Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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Ausgabe A. Sonntag, den 7. Mai 1911. Morgen⸗Blatt Ur. 229. 
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Aus den Nachbargebieten. 
Sanfsestadte. 
Samburg, 7. Mai. Trauerfeier für Adolph 
Woermann. Gestern vormittag 96 Uhr versammelte sich im 
Krematorium zu Ohlsdorf eine außerordentlich große Trauer⸗ 
gemeinde, der viele hochgestellte Persönlichkeiten angehörten, um 
dem verstorbenen Herrn Adolph Woermann die letzte Ehre zu 
erweisen. An dem von kostbaren Kränzen völlig bedeckten Sarg 
legte der preußische Gesandte Kammerherr v. Bülow einen vom 
Kaiser gewidmeten, mit Maiglöchchen und Callablumen ge— 
schmüchten Kranz und der mecklenburgische Konsul Julius Oetling 
einen ähnlichen im Auftrage des Großherzogs von Meclenburg 
nieder. Fahnentuch in den Farben der Woermann- und der 
Deutschen Ostafrika-Linie bedeckte den Hintergrund des Ka— 
pellenraumes. Der Senat wat vertreten durch Bürgermeister 
Dr. Predöhl und O'Swald, sowie die Senatoren Refardt, Dr. 
o. Melle. Holthusen, v. Berenberg-Goßler, Dr. Mumssen und 
EStrandes. Zugegen waren ferner Senator Michahelles, Ge— 
neraldirektor Ballin, der frühere Handelsminister v. Möller, 
Präsident der Handelskammer Edm. Bohlen, Oberpostdirektor 
Geheimer Postrat Köhler und die Chess der hiesigen Reedereien. 
Auch Vertreter befreundeter englischer Reedereien waren zu der 
Trauerfeier herbeigeeilt. 
Schles wig⸗ Holstein. 
Altona, 7. Mai. Moratorium bewilligt. In 
Sachen der mit etwa 400 000 MePassiven in Zahlungs⸗- 
schwierigkeit geratenen Baufirma H. J. Heitmann ishb 
es gelungen, diese außergerichtlich vor einem Zusammenbruch zu 
bewahren, indem die Gläubiger einem Ilängeren Mora⸗— 
bo rium zustimmten. — Außerordentliches Aufsehen 
hat die Tatsache hervorgerufen, daß gegen den vor mehreren 
Meconaten in Konkurs geratenen Fabrikanten Ernst Heise, der, als 
er sich selbst als Stadtverordnetenkandidat aufstellte, viel von 
sich reden machte. jetzt wegen Betrugs Anklage erhoben worden ist. 
Kiel, 7. Mai. Der Kaiser hat den deutschen 
Seemannshäusern für das letzte Jahr eine Spende 
von 10000 Muüüberwiesen. Sobald das neue Seemanns— 
haus in Cuxhaven gesichert ist, soll die Gründung weiterer 
Häuser in Flensburg-⸗Mürwik, in Daressalam und Apia durch— 
geführt werden. Damit ist die Bewegung absehbar abge— 
schlossen. Wir werden dann fünf Heime in der Heimat und 
drei in den Schutzgebieten haben. 
Wandsbek, 7. Mai. Einen Erweiterungsbau 
des städtischen Krankenhauses bezweckt ein vom Ma— 
gistrat und der Krankenhauskommission bei den Stadtkolle— 
zien gestellter Antrag. Es werden dazu 79 000 Mäangefordert. 
Davon entfallen auf den Erweiterungsbau des Operations- 
jauses 55 000 M, auf einen Anbau an das Wirtschaftsgebäude 
16 000 Meuund der Rest auf andere Baulichkeiten. Die Aerzte 
empfehlen die Anlage eines Röntgen- und eines medico⸗mecha⸗ 
nischen Zander-Instituts. 
Segeberg, 7. Mai. Die Maul- und Klauen—⸗ 
seuche ist leider an zwei weiteren Stellen des Kreises Sege— 
berg ausgebrochen, und zwar unter den Viehbeständen der Land— 
leute Rühmann und Thieß in Föhrden-Barl bei Bad Bram— 
stedt. Bis jetzt sind insgesamt 13 Rinder der beiden Besitzer 
an der Seuche erkrankt. 
