Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

it 
8 
le 
Nn 
l, 
r⸗ 
4 
N 
V 
A 
Das Spiegel·orakel 
Nach dem Russischen des Tschechoff vo 
In der Silvesternacht saß Natali n Paulowna Gordon 
ochter, vor dem großzen Vone alia, die schöne jun 
vbrannten umd befraat⸗ n desfen beden nge Guts⸗ 
esnacht üblich ist, ran e vie es in Rußland in ten arobe 
Slarr bohrten sich ihre dgeeate er lebien 
zunklen Tiefen ihr ei ugen in das — 
huͤch verschwamm 3 eian Antlitz l degsen 
deifende araue Ringe fünim r Sehnerv war überrei 4— g 
— einem — J oage 
mähuch deutlicher il hob sich aus hew 
ece — es 
in, der Zukünfti ugen. 
eeenene, — hrec Malnt I 
Hanne, und in sei n näher, wur 
Annte sich — Ipen hielt er — Anenen 
ne We hutpe gee vnee rhie a 
J —A ie Selgtenenzhe —— 
Tage, Mon ihr gaanzes Ehegalü 
J 
—4 * 
8 es. Totenstill lag das —28— — . Hause degs Be⸗ 
vi tat sich die Tür auf und vste und blopfte 
älterin fragte U die v 
8 ———— 
Fr schläft,“ kam e Dahn 
n einer eise als Antr 
tört —— rẽt zurück, müde und Anet e e e 
Wa n stie die Haushälterin beisei t a⸗ 
eene Splagiymet. n dem —A 
Natalig lie ich. Er blies sich in di oter 
— ——— 
Der Doktor erhob si 
eid ihinihe ich aber er gab keine A 
en Vnlerdrü ante snte Ralatsa und dneet 
—52 rücken. „Um Gottes I—— ihr Schluch⸗ 
der Arzt brummte etw je mit ... schnell, 
dãnde as Unverständliches und h 
Keommen Sie schnelnã ind hauchte in die 
st gräßlich Ter wird hagu der Stelle! Sonst ... sonst 
en — enet 6 . sonst ... es 
n * drängend alja suchte g 
——— — — —— 
ndn der Arzt ab ze begreiflich zu ene de Vone 
ind ruͤhtte sich ni er sah sie slarr n. Nataljali 
ch nicht von der S an, hauchte in Iitt 
F „Ich komme morgen Ar be seine Hande 
nen,“ brach 
vh eee rief Natalj hie er endlich mühsam her— 
ath uenhapuet ‚ug 
ommen! ukt —ich weiß es7 g Mann ist an Tyh— 
meag Ich ham socben erten — 
— eee seibeded 
— — 3 
Er reichle ihr das ee angesteckt — da e p Es ist mir 
vne ee Temperatur ist rhin. n Sie! 
— sen eemin Crdtiic 
i ——— 53 Gaden nt auf 
— — erenuhih d 9 
.Ne 48 re, rie n zurück.“ 
—*— was Sie Ann Se 0 e 3 verzweifelt. Ich 
Aber mein Gott! In ine ren Sie mit. Ich 
53 sprang auf und en doch, daß ich nicht kann. 
Innt. Eie nodle de durchquerte in hö 3 
—3 er wie n ——8 ihin —BAi das 
5* ü — x Gatte is ich mache 
vergessen gewiß alle Ermuü ist, was es fu n... 
—3 r si Ermüd für ein Unglü 
Iue Sie * amdung, seine eiene —— 
zünmöglichtee sarzt!“ flüsterten 
e d 8 d sen der Doktoi. 
u machen. Von nd die Pferde meter weit von hi 
lein, unmöglichi e . hierher 53 imftande hier. 3 
ESie wiss n en Sie, hon dreißig Ki eg 
itze in nicht, was Sie Dee erbarmen g— —8 
idii⸗ opf glüht. Verstehen nen Ih hðbe ee 
7— ie denn das nicht? igg 
Brettl·Geschichten. 
Von Dtito Schmidt⸗Felsing. 
