Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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IVV . — 
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Ausgabe A. Sonnabend, den 29. April 1911. 
Abend⸗Blatt Ur. 215. 
— — 
Aus den Nachbargebieten. 
Hanfestãdte. 
Samburg, 29. April. Deutsche Antarktische 
Erpedition. Am Montag erfolgt die Schlußbesichtiaung 
des Expeditionsschiffes der Deutschen Antarktischen Expedition,. 
Deuischland“, bei der der Herzog von Sachsen⸗Altenbura, 
Prinz Heinrich, sowie einige Mitglieder des Senates zugegen 
sein werden. Um 1Uhr findet anläßlich der Anweslenheit 
der genannten Fürstlichkeiten im Rathause eine Fruhstũcks tafel 
statt, zu der u. a. auch die Miitglieder der Antarktischen 
Erpedition eine Eintladung erhalten werden. . 
eeeseier. Der Dampfer „Samos“, der die Leiche 
des in Konstantinopel von einem albanischen Soldaten er⸗ 
schossenen Oberstleutnants Sigismund v. Schlichting an Bord 
hat, ist am Freitag in später Abendstunde im hiesigen Hafen 
ingckueffen. Am Sonnabend nachmittag findet die Gedächtnis⸗ 
feier für den in der Mitte der vierziger Jahre aus dem 
Leben geschiedenen Offizier statt. 
Schles wig⸗ Hofftein. 
Salstenbek, 29. April. Ein tödlicher Unglüuͤds⸗ 
falftrug sich am hies. Bahnhof zu. Ein Bremser, der einen 
Rangierzug begleitete, wurde angefahren und von den Wagen 
jmmer weiter geschoben, bis der letzte Wagen vorbei war. Mit 
gebrochenem Schlüsselbein, sowie Rippenbrüchen und tödlichen 
inneren Verletzungen wurde der Unglücliche aufgefunden. 
Großherzogtum Oldenburg, Fürstentunnß Lübed. 
Vechta, 29. April. Unfall mit Todesfolge. In 
bder Bauernschaft Spreda kam der Landwirt Lampe beim Dünger⸗ 
fahren zu Fall und geriet unter die Räder des Wagens. 
Er brach mehrere Rippen; eine drang ihm in die Lunge 
und führte seinen Tod herbei. 
Lauenbura. 
D. Sandesneben, 209. April. Die Genossen⸗- 
schaftsmeierei bezahlte an die Interessenten im ver— 
ftossenen Monat nach Abzug von 1 Pfg. pro Liter für Be⸗ 
triebsunkosten 8 Pfg. pro Liter Vollmilch aus, Klinkrade zahlte 
8,3 Pfg. nach Abzug von O,9 Pfg., Labenz zahlte 8,9 Pfg. nach 
Lbzug von 1Pfg., Schiphorst zahlte 9,8 Pfg. nach Abzug 
won 0,6 Pfg. Wentorf⸗-Linau⸗Sirksfelde zahlte 8,6 Pfg. nach 
Abzug von 0,8 Pfg., Nusse zahlte 9 Pfg. nach Abzug von 
z Ag, Schönbera⸗Franzdorf zahlte 9.1 VPfq. nach Abzug von 
5 Pfa. 
zeschätzt. Als Spekulationsobiekt ist natürlich der Wert erheblich 
öher. — Zeuge Agent Fredrich-Greifenberg war beim 
Verlauf von Heiligendamm mit tätig und hat über John⸗ 
Marlitt von den verfchiedensten Firmen Auskunfte eingeholt. 
Die Auskunfte bezifferten sein Vermögen auf mindestens 
(z Mill. M. Der Zeuge nahm daher auch an, daß Marlitt 
Vermögen hatte und der richtige Mann war, um Heiligen⸗ 
ramm wieder in die Söhe zu bringen. — Vors.: Wie hoch 
ollte Ihre Provision sein? — Zeuge: 75 000 VUt. Man 
rüdte meine Forderung aber auf 40 000 Miherab. — Vors.: 
Faben Sie diese Summe bekommen? — Zeuge: Nicht einen 
Bfennig. — Vert. R⸗A. Wolff: Es ist doch nicht üblich, 
aß der Käufer die Provision zahlt. — Zeuge: Der Kauf— 
reis war gedrückt, und daher hielt ich mich an den Kãäufer. 
