Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Rachverzollung einzuführen, denn dieses Recht war ihm vom 
S—— nicht delegiert. Noch bedenklicher ist die Behand⸗ 
ung der Veriährungssrage. Die genexelle Kollverordnung von 
og hat eine Verjährungsfrist von 3 Jahren festgesetzt. Auf 
Zrund diefer Tatsache war eine Kivilklage erhoben. Darauf ist 
ine vierte Verordnung ergangen, vom 26. September 1910. Diese 
erlängert die Verjährungsfrist auf 8 Jahre und setzt ihren Be— 
rinn auf den 1. August 1907 fest. Dadurch ist in ein schwebendes 
Kerfahren eingegriffen. Es ist noch zu berücksichtigen, daß der 
oberste Richter, der Oberrichter in Windhuk, in seiner Eigeuschast 
als Vertreter des Gouverneurs in der Lage war, Gesetzgeber zu 
verden. Wir müssen bitten, daß in dieser Weise nicht mehr Ge⸗— 
etzgebung betrieben wird, und daß durch die afrikanischen Bei— 
piele das Rechtsbewußtfein und das öffentliche Vertrauen in 
Luropa nicht erschüttert werde. J 
Staatssekretär v. Lindeqnist: Ich möchte meinen gestrigen 
Ausführungen nur hinzufügen, daß der Oberrichter während der 
Zeit, wo diese Verhandlungen schwebten, nur einmal vier Tage 
ang vertretunasweise die Gouverneurgeschäfte geführt hat, er 
jat in Verwaltungssachen keine Verfüqgungen, erlassen. Es war 
a dies auch ein Grund, weshalb man sich auf, ein Schiedsgericht 
reiniate. Dann haben sich die weiteren Vorgänge so abgespielt, 
wie ich es gestern schilderte. Selbstverständlich hat bei Akzep— 
ierung des Schiedsgerichts die Absicht bestanden, sich an dessen 
Spruch zu binden. Nur dadurch, daß die Firmen, falls sie nicht 
Kecht vor dem Schiedsgericht bekamen, sich ihm nicht unterwarfen, 
st, die Meinungsverschiedenheit entstanden. Ganz aweifellos 
viirde, wenn die Regierung unterlegen wäre, und gegen Firmen 
zeklagt haben würde, von den Ansiedlern dies als ein Zeichen 
»on Illoyalität der Regierung hingestellt sein. Materiell sind 
edensalls die Kaufleute nicht im Recht. 
Ministerialdirektor Dr. Conze: Es handelt sich nicht darum, 
aß durch eine nachträgliche Gouvernementsverordnung eine bereits 
eingetretene Verjährung wieder beseitigt worden wäre. Eine 
Berzrzährung,konnte, überhaupt nicht eintreten 
unshoturzer 8Zeit, weil die in Betracht kommenden Nachzölle 
ꝛereits u Hebung gelangt waren. Es handelt sich ausschließlich 
)arum, daß man dem Gouberneur die Ernächtigung gab, Nachzölle 
cückwirkend einzuführen, und zwar war ihm diese Ermächtigung 
ür eine rückwirkende Zeit von drei Jahren gegeben. Bei genaueren 
Untersuchungen stellte sich aber heraus, daß die Einfuhr der be⸗ 
reffenden Waren bereits vor diesen drei Jahren exfolgt war, daher 
nußte die Verordnung berichtigt werden, sie mußte sich, wenn sie 
Wirkung haben sollte, auf 5 Jahre erstrecken. GHeiterkeit.) Materiell 
ag kein Grund vor, die Nachzoͤlle aufzuheben. Die Notwendigkeit 
uid Nützlichkeit einer Nachverzollung ist allgemein anerkaunt, ihre 
Durchfübrung scheiterte nur an einem kleinen formellen Mangel, 
ind dieser ist beseitigt. (Heiterkeit.) 
