Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

sche Rechte Abmachungen vorbereitet. Es braucht wohl nicht 
ausdrücklich betont zu werden, daß bei den schwebenden Ver— 
handlungen zwischen Deutschland und Rußland der Gedanke, 
in die Eisenbahnrechte der Türkei einzugreifen, beiden Mächten 
selbstverftändlich durchaus fernliegt. 
Marolto. 
Marokko braucht schon wieder Gelder. Aus Tanger 
wird dem Echo de Paris gemeldet, danß El Mokri demnächst 
in VParis einen Vertrag über eine neue Anleihe im Be— 
trage von 40 Mill. Frs. unterzeichnen werde. Die Bürgschaft 
sür die Anleihe bildet die sogenannte Rabbsteuer, die dem⸗ 
nächst umgestaltet werden solle. 20 Millionen würden zur 
Schuldentilgung und der Rest für die Truppen des 
Sultans und für 5ffentliche Arbeiten verwendet werden 
Ddes 2ꝛutschen Kronprinzen Weltreise. 
VBon Paul Lindenberg. 
(Machdruck verboten.) 
VIII. 
Der Jagd waren zwei Ausfl!üge gewidmet, die der Kron— 
prinz von Bombay aus nach Haiderabad und Jaipur, den 
Hauptstädten zweier sogenannier „selbständiger“ indischer 
Fürstentümer, unternommen. Natürlich gab es dabei auch manch 
anderes zu sehen, namentlich an buntestem Volksleben. Aber 
zu näheren Studien — etwa wie die Engländer es verstanden 
haben, die einst so mächtigen und weitgebietenden einheimischen 
Fürsten unter ihre Botmäßigkeit zu zwingen — fehlte doch 
die Zeit. In Haiderabad konnte der Kronprinz einer Antisopen— 
ijagd mittels der dafür dressierten Leoparden beiwohnen und 
in Jaipur von dem Rücken eines Elefanten herab einen Tiger 
zur Strede bringen. Jene Leoparden werden früh gefangen 
und, indem man sie hungern läßt, am Schlafe hindert und durch 
Geräusche zu betäuben sucht, allmählich gezähmt. Sie schließen 
sich an ihre Erzieher derart an, daß sie dieselben, folgsam wie 
ein Hund, überall hin begleiten und ihnen auf das Wort folgen. 
Geht es zur Jagd, so wird der Leopard mit verbundenen Augen 
auf einem Karren zu seinem Punkt gebracht, von dem aus man 
die Antilopen erspähte; dort befreit man ihn von seiner Binde, 
das Tier hält blitzschnell Ausschau und jagt auch im selben 
Augenblick in langen Sprüngen auf sein Opfer zu, das er mit 
dem jähen Griff seiner Tatzen erwürgt, den Naden durchbeißend 
und vom Blute seines Opfers trinkend, worauf ihm von den 
iacheilenden Hütern sofort wieder die Kappe übergestülpt wird. 
Der Kronprinz zog es vor, selbständig auf Leoparden zu 
jagen, und zwar von einer sich in den Dschungeln erhebenden 
Felskanzel aus, auf welche die vorher eingekreisten Tiere zu— 
getrieben wurden. Mit sicherem Schuß erlegte er zwei Leo— 
parden. Dasselbe Jagdglück war ihm hold bei der Jagd auf 
Tiger, die mit Hilfe von Elefanten vonstatten ging. In diesem 
Fall hat der Jäger in einem geflochtenen Korb neben einem 
jagdkundigen Begleiter auf dem Rücken eines der gewaltigen 
Tiere Platz genommen, während der Führer auf dem Nadckeen des 
klefanten sitzt und ihn mittels eines scharfen eisernen Hakens 
bald zur rascheren Gangart anspornt, bald ihn hier- oder dort⸗ 
hin dirigiert. Festen und doch behutsamen Schrittes dringen 
die Kolosse in die Wildnis ein, in der lautlose Stille herrscht 
nur unterbrochen durch das Knacken der niedergetretenen Zweige. 
