Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Auf der Sisenbahn in die Sahara. 
J 
Sine Fahrt auf der ersten bisher vollendeten Strecke der in 
dlussicht genommenen Eisenbahn durch die Sahara, die ursprüug⸗ 
lich nach Timbuktu führen sollte, nun aber früher oder später west- 
lich nach Marokko hinein geleitet werden soll, schildert der eng⸗ 
Asche Reifende Harxry de Windt in einem Londoner Blatt. Seine 
Fahrt ging von Oran nach Colomb-Bechar, dem südlichsten 
Punkt, der bisher von dem Schienenweg in Nordafrika erreicht 
ist. Die Bahnstrecke führt entlang an der am weitesten vorge— 
schobenen Kette der französischen Militärposten, die von Oran 
aus in einer Linie mit der algerischen Grenze fast bis zum äußer— 
sten Südosten von Marokko ausgedehnt sind. 
„Ich verließ Oran bei Sonnenuntergang und wachte am 
nächsten Morgen früh in jenem Gebiet voll öder Flächen, zer⸗ 
Aüfteter Felsen und hoher Sanddünen auf, das das zivilisierte 
Algier von der großen Wüste der Sahara trennt. Während der 
Nacht war unser Zug 3000 Fuß in die Höhe geklommen, und 
Schnee lag hie und da, aber er kaute bald fort ünter dem immer 
stärker wirkenden Sonnenschein, der von einem hellen Himmebl 
strahlte. Wir hatten einige Orte passiert, die auf der Karte als 
Städte verzeichnet sind, in Wirklichkeit aber nur kleine Garni— 
Fonen aufweisen mit ganz wenigen Zivilisten als Bewohnern, so 
Le-Kreider, wo die Pariser „Apachen“ des gefürchteten Ba— 
taillon d'Afrique stationiert sind, Mecheria und Ain-Sefra. An—⸗ 
dere Stationen waren einfache Hütten, ohne sichtbaren Grund in 
dieser Wildnis aufgerichtet. Einige dieser „Bahnhöfe“ wurden 
mit Steinmauern umgeben, um sie gegen einfallende marokkanische 
Trupps zu schiitzen, die gelegentlich über die Grenze herüber— 
brausten und die „Stationen“ niederxissen. Zu stehlen ist in 
dieser Kden Wüste wenig, denn die Eifenbahn ist eine rein 
strategische Linie, und die gelegentlichen Kandelswaren, 
die hier transportiert werden, getrocknete Datteln 
uind gur Papierhereitung dienendes wildes Alfa-Gras, sind nicht 
der Rede wert. Die Linie hat übrigens die frauzösische Regierung 
bereits über 25 Millionen Fres. gekostet. Ein kleiner Unfall auf der 
Strecke hielt mich zwei Tage lang, nur 40 englische Meilen von 
meinem Bestimmungsorte entfernt, in Beni-Unif fest, einem wichti— 
gen Posten, da der Ort Zenaga benachbart ist, der Hauptstadt der 
großen marorkanischen Oase Figig. Beni-Unif' ist eine schattenlose 
kleine Garnison mit großen neuen Baracken, um die rund herum 
niedrige Häuser mit flachen Dächern liegen. Eine von den bielen 
Turchsahrten des Ortes, die mit einer doppelten Reihe von Stöcken 
geschmückt ist, wird Boulchard genannt, und wenn es die Namen 
allein wären, so könnte man sich in diesem öden afrikanischen Nest 
direlt nach Paris versetzt fühlen, denn jede Straße hat einen hoch— 
tönenden Nanen, der auf einem blauen Emailleschild zu lesen ist, 
zwei, schmutzige Läden heißen „Au Louvre“ und „Prinkemps“, und 
at — Haus ist ein teures Restaurant, in dem freilich nichts als 
ie Bezeichnungen an französische Eßkultur gemahnen. In dem Hotel 
des Ortes lungern die Offiziere den langen lieben Tag herum, flu—⸗ 
chen ihrer, Untätigkeit, spielen Karten und Domino und schlürfen 
„Tomates“, eine schlimme Mischung aus Absynth und Kirschensirup, 
die ein ganz besonderes Produkt von Beni-Unif ist. Die Garnison 
vesteht aus etwa tausend Chasseurs d'Afrique, Spahis und Frem— 
denlegionären; auch ee Truppen vom Senegal sind hier zu 
einem Experiment, ob sie das Klima aushalten. Sie befinden sich 
wegen der Kälte, unter der sie leiden, in einem beständigen Zustaude 
der Meuterei. 
