Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

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ienstag, den 4. April 1911. 
Ausgabe — 
Abend⸗Blatt Kr. 173. 
Aus den Nachbargebieten. 
Hanfestãdte. 
Samburg, 4. April. Tarifbruch. Ein weiterer Fall. 
in welchem gewerkschaftlich organisierte Arbeiter unter offenem 
Bruch des Tarifs einen unzulässigen Zwang auszuũuben ver⸗ 
suchten, hat sich im Betriebe des sozial demokratischen Konsum⸗, 
Bau⸗- und Sparvereins „Produktion“ zugetragen. Ein in der 
Materialienderwaltung beschäftigter Arbeiter war nach seiner 
und seiner Kollegen Ansicht zu Unrecht gekündigt worden. Die 
Verwallung hiell an der Auffassung fest, daß der Betreffende 
sfür den Posten nicht geeignet war. Es standen sich also 
widerstreitende Auffassungen gegenüber, deren Ausgleich nur 
durch ein für solche Fälle vorgesehenes Schiedsgericht erfolgen 
konnte. Die Verwaltung war mit der Beschreitung dieses 
Weges einverstanden. Trotz dieses beiderseitigen Einverständnisses 
legten am anderen Mittag die Kollegen des angeblich Gemaß⸗ 
regelten die Arbeit nieder. 
Hamburg, 4. April. Der Lohnkampfim Solz⸗ 
ewerbe. Eine Versammlung der Ausgesperrten und Streiken⸗ 
zen war zum Montag vormittag von der Verwaltung des 
Zolzarbeiterverbandes einberufen worden. Der Gauleiter be⸗ 
merkte, daß zu Beginn dieser Woche nach den von der Streil⸗ 
leitung geführten Kontrollisten insges. 2160 Streikende resp. 
Ausgesperrte vorhanden waren. Von einer allgemeinen Durch⸗ 
führung der Aussperrung könne, so führte der Gauleiter aus, 
wohl kaum gesprochen werden, wenn man bedenke, daß 
nindestens 5000 organisierte Holzarbeiter im Städtekomplex 
Hamburg⸗Altona-Wandsbek vorhanden sind. Unter diesen Um⸗ 
dänden sei es begreiflich, wenn sich im Lager der Arbeitgeber 
die Stimmen mehrten, die auf eine baldige friedliche Beilegung 
des Kampfes dringen und vom Holzarbeiterverband die Ver—⸗ 
mittelung von Arbeitskräften verlangen. Die Verwaltung habe 
dies bis jetzt abgelehnt, doch sei zu erwägen, ob es sich 
nicht empfehle, bei Vermehrung derartiger Ansprüche mit den 
einzelnen Arbeitgebern Einzelverträge abzuschließen. Natürlich 
mühten diese Verträge eine sofortige Verkürzung der Arbeits⸗ 
zeit mit entsprechender Lohnerhöhung enthalten, auch müßten 
die wichtigsten Vertragsbestimmungen anerkannt werden. Wenn 
man dieses erlangen könne, dann würde es auch später viel 
leichter sein, mit dem Arbeitgeberschutzverband auf dieser Grund⸗ 
lage zu einem Friedensschluß zu kommen. Die Versammlung 
erklärte sich ohne Debatte mit den Vorschlägen der Orts⸗ 
erwaltung einverstanden. 
Zum Neubau des Thaliatheaters. Der Abbruch 
der alten Marienthaler Bierhalle ist beendet, so daß mit dem 
Neubau nunmehr begonnen werden kann, der aller Voraussicht 
aach im August 1912 vollendet dastehen wird. 
Gleine Nachrichten) Ein Schuß ist Sonntag auf 
den von Kiel kommenden Eilzug 35 zwischen Station Stern⸗ 
chanze und Dammtor abgegeben worden, ohne jemanden zu 
Herletzen. 
—A 
tädtischen Fischauktionshalle betrug im März d. J. 
1653 851 Pfund im Werte von 198287 M. 
Schleswig⸗ Holftein. 