Alle Sinne sind gespannt, kann doch im nächsten Augenblid 
der gesleckte „König der Dschungeln“, der bereits am Morgen 
des Tages aufgespürt und von einer großen Zahl von Treibern 
eingekreist wurde, zum Vorschein kommen und zum Sprung an—⸗ 
setzen. Jetzt plötzlich in einiger Entfernung wildes Geschrei, 
der Lärm von Tamtams und anderen Instrumenten: die vor—⸗ 
sichtig in die Wildnis eindringenden Treiber haben das Tier 
entdeckt. das in langen Sätzen zu entfliehen sucht und nun auf 
den in der Richtung des Lärmes marschierenden Elefanten zu— 
stürzt, aber im nächsten Moment auch schon, von sicherer Kugel 
getroffsen. tödlich niedersinkt. 
Der Kurs der Kronprinzenfahrt ist von Bombay aus nach 
Nordindien gerichtet. Als erste größere Station wurde Agra 
ausersehen, das in langer Fahrt erreicht wird, in fruchtbarer 
Ebene liegend am rechten Ufer der heiligen Dschamna. Kurz 
ehe der Eisenbahnzug an sein Ziel gelangt ist, erblickt man 
in der Ferne die aus weißschimmerndem Marmor errichteten 
Kuppeln und Miinaretts des „Tadsch“, eines zum Gedenken 
einer Sultanin errichteten herrlichen Grabmals, dem Agra 
hauptsochlich seine Berühmtheit verdankt. Die Stadt mit ihren 
180 000 Bewohnern, heute von wimmelndem Leben erfüllt, 
st neueren Ursprungs. 
Von dem Hauptpalaste aus können wir hinüberblicden nach 
dem „Tadsch“, einer aus Stein geformten Dichtung, die ihre 
Entstehung der Gattentreue eines Herrschers verdankst. Denn 
um seiner Gemahlin ein würdiges Mausoleum zu errichten, 
baute binner 17 Jahren für die Kleinigkeit von 30 Millionen 
Vark der Schah diesen einzig schönen Tempel verflossenem, 
unvergessenem Liebesglück. Düstere Cypressen und lichte Bam— 
busgebüsche führen zu dem gewaltigen, aus rotem Sandstein 
errichteten, mit weißen Marmorornamenten verzierten sowie 
von Kuppeltürmen begrenzten Eingangstor. Aus marmorein— 
gefaßten, von Blumenpracht, von Cypressen und Platanen um— 
gebenen Bassins sprudeln zahllose klare Fontänen empor, da—⸗ 
hinter erhebt sich der zauberhafte Bau aus weißem Marmor 
mit seiner hochragenden, Hauptkuppel, die hinwegragt über 
jzierliche Nebensuppeln, mit seinen schlanken Türmchen auf den 
flachen Dächern und vier großen gesonderten Minaretts, die 
das Mausoleum umgeben. Tiefe Stille ringsum, wir betreten 
durch eine schmale Pforte das von geheimnisvoller Dämmerung 
erfüllte Innere des hochgewölbten Kuppelraumes, der auf einer 
Plattform die kunstvoll gestalteten, weißmarmornen Sarko— 
phage des Kaisers und seiner Gemahlin birgt, überschütet 
nit duftenden Blumenspenden, welche die indischen Besucher 
niederlegen. 
Einige Meilen entfernt von der Stadt finden wir Kaiser 
Akbars Grab, das gleichfalls in einem weiten Park liegt und 
aus bald rotem Sandstein, bald aus weißem Marmor errichteten 
Terrassen besteht, auf deren von einem Säulengange um— 
schlossener obersten der mächtige Marmorsarg des großen Kaisers 
ruht. Nahe dem Sarkophag erblickt man in Gestalt einer an⸗ 
mutigen Marmorsäule den Koranständer, auf dem einst der 
berühmteste Diamant der Welt, der Kohri⸗nur (Licht der Welt) 
gefunkelt haben soll, der später in den englischen Kronschatz 
aberging. 