Neumünster, 7. Mai. Die städt. Kollegten 
faßten am Freitag abend Beschluß über die 60 000 M, die 
der Lübecker Kaufmann Adolph Meßtorff der Stadt 
Neumünster testamentarisch vermachte. Das Kapital 
soll unter dem Namen Karl- und Doris-Meßtorff— 
Stiftung von der Stadt verwaltet werden. Aus den 
Zinsen sollen später 10 bedürftige Damen aus besseren 
evangelischen Familien jährlich je 200 Meerhalten. Weitere 
Beträge von je 50 Mekommen mehr als 60 Jahre alten 
bedürftigen Leuten zugute. Der Stüpendienfonds für 
Fachschüler beträgt 5282 M. Im letzten Jahre wurden 
750 Mean Unterstützungen gezahlt, jetzt wurden dem Bild⸗ 
hauer Lesnick, wie schon seit 4 Jahren, wieder 300 M 
gewährt. Die Handelsschule hatte im Vorjahre ein 
Defizit von 1163 M, deshalb wurde nun vom Magistrat 
beantragt, diese Anstalt in städtische Verwaltung zu nehmen. 
Die Kollegien beschlossen dem Antrage gemäß. Oberbürger⸗ 
meister Röer teilte mit, daß Rentier Andr. Sager für die 
Entsendung von Knaben und Mädchen aus den hiesigen 
Volksschulen in die Ferienkolonien 1000 Miästiftete. — 
Zur Verhaftung des Haus- und Gütermaklers Heinr. 
Meyer wegen Meineidsverdachts ist weiter mitzuteilen, daß 
auf Anordnung des Gerichts am Freitag sämtliche Geschäfts— 
bücher des M. beschlagnahmt wurden. Meyer hat sich zu 
einem Geständnis nicht bequemt, im Gegenteil, er bestreitet jede 
Schuld. 
Lockstedter Wager, 7. Mai. Prinz Friedrich 
Leopold wird in seiner Eigenschaft als Armee-Inspekteur 
im Lochsstedter Lager am 23. Mai die 34. medlenburgische 
Infanterie-Vrigade (Grenadier-Regiment Nr. 89 und Füsi— 
lier-Regiment Nr. 90) besichtigen. 
Großherzogtum Olpuhnea, Fürstentum Lübed. 
O Ottendorf, 7. Mai. Als Bauervogt wieder— 
zewählt wurde Landwirt R. Kaachsteen, zum Vertreter Land— 
wirt Heuer. — Der Bauervogt erhält keinerlei Vergütung 
jür sein Amt. 
O Gronenberg, 7. Mai. Die Wegekommifsion hat 
den Weg zwischen dem Wohnhaus des Oberlt. Wandt und dem 
Schulhause dem ersteren zugesprochen. — Chausseebau. Außer 
der Chaussee vom Süseler Baum über Sülel nach Haffkrug, die 
im Bau begriffen ist, wird eine zweite vom Bahnhof Gleschen— 
dorf über Pönitz, Gronenberg nach Haffkrug geplant. 
Ecelsdorf, 7. Mai. Ueberlandzentrale 
Lübecdck Ein von Herrn Direktor Schwennicke in Voßs Gast— 
haus gehaltener Vortrag war von Landwirten der Gemeinde 
Süsel gut besucht. Die Großherzogliche Regierung war durch 
Herrn Regierungsassessor Haßkamp vertreten, welcher in kurzen 
Worten das Proijekt der Elektrizitätsversorgung des Fürstentums 
Lübed erläuterte. Interessant war eine Mitteilung über die aus 
den Gemeinden Bosau, Ost⸗ und Westratekau, Eutin, Rensefeld, 
Kurau und Eckels dorf eingelaufenen Anmeldungen. Darnach sind 
bisher etwa 9000 Gluhlampen, 118 Bogenlampen und 343 Mo— 
toren mit zus. etwa 1750 Pð gezeichnet. Herr Regierungsassessor 
Haßkamp übertrug sodann Herrn Beigeordneten Siech aus Edels- 
dorf den Vorsitz. An der an den beifällig aufgenommenen 
Vortrag sich anschließenden lebhaften Aussprache beteiligte sich 
i. a. der Sekretär der Landwirtschaftskammer Eutin, Herr Dr. 