Von einem mußte ich die Provision doch bekommen. — Ange 
— DDDDD— 
Zeuge von mir nichts bekommen hat. Ich habe ihm einen 
Wechsel in Höhe von 25 000 Megegeben. — Zeuge: Ich habe 
noch mehr Wechsel bekommen, aber keiner ist honoriert wor⸗ 
den. — Zeuge Professor Dr. Pannwitz⸗Charlottenburg 
der Generalsekretär des Internationalen Vereins zur Be⸗ 
fämpfung der Tuberkulose. hat eine Zeitlang auf Heiligendamm 
reflektiert und den 
Wart Seiligendamms 
m Verein mit dem Ingenieur Brandes-Hannover und dem Ber⸗ 
iner Baurat Herzberg auf 2300 000 M abgeschätzt, aller⸗ 
dings unter Zugrundelegung der Angabe, die die Agenten 
es Barons v. Kahlden gemacht hatten. Wenn es modern 
rusgebaut würde, wäre aus Heiligendamm etwas zu machen, 
wie Besucher aus den Kreisen der mecklenburgischen Ritter⸗ 
rutsbesitzer dem Zeugen wiederholt erklärt haben. — Zeuge 
zotelbesitzer Selck⸗Brunshaupten hat den reinen Nutzwert 
zeiligendamms auf 1180 000 Mäabgeschätzt, wobei der Wald 
‚om forstlechnischen Standpunkt nicht mitgerechnet ist. — Zeuge 
Forstmeifterv. Brandenstein: Die Waldfläche Seiligen— 
‚amms beläuft sich auf 28 440 Hektar. Der Wert dieses Areals 
zeträgt nach meiner Berechnung 176178 M. Für Bebauungs⸗ 
wecke wäre der Wert natürlich höher. Aber wenn der Wald 
zeseitigt würde, würde ganz Heiligendamm ruiniert sein, der 
Wald ist unentbehrlich. 
Längere Erörterungen knüpften sich an die Vernehmungen 
»es Fabrilbesitzers Huß⸗-Schwerin, durch den der Angeklagte 
John von der Pianofortefirma Perzina drei Flügel und ein 
Zlavier für Heiligendamm im Werte von mehr als 6800 M 
zezogen hat. — Angekl. John: Die Instrumente sind mir 
hon Reisenden geradezu aufgedrängt worden. Als Ziel waren 
ursprünglich fünf Jahre in Aussicht genommen. Das Ziel 
wurde aber gerade auf meine Veranlassung auf zwei Jahre 
herabgesetzt. — Vorß.: Sind die Instrumente bezahlt worden? 
Angekl. John: Nein. Die Frist ist ja noch nicht verstrichen. 
— Wors.: Wo sind denn die Instrumente? — Angekl.: Die hat 
Louis Wolff sich bei der Versteigerung mit angeeignet. — Vert. 
R.⸗A. Wolff: Wollen Sie behaupten, durch John getäuscht zu 
ein? — Zeuge: Das kann ich nicht sagen. — Vert.: Sie 
Jaben sich zur Hergabe des Geldes hauptsächlich durch die 
JJänzenden Auskünfte bewegen lassen, wohl vor allem durch 
die Auskunft der Firma Wolff? — Zeuge: Jawohl. 
Der nächste Zeuge war Theaterdirektor Türsch— 
mann. Vors.: Wann sind Sie mit dem Angeklagten Marlitt 
in geschäftliche Verbindung getreten? — Zeuge: Im letzten 
Sommer in Heiligendamm. — Vors.: Sie haben ihm Blanko— 
akzepte gegeben? — Zeuge: Ja, ich hatte volles Vertrauen 
zu ihm. — Vors.: Wieviel haben Sie ihm gegeben? — Zeuge: 
Es war 
ein ganges Padck Blanke atzepte. 