An den gewaltigen Herrscher gemahnt eine wenige Stunden 
mitfernte Ruinenstadt, die er anläßlich eines seiner glorreichen 
Siegeszüge erstehen ließ, die aber nach seinem 1605 erfolgten 
Tode schnell wieder verfiel. Von roten Mauern umgrenzt, 
enthält sie die Ueberreste marmorner Paläste, Moscheen und 
Siegestore, zum Teil arg von der Tropenluft zernagt, zum 
Teil noch gut erhalten. Der Besuch erweckt melancholische 
Erinnerungen an die Herrschermacht eines Einzelnen, die einst 
fast unbegrenzt war, und die ihren Träger dazu führte, sich als 
zottähnlich verehren zu lassen. Aber sein Glaube, ein über 
aatürliches Wesen gottähnlichen Ranges zu sein, schützte ihn 
nicht vor einem jähen und furchtbaren Ende. Er ließ einen 
Maharadscha, der ihm und seiner Macht gefährlich erschien 
zu sich einladen, bewirtete ihn auf das freundschaftlichste und 
hot ihm bei einem Gastmahle eine goldene Schale dar, deren 
Inhalt Gift enthielt, während er, um auf das Wohl seine⸗ 
Gastes zu trinken, eine zweite gieichgeformte Schale ergriff, 
durch einen Zufall waren die Gefäße vertauscht worden, und 
Akbar endete sein tatenvolles Leben unter den schlimmsten 
Qualen. 
heer und gFlotte. 
W. Berlin, 10. Jan. „Eber“ ist am 7. Jan. in Cadix 
eingetroffen, um Jahresreparaturen auszustthren. „Panther“ 
ist am 7. Jan. in Swakopmund eingetroffen. „Seeadler“ 
ist am 7. Jan. in Port Mahs Eeychellen) eingetroffen und 
eht am 20. Jan von dort nach Colombo (Ceylon) in See 
„Leipzig“ ist am 9. Jan. von Tsingtau in See gegangen. 
R.æ-P.⸗D. „Derfflinger“ mit dem Rekrutentransport für die 
Marine Felobatterie Tsingtau ist auf der Ausreise am 7. Jan 
in Singapore eingetroffen und setzt am 8. Jan. die Reise nach 
bongkong fort. R.P.⸗D. „Lützow“ mit dem Transport der 
»om Kreuzergeschwader abgelösten Offiziere und Mannschaften 
st am 8.. Jan. in Amsterdam eingetroffen und setzt am 9. Jan, 
zie Reise nach Hamburg fort. Am 7. Jan. ist die 6. Halb 
lottille in Warnemünde und die 12. Halbflottille in Flens 
urg eingetroffen und am 9. Jan. wieder in See gegangen. 
„Fuchs“ ist am 6. Jan. von Danzig in See gegangen und 
im 7. Jan. in Sonderburg eingetroffen. 
Neueite Nachrichten und Celegramme. 
W.Berlin, 10. Jan. Der Eröffnung des Landtags 
zing ein Gottesdienst im Dom und in der katholischen Hed 
vigslirche voran. Darauf versammelten sich zahlreiche Mit— 
zlieder beider Häuser im Weißen Saal des Königlichen Schlosses 
inter dessen Baldachin der Thronsessel verdedt stand. In den 
dogen befanden sich der chinesische Gesandte und andere Mit— 
lieder des diplomatischen Korps ein. Kurz nach 12 Uhr be— 
raten die Minister mit dem Miinisterpräsidenten an der Spitze 
»en Saal und stellten sich links neben dem Thron auf. Minister— 
räsident v Bethmann Holtkweg trat neben die Stufen des 
Thrones und verlas die Thronrede, worauf er den Landtag 
ür eröffnet erklärte. Zum Schluß brachte der Präsident de—s 
Herrenhauses Frhr. v. Manteunffel, ein Hoch auf den Kaiser 
aus, in das alle Anwesenden freudig einstimmten. 
Wit. Berlin, 10. Jan. Die Nordd. Allg. Ztg. schreibt über 
die Lage der Tabakindustrie: Sdhon die statistische 
Mitteilung, die kürzlich durch die Vresse gegangen ist, ließ den 
Zchluß zu. daß bereits jetzt der Verbrauch und die Beschäf— 
igung wieder die vor den Finanzreformverhandlungen be— 
tehende Höhe erreicht haben. In Wirklichkeit hat sich die Ein 
uhr im Jahre 1910 gegenüber dem Jahre 1907 günstiger ge 
taltet. Den günstigen Monatdurchschnitt von 1907 hat 1910 
chon im August voll erreicht und mit der Nopember⸗ und 
dezerabereinfuhr in recht nennenswerter Weise überschritten. 