Was man sonst die Varieété⸗ oder Spezialitätenbühne hieß, 
das nennt man jetzt gern mit dem hübschen, von der munteren 
Sprachtraft der Suͤddeutschen gebildelen Worte das Brettt. Auch 
die Bezeichnung Tingel⸗Tangel ist noch im Schwange, die übri⸗ 
hens nicht, wie man nach dem Wortklang allenfalls annehmen 
önnte, aus dem Chinefifchen stammt, sondern vor beiläufig 
inem halben Jahrhundert als Spottwort auf den Unternehmer 
Tangel in Hannover entstanden ist. Charakteristisch genug, daß 
zerade dies Spottwort an der Kunst des Variétes haften ge⸗ 
lieben ist. Noch ist es gar nicht lauge her, daß man darauf auf⸗ 
merksam wurde, wie viel künstlerischen Gehait und wie reiche 
Pöalichkeiten der Veredlung viele der Brettltünste in fich 
chließen; und erst seit dieser Erkeuntnis hat nun auch die Lite⸗ 
satur sich mit ihnen zu befassen begonnen. Wenige wissen wohl 
jseute mit der Welt der „Artisten“, ihrer Geschichte und ihrem 
eben so vortrefflich Bescheid wie „Signor Saltarino“, und auch 
ein neues Buch „Das Artistenluin und seine Geschichte“, dae 
oeben bei Wiliy Backhaus in Leipzig erfcheint, ersffnet die 
nannigfaltigsten und fesselndsten Einblicke in das Reich der 
zehnten Muse“, in das bunte Leben der „panvres altim. 
—8Bæe in dem die Kontraste so hart und grell nebeneinander 
ehen. 
Während manche der Brettlkünste, wie z. B. das Kunftrad⸗ 
ahren, ganz modernen Ursprungs und CTharatters sind, haben 
ndere ein ehrwürdiges Alter. Aber eine der ältesten von ihnen, 
de Seiltänzerei, ist im ANussterben; das gespannte Turmfeil, 
instmals ein unentbehriiches Reguuftalle echten Hof⸗ und Volks⸗ 
——— 
wärtten eine bescheidene Rolle. Aber in bten Tagen! Da war 
er Seiltänzer der vielbefaunte Wundermann, wo er sich auch 
nit seiner kühnen Kunst produzierie Als 1337 zu Compiẽegne die 
en Roberts, des Bruders König Luwigs 1X. von 
reich, begangen wurde. da vaß ein Künstler zu sehen, der 
— ner das ausgespannte Seil — woraus zu arse hen ist datz die 
ei üneret schon vor vielen Jahrhunderlen die schwieriasten 
yrq I Kunst erreicht halte, Das Reuertunsistüch von den 
i Chronik meldet, hat der Jtaliencz Corradini 1889 zu kopieren 
Frsucht lein er musßßte den Verfuch u sinem Leben berhlen 
Zan Anhzerordentliches wird von der Verwegenheit und Ge— 
dicklichkeit der Seiltänzer in allen Zeiten berichtet Einer aus 
döln, der sich 1505 zu Nürnberg produzierte, führte auf dem 
Zeil einen Tanz im Harnisch, einen auf hölzernen Kugeln, einen 
mnderen auf scharfen Schermefsern auf, von anderen kühnen 
eistungen nicht zu reden, und der im is. Jahrbundert kebende 
ean Rabel, il furiozos, der König der Seiltäuzer, genanntk, 
Lkutierte mit, seiner Frau quf dem“gespannten Seil im wört— 
hen Sinue die verschiedensten deatte nnnnen A sSehrling 
jeses Furioso war jener Gravelet, der unter dem Namen Blon— 
in dadurch weltbekannt geworden ist, daß er auf dem Seil zuerst 
en Niagara überschritten hat. In unserem Vaterlande macht 
m den Ruhm des gefeiertsten Seiltänzers des 19. Jahrhunderts 
er exrst 1888 gestorbeue Wilhelm Kolter streitig, der seine Zeit— 
enossen zu solcher Bewunderung hinriß, daß in Bonmolt' den 
eben Gott zu ibm und zum Dichter sagen ließ: „Dir, Dichter, 
ab ich das Seil der Hantgñe, und VDir dalier, ab di— 
Zbantasie des Seils Bnein ihm ist bielt,cht der sute giassiket 
Friltänzerlunst dahingegangen — die neue Zeit will neu⸗e 
dünfte. 
Ir Doch kann und will sie freilich auch mancher alten nicht ent⸗ 
behren. Noch heute bilden aumnastische Produkonen Gilanz⸗ 
ummern des Brettls, wie sie schn vor abeanfenten s 
bellas die Zuschauer zur Bewunderung hintisse Fig ianen 
ren. ja, überhaupt große Sporisleute, und wenn der Sprung 
ichon in den Gymnaßen angemcin bon den Jünglingen geübt 
„Sie müssen mitkommen. Sie dürfen es nicht abschlagen. Der 
lrzt' muß fich für seinen Nächsten aufopfern und Sie Sie 
veigern ficht“ Ich werde Sie verklagen“ 
Natalja fühlte, daß sie den Arzt beleidigte, daß sie ungerecht 
var, aber um ihren Mann zu retten, war sie zu allem fähig. Was 
edeulete ihr Logik, Taktgefühl und Mitleid! 
