frau den Hof. Und diese verheiratete Frau, 
heren quite Manieren auf eine untadelige Familie schließen ließen, 
var kokett genug, sich seine Huldigungen gefallen au lassen. So⸗ 
zar mit dem aroßten Veranügen. Denn sie blickte ihn manchmal 
o lieb an, daß ihm warm wurde und er Mühe hatte, Haltung 
u bewahren. Ja, diese Frauen! Während ihr Gatte sich wahr⸗ 
heinlich daheim mühte und plagte, ließ sie sich hier von einem 
remden iungen Mann die Cour schneiden. Blieb schließlich als 
inziger Milderungsarund für dieses schwere Vergehen, daß eben 
er dieser fremde junge Mann war. 
Eine Woche bereits war das Kleeblatt beisammen. Nur noch 
venige Tage, und dann hieß es Abschied nehmen; Abschied 
rehmen fürs Leben. Ibm wurde schwül ums 6 wenn er 
aran dachte. In diesen schönen Tagen des Beisammenseins 
var Frau Alice ihm doch niehr geworden, als er sich's einzuge⸗ 
tehen wagte. Das zarte Oval ihres Gesichts, ihre graziöse 
zigur, der leuchtende Blick ihrer Augen, ihr frisches, über— 
prüdelndes Temperament — das alles hatte sich vereint, um in 
einem Herzen eine Revolution zu entfachen. Und nun, da er 
in solches Juwel kennen gelernt, an das er sein Herz verloren 
hjatte — über dieses Faktum war er sich gar nicht im Zweifel — 
aun hieß es: „Ade, fahre wohl, laß Dir's gut bekommen und 
zrüße Deinen Mann von mir!“ Er hätte aufheulen mögen wie 
in Schuljunge, der eine miserable Zensur nach PHause bringt. 
And unwirsch und zerfahren gab er oft nur halbe Antworten 
and verlor sein heiteres Wesen. 
Die Damen erkannten wohl seinen veränderten Gemüts⸗ 
ustand, schienen aber keine Notiz davon zu nehmen und waren 
nett und vergnügt wie immer. Ja, Alice zeigte sich sogar noch 
liebenswürdiger⸗ und zuvorkommender. Wahrscheinlich um 
einen Abschiedsschmerz noch zu steigern. Denn wer kann die 
Tiefen eines Frauenherzens ergründen! Ein harmloser Jung⸗ 
geselle gewiß nicht. 
Als Schlußnummer des Reiseprogramms unternahm das 
tlechlatt am letzten Tage des Beisammenseins eine Wagenfahrt 
iach Oberhof. Zwei flotte, beinahe zu feurige Reuner waren 
jor das Gefährt gespannt, und in sausendem Tempo jagten sie 
»ahin. Der Kutscher feuerte sie, übermütig schnalzend, noch zu 
linkerem Gange au. Da, kurz vor einer Wegbiegung, kam aus 
dem Seitenwes eine robuste Bauersirau mit einem großen Korb 
alterliche Kräuter zur Weinveredlung waren besonders Wermut 
Alant, Salbei, Polei und Minze. An letztere erinnert jener 
eigenärtige Kehrreim eines Uhlandschen Volksliedes, das da singt 
„Er setzt das gleslein für sein Mund — Krauseminte. 
Er trank es aus biß auf den Grund. 
Salveie, Poleie, die Blümlein an der Heide — Krauseminte.“ 
Im 11. Jahrhundert bezeichnete man gewürzte Weine mit 
dem deutschen Worte „Lutertrank“, wenigstens trat dieser bezeich— 
zende Anusdruck weit häufiger auf als der fremde „Klaret“. Auch 
„Pigment“ war gebräuchlich, doch bezog sich diese Bennenung 
nehr auf den mit Honig oder Zucker versüßten Rebensaft, 
vährend „Moratum“ entweder den gegorenen Maulbeersaft an— 
deutete oder für den von diesem letzteren abgezogenen Wein ge— 
Frrbe. In der bekannten „Jobsiade“ wiederum wird 
hermeldet; 
Ein Bischof ist, wie ich denke, 
in sehr angenehmes Getränke 
Aus rotem Wein, Zucker und Pomeranzensaft 
Und wärmt und stärkt mit großer Kraft.“ 
Als mit den Kreuzzügen der südöstliche Handel neben starken 
Züdweinen auch durch feurige Gewürze den deutschen Handel be— 
ebte, da wurde die weinwürzende Gewohnheit noch mehr ver—⸗ 
zollkommnet, doch scheinen wir hierin erst von den leichtlebigen 
Franzosen „angesteckt“ worden zu sein, was aus den fremden 
stamen unserer Kunstweine hervorgeht. Das „natürliche Ge⸗— 
vächs“ wurde schon allein durch winzerliche Bodenkultur ver⸗— 
delt, und nur der duftende „Prinz Waldmeister“ vermochte sich 
— 
saupten, das dem goldenen Labewein die herzstärkenden „Lebens⸗ 
lammen“ verleiht, doch auch nur dann, wenn der wonnige Mai 
n eud zieht. Wie lieblich mundet solch ein feuriger „Mai⸗ 
rank“ 
Vermischtes. 