Der Geschäftsgang der Tabakindustrie bewegt sich schon seit etwo 
einem halben Jahre im früheren Gleise. Zu allgemeinen Klager 
iber einen schlechten Geschäftsgang kann somit deine Veran 
assung mehr vorliegen. 
W.Budapeft, 10 Jaen. Das Abgeordnetenhaus 
nahm den serbischen Haudelsvertrag im allgemeinen 
und im einzelnen an. 
Wt. Rom, 10. Jan. Bei der gestrigen Bülow-Diner 
vies Botschaster v. Jagow auf die zahlreichen, dem Fürsten 
ugegangenen Beweise der Dan darkeit, Verehrung und Liebe 
din und wünschte dem Fürstenpaar ein langes glückliches Leben. 
Fürst Bülow erwiderte ernst und bewegt, wie viel er der ver⸗ 
ländnisvollen Liebe der Fürstin verdanke, ohne deren Sorge und 
Pflege er schwerlich zwölf Jahre als Minister hätte sein Amt 
verwalten können. Er erinnerte an die Worte des Prinzen 
Reuß, des damaligen Botschafters in Wien, bei dem Frühstüd 
iach des Fürsten Bülow Trauunz: Per aspera ad astra, die 
hhmustets eine gute Vorbedeutung gewesen seien. Er wünsche 
daß seinem Hause freundliche Zlerne leuchten, daß er aus dem 
Vaterlande Gutes und Erfreuliches über den Fortgang der Dinge 
höre. Mit seinen Amt legte runicht den Patriotismus nieder 
kr wünsche, daß Gott ihm seine Frau und seine guten Freunde 
rhalte. — Unter den mehr als tausend Glüchwünschen erhielt 
das Fürstenpaar Telegramme on den Prinzen Eitel Friedrich, 
Joachim, dem Prinzenpaar August Wilhelm, dem Prinzenpaar 
Karl von Hefssen, dem Großherzog von Oldenburg, dem Prinzen 
Wilhelm von Baden, dem Prinze ipaar Max von Baden, dem 
Fürsten Wilhelm von Hohenzollecn, der Großfürstin Wladimir 
dem Großherzog und der Großherzogin von Baden, dem Prinzen 
»aar Adolf zu Schaumburg-⸗Lippe, den Ministern, den Staats 
sekretären, dem Präsidenten des Reichstages, dem Hamburger 
Senat, von Bromberg, dessen Ehrenbürger Fürst Bülow ist, von 
Korporationen von Krieger- und Gesangvereinen sowie Stamm— 
tischen 
W. Patis, 10. Jan. Die Mehrheit der radikalen Blätter 
vekämpft heute offen die Käandidatur Deshanels für 
die Prösidentschaft der Kammer. Es heißt übrigens, die meisten 
zeeinigten Sozialisten würden sich bei der Wahl des Präsi— 
denten der Stimmenabgabe enthalten. 
Der unabhängige sozialistische Deputierie von Lyon, Augagneur, 
heabsichtigt an den Ministerpräsidenten die Anfrage zu richten, 
unter welchen Bedingungen dem Klerus die Kirchen, die er zu 
Angriffen gegen die republikantsche Partei mißbrauche, zur 
weiteren freien Verfügung belassen werden sollen. Augagneun 
will besonders auf das am letzten Sonntag von den Kanzelr 
berlesene Schriftstück hinweisen, in dem die Bischöfe den Ka— 
tholiken das Lesen einzelner repurlikanischer Blätter verbieten 
Wt. Sessingfors, 10. Jan. Bei den Wahlen zum 
innischen Landtag erhielten in ganz Finnland bis heute 
ahend: die Sozialdemokraten 289 647, die Altfinnen 160 821, 
bie Jungfinnen 107 182, die Schweden 100 430, die Agra— 
rier 60 690 und die christlichen Arbeiter 15093 Stimmen. 
