Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Neueste Nachrichten und Telegramme. 
Großze Steuerhoutetziehungen. 
W. Neustadt a. H., 10. Mai. Eine angebliche Steu er a 
znterziehung in der Rheinpfalz beschäftigt lebhaft die 
ffentliche Meinung. Im Herbst vorigen Jahres starb den 
ofälzische Großgrund⸗ und Weingutsbesitzer, Reichsrat der Krone 
Bayerns, Dr. August Rittor von Clemm. Schon am 
7. Dezember erging vom Bürgermeisteramt Haardt an das 
Rentamt in Neustadt eine Eingabe, in der auf die Gerüchté 
ber Steuerhinterziehungen hingewiesen wurde. Das Rent—⸗ 
imt prüfte die Angelegenheit, und die Regierung forderté 
ie Untersuchungsakten ein. In pfälzischen Blättern wird be⸗ 
Jauptet, dahß Clemm, der nur 4 Millionen M Vermögen ver— 
teuerte, in Wirklichkeit in Vermögen von 40 Millionen 
Manrk besessen habe. Eine amtliche Erklärung über diese An⸗ 
zelegenheit ist bisher noch nicht geschehen, 
Fallloͤres in Brüfsel. 
W. Brüsfel, 10. Mai. Präsident Fallidres empfing heuté 
rormittag französische Vereine und besuchte die französische 
Schule. Mittags fand im Schloß Laeken ein Fruͤhstück statt. 
Wt. Btüffel, 10. Mai. Zu Ehren des Präsidenten Fal⸗— 
ließres fand heute nachmittag in den Palmen- und Gewächs— 
häusern des Schlosses Laeken ein Gartenfest statt. Der König 
ind der Präsident hielten Cercle. Anwesend waren tausend 
Personen. Die Königin empfing den Präsidenten Fallidres vor 
nem Dejeuner wenige Augenblicke in ihren Privatgemächern, 
Unregelmäßigleiten im französifchen Aderbauministerium. 
v. Raris, 10. Mai. Der Berichterstatter des Rechnungs« 
ausschusses der Deputiertenkammer, Brousse, entdeckte nach einer 
Zeitungsmeldung bei der Prüfung der von dem Aderbau- 
ministerium in den Jahren 1907 und 1908 bis 1909 gemach— 
en Ausgaben zahlreiche Unregelmähßigkeiten. U. a. 
Jat er festgestellt, daß die für Förderung der Viehzucht und des 
Ackerbaues bestimmten Summen ihrem Zwece teilweise entzogen 
und daß ähnlich wie im Ministerium des Aeußern höhere Be— 
räge als die wirklich ausgegebenen verrechnet waren. Die 
seruntreute Summe soll eine Million Franken betragen. 
Der Ackerbauminister erklärte dem Berichterstatter, daß 
edenfalls keiner der gegenwärtig feinem Ministerium ange— 
yörigen Beamten in die Angelegenheit verwickelt sei. Sobald 
genaue Angaben vorlägen, werde er eine Untersuchung ein- 
leiten. Der Rechnungsdirektor im Ackerbauministerium, Ca⸗ 
barett, erklärte, seines Wissens seien keine wirklichen Un— 
regelmäßigkeiten festgestellt. Zu einer Kritik könnten viel⸗ 
eicht nur die den Beamten gewährten Reisezulagen An— 
aß geben. 
Die Kämpfe in Marokko. 
Wit. Oudijda, 10. Mai. Aus dem Lager bei Merada 
wird unterm 8. Mai gemeldet: Die Pioniere haben das Ma— 
terial zum Brückenbau auf dem rechten Ufer des Muluja nieder⸗ 
zelegt und sind imstande den Brücenschlag in 24 Stunden 
auszuführen. Zwei weitere Bataillone sind gestern angekom⸗ 
men. In der Nacht zum 8. Mal wurden vereinzelte Schüsfe 
auf das Lager abgegeben. Eine Erkundungsabteilung ging 
bis 6 Kilometer von Gnerzif vor, wo sich die Stämme des 
linken Ufers inBereitschaft befanden, und sandte Patrouillen vor, 
»ie von kleinen marokkanischen Abteilungen Feuer erhielten. 