In einer Entfernung von vier Meilen jenseits der Grenze liegt 
das blühende Zenaga, eingebettet in eine Oase von solcher Ausdeh— 
nung und Fruchtbarkeit, daß ihr Ruhm sogar bis in die Bazaäre des 
fernen Fez dringt. Zenaga ist viele Jahrhunderte alt und noch heute 
von einem farbigen Glanz und einem märchenhaften Zauber um— 
flossen, der an die Schilderungen von Tausend und eine Nacht denken 
läßt. Vor zehn Jahren noch hätte kein Europäer gewagt, diesen Ort 
zu betreten, und als im Jahre 1903 der Gouverneur von Algier 
uͤnter militärischer Begleitung einen friedlichen Besuch wagte, wurde 
er mit einem plötzlichen Hagel von Flintenkugeln enpfangen, der 
mehrere Leute seiner Umgebung tötete und verletzte. Die Eisenbahn 
war damals noch 20 Meilen entsernt, aber innerhalb einer Woche nach 
diesem Vorgang war eine starke Macht von der Küste angelangt, 
und französische Granaten versetzten die Bewohner von Zenaga 
in einen solchen Schrecken, daß ihre demütige Unterwerfung ein 
Werk von Minuten war. Die Eisenbahn wurde dann rasch bie 
Colomb⸗Bechar weitergefiͤhrt, wobei Beni-⸗Unif als ein Wacht— 
vosten für dieses schöne, aber gefährliche „Hornissennest“ angelegt 
wurde. In einer ungeheuren, üppig blühenden Ebene hingelagert, 
erhebt sich die Stadt mit ihren einsamen Minaretts; Fruchtgärten 
voll roter und weißer Blüten schmiegen sich um die Mauern und 
ranken sich au ihnen empor, während dahinter ein wundervoller 
Wald von Dattelbäumen auftaucht, den die Bewohner von 
Henaga das Palmenmeer nennen. Ein Dorado voll Lieblichkeit 
umd Reichtum, das wie eine Fata morgana auftaucht zwischen 
diesen öden, dumpfen Wüstenplätzen. Colomb-Bechar ist nur eine 
Wiederholung von Beni-Unif, mit dem einzigen Unterschied, daß 
hier noch eine Batterie Artillerie liegt. 
Vierzig Meilen nordwestlich davon liegt Bu-Denib, das von 
den Franzosen erst nach großen Verlusten vor kurzem besetzt 
vurde, aber ient stark befestief und mit Colomb-Bechar tele— 
I— 
Sin frecher Spatz. 
Humoreske von Adolf Thiele-Elbing. 
„Es ist also noch schmutzig draußen? Das freut mich wirk— 
lich,“ sagte LAdalbert Sittig zu seinem Freunde Max. 
Adalbert war stud. med. freilich ein schon sehr abgelagerter 
SZtudent, der seine Anzahl Semester hinter sich hatte. 
„Wieso freut Dich der Schmutz auf der Straße?“ fragte Maxr, 
der eben eingetreten war, etwas erstaunt. Max war, nebenbe 
bemerkt, Adalberts chemaliger Schulkamerad, er hatte ihn jedoch 
längst hinter sich gelassen Und war jetzt praktischer Arzt. Dies 
hinderte ihn nicht zugleich einer der gutmütigsten Menschen zu 
sein, die die Sonne je beschien. 
„Num sieh,“ erklärte Adalbert, „ich bin wieder einmal so weit, 
daß ich absolut nicht die Mittel erschwingen kann, diesen göhnen— 
deun Riß in meinem Stiefel kurieren zu lassen. Da trete ich jedes— 
mal, sobald ich auf die Straße komme, in den Schmutz, und der 
Riß ist versteckt. Doch bitte, nimm nur Platz!“ Max setzte sich 
zuf einen Stuhl, den ihm Adalbert reichte. Der Stuhl brach so— 
fyrt zusammen, Adalbert ließ ein ungemein heiteres Gelächter 
artönen, und der gutmütige Max erhob sich ärgerlich. 