Wt. Paris, 10. Jan. Beim zweiten Wahlgange wurde 
Brifson mit 270 Stimmen zum Präsidenten der 
Kammer gewählt. Deschanel erhielt 197 und Guesde 
50 Stimmen. 
— 
W. Beuthen, 10. Jan. Der Oberschl. Volkszta. zufolge 
vurden die drei Räuber, die Diensstag den Ortspfarrer Dzieditz 
ermordet und beraubt hatten. der Tat überführt und 
n Zabrze, wo sie in einem Kohlenbergwerk beschäftigt sind, 
berhaftet. Der Obersteiger ließ die Banditen festnehmen, als 
lie ihre Ausweispapiere verlangten, um angeblich nach ihr 
cussischen Heimat abzuwandern. Ein an dem Stacheldrahtzau. 
der Pfarrei hängen gebliebener Stoffrest paßt genau in da 
beschãdigte Kleidungsstuck des einen Täters. 
W. Hamburg. 10. Jan. Das Befinden des Hert 
Generaldirektor Ballin ist, wie die behandelnde 
Aerzte erklären, sehr befrie digend. Die Wieder herstellun 
macht tasche und erfreuliche Fortschritte. 
W. Kiel. 10. Jan. Die Torpedoboote „V. 1649 um 
„G. 170* sind von der Suche nach dem Ballon „HSilde 
brandt“ nach Kiel zurückgekehrt. Die Bemühungen, irgen 
eine Spur des Ballons oder der Insassen zu finden, ware 
erfolglos. 
W. Mestz, 10. Jan. Gegen die beiden aus Anlaß der Stra 
bendemonstrationen am Sonntag Verhafteten wurd⸗ 
eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet. 
W. Libau, 10. Jan. Die Lage des auf dem Riff fesr 
gelaufenen Dampfers „Rossija“ hat sich verschlechter 
Die Ladung mußte ins Meer geworfen werden. Man befürch 
tet, daß der Schiffskörper aufbricht. 
We Newnort. 10. Jan. Die Kuratoren der Columbid 
Universität teilen mit, es sei eine weitere Gabe von zwe 
tausend Dollars für das Deutsche Haus eingegangen. 
Wt. Buenos Aires, 10. Jan. Durch eine Explosio 
wurde die Pulverfabrik bei der Ortschaft San Martin zerstör 
3wölf Leichen sind bisher geborgen. Man befürchte 
dak noch mehr Tote unter den Trümmern sich befinden 
Deutscher Reichstag. 
W. Berlin, 10. Jan. 
Am Bundesratstisch: Wermuth und andere. 
PVrasident Graf Schwerin⸗Löwitz eröffnet um 2 Uhr 22 Min 
zie Sitzung mit den besten Wünschen für das neue Jahr und 
rjährt dann fort: Wir haben leider mehrerer schmerzlicher Ver 
uuste zu gedenken. Zunächst ist der langiährige Präsident Gra 
Ballestrem verstorben. Der Verstorbene gehörte zwar nich 
nehr dem gegenwärtigen Reichstag an, aber bei den außer 
»rdentlichen großen Verdiensten, welche er während seiner lang 
ähcigen Amtsführung um die Förderung unserer Geschäft 
ich erworben hat, und bei der allgemeinen Beliebtheit, deren 
ex sich erfreute auf Grund einer strengen Unparteilichkeit und 
einer oft von dem köstlichsten Fumor getragenen unveraleich 
ichen Liebenswürdigkeit, habe ich mir gestattet, der Witw⸗ 
des Verstorbenen sofort nach Empfang der Todesnachricht di 
Teilnahme des Reichstages telegraphisch auszudrücken 
Ferner haben wir zu beklagen den Tod der Abgeordneten 
S5irichberg (entr.) und Schmidt-Immenstadt (Zentt.) 
Sie haben sich zum Gedächtnis der Heimgegangenen von Ihren 
Plätzen erhoben. Ich konstatiere dies. 
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpella— 
tion der FJereisinnigen, die die Aufhebung der Zünd holi⸗ 
steuer verlangt. 
Staatssekretär Wermuth erklärt sich zur sofortigen Bean 
wortung der Interpellation bereit. 