Heute sind zwei Bataillone Zuaven und vier Batterien Feld— 
artillerie eingetroffen. Zwei Postläufer trafen aus Fez mit 
Briefen des französischen Konsuls ein, in denen dieser um 
Hilfe bittet. 
Wit. Algier, 10. Mai. Die Dampfer „Muluja“ und 
„Anatolien“ sind mit Truppen, Kriegsmaterial und einge« 
porenen Begleitmannschaften nach Marokko abgegangen. 
Caunaleijas über den Einspruch Spaniens. 
W. Madrid, 10. Mai. Canalejas erklärte einem Beriq 
rstatter: Wir erhoben freundschaf!tlich Einspruch, als F55 
eich kürzlich mit Marokko ein Abkommen abgeschlossen hatte, 
»hne uns zu verständigen. Ebenso erhoben wir bei Frankreich 
in überaus herzlichem Tone einige Vorstellungen über seins 
militärische Mission in Marokko. Wir haben über gewisse 
Fragen verschiedene Anschauungen, was nicht erstaunlich ist, 
enn unsere Interessen sind häufig entgegengesetzt; aber das 
chließt keineswegs Reibungen und Erbitterungen in sich. 
Juden und Wehrpflicht in Rußland. 
W. Petersburg, 10. Mai. Die Gerichtsreformkommission 
timmte der Verschärfung der Strafbestimmungen gegen die 
zuden zu, die sich der Wehrpflicht entziehen. Die Kommission 
»efschloß ferner, die Bestimmung aufzuheben, wonach Anver⸗ 
wandte solcher Juden 300 Rubel zu zahlen verpflichtet sind. 
Sce mexrilanischen Rebellen kämpfen weiter. 
WV. Washmeton, 10. Mai. Aus Laredo (Texas) wird 
zerichtet: Bei Concepcion del Oro fand ein Kampf statt. Von 
der aus Bundestruppen bestehenden Besatzung sollen 50 Mann 
zefallen sein. 
Der amerikanische Gesandte in Haiti mebdet: Die aufstän⸗ 
dische Bewegung, die ihren Mittelpunkt in Fort Liberty hat, 
jewinnt schnell an Ausdehmung. Die Regierung ist mit allen 
Kräften bestrebt, den Aufstand zu unterdrücken. 
W. El Paso, 10. Mai. Das gestern von den Aufständi— 
chen in Juarez angelegte Feuer hörte vor Tagesanbruch auf. 
Wt. Newyorl, 10. Mai. Der Kampf bei Juarez ist, 
vie aus El Paso gemeldet wird, wieder aufgenommen worden. 
Die Aufständischen schleudern Dynamitbomben. 
Wt. El Pafso, 10. Mai. Die Bundestruppen räumten 
Juarez, nachdem die Aufständischen die Kirche und die letzte 
Stellung der Verteidiger erobert hatten. Die Aufständischen 
befreiten die Insassen der Gefängnisse. Auch Agua wurde 
von den Bundestruppen geräumt 
Die Amerikaner sichern sich den Panama⸗Kanal. 
W. Washington, 10. Wai. Der Schatzsekretär erläht in 
den nächsten Tagen einen Aufruf zu allgemeiner Zeichnung 
ür 50 Millionen Dollars dreiprozentiger Panamakanalbonds. 
Luftscheffahrt. 
Düsseldorf, 10. Mai. Das Luftschiff „Deutschland“ 
führte heute die lange geplante Rundfahrt in das rheinische 
Industriegebiet bei schönem Wetter aus. Der Aufstieg erfolgté 
früh 8123 Uhr. In nördlichem Kurs ging die Fahrt äber 
Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund, Hagen 
ind zurück über Barmen-Elberfeld. Die Landung ging alatt 
onstatten. 