Abgs. Dr. Semler Das Versahren des Gouverne⸗ 
nents und des Kolonialamts war kein sehr glückliches. Ich glaube 
nuch, wenn der Schiedsspruch gegen die —— ausgefallen 
väre, hätte sich deine Firma gemeldet. Materiell ist recht hen 
ind das ist das wesentliche. Durch Vereinbarung in der Budget⸗ 
ommission ist die Hauptfrage, die das Publikum am meisten inter⸗ 
essiert, die Diamantenfrage, ausgeschieden. Auf der 
inderen Seite bestand Abereinstimmung darin, daß sie Fhehe wie 
nöglich endgültig geklärt werden muß, damit den Spekulationen 
in Ende bereitet und die Kolonie nicht geschädigt wird. Wir sehen 
n der Geschäftslage auch davon ab, andere wichtige Fragen zu 
rörtern; Die Erxrichtung von Schulen, die Erschließung des 
Zwambobezirkes, die Grundbesitzfrage, die Landeskultur und 
Wasserfrage, die alle dringlich sind. Leider hat sich wieder ein 
Wechsel im Gouvernement vollzogen. Das System Schuck— 
nann war allexrdings kein Segen, Wenn es etwas gutes gehabt 
zat, so war es der Vorteil, daß Beamte gespart wurden. Jetzt 
ekommen wir aber die Nackenschläge. Im Nachtragsetat sind eine 
dusumme von Stellen enthalten. Es erhebt sich die Frage nach der 
vureaukratischen Verwaltung, die gestern schon mein 
ZRarteifreund Dr. behandelt hat. endic wird der neue 
Herr im Schutzgebiet die kaufmännische Leitung besser fördern. 
Dem bureaukraätischen Zug, der früher sehr stark durch das Kolo— 
nialamt ging, muß ein Ende bereitet werden. Das gilt besonders 
ür den Außeudienst. Für diesen hat man nie das volle Verständnis 
intwickelt. Man hat die Beamten, die sich draußen Verdienste 
rworben haben, nicht befördert, ihnen keinen Ratstitel oder der⸗ 
zleichen gegeben, der ihnen später ihr Fortkommen erleichtert hätte. 
Zo sind viele verstimmt und verdrossen aus dem Kolonialdienst 
geschieden. Dagegen möge der Staatssekretär seine ganze Kraft 
insetzen. Nur noch eine re Frage. (Zuruf des Abg. Lede⸗ 
our : Ist der Ratstitel auch eine kurze Frage⸗ Houerken ), Es 
mag viellecicht etwas kleinlich erscheinen, aber es hat, doch seine 
Wichtigkeit. Im übrigen habe ich den Eindruck, dat ich 
mich bei unwichtigen Dingen nie lange aufgehalten vhabe. 
der jetzige Zuschuß an die Kolonien ist auf die Dauer unerträglich. 
Zobald die Bahn vollendet ist müssen wir zu einer Revisionder 
Nilitärlasten schreiten. Dann wird eine Dislokation der Poli— 
eis und Schutztruppen möglich sein die ein Verringerung gestaättet. 
sine weitere Forderung ist die Vorlage eines Wehrgesetzes. Wir 
nüssen in Fällen der Not Reserven an Mannschaften und ausgebil⸗ 
deten Offizieren haben. Es ist absolut verkehrt, daß die Bezirkskom⸗— 
naudos in Deutschland noch immer die Gestellungsordre ausfertigen. 
Vir werden im nächsten Jahre auch prüfen müfsen, inwieweit die 
Polizei noch mit Gerichtsdiensten befaßt ist. 6000 .A für den Mann 
uind viel zu viel. Vor Jahren haben wir schon darauf hingewiesen, 
zaß es wünschenswert wäre. Schulden der Kolonien nicht als ein— 
ritliche Echutzgebietschuld zu hehandeln, sondern die Reichsgarantie. 
ie wir ja übernehmen müssen, für die Schulden der einzelnen Kolonie 
rbe anstatt sie für die ganze Schutzgebietsschuld ausammenau- 
assen. 