Zur Begründung der Interpellation erkläct 
Abg. Enders (Fortschr. Bp.): Es muß schleunigst etwas ge 
schehen, um den Schaden, wenn überhaupt noch möglich, wiede 
rut zu machen, der durch diese Steuer entstanden ist. Die 
Unternehmer verlangen eine hohe Besteurung der Zündholz 
krsatzmittel, Aufhebung der Zündhohzsteuer oder Einführung 
»es Staatsmonopols. Das ist ein Notschrei, der an Hoff 
iungslosigkeit grenzt. Der Konsum ist infolge der vielfad 
übertriebenen Sparsamkeit und der Verwendung von Ersatz 
nitteln derart gering geworden, daß dauernd mit einem Kon 
um⸗Rückgang von 45 Proz. gerechnet werden muß. Dazi 
ommt, daß die Produktion sich durch die gesundheitspolize 
ichen Vorschriften erheblich verteuert hat. Die Entwickun— 
jeht dahin, daß nur einige Großbetriebe weiter produziece⸗ 
onneit, die dann dem Volke die Preise diktieren. Hier wär 
raktische Mittelstandspolitik zu treiben. Die Zündholzsteut 
st die odioseste Steuer der ganzen Steuerreform, denn da— 
Zündholz ist in der ärmsten Hütte weniger entbehrlich als ir 
Palast. Wir verlangen daher Aufhebung dieser Steuer. Ei 
krsatz für den Steuerausfall wäre durch die Erbschaftssteut 
u schaffen oder durch Herabsetzung der Branntweinliebesgabe 
Eine selbstverständliche Konsequenz der Zündholzsteuer salst 
die Besteuerung der Ersatzmittel sein. 
Staatssekretär Wermuth: Wenn die heutige Beratung zu 
zinem faktischen Ergebnis führen soll, dann muß die Forderung 
anders gestellt werden, als es in der Interpellation der Fall 
jt. Sie wird dem wirklichen Sachverhalt innerhalb der Zünd⸗ 
holzindustrie nicht gerecht. Die Zündholzsteuer befindet sich 
— 
jekommen, wenn nicht so viel Leidenschaftlichkeit und Ver 
timmung ihr entgegengebracht worden wäre. Dahin gehör 
die grohe Vorversorgung und die Verwendung der teuren E 
satzmittel. Die Notlage der Arbeiter wird vielfach übertriebe, 
Bei der Vorversorgung hatte das Ausland den Hauptverdien' 
Die Zündholzindustrie wehrt sich in ihrem offiziellen Orge 
ntschieden gegen die Aufhebung der Zündwarensteuer. GHört 
hört! rechts). Wir werden den Anregungen nachgehen, abe 
nicht an Hand der Anregung der Interpellation, die sich i 
migegengesetzter Richtung bewegt. Geifall.). 
Abg. Oppersdorff (Zentr.): Schon vor der Reform befan⸗ 
ich die Zündholzindustrie in einer gewissen Depression. Dazr 
amen noch die verschärfte Gewerbeaufsicht und andere Auflaget 
er Gesetzgebung. Jedenfalls trägt der Reichstag in der Ga 
amtheit die Verantwortung für die Steuer. 
Abg. Ofann (natlb.): Die Not ist groß. Die Betriebe wer 
»en immermehr eingeschränkt. Der Lohnausfall ist ungeheuer 
Auch die Nebenbetriebe, wie die Schachtelfabrikation, weiser 
Arbeiterentlassung und Betriebseinschränkung auf. Geseblich 
Zilfe ist notwendig. Uns wäre die Errichtung eines Reich 
nonopols am sympathischsten. Geifall.) 
Abg. Hahn (kons.): Wir verkennen nicht, daß die Lage de— 
Zündholzindustrie eine außerordentlich mißliche ist. Die Auf 
zebung der Steuer wünschen die Fabrikanten lelbst nicht. Is 
die Vorversorgung aufgebracht, wird auch für die In dustri⸗· 
vieder eine bessere Zeit anbrechen. — Eine harte politisch 
Notwendigkeit, dem Vaterlande die nötigen Mittel zu ver 
chaffen, mußte uns dahin bringen, eigene steuertechnische Wünsche 
hintenzustellen. (Lebh. Beifall rechts u. i. 3. Ohorufe und 
zrotze Unruhe links. Erneuter Beifall.) 
Darauf tritt Vertagung ein. Nächste Sitzung morger 
nittag 1 Uhr. Denkschriften und Mittelstandsantrag der Nau 
tervotiven. 
Auf Antrag des Abg. Singer (sozd.) wurde heschlossen. die 
Fortsezung der heutigen Beralung als ersten Punkt auf di⸗ 
norgige Tagesordnung zu setzen
	        
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