Reeder, und führte aus, daß mit Rüchssicht auf die Leutefrage 
die Landwirtschaft und das Gewerbe nicht anders mehr könne, 
ils zum motorischen Antrieb ihre Zuflucht zu nehmen. Die 
Vorteile, welche der Landwirtschaft dadurch erwüchsen, seien un⸗ 
treitig große. Er könne, nachdem sich hier unter so günstigen Ver⸗ 
hältnissen eine Anschlußmöglichkeit biete, den Landwirten nur 
mpfehlen, zuzugreifen. An die Errichtung einer eigenen Zen— 
trale sei nach seiner Ansicht überhaupt nicht zu denken, dagegen 
zrachte er den Anschluß an Lübeck, nach von ihm selbst und auch 
don sachverständiger Seite angestellten Berechnungen, für in jeder 
Hinsicht vorteilhaft. Der Vorsitzende schloz die Versammlung, 
indem er dem Herrn Regierungsvertreter, dem Vortragenden 
und Herrn Dr. Reeder den Dank der Anwesenden aussprach. 
Großherzogtümer Mecklenburg. 
Rostock, 7. Mai. John-Marlitt ist aus der 
Haft entlassen worden. Seine eine Tochter, die in 
Neustreliz am Hoftheater als Schauspielerin tätig ist, hatte 
ichon tagsüber der Verhandlung beigewohnt und nahm den 
Vater in Empfang. Freitag ist John-Marlitt nach Kiel 
abgereist, wo seine Frau und seine andere Tochter wohnen. 
John⸗Marlitt wird sich bei dem Urteil nicht beruhigen, son⸗ 
dern hat bereits Revision dagegen eingelegt. 
88 Grevesmühlen, 7. Mai. Im Obst-und Gar— 
tenbau-Verein hielt Wanderlehrer Stein, Güstrow, einen 
Vortrag über die Schädlinge der Obstbäume. 
⸗Rehna, 7. Mai. Das zweite theologische 
Fxramen hat Rektor Ernst Voß von hier bestanden. — Neue 
Drgel. Die alte Orgel in der Kirche ist nunmehr gänzlich 
abgebrochen worden. Die neue Orgel soll bis Himmelfahrt 
bezw. Pfingsten zum Gebrauch fertiggestellt sein. — BVerkauft 
hat Orgelspieler Heiners sein Wohnhaus nebst Wohnbude am 
Schützenplatz an Arbeiter Nilson für 4800 M. 
Sprechsaal. 
(Eür den Inhalt dieser NRubrik übernimmt die Redaktton 
keine Verantwortung.) 
GEingesandt 
Nochmals die Kinderwagen auf den Bürgersteigen. 
Dem Eingesandt, das sich kürzlich mit der Belästigung 
der Passanten durch den ungewöhnlich starken Verkehr von 
Rinderwagen auf den Bürgersteigen der Hauptverkehrsstraßen 
Breite Straße, Gr. Burgstraße, Mühlenstraße, Königstraße, 
Holstenstraße usw., beschäftigte, und das eine Polizeiver— 
ordnung forderte, die das Befahren der Bürgersteige mit 
dinderwagen verbietet, kann ich nur in allen Teilen beipflichten 
Da aber leider von seiten der betreffenden Behörde bishern 
eine Verordnung in diesem Sinne erlassen worden ist, möchte 
ch noch folgendes bemerken: Die Polizeiverordnung der 70en 
»der 8Oer Jahre, die das Verbot des Befahrens von Kinder— 
vagen auf den Bürgersteigen enthielt, ist s. Zt. nur auf 
ine Eingabe des Herrn-Lehrers Müller an das Medi— 
inalamt wieder aufgehoben worden, weil seinerzeit das 
Pflaster der Straßendämme allerdings so schlecht war, daß 
„ie Gefahr bestand, daß die Kinder, die in den fast feder⸗ 
o sen, nicht mit Gummirädern versehenen Kinderwagen 
pazieren geführt wurden, durch die Erschütterung, die das 
chlechte, holprige Pflaster verursachte, Schaden an der Ge—⸗ 
undheit nehmen würden. 