Kiel, 4. April. Ein nicht beachteter kaiserlicher 
Befehl. Anr Tage des letzten Kaiserbesuches wurde durch 
Schutzleute den Direktoren und Rektoren der Schulen mitgeteilt, 
daß auf Befehl des Kaisers der Unterricht ausfallen solle. Als 
einer dieser kaiserlichen Boten den Auftrag ausrichtete, wurde 
ihm entgegnet: „Das kann jeder sagen“, und da der Schutzmann 
den Auftrag nicht schriftlich vorzeigen konnte, wurde der Un⸗ 
terricht fortgesezßt. Erst um 11 Uhr wurde die Schule ge— 
schlossen, denn erst dann stellte sich heraus, daß der Unterricht 
tatsächlich Rsfallen sollte. Der Vorfall ereignete sich an der 
Schule, die auch von einem Neffen des Kaisers, dem Prinzen 
Sigismund, besucht wirrd. — Dem früheren Dirigenten 
der Kapelle der . Matrosendivision Fritz in Stral— 
sund, der fast erblindet ist, wurden an seinem 90. Geburtstage 
vom Staatssekretär des Reichsmarinenmts 200 Miüberwiesen 
Obermusikmeister Pott, der Nachfolger oes Aubilars, übersandte 
—— eine Kiste 
Wein. Auch vom Offizierkorps erhielt Fritz Geschenke: des⸗ 
seichen übermittelten die ehemaligen Hoboisten in Kiel 
uind Umgegend, die unter ihm der Kapelle angehört hatten, 
eine vom Staatsanwaltschaftsassistent Behn entworfene Adresse 
und ein Geldgeschenk.. 
Wandsbek, 4. April. Aus der Furst-von⸗Bisz— 
mardk⸗Stiftung wurden am Geburtstage des eisernen Kanz⸗ 
lers Unterstützungen an 15 Witwen, 2 Ehepaare und eine ledige 
weibliche Person in HShe von 20— 40 Mim Einzelfall verteilt. 
Flens burg, 4. April. In den Ausstand getreten sind 
die Schuhmachergesellen wegen Nichtbewilligung ihrer Lohnfor⸗ 
derungen. 
Luftschiffahrt. 
Der Internationale Aeronauten-Verband genehmigte in 
seiner außerordentlichen Konferenz, der als Vertreter Deutsch 
rands Hauptmann Sildebrand beiwohnte, am Sonnabend, 
wie aus Paris unterm 2. April gemeldet wird, die Be— 
timmungen des europäischen Rundfluges. Das 
Fliegerrennen wird unter Ausschaltung der deuischen Strecke 
von Paris nach Belgien, Holland und England gehen 
und dann nach Frankreich zurückführen. 
Fliegerkursus für deutsche Offiziere. Berlin, 4. April. 
Bestern begann in Döberitz der erste Fliegerkursus für die 
rus der Armee kommandierten Offiziere. Für die erste Aus⸗ 
zildung, deren Dauer auf drei Monate bemessen ist, sind 26 
Dffiziere, darunter auch Vertreter des bayerischen, sächsischen und 
vürttembergischen Kontingents, kommandiert worden. Mit der 
Zeitung der neugebildeten Lehranstalt ist der Oberst Messina 
heauftragt worden. Als Lehrer fungieren die Oberleutnants 
Geerdtz, Erler, Lts. Mackenthun, v. Tarnoczy, Frei— 
herr v. Thüna, Förster, Canter. 
Die Sonntagsaufftiege des „Ersatz Deutichlend“. Ein Te⸗ 
legramm aus Friedrichshafen meldet: Am Sonntag sanden an⸗ 
säßlich des hiesigen Blumentags drei Aufstiege von je 12 
Stunden nach Feldkirch, Ravensburg und Konsianz mit zu— 
ammen 60 Passanieren statt. Ein vierter Aufstieg mußte wegen 
Hewitterbildung unterbleiben. Bei dem dritten Aufstieg trat 
rein ganz geringfügiger Motordefekt auf. Sonst hat gich, nach 
persönlichen Mitteilungen der Direktion und einiger Delagmit⸗ 
gdlieder, das Luftschiff in allen Teilen ganz vorzüglich bewährt. 
