Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Wöchentlich 13mal (Wochentags morgens und 
abends, Sonntags morgens) erscheinend. Bezugs⸗ 
oreis für das Vierteljahr 3,30 Wark einschließlich 
Bringgeld in Lübeck. Durch die Post bezogen vhne 
Vestellaeld 330 Mart. Einzelnummern 10 ee 
m⸗ 
4 
Anzeigenyreis (Ausgabe A und B) für die 5gejp. 
Zeile 20 Pfig. Kleine Anzeigen (Arbeitsmarkt usw.) 
3 Pfg., für Auswaͤrtige 30 Pfg. f. Geschäftl. Mit⸗ 
teilungen 1Mt. d. Zeile. Tabellen⸗ u. schwieriger 
Satz den Anforderungen entsprechend höher. 00 
zeilagen: Vaterstärtche Blätter. — Der Familienfreund. 
Amtsblatt der freien und Hansestadt Lübeck 5 Nachrichten für das Herzogtum Lauenburg, die 
Beiblatt: Gesetz⸗ und Verordnungsblatt B — ZIahtaan gürstenlũmer Ratzeburg, Lübeck und das angren— 
bSSSöαεασDöαασσσεσ ασαασαισσαοο e e ea jende mecllenburgische und holsteinische Gebiet. 
Drud und Verlag: Gebrüder Borsers G.m. b. S. in Lübeck. — Geschäftsstelle Adreß baus (Köniastr. aß). Fernivrecher 600 v. 8001. 
Ausgabe M. Grvße Anegabee Montag,. den 27. März 190. Morgen⸗Blatt Ar. 157. 
— — 
nichtamtlicher del. 
Neueste rdachrichten und Telegramme. 
Aus Charbin wird gemeldet: Die russische Grenz⸗ 
wache wurde von Chinesen beschossen und flüchtete. 
Die Russen verlangen größeren militärischen Schutz. Die 
Chinesen haben weitere Kriegsvorbereitungen getroffen. 
Der neu ernannte Chef des Irkutsker Militärbezirks ist 
heute nach Irkutsk abgereist. Er ist zum Befehls paber 
ür einen etwaigen Krieg mit China designiert. 
Im Kasanschen Militärbezirk finde Truppenver⸗— 
chie bungen statt. Die Stimmung ist wegen der üußeren 
ind inneren Lagesehrerregt. 
W. St. Petersburg, 26. März.˖ Ueber das russische Ulti— 
natum an China erklärt die Nowoje Wremia: Die russische 
Ddiplomatie sagte endlich das längst notwendige Wort. 
etzt ist die Reihe an der chinesischen Regierung, auf der die 
etzte Verantwortung liege. Rußland könne nur sagen, daß 
eine Sache gerecht sei. Birschewija Wiedomosti drückt die 
zoffnung aus, daß Entschlossenheit schneller zum Ziele führe 
ils Lallen in der Diplomatie. Der Krieg im Sinne der 
Revanche liege nicht im russischen Interesse, wenn 
»er Krieg aber ausbreche, müsse der Schlaggegen China 
chnell undenergisch sein. 
W. Peking, 26. März. Das Auswärtige Amt hat nach 
anger Beratung dem hiesigen russischen Gesandten die Ver— 
icherung gegeben, daß China morgenrüdhaltlos die 
ussischen Forderungen bewilligen wird. Man 
st hier allgemein der Ansicht, daß China keinen anderen 
Willen habe, weil es auf einen Krieg nicht vorbereitet fsei. 
Erneute Pestfälle. 
WM. Zizikar, 26. März. In den letzten 13 Tagen sinð 
ier 25 Todessälle an Pest vorgekommen, in den drei letzten 
kdagen ist niemand an der Pest erkrankt. In Charbin sind 
bährend der letzten 24 Stunden ein Todesfall und zwei 
krkrankungen zu verzeichnen. Wegen beunruhigender Gerüchte 
rganisiert die russische Bevölkerung unter Leitung der Polizei 
ine freiwillige Bürgerwehr. Die Familien der Einwohner wan⸗ 
ern massenweise nach Transbaifglien, Wladiwostok und der 
üdlichen Mandschurei qus 
—*zeze 
W. Kiel, 26. März. Prinz Adalbert hat sich zur 
völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit zu mehrwöchigem 
Aufsenthalt nach St. Moritz begeben. 
W. Wien, 26. März. Der Kaiser empfing heute vor⸗ 
nittag in Schönbrumm den Ministerpräsidenten 
Freiherrn v. Bienerth in anderthalbstündiger besonderer 
Audienz. 