Heute ist das Pflaster sämtlicher Straßen unserer Stadt 
mit ganz geringen Ausnahmen tadellos, fsämtliche Kinder— 
wagen haben heute ausgezeichnete Federung und 
sind mit Gummirädern versehen, daß das Polizeiamt 
»uhig die alte Verordnung betreffs Verbot des Befahrens 
der Bürgersteige mit Kinderwagen wieder herstellen könnte; 
ie würde sich nur den Dank der Passanten und des großen 
Publikums erwerben. — Also fort mit den Kinderwagen 
vom Bürgersteig!! Ein alter Lübecker. 
Ariefkasten der Redaktion. 
B3. W. Sie wundern sich über den langsamen Fortgang der 
Straßenbahnbauarbeiten in der Königstraße zwischen Fleisch- 
zauerstraße und Hüxstraße und möchten gern erfahren, warum 
uicht die Nachtstunden wie in anderen Städten zu solchen Ar—⸗ 
zeiten, die dem Verkehr äußerst hinderlich sind, zur Hilfe ge— 
iommen werden. Der Grund wird in dem Kostenpunkt zu 
uchen sein; Tagesarbeit ist billiger als Nachtarbeit, aber den— 
ioch wäre es im allgemeinen Interesse erwünscht, wenn solche 
Arbeiten in solch verkehrsreicher Straße, wie die Königstraße 
st, unter Zuhilfenahme der frühen Tages- und späten Abend—⸗ 
tunden beschleunigt würden. Der Straßenbahnverkehr der 
Marli— Bahnhoflinie erleidet seit Wochen an dieser Stelle sehr 
inliebsame Verzögerungen, die baldigst im Interesse der Fahr— 
zäste und der Einnahmen beseitigt werden sollten. Der Bau 
nes zweiten Gleises in der Beckergrube und an der Untertrave 
geht ebenfalls nur sehr langsam vorwärts 
d 
Luftfahrt. 
d. Flugapparat und Fallschirm. Die Blériot-⸗, Farman⸗ 
usw. haben alle den großen Nachteil, daß sie leicht kippen und 
durch die bisherige Anordnung der Sitze veranlaßt. Es wird 
lärleren Winden nicht leicht standhalten. Zum Teil wird dies 
hdurch die bisherige Anordnung der Sitze veranlaßt. Es wird 
iun in der Kölner Flugmaschinenfabrik von A. Delfosse ein 
xlugapparat fertiggestellt, der in jeder Hinsicht nach neuen 
ßrundsätzen gebaut ist. Die Erfinder dieses Flugapparates 
ind die Tarmstädter Ingenieure Abelmann und Becker, die 
»en größten Wert auf die Flugsicherheit des Apparates legen. 
steben den zwei gewöhnlichen Tragflächen wird, wie wir in 
»er Illustrierten Zeitschrift für Armee und Marine, „Ueberall“, 
esen, als dritte Tragfläche ein Fallschirm verwendet, der 
den bedeutenden Umfang von 80 Geviertmetern hat. Da— 
durch hat der Flugapparat von vornherein eine große Sicher⸗ 
heit, die noch durch die Anordnung der Sitze erhöht wird. Zur 
tärkleren Sicherung des Gleichgewichts ist nämlich tief unter⸗ 
halb der Tragflächen eine Gondel angebracht, die dazu be— 
stimmt ist, die Fahrenden aufzunehmen. Auf diese Weise 
st nicht nur ein Umschlagen des Flugapparates unmöglich 
zemacht — selbst bei stärkstem Sturm bleibt die Gleichgewichts— 
age gewahrt —, sondern es wird dadurch auch erreicht, daß auf 
»er Flugmaschine bis 6 Personen Platz haben. Der Apparat 
st mit drei starken Delfosse-Motoren deutscher Arbeit von 
usammen 120 Pferdestärken ausgerüstet. Die neue Anordnung 
zieser Flugmaschine bedeutet einen großen Fortschritt gegen 
vie bisherigen Systeme. Zu erwähnen ist noch, daß sie durch 
die Art der Propellerkonstruktionen imstande sein sein, auf den 
Anlauf vor dem Aufsftieg zu verzichten und sich direkt vom 
Standort aus in die Luft zu erheben. Das Gestell des Appa—⸗ 
rates besteht aus Stahlrohr. 