Der Doktor blickte sie starr an und stürzte dann gierig ein Glas 
Wasser hinunter. 
Natalja begann wieder zu bitten und zu flehen. Mit gerungenen 
zänden laäg sie vor dem Bett auf den Knien. 
Da konnte der Doktor nicht mehr widerstehen. Mühsam erhob 
r fich und winkte müüde mit der Hand, daß sie gehen sollte 
„Ja, fahren wir,“ rief Natalija hastig und half dem Arzt in den 
gelz. „Ewig werde ich Ihnen danken.“ 
Schnell rollle der Wagen dahin; aber für Natalja viel zu lang⸗ 
am. „Vorwäris! Fahr zu!“ rief fie dem Kutscher zu, und der ließ 
e Pferde laufen, was sie konnten. Der Morgen graute, als sie zu 
ause ankamen. Natalja geleitele den Doktor in den Salon und 
ieß ihn einen Augenblick warten. Dann eilte sie zu ihrem Gatien. 
isls sie zurückkant, saß der Doktor auf dem Sofa. 
„Kommen Sie, bitte,“ sagte Natalja. 
„Was gefällig?“ fragte der Doktor. „Riffen Sie doch Wanka.“ 
„Was haben Sie?“ 
Karoloff saate, es sei keine Epidemie. Das ist doch Unsinn.“ 
Natalia sah zu ihrem Entsetzen, daß der Doktor phantasierte. 
Vas nun? Jetzt mußte sie doch den Kreisarzt holen. 
Und wieder rollte der Wagen fort. Eine Fahrt voll seelischer 
ind körperlicher Schmerzen. 
Ein anderes Bild: Natalja sah, wie die Geldsorge sich in ihr 
deim schlich, wie die Schulden wuchsen und sich nirgends eine 
ettende Aussicht zeigte. In schlaflosen, bangen Näaͤchten zer⸗ 
jarterten die Gatten sich den Kopf nach Auswegen, Hilfsmitteln. 
Und dann die Kinder. Sie wuchsen heran und brachten 
mmer neue Sorgen. 
Endlich griff auch der Tod in ihre Gemeinschaft, riß ihr den 
vatten von der Seite. Natalja sah mit entsetzlicher Deutlichkeit, 
zie er starb. Das schlimme Ereignis erlebte sie mit allen qual⸗ 
Wn —— 8 Sie sah die Leiche, den Sarg und das Be— 
räbnis.... 
Plötzlich schrak sie zusammen und wachte auf. Eine Bewegung 
hrer Hand hatte eine der Kerzen umgeworfen, und ihr Fall auf 
en Boden erweckte Natalja aus dem Traum. 
Aus dem Spiegel blickte nur ihr eigenes bleiches und gram⸗ 
olles Gesicht. 
War das ihre Zukunft? Natalja lächelte weh. Wie qut, daß 
aide Schleier nicht lüften kann, der die künftigen Tage 
erhii 
Richard Magner als „Sanger“ 
Waqguer ist nicht nur auf dem Gebiet des Musikdramas, son⸗ 
„ern auch für die Entwicklung einer deutschen Gesangskunst als 
ahnbrechender Reformator erschienen. Wort, Ton und Instru—⸗ 
aentalbegleitung sollten nach seiner Forderung zu der unzer— 
rennlichen Einheit des dramatischen Kunstwerks verschmolzen 
verden; die Leistung des Süngers sollte organisch aus dem Ge⸗— 
amtkomplex des Musikdramas hervorwachsen. In seinen Be— 
trebungen, sich zu solchen Aufgaben Künstler heranzuziehen, ist 
r von keinem seiner Helfer an dem großen Werk von Bayreuth 
esser verstanden und eifriger unterstützt worden als von Julius 
»ey, den er 1875/76 als gesangstechnischen Beirat zu sich berufen 
atte. Daher vermag uns auch kein anderes Buch der gesamten 
Vagner-Literatur einen tieferen Einblick in die Gedanken 
Vagners, die sich mit der Ausbildung der Sünger und der For— 
aung eines neuen Vortragsstils beschäftigen, zu gewähren, als 
ie Erinnerungen des ausgezeichneten Gesanglehrers, die unter 
em Titel „Richard Wagner als Vortragsmeister“ von seinem 
zohn Hans Hey soeben herausgegeben worden sind. Der 
Basilio der Deutschen“, wie der Meister scherzhaft den Professor 
m der Münchener Musikschule nanute, schildert hier, wie er 
Vagner kennen lernte, wie er für seine gesangsreformatorischen 
zdeen gewonnen wurde und bei den Proben in Bayreuth dem 
domponisten, der ein vortrefflicher „Schulmeister“ war, helfend 
ur Seite stand. In seinen Aufzeichnungen finden sich die tief⸗ 
‚ründigsten Analysen einiger der wichtigsten Rollen, hauptsächlich 
des „Siegfried', den Hey mit dem von Wagner ausgewählten. 