Köln, 10. Mai. Das Kriegsministerium hat nunmehr 
üur den deutschen Rundflug 10911 die Erlaubnis zum 
leberfliegen der deutschen Festungen erteilt; indessen müssen 
ier Wochen vor Antritt der Fahrt Namen und Stand der Teil— 
iehmer dem Kriegsministerium mitgeteilt werden. Für Köln 
indet voraussichtlich eine Verschiebung der Fahrt statt. Die 
Flugzeuge treffen in Köln am 20. Juni ein. Der Weiter⸗ 
lug erfolgt am 2. Juli über Aachen, Gladbach, Dortmund, 
Am 1. Juli soll in Köln ein Schaufliegen stattfinden, an dem 
ooraussichtlich 20 Flieger sich beteiligen werden. Zur Deckung 
der Unkosten wird fur Köln ein Beitrag yon 50 000 Mezu er⸗ 
chwingen sein, deren Bereitstellumg durch erste Finanzkreifé 
der Stadt im sicherer Aussicht steht. 
Das Urteil im Spielerprozeh Matisle. 
Berlin, 10. Mai. Im Spielerprozeß wurde der Gene— 
ralagent Josef Matiske wegen gewerbsmäßigen Glücksspiels 
u drei Monaten Gefängnis verurteilt; ein Monat wird als 
zurch die Untersuchungshaft verbüßt angerechnet. Der An— 
‚eklagte Hahn sen. wurde freigesprochen. Die mitangeklagten 
Froupiers wurden zu je einer Woche Gefängnis verurteilt, 
WVegen der Serauszahlung der Kaution behält sich das Ge— 
icht noch weitere Ermittelungen und die Beschlußfassung über 
die Herauszahlung vor. 
Sechs Bergleute verschüttet. 
Zabrze, 10. Mai. Gestern mittag wurden in der Con—⸗ 
zor dia⸗ Grube durch Zubruchgehen einer Strecke auf dem An— 
orasflöz sechs Mann verschüttet. Drei Häuer wurden ge— 
iötet und ein Mann schwer verletzt. Zwei Schlepper wurden 
unverletzt geborgen. 
Ein Muttermörder. 
W. Köln, 10. Wiai. Heute früh wurde in einem Hause 
in der Ursulastraße die Witwe Hild erdrosselt aufgefunden. 
Als Mörder wurde deren einziger Sohn festgestellt und ver— 
haftet. Er gab zu, seine Mutter erdrosselt zu haben, weil 
sie sich weigerte, ihm 10000 Mizur Heirat zu geben. 
Ein Zerfstörer von Kunsiwerken. 
Paris, 10. Mai. Ein etwa dreißigiähriger Mann riß 
restern im Antikenfaal des Louvre eine den Aeskulap dar—⸗ 
tellende Statuette von ihrem Sockel, die in Stücke zerbrach. 
Bon dem Wächter festgenommen, erklärte er, er habe die 
kat verübt, um sich verhaften zu lassen, und habe übrigens 
inigse Minuten vorher ein Bild mit einem Rasiermesser durch- 
chnitten. Tatsächlich wurde festgestellt, daß ein von ihm be— 
eichnetes, auf Holz gemaltes Porträt Michelangelos mit einem 
Messer mehrfach geritzt war. Die Polizei ermittelte, daß der 
Täter ein gewisser Viguoroux ist, der bereits mehrfache Vor— 
trafen verbüßt hat und wahrscheinlich geistesgestört sei. 
10 Millionen Franken veruntreut 
W. Paris, 10. Main Der wegen Veruntreuung von nahezu 
0 Millionen Franken angeklagte frühere Direktor der 
diquidationskasse in Havre, Jouhel, wurde vom Schwur— 
gericht zub Jahren, der Mitangeklagte Justin zu 3 Jahren 
Hefängnis verurteilt. 
Der Edinburgher Theaterbrand. 