W. Rom, 26. März. (Meldung der Agenzia Stesani.) 
der König und die Königin von Schweden werder 
um 25. Mai hier eintreffen, um dem italienischen Königs⸗ 
vaar einen offiziellen Besuch abzustatten. 
W. Rom, 26. März. Leutnant Paterno, der am 2. d. M 
die Gräfin Giulia Trigona ermordete, ist auf Beschluß des 
Disziplinar⸗Gerichtshofes aus der Armee ausgestoßen worden. 
W. Paris, 26. März. Aus Nord- und Ost-Frankreich werden 
tarke Schneesturme gemeldet. Bei Belfort haben die Schnee 
türme zahlreiche Telegraphendrähte zerrissen. Die Verbindunm 
gen mit Deutschland sind teilweise gestört. 
W. Paris, 26. März. Der ehemalige Beamte der Ordens⸗ 
anzlei der Ehrenlegion Polidor wurde verhaftet, weil er 
Ahlreichen Personen unter der Vorspiegelung, ihnen Orden 
erschaffen zu können, beträchtliche Geldsummen entlockt hatte. 
Die Unterschlagung ergab, daß Polidor aus dem Unterrichts⸗ 
ministerium eine große Anzahl von Diplomformularen ent—⸗ 
wendet und mit gefälschten Unterschriften versehen bat. 
W. Petersburg, 26. März. Die offiziöse Rossija führt 
xus: Die angekündigte Unterbrechung der Tagung der gesekz⸗ 
gebenden Institutionen wird der Regierung die Möglichkeit 
zeben, die Semstwogesetzvorlage auf Grund des 8 87 
der Grundgesetze durchzuführen. Diese Maßregel bezeugt einer⸗ 
eits die Entschlossenheit der höchsten Obrigkeit, auf der 
Grundlage der nationalen Politik fest zu be— 
stehen, andererseits wird sie die russische Bevölke— 
rung der Westgouvernements beruhigen, die durch 
alles Geschehene verwirrt und moralisch erschüttert war. Weder 
Reichsduma noch Reichsrat können sagen, daß durch die ge— 
nannte Maßregel ihre Rechte übertreten werden; denn die 
ruf Grund des 8 87 eingeführten Gesetze müssen bei den 
jeletzgebenden Körperschaften eingebracht werden, und es können 
n der Folge alle Aenderungen vorgenommen werden, die die 
Reichsduma oder der Reichsrat für notwendig befinden 
ollten. 
W. Achen, 26. März. Universitätsprofessor Mistriotis, 
der Urheber der Agitation in der Sprachenfrage, ist 
i den Anklagezustand versetzt worden. Er wird beschuldigt, 
durch einen Aufruf, in dem er erklärte, die altgriechische 
Zprache und die Religion seien in Gefahr, eine aufrührerische 
Bewegung entfacht zu haben. Die Polizei hat die Abhal— 
ung einer Verfammlung, in der die Sprachenfrage behanm 
delt werden sollte, untersagt, da eine Störung der öffent 
lichen Ordnung befürchtet wird. 
W. Bagdad, 26. März. (Meldung des Reuterschen Bu⸗ 
reaus.) Seit der Entlassung des Walis Nazim Pascha herr⸗ 
chen hier Unruhen. Es kommen zahlreiche Räubereien vor 
In Kerbela, das von aufständischen Arabern umzingelt ist 
berrscht Bürgerkrieg. 
W. Kaito, 26. März. Der König von Sachsen 
st hier eingetroffen. Er wurde am Bahnhof von dem 
Khediven und den Ministern empfangen. Später fand zu 
Ehren des Königs ein Frübstück bei dem deutschen Ge— 
sandten statt. 
W. Wafhingtoet, 26. März. Der mexikanische Botschafter 
de la Barra hat dem Präsidenten Diaz telegraphisch 
mitgeteilt, daß er das Ministerium des Aeußern 
annehme. 
Der Kaiser in Venedig. 
W. Vemediag. 26. März. Seine Maiestät der Kaiser hielt 
heute vormittag den Gottesdienst an Bord der Hohen—⸗ 
zollern ab. Mittags solgte der Kaiser in Begleitung des 
Fürsten Fürstenberg und des Oberhofmarschalls Grafen 
zu Eulenburg einer Einladung des Grafen und der Gräfin 
Papadopoli zur Tasel. Peinzessin Viktoria Luise besichtigte 
segen milttag einige Sehenswürdigkeiten in der Stadt. 
Nachmittags unternahmen die Kaiserin und die Prin— 
essin Viktoria Luise eine Gondelfahrt und besuchten mehrere 
Zehenswürdigkeiten. Der Kaiser machte mehrere Besuche bei 
Mitgliedern der hiesigen Geslellschaft. 
Zum Professorenstreit. 