„Laß doch endlich diese Dummheiten!“ grollte er. 
Mun, sei nur nicht galeich so empfindlich wie ein neuer 
Zylinder!“ begütigte der Freund. „Das ist ija nur mein Ope— 
rations- und Patientenstuhl. Hier ist ein anderer.“ Zugleich 
setzte er den wankelmütigen Stuhl sorgfältig wieder für künftigen 
Bedarf zusammen. „Eine betrübende Mitteilung muß ich Dir 
noch machen,“ fuhr er fort. „Die Hose hier, die Du neulich zer— 
platztest und mir gabst, habe ich zum Kunststopfer getragen, und 
das hat vier Mark gekostet.“ 
„Aber sie ist doch nun so gut wie neu, wie ich sehe.“ 
Das schon, aber ich habe vier Mark dafür ausgeben müssen, 
und ich bin doch eigentlich gar nicht schuld daran, daß sie zer⸗ 
rissen ist.“ 
„Na höre einmal, Adalbert, das ist denn doch eine etwas 
sonderbare Anschaunng!“ 
„Schon qut, licber Freund, echauffiere Dich nicht! Da klappert 
nein Stubengenosse die Treppe herauf.“ 
„So, hast Du jetzt wieder einen Stubenkameraden?“ 
Jawohl, ein Theologe, ein biederer Mensch. Der hat eine 
Erziehung genossen! In dessen Familie ging's fast so streng zu 
wie beim Handwerkszeug, wo der Vater Hammer selbst wohl⸗ 
geratene Söhne auf den Kopf schläat und Mutter Zange sie an 
diesen packt.“ 
Jetzt trat der Stubengenosse ein und wurde Max vorgestellt. 
Dieser junge Mann besaß die Eigentümlichkeit, daß alles an ihm 
windschief war: die Nase, der Mund, die Schultern und die Glied⸗— 
maßen. Der Harmonie halber saß ihm auch der lange schwarze 
Rock schief. Er ließ sich in der Nähe des Fensters nieder und 
teckte seine windschiefe Nase in ein Buch. 
Max begann ietzt davon zu sprechen, was ihn hergeführt. Er 
ebat sich ein, Werk zurück, das er Adalbert geliehen. 
„Jaso!“ sagte dieser etwas betroffen. „Das studiert.“ 
„Du hast es versetzt? Na, da hört doch —“ 
„Da hört die Weltgeschichte und der Gurkenhandel auf, willst 
Du sagen,“ fiel Adalbert schnell ein. „Ich mache Dir einen guten 
Vorschlag: leihe mir einen FTaler, so hast Zu das Buch heufe noch.“ 
zraphisch verbunden ist. Os die Bahnlinie der Richtung dieser 
Telegraphenlinie folgen wird, ist die Frage, denn eine Fort⸗ 
ühbrüung der Linie nach Agadir an der Westküste würde das reiche 
ind früchtbare Tafilelt-Tal durchschneiden, doch ist dieses von 
riegerischen Stämmen bevölkert, die dem Sultan noch niemals 
Tribut gezahlt haben und sich gegen europäische Eindringlinge zur 
Wehr setzen würden. Vorläufig sind jedoch alle Pläne einer Linie 
in das südliche Marokko hinein aufgegeben; es wird vielmehr eine 
nördliche Eisenbahn von 180 Meilen Länge errichtet, die von der 
gegenwärtigen Endstation Lalla-Marnia, 60 Meilen südwestlich 
bon Oran, nach Fez führen wird, über Taurit, wo schon eine 
französische Garnison ist, und Tazg, der alten Karawanenstraße 
von Fez nach Algier folgend. Die Genehmigung zum Bau dieser 
Linie ift bereits von der französischen Regierung erteilt.“ hl. 
Der Bankett-Photograph. 