W. Edinbergh, 10. Mai. Die verkohlten Ueberreste des 
Darstellers Lafayettes wurden neben dem Kadaver seines Pfer— 
»es gefunden. Er wurde gestern abend während des Feuers 
ußerhalb der Bühnentür gesehen; es scheint aber, als sel 
er in das brennende Gebäude zurückgegangen, um fein Pferd 
und seinen Hund zu retten. Einige brennende Draperien, 
oie unter den eisernen Vorhang geraten waren, verhinderten, 
zaß dieser bis an den Boden herunterging. Dicke Rauch- 
wolken drangen in den Zuschauerraum. Wilde Verwirrung 
herrschte, als die Angestellten des Theaters und die Feuer— 
vehr verfsuchten, die Flammen zu unterdrücken. Die Schau— 
pielerinnen in ihren Kostümen stürzten auf die Straße, andere 
zlieben in den Ankleidezimmern; obwohl die Flammen sie 
zicht erreichten, wurden eintge vom Rauch erstickt aufgefunden. 
Bis um elf Uhr vormittags waren acht Leichen geborgen. 
Wt. Bethlin, 10. Mai. Die Nordd. Allg. Zig. schreibt: 
Dder Postscheckverkehr im Reichspostgebiet zeitigte im 
April das erfreuliche Ergebnis, daß auf Postscheckonten erst— 
nalig an Gut⸗ und Lastschriften je über eine Milliarde Mark 
ebucht find, 1013 Millionen Gutschriften und 1006 Millionen 
tastschriften. Auch die Zahl der Kontoinhaber nahm im April 
Alein um über tausend zu, daß sie jetzt auf über 55 000 ge—⸗ 
tiegen ist. 
W. Hamburg, 10. Mai. (Amtliche Meldung.) Newyor! 
neldet unterm 10. Mai: United Staates and Hayti Telegraph 
so. macht bekannt, daß Telegramme in verabredeter oder chiff⸗ 
ierter Sprache nach Orten der Republik Haiti bis auf weiteres 
⸗erboten sind. 
W. Göttingen, 10. Mai. Der Chirurg Professor an der 
siesigen Universität Geheimrat Braun ist im 64. Lebensjahre 
im Lungenschlag gestorben. 
Wt. Metz, 10. Mai. Der Kaifer verlieh der Feste 
Drny bei Metz den Namen Feste Luitpold. Aus Anlaß 
dessen fand ein herzlicher Telegrammwechsel zwischen dem Kaiser 
uind dem Prinzregenten statt. 
Wien, 10. Mai. Aus zuverläfsiger Quelle wird berichtet, 
»ah Kaiser Wilhelm an den Ende September in Ober⸗ 
ungarn stattfindenden Kaisermanövern teilnehmen werde. Bei 
»iesen Manövern wird eine aus Galizien einmarschierende Armee 
zegen Oberungarn operieren. 
W. Prag, 10. Mai. Heute vormittag fand die erste 
Berhandlung im Prozeß des Königs von Sachsen 
regen den kontraktbrüchige Kammersänger Burrian 
vegen 30 000 M Konventionalstrafe siatt. Dem Beklagten wurde 
eine Frist zur Erstattung der Klagebeantwortung gegeben. Darauf 
wurde die Verhandlung geschlossen. 
W. Tegernsee, 10. Mai. Prinz Otto zu Sagan— 
Wittgenstein, preußischer Generalleutnant à la suite der 
Armee und General à la suits des Großherzogs von Sachsen, 
st, 69 Jahre alt, in Rottach gestorben. 
W. Blissingen, 10. Mai. Jacht „Hohenzollern“ ist heute 
morgen hier eingetroffen. 
Wit. Tenertffa. 10. Mai. Die sffentliche Meinung ist 
sehr erregt über den von der Regierung der Kammer in 
Madrid unterbreiteten Vorschlag, den kanarischen Archipel in 
wei Provinzen zu teilen. Bisher war Teneriffa der Hauptort 
»es eine Provinz bildenden Archipels. Die Einwohner be— 
zaupten, durch ein solches Gesetz geschädigt zu werden. 