vurde, so steigerten die „Professionals“ bald die Schwierigkeiten 
er Uebung, deren Höhepunkt sie in dem damals sogenannten 
bistischen Sprunge erreichten. Dies war die Umdrehung des 
ingskörpers mit den Händen und Füßen als jeweilige kurze 
tiißzpunkte derart, daß der Körper einen Kreis beschreibt. 
ber hierin hat die neuere Zeit die Alten doch einmal übertroffen. 
enn der kubistische Sprung ist nur ein halbes Saltomortale, da 
er vollständige „Todessprung“ die einmalige Umdrehung des 
örpers in der Luft von Fuß zu Fuß oder von Hand zu Hand 
rfordert. Diese Leistung scheint zuerst der kühne Archangelo 
saccaro, Saltarin Karls 1X. von Frankreich, ausgeführt zu 
aben, der übrigens über seine Kunst 1599 auch einige Dialoge 
eröffentlicht hat. Bald ahmten andere seine Verwegenheit nach, 
ibertrafen ihn wohl auch, aber es dauerte doch noch recht lange, 
che der fernere große Schritt zum Doppelsaltomortale gewaägi 
vurde. Goethe scheint ihn im Wilhelm Meister bereits zu kennen, 
ber die erste beglaubigte Nachricht darüber stammt aus dem 
ahre 1835, als der Akrobat Tomkinson im Zirkus Franconi zu 
dinburg diese Glanzleistung unter tobendem Beifall ausführte, 
llerdings nicht, ohne etwas unsicher auf den Füßen zu landen. 
luch er fand bald erfolgreiche Nachahmer, dahingegen erforderten 
ie ersten drei Versuche, ein Triplesalto zu schlagen, in den Jahren 
842 bis 1859 ebensoviele Opfer, und erst 1860 gelang Billy 
zutton zu Elkhorn in Illinois dies Kunststück, das aber immer 
m allerhöchsten Grade gewagt und lebensgefährlich bleibt. 
Der beliebte Gefährte des Akrobaten, des Schlangenmenschen, 
es Feuerfressers ist von je der Jongleur gewesen. Es ist der alte 
joemator“, der aber erst recht spät seinen Weg von der Land— 
traße in den Zirkus gefunden hat, wo ja lange Zeit alle diese 
ünste ihre Stätte gehabt haben. Zirkusfähig scheinen sie erst 
urch die Chinesen und Japaner geworden zu sein, die von jeher 
reffliche Jongleure gewesen sind und Europa durch ihre alt⸗ 
terbten glänzenden Tricks in Erstaunen versetzten. Daß mongo⸗ 
sche Künstler uns schon sehr zeitig mit Gastspielen beehrten, be⸗ 
eist ein Kölner Holzschnitt vom. Jabhre 1634 „Die chinesische 
jauckler“; im 18. Jabrhundert erschienen fie dann öfter, und ihre 
uropäischen Kollegen lernten ihnen bald ihre Künste ab, ja über⸗ 
afen sie an Mannigfaltigkeit. Die besten „Japaner“ der letzten 
ahrzehnte sind europäisches Gewächs gewesen, und Leistungen 
ie die von Spadoni, Kara, Hera und AÄsra — alles Deutsche — 
nd kaum übertroffen worden. Die Kunst des eleganten 
ongleurs, die wegen ihrer anscheinenden Leichtigkeit und Selbst⸗ 
erständlichteit selten die rechte Würdigung findet, erfordert selbst 
n dem Meister ungusgesetzte eifriaste Uebung, und dennockh 
hlt es nicht an Abenden, wo auch dem Meisterjongleur Ball auf 
all zur Erde gleitet. Ebenso ist auch der Schlangenmensch“ nie 
ines Körpers vollkommen sicher; besonders die Witterung und 
in körperliches Befinden sind Einflüsse, von denen er abhängig 
eibt. Die Schilderung der Vorführungen eincs weiblichen 
chlangeumenschen aus dem Jahre 1831 zeigt, daß diese Kunft in 
xen Leistungen sich ziemlich guen geblieben ist, aber das 19. 