Abgq. Dr. Arning (kons.): Ueber die Frage der Nachverzollung 
zabe ich mich schon im vorigen Jahre ausgesprochen. Die Art, wie 
urch Verordnungen in die Sache eingegriffen worden ist. muß tat— 
üchlich zu einer Rechtsverwirrung, führen. Hoffentlich wird die 
Frage der Errichtung eines Kohonialgerichtshofes auch 
zierin einen Fortschritt hringen. Man hätte doch auf die Beteiligten 
eine gewisse Rücksicht nehmen und Milde walten lassen sollen, indem 
nan ihnen einen bestimmten Prozentsatz erftattet. Die Importeure 
jaben gerade mit Rücksicht darauf. daß die Truppen noch längere Zeit 
hort bleiben würden, ihre Einkäufe gemacht. Hierin sehen sie sich 
zetäuscht und mußten mit den Preisen heruntergehen; dadurch haben 
ie bedeutende Verluste erlitten. Mit Rücksicht hierauf sollte man 
hnen einen Nachlaß in der Steuer konzedieren. (Zustimmung.) 
Abg, Ledebvur (Soz.): Ich frage den Staatssekretär, ob er die- 
lenigen Verordnungen in Südwest aufheben will, die im Anschlusse 
in den Aufstand erlassen worden, wonach den Hereros und ver⸗ 
chiedenen Hottentottenstämmen, die Großviehhaltuug nur 
nit Genehmigung des Gouverneurs gestattet wird, und wonäach sie 
Iwangsarbeiten verrichten müssen. 
Abg. Dr. Goller (f. V.) tritt lebhaft auch für Verminderung 
der Polizeitruppen ein. Man sollte nicht ausgediente Ser— 
geanten und Wachtmeister für diesen Dienst verwenden, sondern 
unge Bastards. 
Damit schließt die Diskussion: sie wird aber wieder eröffnet 
zurch eine Erllärung des 
Staatssekretärs v. Lindequist: Für ein Enteignungsgeses 
ist ein Entwurf bereits in der Ausarbeitung und beinahe fertig⸗ 
gestellt. In Südwestafrika haben wir neuerdings ein Ueberein— 
ommen mit England getrofsen, um die nne von Munition und 
Gewehren zu verhindern. Ras die Polizeitruppen anbe— 
frifft, so bin ich mit dem Abg. Goller nicht einverstanden wir haben 
her zu wenig 'als zu viel Polizei. Das kraurige Vorkommnis in 
Wilhelmsthal hatte lediglich seinen Grund darin, daß nicht ge— 
nügend Polizei im Lande war. Die Polizeitruppen müssen sich auͤch 
inner wieder einmal in der Garnison aufhalten. Gerichtsvollzieher— 
dienste sollen die Polizeitruppen nach einem neuerdings erlassenen 
EErlaß des Gouverneurs nur leisten, soweit sie sie gelegentlich ihrer 
egelmäßigen Patrouillen ausführen können. Im allgemeinen wird 
nimer gewünscht, daß wir die Selbstverwaltung einfuͤhren; es sind 
aber Fälle vorgekommen. wo die Bevölkerung sich geweigert hat, 
und wo wir von der i der Selbstverwaltung Abstaud 
nehmen mußten. Die Kontrolle der Gründungsgesell— 
8 ist recht schwierig. Wir müssen allerdings das Moöͤglichsie 
un, um spekulative und unsolide Gründungen zu verhindern, danit 
nicht die Leute in Deutschland ihr Geld verdienen und sich niemand 
veranlaßt fühlt, auf solche Gründungen hin in die Kolonie zu gehen. 
Aber der Ausschuß der Berliner Handelskammer, der sich damit be— 
chäftigt hat hat gauch leinen Ausweg gefunden, uin dem zu 
teuern. Ich habe die Gouverneure durch einen Erlaß um Vor— 
schläge erfucht, namentlich auch darüber, ob es möglich ware, daß 
ich im Schubzgebiet selbst Leute fänden, die bei der Gründung kon— 
roslieven, bezw. Rat geben Ich wuürde nichts dagegen baben. wenns 
nich hierBeamte mitwirklen. Die Antworten sind noch nicht eingegangen. 
Zas die Erlaubniserteilung zu großer Viehhaltung betrijft, 
bin ich mit dem Abg. Ledebour im Sprachgebrauch nicht einig. 