ODermischtes. 
Ein Eisenbahnzusammenstosz auf Probe. Um über eine 
Klage entscheiden zu können, beschloß ein Senat des Prager Handels⸗ 
zerichts, einen Eisenbahnzusammenstoß in der Station Zlabings zu 
inszenieren. Frau Henriette Freund aus Dalschitz in Mähren fuhr am 
2. August 1908 mit ihrer Tochter, Frau Hirsch, nach Wien. Die 
Damen saßen im letzten Wogen. In der Station Zlabings sollle 
dieser Wagen abgekoppelt werden, und beide Damen truzen ihr Gepäck, 
zwei Reise orbe, in den ersten Wagen, Beim Rangieren des Zuges 
gerieten einige verschobene Wagen infolge falscher Weichenstellung auf 
das Gleis, auf dem die Personenwagen standen. Es kdam zu einem 
Zusammenstoke, wobei Frau Freund, wie sie angibt, durch einen vom 
Hepäcksach herabfallenden Korb verletzt wurde. Die Dame behauptet. 
ꝛine schwere wmaumatische Neurose erlitten zu haben und verlanat 50 000 
stronen Schadenerlotz. Der Vertreter des Fiskus erhob den Einwand, 
»aß der Unstoß ganz schwach gewesen und es ausgeschlossen sei, daß 
ine derartige Verletzung durch Verschulden der Bahn herbeigeführt 
vorden sei. Der Korb sei vielmehr durch Verschulden der Klägerin 
elbit herabgefallen, weil er nicht ordentlich versorgt gewesen sei. Bei 
der erlten Verhandlung wies das Handelsgericht die Kloge kosten⸗ 
Fflichtig ab. Die Klägerin legte Berufung beim Oberlandesgericht 
ein, das die Entscheidung aufhob und dem Prozeßgericht die Weisung 
erteilte, das Beweisverfahren nach allen Richtungen zu vervollitändigen. 
besonders sofern es sich auf die Unterbrinaung der Reilelörbe und die 
GHeschwindiakeit der angerannten Wagen richtet. Infolgedessen mußte 
der Prozeß von neuem verhandelt werden. Der Senat des Handels⸗ 
erichts beschloß nun, die Situation, wie sie zur Zeit des Unfalles 
porlaag, von neuem herbeizusühren. In Anwesenheit der Sach 
verständigen werden die beiden Damen in der Station Zlabinas ihre 
Reisekörbe in demselben Wagen, wie damals, in den Gepädächern 
zersorgen. Auch andere Damen, die damals mitfuhren, werden als 
Zeugen vorgeladen werden, um in dem Wagen Platz zu nehmen. 
Dann wird eine Lokomotive eine gleiche Anzahl von Wagen verscheben. 
damit ein möglichst ähnlicher Zusammenitoß erfolge wie am 2. Augus. 
1905. Darnach werden die Sachverständigen die Stärke und die Folgen 
des Anpralles zu beurieilen haben. 
Die Millionäre von Berlin W. als märkische Gutsherren. 
Vor einiger Zeit ist das Haus des Reichskanzlers von Bethmann⸗ 
Hollweg dadurch in Trauer versetzt worden, daß die Stiefmutter seiner 
Hemahlin. Frau Aanes von Pfuel, geborene Gräfin zu Dohna, starb 
ZSie war seit 1897 die Witwe Gustavs von Pfuel, Fideikommikherrn 
auf Wilkendorf und Gielsdorf im brandenburgischen Kreiie Ober— 
zarnim, des Letzien seines Namens, der Wilkendorf und Gielsdorf 
zesaß. Viele Jahrhunderte war dieser Teil des Oberbarnims das 
Eigentum der Herren von Pfuel. Ueberall erblickt man ihr Wappen 
mit den drei Regenbogen und im Vollsmunde heißt es das „Pfuelen⸗ 
Land“. Noch jetzt ist Wilkendorf und Gielsdori ein Fideikommiß. 