Gestern abend stürmten junge Republikaner nach einer 
Bersammlung die Redaktlonsräume der Veitung El Tiempo 
ind verbrannten verschiedenes Material. Später zerstörten 
ie Straßenschilder. In der Straße Alfons XIII. kam es 
u mehreren Zusammenstößen mit der Poltizei. Zahlreiche Ver⸗ 
zaftungen wurden vorgenommen 
Mt. Petersburg, 10. Mai. Auf Verfügung des revidie— 
renden Senators Neidhart wurde gegen den Präsidenten der 
Stadtduma, Unkowsky, und den ehemaligen Staatssekretät 
Subarew ein strafgerichtliches Verfahren wegen ungesetliche 
bandlungen bei den Lieferungen zu einem Brückenbau einge⸗ 
leitet. Unkowsky wurde aus seinem Amte entfernt. 
Wt. Kiew, 10. Mai. Eine Anordnung des General— 
gouverneurs verbietet unter Androhung einer Geldstrafe von 
boo Rubeln bezw. einer dreimonatigen Haftstrafe aus anderen 
Bouvernements kommende polnische religiöse Prozessionen, des 
gleichen die Veranstaltung derartiger Prozessionen zum Ge— 
dächtnis von Persönlichkeiten oder Ereignissen, deren Ehrung 
von der katholischen Kirche nicht vorgesehen ist, ferner da— 
Aushängen oder Umhertragen von Fahnen mit nichtrussischen 
Nationalfarben, den Vertrieb von Schriften und das Halten von 
Reden nichtreligiösen Charakters. 
* 
W. Marienburg, 10. Mai. Die Blättermeldung, daß in 
Kalthof ein Cholerafall vorgekommen ist, bestätigt sich 
nicht. Die bakteriologische Untersuchung ergab keine Cholera. 
W. Paris, 10. Mai. In St. Malo und einigen benach 
barten Orten wurden von ausständigen Bauarbeitern mehrere 
im Bau befindliche Landhäuser beschädigt und die Häuser 
Arbeitswilliger mit Steinen beworfen. 
Lyon, 10. Mai. Ein Koffer mit Edelsteinen und Schmuck⸗ 
sachen, der vom Pfandhaus von St. Etienne nach dem hiesigen 
Pfandhaus geschafft werden sollte, ist auf dem Bahnhof ge— 
tohlen worden. Die darin enthaltenen Schmudsachen hatten 
einen Wert von etwa einer halben Million Mark. Von den 
Dieben fehlt jede Spur. 
W. Astrachan, 10. Mai. Die am Dampferlandungsplatz 
gelegenen Mehlspeicher stehen in Flammen. Die Verluste wer— 
den auf Hunderttaufende geschätzt. — In Plotnikow wurde ein 
großer Bauholzstapel eingeäschert. 
Ddeutscher Reichstag. 
W. Berlin, 10. Mai. 
In der zweiten Lesung der Reichsversicherungsord— 
nun g wird die Beratung beim 8 249 (besondere Ortskranken- 
lassen) fortgesetzt. 
Abg. Leber (Soz.) verlangt die Streichung des Para— 
araphen. Die kleinen Sonderkassen schädigen nur im allgemeinen 
die Ortskrankenkassen wie auch die Versicherten. Der Antrag 
wurde abgelehnt und der Paragraph angenommen. Die Para— 
rraphen 250 bis 256 sind gemähß den Kommissionsbeschlüssen 
erledigt. Die 88 257 bis 270 umfassen die Betriebskranken 
assen. 8 257 regelt die Neugründung der Betriebskrankenkassen 
Die Sozialdemokraten beantragen die Streichung. Die Fort 
ichrittspartei will die Betriebskrankenkassen für landwirtschaft. 
liche Betriebe streichen. 
Abg. Emmel (Soz.): Wenn, wie wir nachgerade gewohnt 
ftind, unser Antrag abgelehnt wird, sollte die Mitgliederzahl 
mindestens auf 500 bemessen werden. Eine besondere Unord⸗ 
nung scheint bei den Marinebetriebskassen in Kiel zu herrschen. 