Mörse Dae Ff or sämflich ausaefürste“ — Zeuge“ — 
Vors.: Hat er Ihnen von der Höhe der Summe Mitteilung 
gemacht? — Zeuge: Ich dachte, er könnte bis zum Betrage 
bon 260 000 Megehen. — Vors.: Sie waren im vorigen 
Zommer doch vermögenslos. — Zeuge: Was verstehen Sie 
imnter vermögenslos? — Wors.: Waren Sie in der Lage, 
inen Wechsel in HSöhe von 100 000 Mzu honorieren? — 
Zeuge: Unter gewissen Voraussetzungen ja. Marlitt sagte 
—— und wenn mein großes 
Uniernehmen ging, konnte ich es ihm zurückzahlen. — Vors.: 
hatten Sie denn Aussicht auf ein großes Unternehmen? — 
Zeuge: Jawohl. — Vors.: Sie haben es aber nicht gemacht? 
Zeuge: Lediglich wegen der Verhaftung Marlitts bin 
ich nicht dazu gekommen. — Vert.: Sind Sie durch die plötz⸗ 
liche Verhaftung Marlitts also um Ihre Existenz gekommen? 
— Zeuge: Das kann ich wohl sagen. — Staatsanw.: Die 
Verhaftung erfolgte am 13. Okt. Standen Sie damals wirklich 
in ernsten Verhandlungen wegen des Prager Theaters? — 
Zeuge: In den allerernstesten Verhandlungen. — Staatsanw.: 
In welcher Weise war Ihr pekuniäres Schichsal in diesem 
Moment mit dem Angeklagten Marlitt verknüpft? Seine 
Verhaftung erfolgte doch, weil er beschuldigt wurde, eine 
ganze Reihe Personen betrogen zu haben. Konnten Sie 
bamals irgendeine Zahlung von ihm erwarten? — Zeuge be— 
saht diese Frage. Es solgten dann noch nähere Erörterungen 
sper Marre Rermaaonsperhältnisse und Mechselgeschäfte. 
Reisen, Bäder und Sommerfrischen. 
VBad Sooden Werra. Am 18. April wurde, begünstigt 
jvom herrlichsten Frühlingswetter, die diesjährige Kur eröffnet. 
Unter den ersten Kurgästen konnten u. a. eingetragen werden: 
die Gräfinnen Anna und Bertha zu Solm. Cousinen der 
Großherzogin von Hessen. 
Die Errichtung einer Zentralstelle zur Förderung des 
Fremdenverkehrs in der Schweiz beantragte, wie aus Bern 
gemeldet wird, im Nationalrat das Mitglied des Nationalrats 
Dr. Seiler, der bekannte Walliser Hotelunternehmer. 
164. Der Wandelhallen⸗-Neubau in Bad Kissingen ist nun⸗ 
mehr im verflossenen Winter durch die königl. Staatsregierung 
nach dem Entwurfe und unter der Bauoberleitung des Prof. 