Wie der Neuen 6bg. Z3ig. gemeldet wird, erreichte das Luft⸗ 
scchiff bei der Höhenfahrt am Freitag eine Höhe von 1800 m 
äber dem Meere nur durch dynamische Kraft ohne jede 
Ballastabgabe, hat also damit einen neuen Rekord auf— 
gestellt. 
Der gescheiterte eurorã sche Rundfsug. Die B. 3. a. M. 
zibt bekannt. daß die gestifteten 100 000 Mäauch nachh dem 
Scheitern des internationalen europäischen Rundflugs der 
Aviatik zugute kommen werden. Es soll ein Rundflug 
deutscher Flieger über deutschen Boden werden, 
oer in Berlin beginnt und in Berlin enden wird. Bei der 
Festlegung der Strecke sollen vom Verein deutscher Flug⸗ 
echniker diejenigen Slädte berücksichtigt werden, mit denen 
zereits Verhandlungen eingeleitet oder zum Abschluß ge— 
kommen sind. Also u. a. Magdeburg, Hamburg, Bremen, 
Muünster, Düsseldorf, Aachen. Ehrensache des gesamten deu! schen 
Volkes ist es nun, einen nationalen Rundflug zu or— 
ganisieren, der dem französischen Unternehmen wärdiz an die 
Seite gestellt werden kann. Für den vom Journal ausgesenden, 
nicht mehr europäischen Rundflug hat der internationale Luft⸗ 
ichifserverband die ROute Paris —Lüttich—Utrecht— 
Brüssel -London—Paris festgesetzt. Der Wettfug, für 
den Preise im Gesamtbetrage von 412 000 Irs. zur Verfügung 
tehen, soll am 18. Mai anfangen und bis zum Schlusse des 
Monats Juni dauern. Das Organisationskomitee der deutschen 
Strede des europäischen Rundfluges zeigt seinen Austritt 
aus dem allgemeinen Ausschuß an. 
Unfall. Der Flieger Hannschke-Berlin unternahm auf dem 
Kieler Sportplatz mit einem Eindecker einen Flug, wobei der 
Apparat erhebliche Beschädigungen erlitt; der Fäeger blieb un— 
verletzt. 
Zwischenlandung des „P. 5* auf der Fahrt nach Bitterfeld. 
Der Sportballon „P. 59, der Sonnabend vormttag in Berlin 
unter Führung des Hauptmanns Weniger aufstieg, nahm ar 
Zonnabend mittag um 123 Uhr einem Telegramm zufolge wegen 
Benzinmangels eine Zwischenlandung bei Wittenderg dicht ar 
der Berliner Chaussee unweit des Gasthofes Zum goldenen 
Stern“ vor. Das Luftschiff wurde nicht beschädig:; Hilfsmann 
chaften waren sofort in ausreichender Zahl zur Stelle. Später 
erschien noch ein Kommando des 20. Infanterie-Regiments am 
—— Die Weiterreise nach Bitterfeld sollte abends 
erfolgen 
Lauenburg. 
R Ratzeburg, 4. April. Das Kirchenkollegium 
fordert für die Erneuerungsarbeiten in der Kirche 18 500 M. 
Zur Ausführung des Turmbaues sind schon 15 000 Mebe— 
villigt, insgesamt sind mithin 33 500 M erforderlich. Nach 
Abzug des im Laufe der Jahre angesammelten' Baufonds von 
3500 M müssen 27 000 M durch Anleihen aufgebracht werden. 
Das Kirchenkollegium beschloß die Aufnahme der Anleihe. Der 
Vorstand will versuchen, zu den Kosten einen Beitrag vom 
Konsistorium und vom Kriegsministerium zu erwirken. — 
der Remonteankauf für 1911 im Kreise Herzogtum 
Lauenburg findet am 4. Juli, 9 Uhr vorm, in Kastorf statt. 