W. Berlin, 285. März. Zum Berliner Professoren⸗ 
treit erfährt die Tägl. Rosch, daß Adolf Wagner in 
einer motivierten Eingabe eine Verwahrung an den 
Kultusminister gegen dessen Beurteilung des „Falls 
Bernhard“ in der Landtagssitzung vom 15. März gerichtet 
habe, insoweit durch diese Beurteilung Vrof. Wagner mit— 
getroffen wurde. 
W. Novenhagen, 258. März. Der heftige Schneebrkan, 
der gestern abend plötzlich über die Ostsee hereinbrach, hat 
zahlreiche Schiffsunfälle im Gefolge gehabt. 
In letzter Nacht ist der deutsche Schoner „Heinrich“ aus 
Uetersen, der mit einer Maisladung von Hamburg nach 
Ryköping auf Seeland bestimmt war, westlich von der Insel 
Laaland gestrandet. Im Laufe des heutigen Tages sind 
Rettungsdampfer nach der Strandungsstelle abgegangen. Bei 
Gjedser strandete heute vormittag der holländische Segler 
„Ebba“ mit einer Zementladung aus Königsberg im dich— 
ten Schneegestöber; er befindet sich in äußerst gefährlicher 
Lage. Ferner strandete der große englische Dampfer 
„Cathcartpark“ aus Greenock, der mit einer Kohlen— 
iadung nach der Insel Laaland bhestimmt war. 
SchifisUnfälle in der Osfsee. 
Die mexikanischen Wirren. 
W. Newwork, 258. März. Der Rücktritt des mexikanischen 
Zabinetts befriedigt die Rebellen nicht, jedoch erwartet 
tan, daß Diaz eine längere Reise nach Europa zur Erholung 
mtreten und Limantour und Reyes die Regierung inzwischen 
bernehmen werden, dadurch würde der Friede gesichert sein, 
a beide für eine Agrarreform sind, während das bisherige 
Kabinett fast ausschlieklich für den Großlandbesitz eintrat. 
Stolypins Regiment. 
W. St. Petersburg, 25. März. Die in später Nacht er— 
chienenen beiden Zaren-Erlasse über die Unterbrechung der 
Sitzungen der Duma und des Reichsrats für drei Tage 
zaben offenbar den Zweck, den vom Reichsrat abgelehnten 
Gesetzentwurf Üüber die Einführung der Selbstverwaltung 
in West-Rußland im Wege der Notgesetzgebung ohne Zu⸗ 
timmung des Parlaments einzuführten. Diese Art der Um— 
gehung des Parlaments ruft allseitig Befremden hervor. Selbst 
die Nowoje Wremjia findet bei aller ihrer Freude für das 
Berbleiben Stolypins ein solches Verfahren für zu schroff. 
Die Börsenzeitung weist darauf hin, daß Stolypin selbst unter 
dben Kabinettmitgliedern völlig vereinsamt dasteht und infolge— 
dessen bei der Krisis von seinen Kollegen nicht unterstützt werden 
konnte. Der nationalistische Swiet jubelt; das Kadettenblatt 
Rjetsch beschränkt sich auf die Fesisteslsung, daß kein Mensch 
die von Stiolnnin gewähblten Makregeln vermutet hat. 
Krieg zwischen Ruzland und China? 
Petersburg, 26. März. In einem Telegramm an ihren 
ßesandten in Peking erklärt die russische Regierung folgen— 
des: Die kaiserliche Regieruna ist bereit. auf die Antwort 
hrer Note 
Präsident Taft und die Japaner. 
W. Washington, 26. März. In Beantwortung einer Mit—⸗ 
eilung des Präsidenten Taft an den Kaiser von Japan, in der 
kaft versichert, daß er den wilden Gerüchten, die über die 
Ibsichten Japans in bezug auf Mexiko zirkulierten, keinen 
zlauben beimesse, ist gestern eine DTepesche des Kaisers von 
zapan eingegangen, die besagt, daß der Kaiser bereits über⸗ 
eugt gewesen sei, daß Taft diesen bösen falschen Gerüchten 
ber Japan keinen Glauben geschenkt habe und in der er seiner⸗ 
eits die Versicherung der Freundschaft zwilchen den beiden 
stationen aufs wärmite erwidert. 
Schwere Brandkatasirophe in Newuoel. 
W. Newwoerkl, 258. März. In einem achtstöckigen Hause, 
n dem sich eine Zelluloidsabrik befand, brach ein Brand 
ius, der zahlreiche Opser forderte. Die Zahl der Per—⸗ 
onen, die durch Herabspringen aus den Fenstern oder 
urch das Feuer getötet wurden, meist unge Mäd⸗ 
hen, wird auf mindestens bundert geschätzt. In 
»er Fabrik waren gegen 1500 Personen beschäftigt. 