Max Littmann-München zur Aussführung gelangt und da— 
mit eine Anlage vollendet, wie sie dem internationalen Publi—⸗ 
kum eines Weltbades entspricht. Im Stile einer dreischiffigen 
Basilika gehalten, erhebt sie sich in imposanter Größe und 
dereinigt architektonasche Schönheit mit Zweckmäßigkeit. Das 
an i hrem Nordende sich anschließende Querschiff birgt in seinem 
westlichen Teile die weiträumige, komfortable und in hygie nischer 
Beziehung durchaus einwandfrei ausgestaltete Quellenhalle des 
Rakotzy und Pandur, während dessen östlicher Teil als offene 
Halle den Zugang von der Kurhausstraße vermittelt. Der 
Innenraum der grohen Wandelhalle, reichlich mit Licht durch- 
flutet und mit gärtnerischem Schmuck sowie springenden Brunnen 
geziert, macht durchaus den Eindruck einer großen Gartenhalle, 
die nicht nur bei schlechtem, sondern auch bei schönem Wetter 
einen angenehmen, willkommenen Aufenthalt bieten wird. Durch 
entsprechende Anordnung des Orchesters am Nordende der 
Zalle ist dafür Sorge getragen, daß dasselbe sowohl nach dem 
Harten zu, als auch bei einer Umdrehung von 180 Grad nach 
der großen Halle zu, spielen kann. Auch der Maxbrunnen 
wurde neu gefaßt und hat ein prächtiges Tempelchen in grie— 
hischem Stil erhalten, das sich zwischen dem offenen Quellen⸗ 
chachte und der Kurhausstraße erhebt und zweifellos einen 
zauptschmuck des neu umgestalteten Kurgartens bildet. Die 
kröffnung der k. Bäder ist am 1. April erfolgt. Seines ge— 
nähigten Klimas wegen ist Kissingen zum Gebrauch einer Bade— 
urin den Monaten Mpril und Mai sehr zu empfehlen. 
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und das Operationsgebiet mit Jodtinktur, so sixiert diese 
alle etwa porhandenen Keime und verhindert sie, in das 
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her gründlich von allem Schmutz und größeren Partikeln durch 
Waschen und Seifen gereinigt. Zum Ueberfluß bedient sich 
der Operateur dann noch ausgekochter Gummihandschuhe. Die 
Erfolge, die bei dieser Desinfektion erzielt worden sind, übertrafen 
was die Promptheit der Wundheilung anbetrifft, alle Er⸗ 
wartungen. So ist es also nicht mehr verfrüht, auch dem 
Laien das Jod für diejenigen Gelegenheiten zu empfehlen, bei 
denen er kleine Wunden versorgen will. Die sachgemäße Be⸗ 
handlung einer Schnittwunde wird darin bestehen, daß man 
über sie und ihre Umgebung Jod streicht und das ganze Gebiet 
mit einem sterilen Gazebausch bedecht. Dabei ist es wün— 
schenswert, daß auch die Hände des Hilfeleistenden, die mit 
dem verletzten Teil in Berührung kommen, vorher mit Jod 
bepinselt werden. Unzweckmäßig in jedem Falle ist die so 
beliebte Behandlung mit feuchten Umschlägen. d. 
Großherzogtümer Medlenburg. 
Friedland, 29. April. Tödlicher Unfall. Dem 
Gutspächter Garbers in Pelsin ging auf der Spazierfahrt 
das Pferd durch. Dabei wurde seine Frau aus dem Wagen 
geschleudert; sie erlitt einen Schulterbruch und Rippenbrüche. 
Die in die Lunge gedrungenen Rippen hatten den Tod zur 
Folge. Garbers blieb unverletzt. 
der Zusammenbruch von heiligendamm vor 
Gericht. 
Rostock, 28. April. 
In der weiteren Vernehmung des Zeugen Holst fragte 
diesen Verteidiger R⸗A. Gauck: Meinen Sie, daß Marlitt 
ohne eine Beschlagnahme der Mieten durch die Saison gekommen 
wäre? — Zeuge: Auf jeden Fall. Vor allem wäre uns 
das Geld nicht unterbunden worden. — Vert. R.A. Gauck: 
Dr. Niessen hat mit seiner Familie auch in Heiligendamm 
gewohnt, aber wohl auf Kosten des Angeklagten? — Zeuge: 
Soviel ich weiß, ja. — Erster Staatsanwalt Brümmer: 
Ich werde mich für die Person Dr. Niessens in keiner Weise 
ins Zeug legen. — Vors.: Welches ist der reale Erwerbswert 
von Heiligendammꝰ — Zeuge: Wir hahben ihn auf 850 000 M 
Gemeinnũtzige KRundschau. 