Fideikommißherr aber it der Geh. Kommerzienrat Dr. Georg von 
Caro, jener millionenreiche Eisenwerkbeiitzer, der am 27. Februar 1996 
den preußischen Adel erhielt. Am aleichen Tage wurde der Geheime 
Rommerzienrat Fritz von Friediänder⸗-Fuld nobilitiert, der im schle⸗ 
ischen Kreise Ratibor das Fideilommiß Groß⸗Gorschütz und im Kreise 
Rybnik die Standesherrschaft Loslau besitzt. Ganz dicht bei Wilkendorf 
siegt Schulzendorf, ebenfalls ein ehemaliges Pfuelsches Gut, zurzeit 
gehört es der Familie Israel, die in der Leinen- und Baumwoll⸗ 
produktion zu großem Reichtum gelangte. Das alte Klostet Lehnin, 
vessen Aebte einst in Berlin fürstlichen Hof hielten, ist Eigentum des 
Kommerzienrates Abel, des Chefs des Bankbauses Abel & Co. Bör⸗ 
aicke bei Bernau, früher den Herren von Bredow gehöria, wurde 
zurch Ernst von Mendelssohn-Bartholdy mit einer Pracht ausgebaut, 
zie man sonst auf märkischem Boden selten findet, und in Schloß Mar—⸗ 
suardt bei Nauen, wo der General von Bischofswerder, der allmächtige 
ßünstling des Königs Friedrich Wilhelm ID, begraben liegt, wohnt 
der Geheime Kommerzienrat Louis Ravens. Die Liste ist lang. Be—⸗ 
chränken wir uns darauf, noch zu erwähnen, daß die brüderlichen 
dommerzienräte Ernst und Conrad von Borsig auf Groß-Behnitz 
wischen Spandau und Rathenow sitzen, Dr. Paul von Schwabach, 
er Chef des Hauses Bleichroeder, Herr auf Kerzendorf im Kreise 
Teltow ist, Dr. Wilhelm von Siemens Biesdorf an der Ostbahn bei 
Hoppegarten besitzt, der Geheime Kommerzienrat Hugo Oppenheim, 
ver früher an der Spitze des Bankhauses Robert Warschauer stand, 
das Rittergut Rehnitz im Kreise Soldin und der Kommerzienrat Theodor 
Hilka das Rittergut Dessow im Kreise Ruppin sein eigen nennt. 
Daß die Millionäre von Berlin W. die märlischen Güter als Nieder⸗ 
iassungen so stark bevorzugen, liegt nicht in letzter Linie daran, dak das 
Auto es ihnen ermöglicht, von dort aus täglich ihre Geschäftsräume 
in der Reichshauptstadt aufzusuchen. So geht einer nach dem anderen 
von den brandenburgischeu Edelsitzen, mit denen sich so viele geschicht⸗ 
iche Erinnerungen verknüpfen, in die Hände der gestern oder vorgestern 
reich gewordenen Bank- und Kaufherren von Berlin W. über. Das 
sst ein Zeichen der Zeit ... nge. 
Ein Student als Juwelenmarder. In Muünchen wurde 
ein Student verhaftet, der seit Wochen in raffinierter Weise bei 
der Auswahl von Juwelen in verschiedenen Geschäften kostbare 
Stücke gegen minderwertige vertauschte. Seine Kühnheit ging 
o weit. wieden in Geschäfte zu gehen, in denen er solche Tricks 
chon ausgeführt hatte, obwohl seine Personalbeschreibung in 
den Zeitungen stand. In einem Laden, den er wieder betrat, 
erkannte ihn eine Verkäuferin und veranlaßte seine Verhaftung. 
Der Student, der in ganz guten Verhältnissen lebt, hat nichts 
von den Juwelen verkauft, sondern sie alle in der Woh⸗ 
naung versteckt. Deshalb hat auch das Amtsgericht in 
Berudsichtigung seines zweifellos vsychopathischen Zustandes den 
Haftbefehl aufgeboben.
	        
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