Ueber einen sonderbaren Spezialisten auf photographischem Ge⸗ 
hiele plaudert ein Mitarbeiter des Strand Magazine. Er schreibt: 
„Der Mann, von dem hier die Rede sein soll, heißt Young und ist 
»ffizieller Photograpy der großen Bankette, die im Laufe des Jahres 
en London veranstaltet werden. Es gibt Photographen, die nur 
tinder photographieren, es gibt Photographen, die nur für die Auf⸗ 
üͤhrungen kostümierte Schauspieler und Sänger auf die Platte brin— 
jen, weshalb soll es da nicht einen photographischen Spezialisten 
jeben. der mehr oder minder berühmte Tischgäste, in dem Ausenbilck, 
in dein die Verdauung einer ausgezeichneten Mahlzeit, beginnt, ab⸗ 
tonterfeit und wenigstens „in effigis“ auf die Nachwelt zu bringen 
ucht? Der Brauch, offizielle oder sonstwie bemerlenswerte Bankette 
zu photographieren, ist ja auch nicht mehr auf England beschränkt, 
ondern jetzt schon in der ganzen Welt verbreitet. Daß er sich so 
rasch verbreiten konnte, ist ein Verdienst des Magnesiumblisblichts, 
das alle Hindernisse, die früher dem Photographen durch die 
Dunkelheit und den Halbschatten bereitet wurden, spielend zu ed 
veiß. Herr Young, der sein Geschäft seit mehreren Jahren ausübt, 
kann aber ein Lied singen von anderen Schwierigkeiten, die sich ihm 
nn den Weg stellen, wenn er ein großes Bankelt mit allen seinen 
Teilnehmern photographieren will, und das gerade in dem Augen⸗ 
blick, in dem man zwanglos plaudern und nicht in steifer Haltung 
dasitzen will. Bis vor kurzer Zeit untersagten denn auch die Be— 
ißer der Hotels, in denen die großen Vankette stattfinden, den 
Photographen den Zutritt, weil sie fürchteten, daß ihre Gäste sich 
iber die Störung beschweren könnten. Jetzt photographiert Young 
in London oft sechs Bankelte in einer Nacht; die Negative schickt er 
Zer Auto in sein Atelier, sodaß die Gäste, wenn sie von der Tafel auf— 
stehen, das Vergnügen haben, ihr Probebild zu bewundern oder auch 
nicht zu bewundern. 
Von den Dingen, die das Photographieren im Bankensaale er— 
chweren, seien hier nur einige genaunt. Der Photograph wünscht 
zewöhnlich, daß die Persönlichteit, die dem Bankett präsidiert, im 
Roment des Photographierens aufrocht stehe: dieser fromme Wunsch 
wird aber nicht immer beachtet und gewürdigt. Dann sind alle 
Bankettsäle, die etwas auf sich halten, mit Laubgehängen, Blunien— 
— 
Schatten und „dunkle Punkte“, die selbst den ruhigsten Photographen 
aus der Fassung bringen können. Und weiter der Zigarren- und 
Zigarettenrauch. Durch flehentliche Bitten wird oft ertreicht, daß 
die Raucher im kritischen Augenblick ihre Glimmstengel aus dem 
Munde nehmen, aber die bessere Einficht kommt meist zu spät, denn 
die Atmosphäre des Saales ist längst durch den Rauch verschleiert, 
und die Photographie muß darunter leiden. Eine der größten 
Schwierigkeiten bilden jene Gäste, die nicht einsehen können, daß 
nan das Gesicht dem Apparat zuwenden und einen Augenblick lang 
tillsitzen muß, wenn man gut photographiert werden will. Und wenn 
»ann schon alle Störungen beseitigt zu sein scheinen, marschiert 
zerade in dem Augenblick, in dem der Photograph das Objektivglas 
aufdeckt, tänzelnden Schrittes ein Kellner durch den Saal, der dann 
natürlich auf dem Bilde den besten Platz hat oder mit seiner Servietle 
das Gesicht eines der Renommiergäste verdeckt. Viele Tischgäste lassen 
zugleich mit dem Magnesiumblitzlicht ihren Geist. — oder was fie da⸗ 
ür halten — leuchten. „Wenn ich den Blick auf diese erlauchte Ver— 
ammlung richte,“ sagte einmal ein Festredner, „sehe ich ein hell— 
trahlendes Licht glänzen; ich meine aber nicht das Licht, mit dem 
ins jetzt gerade der brabe Mann dort in der Ecke übergießen will.“ 
Und ein anderer Redner betonte, daß er Licht in eine dunkle An— 
gelegenheit zu bringen gedenke, wenn er auch nicht hoffe, es in puncto 
Bestrahlung mit dem Herrn Photographen aufnehmen zu können. 