Fenn es heißt, es müß Genehmigung des Gonyverneurs eingehoelt 
erden, so ift dies für den Abg. Ledebeur dasselbe, als wenn wir 
gen: Es ist verbodien. Die große Viehhaltung der Eingeborenen 
Ajich beirächtlich gesteigert. Der Gouberneur muß also in 
rihlreichen Fällen die Erlaubnis gegeben haben. Die Heranzie⸗ 
ung zur Arbeit erfolgte nur zur Beschränkung des Vagabondie- 
ens. Hinfichtlich der Stundung wird ohne Härten verfahren. 
Fenn man Line befondere Berücksichtigung derienigen empfohlen 
it die schon vor Beginn des Aufstandes Waren in arößeren 
Nengen eingeführt haben und durch die spätere Nachverzol— 
un a gelitien haben, so haben gerade diese Leute ein großes Ge⸗ 
häft gemacht: denn infoige des Aufstandes haben sie sehr hohe 
zreise für ihre Waren erzielt. 
Der Etaf für Südwestafrika wird darauf nach den Kom— 
nissionsanträgen bewilligt. Die im Extraordinarium für die Be— 
miten in Lüderihbuqcht beantragten Ortszulagen von 46 000 4 
erden. obwohl sich Staaissekretär p. Lindequisst unter Hin⸗- 
eis duf die dortigen Teuerungsverhältnisse sehr lebhaft für die 
zewilligung verwendet. nach dem Antrag der Kommission ein- 
immig aestrichen. 
Die Pelitionen betr. die Nachverzollung werden den 
Zzerbündelen Regierungen zur Erwäqung überwiesen. Ohne Tis- 
ission erledigt das Haus den Etat für Neu-Guinea und die 
zübseeJaseln sowie den für Samoa. Damit ist der 
dolonialetat im ganzen erledigt. m 
Nächste Sitzung: Dienstag 12 Uhr, u. a. Reichseisenbahnen, 
Keichsstag Kechnungshof, Pensionfonds, Zölle und Verbrauchs- 
teuern, Reichsschaßzamt 
Schluß 7 Uhr. 
Preußischer Landtag. 
Abgeordnetenhaus. 
57. Sitzung. 
vunn Berlin, den 24. Marz. 
Am Ministertisch: Sydow. 
Die dritte Beratung des Etats 
vird fortgesetzt beim Bergetat. 
Abg. Foseann (Soz.)“ Sie (nach rechts) werfen uns vor, 
aß wir hier so viel reden. Sie, die Sie die Minister an der 
ztrippe haben, haben es nicht nötig, viel zu reden. Haben wir 
och gestern das Schauspiel erlebt, daß nach der Rede des Herrn 
BHeydebrand der Ninisterpräsident wie ein Komet plößzlich 
ustauchte. Wenn wir die Minister an der Candare haben, dann 
rauchen wir auch nicht mehr so viel zu reden. Wir werden 
ms durch keine Maßregeln Ihrerseits abhalten lassen, für Ga⸗ 
antien zum Schutz von Leben und Gesundheit der Arbeiter ein⸗ 
utreten Die Darstellung, die Abg. Hirsch-Essen über die 
zicherheitsmänner fürzlich hier gegeben hat, daß sie Un— 
rieden zwischen Arbeitern und Beamten stiften, ist unwahr, 
Abg. Imbusch (Ztr.): Lange bevor die Sozialdemokraten 
iier im Hause vertrelen waren, sind andere Parteien, insbeson⸗ 
ere das Zentrum, für die Jnteressen der Bergarbeiter einge— 
reten. Die gegenteiligen Behauptungen des Herrn Hoffmann 
nd unbegründet⸗ 
Abg. Hirsch⸗Essen (nI.): Meine frühere Behauptung, daß 
as Institut der Sicherheitsmänner eine knallrote Färbung an— 
enommen hat, halte ich vollkommen aufrecht. Die Sicherheits⸗ 
niänner haben das Bestreben, die Verfehlungen der Arbeiter zu 
ertuschen, diejenigen der Verwaltung dagegen auf das schärfste 
u verfolgen. 
Abg. Dr. Maurer q kommt auf die Frage der Installa—⸗ 
onsarbeiten bei den elektrischen Ueberlandzentra⸗— 
en zurück und spricht sich gegen die Stärkung der Monopol⸗ 
ellung der großen Gesellschaften aus. 