R. Lauenburg, 4. April. Verhafteter Annoncen— 
sammler. Der 46 Jahre alte Annoncen-Akquisiteur Charles 
B. von hier sammelte für mehrere Zeitungen Inserate ein 
und ließ sich die Insertionsgebühren bezahlen, lieferte die 
Aufträge aber nicht ab. B. wurde in Hamburg verhaftet. 
B. Mölln, 4. April. Für den Achtuhr-Laden— 
echluß erklärten sich weit über zwei Drittel der hiesigen 
veschäftsinhaber, so daß die Einführung desselben in nächster 
Zeit zu erwarten ist. — Ein unfreiwilliges Bad 
jahm Sonntag früh die Ehefrau des Maurers Hamann, die 
am Mühlengraben beschäftigt war und kopfüber ins Wasser 
türzte. Dem hinzueilenden Arbeitsmann Lala gelang es, die⸗ 
elbe aufs Trockene zu bringen. 
Friedrichsruh, 4. April. Mordversuch. Sonn⸗ 
end abend feuerte der Arbeiter Kniega mittels Revolvers 
in der Nähe des Tonwerks aus dem Sinterhalt auf seine 
Kameraden. Einem galizischen Arbeiter ging die Kugel durch 
oie Brust. Der Täter wurde verhaftet; er will die Tat 
im Schnapsdusel begangen haben. 
R. Kittlitz, 4. April. Eine Dampfmeierei läkt 
hier Waeierist Scharnweber-Hollenbek erbauen. Sämtliche hiesige 
Zrundbesitzer sowie Gutspächter Maack-Niendorf und Steinfeldt⸗ 
Vogtstemmen haben einen fünfiährigen Lieferungskontralt für 
»twa 150 Kühe abgeschlossen. Der Betrieb soll im Juli er—⸗ 
oͤffnet werden. — Verkauft hat Hufner Clausen an 
Schmiedemeister Wienke hierselbst 38 Morgen Ackerland für 
18 000 M 
Groß herzogtümer Mecklenburg. 
Schönberg, 4. April. Selbstmord. Gestern 
morgen verbreitete sich das Gerücht, daß sich der seit Freitag 
derschwundene Kommissionär und Agent B. von hier auf der 
Lockwischer Feldmark erschossen habe. B., eine in der Stadt 
vie auf dem Lande beliebte Persönlichkeit, soll in letzter 
zeit viele geschäftliche Verluste erlitten haben, die ihn des 
debens überdrüssig machten. Er hinterläßt eine Frau und 
zwei erwachsene Töchter. — Einbruch. Bei dem ESchulzen 
in Rüschenbeck ist in der Nacht zum Freitag zum zweiten Male 
riingebrochen worden. Die Diebe stiegen durchs Fenster und 
räumten den Knechten ihre Koffer aus. Sie erbeuteten hierbei 
eine Menge Kleidungsstücke Der am Morgen aus Lübeck 
serbeigerufene Polizeihund konnte die Spur nur eine kurze 
Strecke verfolgen, weil sie bald über ein Feld führte, auf 
»em geackert war. Verdächtig sind zwei Wanderer, die mit 
einem großen Paket auf dem Rücken auf dem Wege nach 
Grevesmühlen gesehen wurden 
die Memoiren Richard Wagners. 
Mit Rücdsicht auf die Verleger der englischen und fran— 
zZösischen Ausgabe der schon vor lurzem angekündigten Me- 
moiren Richard Wagners hat sich der Bruckmannsche 
Verlag in München entschliehen müssen, das Erscheinen der 
deutschen Ausgabe auf den 28. April zu verschieben. 
Es dürfte interessieren, einige Details über das mit Span⸗ 
nung erwartete Memoirenwerk zu erfahren. Die Lebenserinne— 
rungen Richard Wagners umfassen die Jahre 1013 bis 1864. 