Bei vielen der Bankette, die Herr Poung photographiert hat, saß an 
der Spitze der Festteilnehmer der König von England. Der gegen— 
wärtige regierende Könignist ein Freund der Photographie und der 
Photographen; er ist selbst immer bereit, sich mit anderen Tischgästen 
hotographieren zu lassen und trieb einmal seine Sympathie für die 
Photographie so weit, daß er seinen Nachbar zur Rechten höflich er— 
suchte, während der Aufnahme die Zigarette wegzulegen.“ —ü— 
„Nun aut, hier ist der Taler. Aber das ist ja reizend,“ rief 
Max, als setzt plötzlich ein wohlklingender Vogelgesang durchs 
zimimer tönte. „Und lauter vollständige Lieder! Erst Die Wacht 
im Rhein, jetzt die Loreley. Ist das ein nettes Tierchen,“ und 
zabei eilte er auf das Fenster zu. Hier befand sich ein Bauer, in 
dem ein unscheinbar aussehendes graues Vöglein saß. 
Der Gesang verstummte, als sich Max näherte; der Vonel 
flatterte unruhig hin und her. 
„Du darfst ihm nicht zu nahe kommen,“ sagte Adalbert, „Du 
machst ihn sonst verschüchtert.“ 
„Es scheint,“ entgegnete Max, der jetzt wieder in die Tiefe 
des gexäumigen Zimmers zurücktrat, „es scheint, als ob er auch 
zorhin, als ich kam, verschüchtert war. Er sang wenigstens nicht.“ 
„Da hast Du recht,“ sagte Adalbert, „er sang nicht.“ 
Nun begann der liebliche Vogelgesang wieder von neuem, erst 
n einem kühlen Grunde“, dann „Strömt herbei, ihr Völler⸗ 
scharen“. 
Max lauschte mit stiller Bewunderung. Der gaute und reine 
Ton gefiel ihm, ausnehmend. Endlich trennte er sich aber doch 
mit der Bitte, ihm das Buch zu bringen. 
Adalbert begleitete ihn zur Trebpe und rief: „Ich löse es 
heute noch aus.“ 
— Etwa vierzehn Tage später saß Max grübelnd in seinem 
elegant eingerichteten Zimmer. War es doch anch ein schwieriger 
Fall, der ihn beschäftiate, sollte er doch etwas aussinnen, womit 
er seinem alten Onkel eine Geburtstagsfreude machen könnte. 
Er hatte dem wohlwollenden alten Herrn viel zu danken, zu⸗ 
dem war der Alte ein Erbonkel. 
Vergeblich sann Max nach. 
Plötzlich kam ihm ein Gedauke: „Wie wäre es,“ murmelte er 
yor sich hin, „wenn ich dem Onkel das Vöglein scheukte, das 
v hübfch saug⸗ Allau teuer wird es mir Adalbert nicht verkau⸗ 
en. Er ifst doch eine ehrliche Haut, dieser Adalbert, gleich den 
ãchsten Tag hat er mir neulich das Buch gebracht. Und. dabei ist 
er immer luftig, auch vor acht Tagen, als ich ihn zum zweiten Mal 
besuchte, und der Vogel wieder so prächtig sang.“ 
An diefem Tage war Max verhindert, Adalbert aufzusuchen, 
erst am nächsten Tage war ihm dies mönlich. Nun freilich war 
keine Zeit mehr zu verlieren. 