Haͤndelsminifter Dr. Sydow: Die Berqgverwaltung hat zwei 
— 
velche mehr Strom liefern, als für den dortigen Bergbau nötig 
st. Jetzt plant dort die Allgemeine Elektriitäts-Aktiengesellschaft 
ie Exrichtung einer großen elektrischen Zentrale. Es kommt 
un darauf an, sich der neuen Gesellschaft gegenüber dahin zu 
chern, daß diese von den Staatsgruben die Kohlen, bezieht. In 
iesem Sinne haben wir einen Vertrag mit der Gesellschaft ab⸗ 
eschlossen, wonach der Fiskus und die Gemeinden an der Ge⸗ 
olischaft sich beteiligen wollen. Wir haben damit die öffentlichen 
ind kaufmännischen Interessen gewahrt und besser getan, als 
venn wir ein Konkurrenzunternehmen geschaffen hätten. 
dy kurzen Bemerkungen des Grasen Henchkelv. Donners⸗- 
narck gin wird der Bergetat bewilligt. 
dern at der Handels- und Gewerbe-Verwal— 
ung wei 
Abg. Dr. Schröder-Kassel (nl.) die abfällige Kritik zurück, die 
lbg. Hammer in der zweiten Etatsberatung an seiner, des Redners, 
Nittelstandsrede auf dem Kasseler Fer geübt habe. 
Abg. Dr. Schepp Fortschr. Vpt.) wünscht eine Einschränkung 
es Vorschleusenrechts zugunsten der Jelnen Schiffer. 
bg. Dr. Seyda Won beklagt sich über die Schikanierung poni— 
cher Genossenschaften. 
Tine Sydaw: Den kleinen Schiffern soll die Ausübung 
es Vorschleusenrechts erleichtert werden. Die polnischen Genossen— 
chaften werden nicht schikaniert. Wir sind aber genötigt, ihnen 
zeschränkungen aufzuerlegen, wenn sie nicht wirschaftliche 
zwecke, sondern nationalpolnische Tendenzen verfolgen. 
Abg. Leinert (Soz.): Nachdem Abg. Graf Henckel v. Don⸗— 
ersmarck meine Behauptung, daß er an der Gründung eines 
dareniseß beteiligt sei, als unrichtig beaeichnet hat, nehme ich 
e zurück. 
Beim Etat des Ministeriums des Innern tritt 
Abg. Veltin (Zentr.) für eine möglichst scharfe Handhabung 
er Kellerkontrolle namentlich in den Großstädten und 
zädern ein. 
Abg. Cassel (Fortschr. Vp.) widerspricht der Behauptung 
er Konservativen, daß die Freisinnigen mit der Sozialdemokratie 
in Bündnis auf Leben und Tod geschlossen hätten. 
Abg. Dr. Lohmann (natlib.) wendet sich gegen die Behaup⸗ 
ung des Ministers in der zweiten Lesung, daß der in OlIebko⸗ 
zyck von Lehrern verbreitete Volksfreund kein Parteiblatt sei. 
Abg. Dr. Seyda (Pole): Unter Miwmirkung der Polizei ist 
egenüber einem Mitglied des Strazvereins in Posen das 
zriefgeheimnis verletzt worden. Das ist eine ganz gemeine Hand⸗ 
ungsweise. Wie die Polizei gegen die Polen vorgeht, das zeigt 
in Fall in Zabrze, wo ein Mann be seiner Verhaftung wie ein 
„uchthäusler behandelt wurde. obwobl er aar nichts hbegangen 
atte. 
Minister des Innern v. Dallwitz: Daß die Kreisblätter 
ufklärende Artikel mit zahlenmäßigen Angaben bringen, ist 
urchaus wünschenswert. Die Grundtendenz des Volksfreund ist, 
bgesehen von einigen Entgleisungen, durchaus national und 
egen die Sozialdemokratie gerichtet. Im übrigen hat das Blatt 
einen ausgesprochenen Parteicharakter. Bei den Musweisun— 
en aus Ostpreußen werden Härten vermieden. Waässen⸗ 
usweisungen finden nicht mehr statt. Ueber den vom Vorredner 
rroahnten Fall der Verletzung des Briefgeheimnisses ist ein Dis⸗ 
plingrverfahren eingeleitet. 