Stapelläufe auf deutschen Werften und für deutsche Rechnung. 
Auf deutschen Werften sind im 1. Quartal 10 Frachtdampfer, ein 
großerer und ukleinerer Segler, 2 Docksektionen, 1 Spüldagger, 
Baggerprähme, 1kleiner Passagierdampfer, 3 Fährdampfer, 
Dienftfahrzeug, 2 Schleppdampfer, 1 Feuerschiff und 2 Kriegs⸗ 
schiffe für deutsche Rechnung vom Stapel gelaufen, bezw. fertig 
gestellt worden. Wir lassen nachstehend die sämtlichen Stapelläufe 
olgen. Auf der Werft des Bremer Vulkan in Vegesack: Dampfer 
„Emir“ (9000 Tdlir die Deutsche Ost-Afrika-Linie in Hamburg, 
ind Dampfer „Berengar“ (8600 T. Tf.) für die Roland-Linie 
A.“G. in Bremen. — Auf der, Reiherstieg⸗Schiffswerft in Ham⸗ 
burg: Dampfer „Lulu Bohlen“ (3134 Br⸗R.⸗T.) für die Woer—⸗ 
mann-Linie in Hamburg. — Auf den Stettiner Oderwerken in 
Ztettin: 1Spülbagger für die Harburger Bauverwaltung. — Auf 
en Howaltswerken in Kiel: Frachtdampfer „Otto Steinbeiß“ für 
die Bosnische Forst- und u re eaet. — Auf der Werft 
der iper Schiffsbau-Gesellschaft: 2 Docksektionen für 
H. E. Stülcken Sohn in Hamburg, Dampfer Heinrich Hugo 
Stinnes 7“ (2200 T. Tf.) für Hugo Stinnes, in Mülheim an der 
— 
Australische D.e⸗Ges. in Hamburg. — Auf der Werft von Henry 
doch in Lübeck: Dampfer „Lisboa“ (3100 T. Tf.) für die Olden— 
urg⸗Portugiesische Dampffchiffs-Rhederei in Oldenburg. — Auf 
Rickmerswerft in Bremerhaven: Dampfer „Aenne Rickmers“ 
6700 T. dn für eigene Rechnung. — Auf der Werft der Schiffs- 
dau Gefef aft „Unterweser“ in Lehe: Segler „Hermann“ (230 
T. Tf.) für W. Schuchmann in Geestemünde. — Auf der Schichau⸗ 
Werft in Danzig: Passagierdampfer „Regina“ (1300 T. Tf.) für 
Stettin-Rigaer D.e“G. — Auf der Werft von G. Seebeck A.-G. 
in Bremerhaven: 1Schleppdampfer für Hamburger Rechnung, 
und Fischdampfer „Senator, Schäfer“ für die Cuxhavener Hochsee⸗ 
ischerei-Gesellschaft. — Bei Blohm F Voss in Hamburg: Das 
Zegelschiff, VPeking“, (3100 T. Tf. für F. Laeisz in Hamburg, und 
reuzer Goeben“ (2000 T. Tf.) Für die Deutsche Marine. — 
Bei Nüske & Co. in Stettin: 3 Fährdampfer für das Kanalamt, 
und 2 Baggerprähme von je 560 T. Tf, für die Wasserbau⸗-Inspek⸗ 
kion in Einden. — Bei J. Junge in Wewelsfleth: 2 Dienstfahr⸗ 
zeuge für das Wasserbauamt in Husum. — Auf der Neptun-Werft 
n Rostock: Dampfer „Olympos (5600 T. Tf.) Für die Deutsche 
evante-Linie in Hamburg. — Bei H. C. Stülcken Sohn, Ham⸗ 
urg: Das Zuerschiff „Senator Brockes“ (430 R.⸗T.) für den 
amburger Stagt. — Auf der Kaiserl. Werft in Kiel: S 
Kaiser“, für die Deutsche Marine. — Bei Stocks & Kolbe in Kiel: 
der Hochseeschlenper Eslmshorn“ für Emdener Rechnung. 
— 
auf dem Buckel, gerade auf den Wagen zu, den sie nicht begchtete. 