Nachdem er, den Freund und dessen Stubengenossen begrüßt, 
brachte er sogleich sein Anliegen vor. „Sage einmal, Adalbert, 
verkaufst Du den Vogel nichtꝰ“ 
„Warum nicht? Ich kann immer Geld gebrauchen.“ 
„Was soll er kosten?“ 
Dreißig Mark!“ 
„Ein bißchen viel —“ — 
Nun, wenn Du ihn haben willst, fünfundzwanzig meinet⸗ 
veneu.“ 
„Gut! Wie wird er denn verpfleat? Hast Du nicht ein Blatt 
Papier, dies zu notieren?“ 
Der windschiefe Theologe erbob sich von seinem Platz und 
hrachte ein Blatt. 
Adalbert diktierte seinem Freunde die Verhaltunasmaßregeln, 
nauchesmal aber unterbrach sich Max im Schreiben, um dem lieb⸗ 
shen Vogelgesang au lauschen, der jetzt wieder durch das Zimmer 
onte 
1 
Die jungtürkische Frau. 
Mit wie großem Stolze auch das jungtürkische Regi 
Ruhm für sich in Anspruch nimmt, durch — 
Zivilisation und modernen Ideen im Lande des Halbmondes 
Siege verholfen zu haben: auf dem Gebiete des türkischen dnnn 
ehens ist die politische Umwälzung ohne befreienden Einfluß 
ere im Gegenteil, die türkischen Frauen empfinden naß 
Leiden ihrer Stellung mit doppelter Härte. Gerade das Eindringen 
moderner Ideen un den tragischen Widerspruch zwischen Theori 
und Praris doppelt schmerzlich sühlbar machen. Das zeigt . 
neuem das Belenutnis einer jungtürtischen Frau, die unter den 
Namen, Karaschebek Hanem im Figaro eine Betrachtung veröffent 
licht, die einen tiefen Einblick in die Stellung der gebildeten Türkin 
wirst. Erst kürzlich hat Munir Pascha in einem Pariser Blatte 
einen Lobeshymnus auf das Leben der türkischen Frau gesungen, 
die bon der Europäerin zu beneiden sei; diese sehr rosig gefärbte 
dernne war es, die den Widerspruch der jungtürkischen 
Zchreiberin erweckt hat. 
— möchte Munir Pascha einmal sehen, wenn er zu unseren 
Hareinsleben und zu unserer Abgeschlossenheit verdanut würde; er 
dürde vielleicht seine Meinung wechseln, würde begreifen, wie grau 
in grau und trostlos für eine intelligente und nur halbwegs ge 
bildete Frau das Leben im Harem dahinfließt. Gewiß, wir lesen, 
das Lesen ist ja unsere einzige ung. Aber mit wem sollen wis 
einen nur halbwegs ernsten Gedanken austauschen? Die Gesell 
schaft der Männer ist uns verboten, und wir sind umgeben von 
Frauen und Freundinnen, die zur, Mehrzahl nie einen Unterricht, 
a kaum eine Erziehung genossen haben, denn zur Zeit des alten 
Regime war es den Mohammiedanérn verboten, ihre Töchter nach 
Suropa zu schicken, und die Gouvernanten, die man uns gab, waren 
nie ihren Aufgaben gewachsen. Unsere Gatten sind aufs höchste 
rstaunt, wenn wir mit Ine uͤber einen Gegenstand sprechen wollen, 
er über die Grenzen des sogenannten Da Bereichs hinaus 
zreift. Sie fliehen unseren Harem, der mit kindern, Sklaven und 
Sesinde überfüllt ist, sie gehen ihren enen ihrem Berufe, ihrem 
Bergnuͤgen nach, besuchen Diners, Bälle und Feste, die von Euro— 
äerinnen veranftaltet werden, von denen wir nur den Namen kennen. 
Seufzend können wir dann die Berichte über jene eleganten 
—Impfänge lesen, denen beizuwohnen uns ewig versagt sein wird. 