Aba. Hirsch (Soz.): In den Aufklärungsartikeln der Neuen 
dorrespondenz über die Reichsfinanzreform sind die Kahlen fen— 
enziös zusammengestellt. Die Angriffe des Abg. Gronowski in 
er zweiten Lesung gegen die Sozialdemokratie waren ein 
zammelsurium von Unwahrheiten. (Präsident v. Kröcher ruft 
en Redner zur Ordnung.) Die preußische Ausweisungs⸗ 
zolitik blamiert uns vor dem Auslande. 
Abg. Schiffer (natlib.)!: Die bürgerlichen Partelen 
ollten im Kampf, unter einander alle unnötigen Schärfen, beson— 
ers solche persönlicher Noetur vermeiden. Wir haben in Preußen 
ine solche Fülle von Polizeiverordnungen und 
Strafbestimmungen, daß sich niemand mehr in dem Paragraphen— 
sewirr zurechtfindet. Wenn beispielsweise im Jahre 1000 5 Mil⸗ 
ionen Bestrafungen stattgefunden haben, so deutet das doch anf 
in Uebermaß von Strafbestimmungen hin. In den letzten 10 
zahren sind nicht weniger als 71 Polizeiverordnungen ols ge— 
etzwidrig aufgehoben worden, und auf Grund diefer 71 Polizei— 
erordnuungen sind ein halbes Jahrhundert lang unzähline Per— 
onen zu Nurecht vernrteilt worden. Geifall bei den Natliby) 
Mumisten des Innern v. Dallwitz: Mir hbaben andevednet 
AAtz veraltete Worizetverordnungen aufgehovben 
verden, und daß neue Verordnungen, vor dein Erlaß von der 
orgesetzten Behoͤrde geprüft werden. Es ist aber vor allem a) 
u berücksichtigen, daß durch die verschiedenartige Rechtsprechnug 
Xs Kamnmiergerichts und des Obherverwaltungsgerichts grcßze 
Z„chwierigkeiten eutstehen. eie Prozeß ist fest— 
estellt worden, dah die Polizeibeamten unter schwierigen Ver— 
zältnissen ihres Amtes mit Besonnenheit und Zurückhaltung ge— 
waltet haben. Ich lann nur darauf, verweisen, daß meine Dar⸗ 
en in der zweiten Lesung durch die Gerichtserkenntnisse voll⸗ 
auf bestätigt worden ist. Ja es hat sogar ergeben, daß die 
Ausschreitüungen in vielen Fällen viel krasser waren, als ich es 
argestellt habe. Der Fall Herrmann erweckt allgemeine 
raurige Teilnahme; er zeigt aAber auch, welch schwere Verant- 
vortung alle diejenigen auf laden, die durch Wort und 
dehn Fen zu derartigen Tumulten aufreizenn. (Lebhafter 
zeifall rechts. 
Abg. idhen Däne) hält seine Behauptung über die unge— 
etmaßige Auflösung der Gemeindekasse in Schottburg durch 
en Landrat aufrecht. 
Abg. Dr. Schifferer (natlib)) Am 24. März, also heute vor 
355 Jahren, ist die schleswig-holsteinigche Angae in 
deuf chem Sinn gelöst worden. Die von dem Abg. Nissen gegen 
»en Landrat von Tondern erhobenen Vorwürfe sind unbegründet. 
Ich habe den Dänen, in, Nordschleswig, nicht Lusreißungs: 
estrebungen vorgeworfen, sondern nur betont, daß sie das Ziel 
erfolgen, die Bewohner, von Nordschlesmig wirtschaftlich ünd 
eistig mit dänischem Geist zu erfüllen. Wenn den Heimatlosen 
Zchwierigkeiten bezüglich der Naturglisation gemacht werden, so 
st das auf ihre Agitation zurückzuführen. 
Die Debatte wird geschlossen. Der Etat wird bewilligt; 
Ansd nne Debatte der Etat der preußischen Zentralgenossen⸗ 
r stafse. 