Die Abfassung fällt in die Jahre 1866 bis 1873, und zwar 
konnte der Meister, wie er selbst berichtet, dabei Notizen be— 
nutzen, die er seit dem Jahre 1835 in ununterbrochener Folge 
mit genauer Angabe der Daten geführt hat. Um die einzige 
Handschrift vor zufälligem Untergange zu bewahren, ließ sie 
der Meister in einer sehr geringen Anzahl von Exemplaren 
in Basel privatim durch Druck vervielfältigen. Friedrich Niektzsche 
las für ihn die Korrekturen. Der Drucker wurde von Wagner 
zu strengster Verschwiegenheit eidlich verpflichtet; anfangs ver— 
richteten die Arbeit sogar nur französische, der deutschen Sprache 
unkundige Setzer. So wurde jede Indiskretion verhütet und 
auch nach seinem Tode hat die Familie das Geheimnis so treu 
bewahrt, daß viele an dem Vorhandensein „echter“ Memoiren 
des Bayreuther Meisters kaum glauben wollten. Kundige aller— 
dings wuhten Bescheid. Richard Wagner selbst erwähnt das 
entstehende Werk in einem Brief an seine Schwester, Frau 
Klara Wolfram, vom 15. Januar 1867, und später wiederholt. 
Aus Schonung gegen Lebende und deren Anverwandte be— 
stimmte der Meister in der Vorrede, das Buch dürfe „erst 
einige Zeit nach seinem Tode“ veröffentlicht werden; denn, wie 
er sagt: „Der Wert der hiermit gesammelten Autobiographie 
beruht in der schmucklosen Wahrhajftigkeit“. Jetzt dürfte aber 
der Zeitpunkt gekommen sein, wo — mit Streichung nur 
reniger Worte — keine berechtigte Empfindung mehr verlebt 
vird; somit entsteht die Pflicht, das kostbare Vermächinis 
weiteren Kreisen nicht laäͤnger vorzuenthalten. Der grohe Kunst- 
er erzählt sein Leben und Schaffen einfach und klar, mit be⸗ 
oeutendem Sinn für das Wirkliche und mit bewundernswerier 
Kunst des sprachlichen Ausdrucks. Weder Technisches noch Ab⸗ 
jtraktes kommen vor, vielmehr handelt es sich ausschließlich 
um das, was Goethe „des Lebens Leben“ nennt; dieses gärt 
und sprudelt und sprüht in jedem Satze. Schlicht und offen, 
nit liebenswürdigem, zuweilen schalthaftem Humor, bald tief 
ergreifend, bald durch scharfe Beobachtung oder durch anek— 
dotenhafte Züge fesselnd, auf jeder Seite gedankenreich und 
nregend, reißt das Werk unwiderstehlich hin. Bei aller Knapp⸗ 
heit des Ausdruds und ungeachtet der Tragik dieses Schichsals 
ehlt den Memoiren doch nicht der Hauch einer gewissen Be— 
jaglichkeit, die sich unbemerkt dem Leser mitteilt. Wenige 
Zünstler. meint einer seiner Biographen, haben ein so ereig⸗ 
nisvolles Leben gehabt wie Richard Wagner. Von Stadt zu 
ztadt, von Land zu Land jagte er seinem Ziele zu. Heute 
Kapellmeister an einem deutschen Provinztheater, morgen in 
Paris dem Hungertode nahe; heute Hofbeamter des Königs 
von Sachsen, morgen ein steckbrieflich verfolgter Flüchtling in 
»er Fremde; heute von aller Hoffnung entblößt, nur noch einen 
Schritt entfernt vom Tode aus letzter Verzweiflung, morgen 
der erklärte Freund und Schützling eines mächtigen Monarchen; 
heute in tiefster Einsamkeit der Alpen, ein Weltflüchtiger, der 
einzig seinem Schaffen lebt, morgen der Erbauer des Bay⸗ 
euther Festspielhauses, der Kaiser und Konige zu Gast empfängt 
ind begeisterte Scharen aus allen Weltteilen um sich ver— 
ammelt sieht! — Die eigene Erzählung dieses Lebens läßt 
uns einem erschütternden Drama beiwohßnen 
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pflanzer“ den Gründen fur diesen Wiigerro.g nachzuspüren und 
gaibt Mittel an, wie dem Uebel abzuhelfen ist. 