Wir wissen als gute Mohammebdanerinnen, daß Umwälzungen sich 
aicht ploͤtzlich vollziehen sollen, und wir verstehen auch, daß Jahr— 
junderte alie Bräuche durch den Fangtismus der Geistlichen und,des 
niederen Volkes verteidigt werden. In unserem heiligen Buche stehl 
nichts davon, daß wir Sklavinnen sein sollen, und der alte Brauch, 
er uns zur Finflernis und zur Verschleierung verdammt, hat seinen 
wunderlichen Ursprung. Unser großer Prophet hatte nie daran 
gedacht, den Augen seiner Schüler das Gesicht einer, Frau zu verhül— 
sen, bis er eines Tages durch die große Schönheit der Gemahlin 
eines seiner Freunde geblendet wurde. Jhn ergriff eine solche Leiden⸗ 
schaft, daß er die Frau überredete, ihm zu folgen und so den Gatten 
i wechseln. Aber dann kam ihm der Gedänke, daß sich das wieder— 
holen könnte, und daß es für die Sicherheit des Liebhabers und 
halten gefährlich sei, die Schönheit, seiner Geliebten allen Augen 
nuszufetzen. Damals verfügte er, daß die Frauen verschleiert gehen 
follten, um so die Gelieble den Augen der anderen Männer zu ent⸗ 
iehen. Die Jahrhunderte haben jene Vorschrift geheiligt, und wit 
Frauen des 50. Jahrhunderts müssen den Schleier tragen, weil 
NRohammed por mehr als dreizehn Jahrhunderten einmal eifersüchtie 
zewesen ist!“ 
Karaschebek Hanem spricht dann darüber, wie die niedrige Stellung 
hder fürkischen Frau wiederum auf die Männer zurückgewirkt habe, 
vie die Liebe dadurch alle Zartheit einbüßen mußte, und sie be— 
ichtel auch, wie kurz nach dem Sturze Abdul Hamids ein junges 
Nadchen von der Menge buchstäblich in Stücke gerissen wurde, weil 
8 einen jungen Christen, einen Griechen, liebte und sich mit ihm 
erloben wollie. Die türkische Frau hät kein Bestimmungsrecht, die 
khefchließung wird zu einer brutalen, leeren Förmlichkeit. „Man 
aut wir könnten unseren Gatten erwählen. Wir können nur den 
horgeschlagenen annehmen oder ablehnen, das ist alles. Türch 
mseren dichten Schleier dürfen wir einen flüchtigen Blick auf den 
Mann werfen, den unsere Verwandten für uns erwählt haben, und 
vir kennen von dem künftigen Gatten nicht mehr als seine äußere 
Erscheinung. Er weiß von uns nichts, kennt uns nicht, und wenn 
im Tage der Hochzeit unser Gesicht ihm mißfällt, so bringt schon 
der erfse Nigenblice der Ehe den Anfang des Abscheus oder der 
Jleichgůltigleit, die bald zum Hasse werden. Und trotzdem heiralen 
vir, benn unser Leben ist so eintönig, daß jede Wandlung wiil⸗ 
Hmnunen bleibte Ift unser Bräutigam'schön und jung, so beneiden 
ins die Freundinnen, 'aber für eine zartere Natur bleibt es eine 
schmerzliche Stunde, wenn dieser Fremde kommt und uns aus dem 
reise der Familie hinwegninimt.“ 
Was die jungtürtische Frau verlangt, ist nicht viel; cine crn 
und gute Erziehung, auf daß sie auch ihre Söhne erziehen kön:te, 
cine Erweilerung des Familienkreises, der es ihr ermöglicht, auch 
mit den Freunden ihrer Gatten und Brüder kameradschaftlich zu ver 
hren. Ich weiß, was ich hier verlange, ist eine völlige Revolu⸗ 
on Aber Line wichtigere und größere Revolution als die, die die 
enalischen Suffraggettes erstreben, die englischen Frauenrechite 
rinnen die ihr Stnmrecht längst besitzen werden, ehe wir unglück⸗ 
lichen Schwestern aus dem Orient eine wirkliche Wandlung in unserer 
ranrigen, schaltenhaften Lehensweise erfahren 
z 
Endlich vackte man den Vogel in eine durchlöcherte Kiste, Man 
versicherte dicse mit fünfundawanzig Mark und sandte sie an seincg 
Dukel, ab. Seinem Glückwunschschreiben legte er die sauber ab⸗, 
Jeschriebenen Verpflegunagsregeln bei, und er gab auch die Lie— 
der au, deren Klaug ihn, mehrmals so erfreut hatte. 