ghrhundert hat doch auch auf diesem Gebiet wahre Wunder ge⸗ 
hen, Es sei da nur Eduard Klischnigan(4 1877) genannt, den 
an für einen wirklichen Affen hielt und dem der Prinz-Gemahl 
un England voler Bewunderung gesaht hat: Mr. Klischnigg, 
ije sind dek größte Affe des Jahrhimderis!“ Er wolite vom 
irekter Carlals „Affe“ engagiert werden, wurde aber von 
Nem übellaunig abgewiesen. Klischnigg aing zur Tir und — 
ratzte sich dort mit dem linken Fuße hinterm rechten Ohr. „Herr! 
nachen Sie das noch mal!“ rief der verblüffte Carl, und als 
schnigg sich zur Antwort mit dem rechten Fuß hinterm linken 
yhr kraßte, ließ er ihn spornstreichs einen Eugagementsvertrag 
uterzeichnien. In einer eigens non Nestrov geschriebenen Posse 
und Bräntigam“ machte Klischnigg dann unerhörtes Auf— 
en. 
Im Bunde dieser Brettlkünstler darf der Tascheuspieler niut 
Hlenu. Seine Kunst trägt ihren Namen von der Tasche, in der 
timmlich zunächst ganz unzulänglichen Lenor Uüger einsttudierent 
mußte. Der Meister legte den größten Wert auf eine prachtvolle 
Zühnenerscheinung; er war der Ansicht, „ein stimmbegabter 
sensch, der gesunde Lungen, gautgebildete Stimmbänder und eine 
bufte Koörperkonstitution habe, müsse imstande sein, jederzeit zu 
naen, selbft mit schlechtem Tonansatz“. So hatte es ihm denn 
— 
zartie nicht gewachfen und mußte erst durch ein einjähriges 
ztudium mit Hey geschult werden. 
Die „gewaltige Leiblichkeit“ hatte Wagner auch zuerst bei den 
eiden Saͤngern imponiert, die sein Ideal werden sollten und 
inen großen Einfluß auf sein Schaffen gewannen, bei Tichatschek 
ind Schnorr von Carolsfeld. Hat er selbst gestanden, daß „der 
esondere Tenorklang Tichatscheks mir für alle Zeiten maßgebend 
ieb und wohl dazu beigetragen hat, die führenden Partien in 
neinen Werken für diese Stunmgattung zu schreiben“, so ent— 
vickelte sich beim Einstudieren des Tannhäuser mit seinem so früh 
ahingeschiedenen und so tief betrauerten Liebling Schnorr von 
Larolsfeld seine eigene Fähigkeit als Vortragsmeister. Wagner 
var der unvergleichlichste Interpret seiner eigenen Gestalten, und 
us den Proben erreichte er die höchste Wirkung, indem er nicht 
iur den Sänger anwies und ihm einzelnes vormachte, sondern 
ch einen ganzen Gesangspart durchführte. Als mit Unger, der 
Siegfried“ geprobt wurde, sang Wagner, den „Mime“. „Und 
vie sang er feinen „Schulmeister Mime“l Ungers gaumiger Ge⸗— 
ang hörte sich gequält, farblos, ganz nebensächlich an, während 
er Vortragsmeister durch eine unvergleichlich charalteristische 
Lusdrucksweise — man vergesse nicht, daß er eine „Stimme“ im 
andläufigen Sinne gar nicht besaß! — ohne „Gangelnzund 
Behen“ eine Gestalt schuf von so scharfer, fest umrissener Aus⸗ 
rägung, wie sie von der Bühne herab vielleicht niemals erlebt 
verden wird.“ Seine Durchführung der Partie wurde zu einer 
ünstlerischen Offenbarung des Wagnerschen Vortrags. Wir 
chwelgten förmlich. Welche überraschende Einblicke in die 
Zonderheit feines dramatischen Schaffens! Trotz der fehlenden 
Ztimme ließ die Art, wie Wagner dies gesanglich gestaltete, nicht 
en kleinsten Bruchteil des dramatischen Ausdrucks unerschöpft in 
er Parlitur zurück. Klar und deutlich ließ sich aus dem ziel⸗ 
ewußten Kuͤnftlerwillen heraus der Entwicklungsgang des Kunst⸗ 
verks in seiner organischen Gliederung verfolgen: von der ersten 
Agemein poetischen Empfindungskonzeption bis zur musik-drama⸗ 
ischen Vollendung, herausgewachsen aus der unzertrennlichen 
Zinheit von Wort und Tonm, Die Rufe Siegfrieds: „Hei-a-ho! 