Musteranstalten sind dies nicht. Tie Wiedereinstellung Gemaß 
zegelter wird abhängig gemacht davon, daß der Armemerband 
das Risiko übernimmt. Auf der Germaniawerft herrschen ühn 
liche Zustände. Die Arbeiter werden da den Schwindelkassen 
in die Arme getrieben. Die Veirtreterwahlen werden völlie 
gesetzwidrig gehandhabt. Redner bringt zum Beleg seiner Aus 
führungen unter wachsender Unruhe des Hauses eine große Reiht 
Klagen über die Handhabungen der Versicherungen durch Privat— 
kassen vor und fordert Beseitigung der Betriebskrankenkassen. 
Abg. Stresemann (natl.): Als Tatsachen können wir diese 
etwa 50 Einzelfälle, die übrigens in keinem Verhältnis zu den 
Tausenden von Betriebskrankenkassen stehen, nicht ohne weiteres 
ansehen. Die Schlußfolgerung, daß die Betriebskrankenkasser 
nichts leisten, wird durch die Statistik widerlegt. 
Abg. Hormann (Vpt.): Es wäre doch ganz erwünscht, 
wenn den vorgebrachten Einzelfällen nachgegangen würde, um 
iestzustellen, was überhaupt an ihnen ist. Unser Ideal sind die 
großen Ortskrankenkassen, die allein leistungsfähig sind. Wir 
meinen daher, daß die Gründung von Betriebskrankenkassen 
nicht zu sehr erleichtert werden darf. Abschlachten wollen wir 
aber die Betriebskrankenkassen nicht. Es genügt, wenn land— 
wirtschaftliche Betriebe mit 1850 Mitgliedern eigene Betriebs— 
kassen gründen dürfen, nicht schon mit fünfzig. 
Ministerialdirektor Caspar: Wären die Fälle des Abg. 
Emmel richtig, würden die Bestimmungen des Krankenkassen— 
versicherungsgesetzes platzgreifen, die den Arbeitgebern unter— 
sagen, unter eine gewisse Mindestleistung herunterzugehen. Be— 
sondere Abmachungen sind unzulässig. 
Nach einigen weiteren Bemerkungen werden die Anträge 
abgelehnt und die 88 257 und 258 angenommen. 
8 259 besagt, daß für die Betriebskrankenkassen in Saison— 
betrieben die Mindestzahl mindestens für zwei Monate vor— 
handen sein muß. 
Abg. Busold (Soz.) beantragt Streichung. 
Abg. Fegter (Vpt.): Wenn schon den Landkrankenkassen 
zugestimmt ist, muß doch mindestens gegen diese Art der 
Kassen mit aller Schärfe Stellung genommen werden. Die 
agrarisch-klerikale Mehrheit schafft hier für eine kleine Min— 
derheit Vorzugsrechte. 
Der Paragraph wir d angenommen. 
8 260 enthält die Voraussetzungen für die Errichtung 
von Betriebskrankenkassen. Dazu gehört die Vorschrift, daß 
der Bestand oder die Leistungsfähigkeit vorhandener allge— 
meiner Ortskrankenkassen oder Landkrankenkassen nicht geführt 
werden darf. Ein Kompromißantrag Schultz beantragt hierzu, 
wie zum 8 263, der die gleichen Vorschriften für die Innungs— 
krankenkassen enthält, die Bestimmung, daß die Gefährdung 
dieser Kassen nicht als vorhanden angesehen wird, wenn die 
Betriebskrankenkasse resp. Innungskrankenkasse mehr als tau— 
end Mitglieder behält. Außerdem werden mehrere Abände— 
rungen mehr redaktioneller Art für die 88 260 bis 268, di⸗ 
zemeinsam beraten werden, beantragt. Die Sozialdemokraten 
beantragen u. a. Streichung des 8 262 (grundlegende Bestim— 
mungen für die Innungskrankenkassen). 
Abg. Schidert (kons.) befürwortet den Komprommantrag. 
Die sozialdemokratischen Anträge werden abgelehnt, die 
Kompromißanträge und damit die Fafssung der Kommission 
angenommen. 
Die weiteren Paragraphen bis 339 werden unter Ableh⸗ 
nung der dazu vorliegenden sozialdemokratischen Anträge nach 
kurzer Beratung in der Kommissionsfassung erledigt. 
Weiterberatung Donnerstag 12 Uhe mitiaqu.
	        
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