Beim Etat, der Verwaltung der direkten 
3tenern erkläxrt 
Abg. Hirsch-Berlin (Soz.): Die Beiträge der Arbeiter zu 
den Gewerkschaften sind nicht so hoch, wie es der Finanz⸗ 
ninister bei der zweiten Lesung dargestellt bat. 
Finauzminister Dr. Lentze: Meine Ausführungen in der 
Lesung über diese Angelegenheit waren durchaus zu— 
reffend. 
Vach kurzen Bemerkungen des Abg. Luscas (yatlih) wird 
5 Fet bewilligt, ebenso eine Reihe kleinerer Etats ohne 
ebatte. 
Hierauf wird die Weiterberatung auf Montag 10 Uhr 
bertagt. Schluß gegen 6 Uhr. 
44 
Die Garde stirbit, aber ergibt lich nicht. 
Ist dieser berühmte Ausspruch des Generals Cambronne, der 
den Heldenmut der napoleonischen Garden so prächtia ausdrückt, 
virklich auf dem Schlachtfeld von Waterloo getan worden, oder 
ehört er in das Bereich der historischen Legende, die die nüchterne 
Virklichlkeit so gern verllärt? Diese Frage, die schon von so 
nanchem Geschichtsschreiber in gelehrten Untersuchungen er— 
jrtert worden ist, wird in einem soeben erschienenen Buche „Vor 
en Schranken der Geschichte“ von Marcel Frager wieder aufge⸗ 
ollt. Ausführlich erfahren wir die Geschichte aller Belästigungen, 
ie solch ein berühmter Ausspruch seinem wahren oder vermeint⸗ 
ichen Urheber eintragen kann, und in das Dunkel des Problems 
jelbst fällt ein neues Licht. 
Am Abend des blutigen Schlachttages von Waterloo, als 
Tambronne an der Spitze der Trümmer der französischen Garde 
mit letztem Todesmut die enalischen Angreifer abwehrte, wurde 
ex durch eine Kugel zu Boden gestreckt. Wie leblos blieb er einen 
Teil der Nacht liegen; als er nach der langen, durch seine Wun— 
den hervorgerufenen Ohnmacht erwachte, war er fast nackt, die 
wänen des Schlachtfeldes hatten ihn gründlich ausgeplündert. 
ine englische Patrouille nahm sich schließlich des berühmten 
zenerals, der seinen Namen nannte, an; er war mit Blessuren 
edeckt; mehrere Kugeln hatten ihn gestreift, der Körver war von 
zahllosen Säbelhieben zerileischt. Man brachte ihn nach Brüssel, 
vo er langsam der Heilung entgegenning. Hier las er in dem 
sournal genéral de ia France vom 24 Juni einen Bericht über 
ie Schlacht von Waterloo, dessen letzte Worte den ihm in den 
Nund gelegten heroischen Ausspruch bildeten: „Die Garde stirbt, 
ber sie ergibt sich nicht!“ Er konnte sich nicht erinnern, ie etwas 
»erartiges gesaat zu haben. Aber der Ausspruch war schön, 
rägnant, kraftvoll, er lief von Vund zu Mund, und sein ganzes 
veiteres Leben hatte nun Cambronne an diesem ruhmreichen 
Wort zu tragen. Die Last schien ihm bald recht schwer. Als er 
iach England kam, kannte alle Welt das stolze Diktum. Man 
ereitete dem kühhnen Haudegen Ovationen, in denen immer wieder 
e ominösen Worte von verzückten Lippen gestammelt wurden. 