Mit energischem Ruck wollte der Kutscher die Pferde zum Stehen 
zringen, aber schon im nächsten Augenblick hatten sie die Frau 
imgerissen. Aus dem Korb kollerten lustig mehrere Mandel 
Fier, deren Schalen auf dem harten Boden zerbrachen, und eine 
weiß⸗gelbe, kleckernde Tunke bedeckte malerisch die Erde. 
Erschreckt sprangen Born und die Damen aus dem Wagen, 
um der Bäuerin aufzuhelfen. Doch sie kamen zu spät, denn die 
iltliche Frau hatte sich bereits erhoben und ging mit geballten 
Fäuften, zeternd und schimpfend, auf den Kütscher los. Sie 
jatte nicht übel Lust, ihm mit ihren langen Fingernägeln das 
zärtige Antlitz zu zerkratzen. Die beiden Thüringer Zeitgenossen 
heschimpften sich in ihrem unverständlichen Thüringer Deutsch, 
und Born und seine Gefährtinnen standen tatenlos daneben 
und wußten nicht, was sie beginnen sollten. 
Da erschien zum Glück ein Gendarm aus dem nahen Ober⸗ 
jof, der sich den schwierigen Fall vortragen ließ und die ganze 
Besellschaft, Born, Frau Alice, Frau Grete, Kutscher und Eier⸗ 
rrau aufs Gemeindebureau führte, um die böse Angelegenheit zu 
vrotokollieren. 
Er entschuldigte sich bei den Reisenden. „Da keiner von den 
heiden an dem Malheur schuld sein will und außer einem Straf⸗ 
mandat wegen zu schnellen Fahrens wahrscheinlich noch ein Ent⸗ 
schädigungsprozeß wegen der Eier entstehen wird. die ihren 
chönen Beruf lader verfehlt haben, so muß ich Sie schon um 
Ihre Zeugenaussagen bitten.“ 
Die Drei sagten wahrheitsgetreu aus, wie sich das eierver⸗ 
heerende Unglüch zugetragen hatte, dann mußten sie das Proto⸗ 
oll unterschreiben. — 
Mun möchte ich Sie aber auch um Ihre Legitimation gez 
zeten haben, meinle der gewissenhafte Polizist. Ordnung muß 
ein.“ 
Born zeigte seine Steuerquittung, Frau Redlich ihre Rad⸗ 
ahrkarte, nur Alice meinte bedrückt, daß sie leider gar keinen 
Ausweis bei sich trüge. 
Ja, aber irgendeine Beglaubigung muß ich sehen,“ wieder⸗ 
holte der pflichttreue Beamte. „Sie werden doch wenigstens 
Anen Briefumschlag bei sich haben, Madame, der an Ihre 
Adresse gerichtet ist.“ 
Alice bestätigte: „O, gewiß!“ Sie entnahm ihrem Hand⸗ 
läschchen das gewünschte Kuvert, der Mann des Gesetzes las es 
und runzelte die Stirn. 
„Hören Sie mal, Madame, Sie sagen, Sie sind eine Frau, 
und hier auf dem Kuvert steht doch Fräulein! Was sind das für 
faule Sachen?“ 
Born spitzte die Ohren. „Nanu?“ 
Alice wurde blaß, doch die Freundin kam ihr zu Hilfe, 
Durchaus keine faulen Sachen, Herr Polizeirat. Gewist ist 
Fraͤulejn Helmer noch unverheiratet — meine Freundin legte sich 
ür unfere Reise einfach einen Trauring für zwei Mark und da⸗ 
mit den kostenlosen Titel Frau zu, um gegen Zudringlichkeiten 
leichtfertiger Kavaliere — —“ 
Weiter kam sie nicht, denn Born wandte sich an Alice un 
ragte stürmisch: „Ist das wahr? Gnädige Frau sind wirkli 
Fraäulein?“ 
Fräulein Alice nickte: „Stimmt.“ 
„O, das ist ein Glück,“ rief er, „ein Glück ist das! Heil dem 
Fierkorb mitsamt den zerbrochenen Eiern, die aus der falschen 
Frau ein richtiges Fräulein gemacht haben! Sie, Bäuerin, seien 
Zie ade ich bezabhle Ihnen Ihre sämtlichen kaputen Eier, 
sier haben Sie Manimon und gehen Sie nach Hause. Und Sie, 
nein gnädiges Fräulein —“, er bot Alice den Arm — „vbitte, 
zeben Sie mir Ihren kostbaren Ehereif, wenn Sie nichts dagegen 
aben, werde ich Ihnen den unechten Ring gegen einen echten 
umtauschen.“ 
Sie lächelte ihn an, gab ihm den Zweimarkring und sagte 
kurz. aber bedeutunasvollz Umtausch gern geitattet!“
	        
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