Schwitzkuren. 
Schon zu Großmutters Zeiten wurde der Junge, wenn er 
beim Schlittschuhlaufen eingebrochen war, sofort ins Bett ge⸗ 
stect und gezwungen, heißen Tee in großen Mengen zu 
trinken, damit ein starker Schweißausbruch sich einstelle, und 
genau so handelt heute die sorgliche Mutter in gleichem Falle. 
Es läßt sich nicht leugnen, daß dieses alte Hausmittel mancher 
aus einer Erkältung drohenden ernsten Krankheit vorgebeugt 
hat, und so wenig andere Hausmittel die Billigung des 
Arztes finden können, hier liegt für ihn kein Grund zum 
Widerspruch vor. Welche Vorgänge die ableitende Schwitzkur 
im Körper zur Folge hat, können wir mit Bestimmtheit heute 
noch nicht angeben, und vor allem hat die Annahme, daß mit 
dem Schwitzen Krankheitsstoffe den Körper verlassen, bisher 
bei der objektiven Forschung keine ganz einwandfreie Unter⸗ 
stützung gefunden. Die Wirkung aber ist da, und sie wird bei 
Erwachsenen wesentlich befördert, wenn man den heißen Gea4— 
tränken Alkohol zusetzt. Der Alkohol hat bei Vergiftungen, 
besonders bei Schlangenbissen, einen zweifellos heilenden Ein— 
fluß, und in gewissem Sinne ist auch eine Infektionskrankheit 
als eine Vergiftung des Körpers aufzufassen. Wenn nämlich 
durch eine Erkältung die natürliche Abwehrfähigkeit des 
Körpers gegen die ihn angreifenden Krankheitskeime ver— 
mindert ist und diese Krankheitskeime in den Körper ein— 
dringen, so werden sie für ihn besonders deshalb gefährlich, 
weil sie in ihm Gifte ausscheiden, die sogenannten Toxine, 
deren sich der Körper dann durch von ihm selbst produzierte 
Gegengifte, Antitoxine, zu erwehren sucht. Die Infektion 
kann also mit Recht als eine Vergiftung bezeichnet werden, 
und das Glas Grog, so sehr wir es für den Gesunden als 
Alkoholmißbrauch verbieten müssen, bekommt bei dem erkälteten 
Erwachsenen eine entschieden prophylaktische Bedeutung und 
unterstützt wesentlich die Schwitzkur in ihrer Unterdrückung 
der Erkältungskrankheit. Daß zwischen der Infektion und 
dem Alkohol ein Zusammenhang bestehen muß, ist auch daraus 
erkenntlich, daß eigentümlicherweise Personen, die sonft keinen 
oder nur wenig Alkohol vertragen, ihn im Zustande der Er— 
kältung resp. der Vergiftung ohne Beschwerden nehmen können, 
so daß dam also der Körper weniger schnell der eigentlichen 
Alkoholwirkung unterliegt, als in gesunden Tagen. Diese 
WBeobachtung ish vieltach gemacht worden Und wirß 42164 
jedermann leicht in seinen Kreisen machen können. Wo eine 
Erkältungskrankheit droht, soll daher sofort eine ableitende 
Schwitzkur angewandt werden, und deren Unterstützung durch 
den Alkohol in zulässiger Form und den individuellen Ver—⸗ 
hältnissen angepaßter Menge ist mindestens zu gestatten. 
Dr. M. 