Wenige Tade später kam ein Brief an: einliegend, 50 .4. Dor 
Onkelzeinte fich febr erfreut über das Geschenk, und Max war da- 
her echt ufrieden mit seinem Kauf. Er sprach dies auch gegen 
Adalbert dus, als er ihm einmal auf der Straße, begeanete. 
Sas freun mich.“ Lief diefer, daß der Vogel, Deinem OQukch 
so aefällt, Es ist aber auch ein so nettes und anbänaliches 
Tierchen.“ 
Einige Wochen später erhielt Max nochmals einen Brief vomt 
Dntet. Vieber Reffe so vieß es darinleider bin ich über Dein 
Heschent sehr enttauscht worden, der Vogel, singt nämlich nicht. 
Iu der ersten Zeit alaubte ich er wäre noch schüchtern und mirnt— 
eht eimische werden. Vald aber, wurde er ugemein zulrauli.h, 
a heraderu jrech. aber singen wollte er nicht. Endlich,ließ ich einen 
Vonelhbandler als Sachberständigen kommen, und dieser fowie auch 
ndere Lente erklarten den Vogel für inen gemeinen Spatzen, 
Ih halle es fir ausgaeschloffen, daß Du Dir mit mir einen schlech⸗ 
ten Scherz hast machen wollen, ich alaube vielmehr, daß Du selbsf 
iber das Dhr gehauen worden bist. Aher argerlich ist, die Sache 
immer; womit ich verbleibe Deiun gufrichtiger Dukel Dietrich.“ 
Mit Bestürzung las Max den Brief einige Male durch. „Un— 
veareiflich!“ fagie er zu sich Ick habe doch den Vogel mebrmasg 
singen horxen.“ Sogaleich suchte er Adalbert auf, um sich das Rätie 
lösen zu lassen. 
Er fand ihn allein. „Sage einmal.“ rief er qus, „wie ist ed⸗ 
denn mit dem Vogel? Mein Onkel schreibt mir, daß er nicht finat! 
daß es ein ganz gemeiner Spatz ist.“ 
Was ist daran Wunderbares?“ fraate Adalbert Sittig aauß 
rubig Wie kann er verlangen, daß ein gemeiner Svatz sinatꝰ 
ylber ich babe doch den Vogel mehrmals selbst singen hören. 
Da irrft Du Dich wohl. Mein Siubengenosse, der Theologg 
mit der auten Erziehung, hat das Talent, Vogelstimmen zu imi⸗ 
ieren, in einem solchen Maße, daß, mau gar kein Gehörkrüppel zu 
fein braucht, um zu alauben, es sei wirklicher Vogelaesang.“ 
Wied⸗ rief Max höchst erstaunt. „Da hat alĩo immer deß 
Theoloae gepfiffen und nicht der Vogelꝰ“ 
„Freilich!“ 
Wofür hast Du denn, aber die fünfundzwanzia Pfark aenom⸗ 
men?“ rief Max ietzt zornig aus. 
„Nun, Du frggtest, ob ich den Vogel verkaufe. Mir war dag 
znhänaliche Tierchen aus Herz gewachsen. billig kounte ich cs michl 
ergeben. Du wirst Dich eutfinnen. daß ich viemals behauptet 
habe, der Vogel sänge, Tröste Dich übrigens, ich habe Dein Gel 
nicht mehr, Dein Onkel aber hat immer, noch, meinen Spatzen.“ 
„Und bas foll eine Entschuldiaung sein?“ donnerte Max., 
Nun, sei nur gut,“ saate Adalbert, ich biete Dir Ersatz; so 
oft Du willst, soll Dir mein Stubengenosse etwas vorpfeifen.“, 
Genug. mit uns, ift es aus. sagte Max gefaßt. Du bist im 
höchtten Grade uͤnverschämt.“ Damit, ging er zur Tür hingus 
gVdalbert aber solate ihm und rief ihm, als er (bou die Treppe 
hinunter ang mit sanftem Tone nach: Slch, hebster, Max, ponue 
nich nicht unverschämt !. Weißt. Du, was unverschämt. ist? Wenn 
an einem den Spazierstod auf dem Kuͤcken zerprügelt und dan 
Bezablung des Stoges verlanat: siehst Du, das ist unverschämt
	        
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