W. Newyuork, 25. März. Der heutige Fabrikbrand 
ntstand in der siebenten Etage des zehn-, nicht, wie zuerst 
emeldet, achtstöckigen Gebäudes aus unaufgeklärter Ursache 
nd pflanzte sich mit riesiger Schnelligkeit nach den oberen 
5tockwerken fsort. Um 6 Uhr abends waren bereits 53 
eichen, meist von jungen Mädchen, auf der Straße 
asammengetragen, die bei der großen Höhe durch Herab⸗ 
zringen auf die Straße den Tod gefunden hatten. Auch in 
em Luftschacht wurde eine große Zahl von Leichen gefunden. 
Rehrere Personen versuchten, sich an den über die Straße 
ehenden elektrischen Leitungsdrähten in Sicherheit zu bringen, 
ürzten aber ebenfalls auf die Strahe, da die Drähte unter 
em zu großen Gewicht rissen. Aus dem achten Stock wurden 
twa 50 Leichen geborgen, so daß die Gesamtzahl der 
zoten gegen 150 betragen dürfte. Eine große Zahl von 
zerletzten, die teilweise sehr schwetre Brandwunden aufweisen, 
urden durch die Ambulanzen nach den Spitälern gebracht. 
Bie es heiht, soll vor dem Ausbruch des Brandes eine Ex—⸗ 
losion stattgefunden haben 
W. Newyork, 26. Vhärß. Bis Mitternacht sind aus der 
bgebrannten Zelluloidfabrtk 148 zumeist gräßlich ver⸗ 
Aümmelte Leichen geborgen worden. 
bis zum 28. März 
zu warten, macht jedoch darauf aufmerksam, daß sie sich, 
venn bis zu dem angegebenen Termin keine erschöpfende und 
efriedigende Antwort bezüglich aller 6 Punkte der Note 
jom 16. Februar eintrifft, Freiheit des Handelns vor— 
bvehält und daß sie die chinesische Regierung für die von 
ihr an den Taa geleate Hartnäckigkfeit verantwöort— 
iß mache 
Los von Berlin! 
Auch ein Berliner Brief. 
Der Anfang vom Ende ist da. Der Ruf der Befreiung von 
den sauggierigen Krallen des märkischen Löwen wird zur Tat. 
Revolution in Krähwinkel? Nein — Revolution im ganzen 
zeiligen römischen Reich deutscher Nation! Eie Feder nach der 
inderen reißen die deutschen Städte der frechen Berliner Elster 
xieder aus und bald wird der arme kahle Vogel nur mühsam 
noch frostklappernd nachkrähen, was überall ihm entgegentön 
von den verlassenen Mauern: Es war einmal... 
Aber ich will keine Klagelieder singen — ich will Gründe 
rennen, das Herz Berlins in ein Glas Spiritus stellen und es 
herumreichen, damit ein jeder die Krankheit sehen kann, wie 
fie langsam heranschleicht und tödlich treffen wird. Es— 
var im Foyer des Lessing⸗Theaters während der großen Pause 
der Bahrpremière. Da standen zwei alte Herren in einer 
Ecke, Premidrenfresser vom alten Adel — die verzehrten Pre⸗ 
midren sind die Ahnen solcher Varketthelden. W 
„Elelhafte Geschichte,“ sagte der eine „dieser Kinderhandel 
aehört ins Kabarett nabd nicht auf die Hauptmannbübne.“ 
W. St. Petereburg, 26. März. Nach dem Ultimatum der 
Regierung ist man selbst in offiziellen Kreisen besorgt. Nach 
Mitteilungen des Auswärtigen Amts ist die Regierung be— 
sonders erregt über den herablassend beleidigenden Ton 
der letzten chinefischen Antwort, in der die russischen 
Vertragsrechte nicht erwähnt werden, sondern China gewisser⸗ 
maßen eine Gunst erweist, wenn es einem eventuellen Ver—⸗ 
langen nachlommt. Die politischen Kreise bedauern, dah 
das heutige energische Ubtimatum nicht vor 14 Tagen 
erfolgt ist. Die Regierung steht der zunehmenden Agi⸗ 
tation unter der chinesischen Bevölkerung gerüstet gegenüber. 
Sie hat im sernen Osten zwei erprobte Befehlshaber er⸗ 
nannt, den Generalleutnant Leczinsli und den General Nikitin. 
Letzterer war einer der Hauptmitarbeiter des Generals Kon⸗ 
dratenlo in Port Arthur. Trotz alledem erwartet man 
unmear noch eine zufriebenstellende Antwort CEhinas.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.