* 
Der Siegeszug des Jods in der Chirurgie.; 
In der modernen Wundbehandlung beginnt sich ein großer 
Umschwung zu vollziehen. Die Tage der Antisepsis, wo Karbol-⸗ 
nebel Operationssaal, Operateur und Patienten einhüllte, sind 
ängst dahin. Die Jodoformgerüche, die das Karbol ablösten, 
haben sich ebenfalls verflüchtigt. Auch die giftige Sublimat⸗ 
lösung findet in der Klinik nur noch wenig Verwendung. Die 
Absichten, die man mit allen diesen Desinfizientien hatte, alle 
Bakterienkeime, die sich im Operationsgebiet befänden, mit 
inem Schlage zu vernichten, haben sich nicht verwirklichen 
assen. Die desinfektorischen Maßnahmen im Wundfelde hatten 
n vielen Fällen nur die Folge, daß die Keime nicht abge— 
ötet oder hinausgespült, sondern im Gegenteil in die Gewebe 
jineingespült wurden. Dort, in unerreichbaren Schlupfwinkeln, 
Fatten sie die Gelegenheit zu üppigsier Entwichlung; die scharf 
virkenden, fast immer für den Organismus giftigen Des— 
nfektionsflüssigkeiten dagegen schädigten die Gewebe so, daß 
ie mindestens die Wundheilung aufhielten. Deswegen ist man 
m Laufe der letzten Jahre davon abgekommen, Wunden zu 
»esinfizieren. Nur die Umgebung des Operationsgebietes, die 
band und das Messer des Chirurgen sollen keimfrei gemacht 
werden. Auch von diesen drei Problemen hat sich nur 
eins realisieren lassen: Die metallischen Instrumente lassen 
ich in der Tat durch Kochen in Wasserdampf sterilisieren. 
Aber die Haut sowohl des Chirurgen wie des Patienten trotzt 
iesen Bestrebungen. Je mehr gewaschen, geseift, gebürstet, 
jeschabt wird, um so mehr Bakterien kommen aus der Tiefe 
»er Epidermis ans Licht. Man hat also diesen Gedanken wohl 
»der übel fallen lasser müssen, und ohne in das andere 
ẽcatrem zu geraten, nach anderen Mitteln suchen müssen, welche 
die Verschleppung von Mikroben in die Wundgebiete verhüten. 
Dabei ist das altbekannte Jod wieder zu Ehren gekommen. 
Jod hat zunächst bakterientötende Eigenschaften. Aber diese 
ommen, wie aus dem Vorhergesagten ersichtlich ist, hier 
nicht so sehr in Betracht, als seine weitere bekannte Eigen- 
chaft. ꝛu kleben Bestreicht daber der Operateur leine Sand⸗ 
* 
Gemüseverdauung. 
Gelten Gemuse in ungekochtem Zustand schon als schwer 
verdaulich so weiß man, dah ungekochte Vegetabilien wie 
Zalate, Rettiche, Radieschen, rote Rüben, Gurken noch we— 
niger ertragbar für einen nicht ganz festen Magen sind. 
Nach den bisher gültigen Anschauungen fand der Verdauungs⸗ 
prozeß ausschließlich im Darm statt, und zwar nicht durch einen 
der Verdauungssäfte des Darmes, sondern durch die Mit—⸗ 
hilfe von Bakterien. Neuere Untersuchungen aber, die Prof. 
dr. Adolf Schmidt in Halle unternahm, beweisen die Mit⸗ 
zeteiligung von Magen und Darmkanal an der Erschließzung der 
Zellulose. Wie nämlich der Magensaft die Fähigkeit besitzt, 
das Bindegewebe des Fleisches aufzulösen und so das Fleisch 
der Eiweißverdauung zugänglich zu machen, so wirkt die Salz- 
ãure des Magensaftes auf vegetabilische Zellprodukte chemisch 
erkleinernd ein. Fehlt dem Magen die genügende Menge 
Salzsäure, wie bei vielen Magenerkrankungen, so werden die 
Begetabilien nicht tangiert, gelangen unverändert in den Darm, 
wo sie auch von dem Verdauungssaft nicht angegriffen werden. 
Die ungelösten Brochken bilden Schlupfwinkel für schädliche 
Balterien, die den Darm zu Katarrhen und Durchfällen reizen. 
daher muß man bei Salzsäurearmut des Magens darauf sehen, 
dah die pflanzlichen Nahrungsmittel gut durchlocht. vorher abet 
ausciebio ꝛertleinert ö .
	        
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