Fambronne leugnete, so etwas gesagt zu haben. „Ich habe die 
Fngländer — zum Teufel geschickt, oder noch was Derberes ge— 
agt,“ meinte er. „Aber so wars sicher nicht. Hatte ich denn Zeit, 
im Literatur zu machen?“ Man flehte ihn an, die Vaterschaft 
in dem Ausspruch „an Ehren der französischen Armee“ anzuerken⸗— 
ien. Aver der Gardegeneral konnte nur immer wieder kopf⸗ 
chüttelnd erklären, er könne sich auf nichts besinnen; und er be⸗ 
uemte sich schließlich nur den ihn beglückwünschenden Engländern 
zegenüber zu dem Zugeständnis: „Ja, man schreibt mir dieie 
phrase zu.“ 
Als dann Cambronne während der Restauration wieder nach 
Frankreich kam, heftete sich das Wort, wo er erschien, an seine 
dersen. Ein begeisterter Freund apostrophierte ihn damals: „Du 
ast das Unheil aufgehalten, du hast den Ruhm der Armee ge⸗ 
rettet: die Garde stirbt, aber ergibt sich nicht. Welch wunder⸗ 
oller Todesschrei eines großen Zeitalters!“ Solche Deklama— 
ionen machten den Ausspruch nur noch populärer. Wo Cam⸗ 
ronne sich zeinte, murmelte man die berühmte Antwort. Unzählige 
dupferstiche und überall im Volke verbreitete fliegende Blatter 
rugen sie als Unterschrift unter einem Bilde des Generals, das 
hn in heroischer Pose darstellte. An allen Mauern und Waänden 
waren solche Bilder angeklebt. Cambronne konnte nur die Ach— 
eln zucken und abwehren, aber schließlich war es ihm doch zu 
unt, und er erklürte wütend: „Ich habe, parbleu, nicht so was 
ranges gesagt, ich habe mit einem kurzen Spruch geantwortet, 
er an soldatischer Derbheit nichts zu wünschen übrig ließ.“ Als 
iun die Debats vom 16. Dezember 1815 dieses uns Deutschen 
ius dem Götz von Berlichingen wohlbekannte Wort in nicht miß⸗ 
uverstehender Weise andeuteten, war das niemandem recht; 
nan schimpfte auf diesen rauhen Krieger, der seinem eigenen 
ßuhm im Licht stehe, und — glaubte weiter an die pathetische 
Phrase. die dann Victor Hugo in einer Stelle seiner Miscrables“ 
dichterisch verherrlicht hat. 
Also hat Cambronne, dieser nüchterne, kurz angebundene 
Haudegen, der aus neunzehn Feldzügen zwölf Blessuren, aber 
nie vratorische Lorbeern mit heim gebracht hatte, die großen 
Vorte nicht gesprochen? Frager läßt die Sache unentschieden, 
ber einige andere Gelehrte haben imabhängige und überein— 
timmende Berichte von michreren Gardesoldaten bei— 
gebracht, die den Ausspruch von Camspronne gehört haben. So 
jab der Grenadier vom zweiten Regiment der alten Garde Delan 
in Protokoll: Ich war bei Waterloo in dem Carre der Garde in 
ner ersten Reihe, wegen meiner Größe. Zwischen zwei Salven 
hrie der englische General uns zut Gréiadiere, craebt euch!“ 
der General Cambronne antwortete — ich habe es deutlich ge— 
üört und ebenso, alle meine Kameraden: Die, Garde stirbt und 
xgibt sich nicht!“ „Fener“ kommandlerte foalcich der englifche 
Beneral. Moch einmal wiederholte der Engländer die Auf— 
orderung, sich zu ergeben, und wieder antwortete Cambronne 
nit demselben Ausspruch, den wir Soldaten begeistert wieder— 
olten. Auf die dritte Aufforderumg der ums von allen Seiten 
mringenden Engländer antwortete Cambronne mit einer wüten— 
»en Geste, die von einigen Worten begleitet war, die ich nicht 
nehr verstand, denn in diesem Angenblick riß mir eine Kugel 
neine Bären mütze vom Kopf und schleunderte mich auf einer 
aufen Leichen.“, Aus dieser von mehreren anderen Gardisten 
estätigten Eczählnug läßt sich schließen, das Cambronne beide 
dikta gesprochen hat, sowohl das stolze Bekenntnis wie die grode 
Lerwünschung. Daß er selbst sich an seine Worte nux noch un— 
eutlich erinnern konnte, ist leicht begreiflich durch die Schwere 
einer Verwundung, die eine lange Olnimacht hervorrief, und 
urch die leidenschaftliche Erregtheit, in der er sich befand. Tros 
eines hartnäckigen Leugnens gehört also sein berühmter Ans 
uritch doch wohl der Geschichte *
	        
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