Die Kautschuksubstanz findet sich suspendiert in Form feinster 
Tröpfchen in dem Milchsaft einer Reihe von Pflanzen, Bäumen,. 
Sträuchern, Schlingpflanzen, der nach Einschneiden der Rinde 
usfließt und in Gefäßen gesammelt wird. In der Ruhe setzen 
ich ddann die Kautschuktröpfchen an der Oberfläche als Rahm 
ib, ähnlich wie das Butterfett in der Milch. Die wichtigste 
aller Kautschukpflanzen ist Hevea brasiliensis, deren Heimat 
Südamerika, das Gebiet des Amazonenstromes mit seinen un⸗ 
zeheuren Urwäldern ist, andere sinden sich in Vorder⸗ und 
Hinterindien, auf den Sundainseln, in Australien und Afrika. 
Der erste afrikanische Kautschuk kam vor 40 Jahren auf 
den Weltmarkt und war von Eingeborenen von wildwachsenden 
Schlingpflanzen gewonnen worden. Zu Beginn der LNer Jahre 
des vergangenen Jahrhunderts machte man in unseren Kolonien 
die ersten Anbauversuche und zwar den wechselnden klimatischen 
Verhältnissen entsprechend mit verschiedenen Pflanzen in Ka— 
nerun, Togo und Ostafrika; heute bedecken die Kautschukplan⸗ 
tagen dort eine Gesamtfläche von 20000 gektar mit rund 
20 Millionen Bäumen. Jener Artikel erblickt das Hauptübel 
in der nicht einheitlichen und wenig rationellen Gewinnungs⸗ 
und Verarbeitungsweise des Rohprodults in den Kolonien, weil 
dadurch die Qualitäten variieren und der einheitliche Charakter 
einer guten Marke nicht gewahrt wird, was für die Nachfrage 
auf dem Weltmarkt ausschlaggebend ist. So haben die guten 
Erzeugnisse unter den schlechten zu leiden, und da Händler und 
Fabrikant nicht auf den Bezug einer gleichmätzig guten Ware 
aus unseren Kolonien rechnen können, so wird dem deutschen 
Plantagenkautschuk vielfach Mißtrauen entgegengebracht. 
Dem kann abgeholfen werden durch Einführung rationeller 
Gewimnmungs⸗ und Aufbereitungsmethoden, durch Erzielung eines 
aleichmãßig guten Produktes, durch eingehende Untersuchungen 
der Bodenbeschaffenheit und der Niederschlagsverhältnisse, Ver⸗ 
besserung der Ausbeute in Qualität und Quantität durch geeig— 
nete Zuchtwahl der Bäume und schließlich durch Zusammen⸗ 
schluß aller Interessenten unter Leitung der,Kautschukzentral⸗ 
stelle fur die Kolonien“, welche alle diese Fragen zu bearbeiten 
und jenen Kreisen nuzbar zu machen hat 
die Kautschuk-Plantagen in unseren Kolonien. 
4. Die starke Nachfrage nach Kautschuk in den letzten Jahr⸗ 
ehnten und der wahrscheinlich auch weiterhin zunehmende Kon— 
um hat die Neuanlage von Plantagen mit bedeutenden Kapi⸗ 
alien zur Folge gehabt. Auch unsere Kolonien in Ost- und 
Westafrika, sowie in der Südsee eicnen sich für die Kultur der 
Kautschukbäume vorzüglich und so ist man auch hier dem Zuge 
der Zeit gefolat und die Rentab'lität dieser Neuanlagen bildet 
ukünftig für die Entwicklung unserer Kolonien einen wich 
igen Faktor. Der pekuniäre Erfolg ist aber leider bisher aus— 
ieblieben, und da sucht ein Aufsatz im Marzheft des Tropen⸗
	        
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