Za⸗Hal Ha⸗-hei⸗a⸗ha!“ wollte Wagner wie einen fröhlichen, in 
ʒen bayrischen Bergen oft gehörten Juchzer gesungen wissen. „Er 
mechte uns das mit einer erstaunlichen Sicherheit vor und über— 
zeugte uns so von der beabsichtigten Wirkung dieser jquchzenden 
Empfindungsäußerung des frisch hantierenden Heldenknaben.“ 
Ohne zu ermüden, sang so der Meister den ganzen Mime bis 
um Schluß des ersten Alles und den größten Teil des Sieg- 
ried. Während Unger völlig erschöpft war, war Wagner am 
knde troß immerwährenden Sprechens und Singens, trotz seiner 
FJahre, noch vollig frifch und „stimmbaft“. Beim Aublick der 
seinen, beweglichen Gestalt blieb es nubegreiflich, wo er diesen 
räftebefland, den er zum Vollzug seines energischen Künstler— 
villens brauchte, hernahm. Welch ungeheurer Verbrauch des 
Jebensstoffes, und troßdem diese unglaubliche Ausdguer der 
Lörperkrüfte bel intensioster Anspannung der RNerven, die selbst 
ach den längsten und angestrengtesten Proben niemals er⸗ 
olungsbedürflig erschienen. Bei ihm trug eben alles das Ge, 
rage des Unerschöpflichen; er war wie der frische Bergquell auf 
onniger Hohe. der oben den durstigen Wanderer erquickt und 
inten im Tal lustig die Mühle treibt.“ Eines Abends sollte in 
Wahnfried der „Trifstan“ weiter geprobt werden, und da sich keiner 
der vielen anwefenden Saͤnger entschließen konnte, den Marke 
zu übernehmen, setzte sich der Meister zur Linken des Begleiters 
in den Flügel und — sang den Marke selbst! „Wober er diese 
Seigentlich mit halber Stimme gesungenen — Töne nahm, war 
inbegreiflich. Die rührende Klage des ins Herz getroffeneun 
Freundes im Koönigsmantel — eine Rezitation, die den atemlos 
Taufchenden unmitlelbar in die Seele drang. Ich möchte wohi 
viffen, ob einem der im Kreise sißenden Stimmgewoltigen die 
Frage nach dem eigentlichen Ursprung dieses tönenden Wunders 
Am, das wie eine vom Augenblick geborene Improvisation aus 
Wagners bewegtem Innern quoll. Wer dachte hei diesem Vor— 
trag noch an die Notenzeichen der Partitur? Diese dienten, so 
schien es, nur dazu, die Uferlinien anzudeuten, in die der Stim⸗ 
mungsgehalt der Tondichtung sich unmittelbar rgoß, um zu 
einem Strom böchster dramatischer Wirkung amuschwellen.“ 
1 
ihre dequten mit sich zu tragen pflegen, aber schon Jules de 
Kovere nannte sich statt dessen stolz Prestidigitateur. Die Reihe 
berühmter Taschenspieler ist lana; Robert Houdin (1805 1871), 
den man den Klassiker dieser Kunst zu nennen pflegt, hatte sogar 
die einzige Ehre, sie in politischer Mission zu verwenden, indem 
hn die französische Regierung nach Algier schickte, um durch seine 
Ktunststücke die der dortigen fanatischen Marabus zu überbieten 
ind auf diese Weise sie beim Volke zu diskreditieren. Dagegen ist 
»s Bosco (f 1863) und Bellachini (fF 1885) gelungen, ihre Namen 
'o sprichwörtlich zu machen, daß man von einem wahren Bosco 
der Bellachini reden hört. Bellachini war eigentlich ein Vole 
amens Berlach, und seine Ungewandtheit in der denilicher 
zprache führte oft zu drolligen Szenen. Einmal stellte er in einer 
ürstlichen Versammlung, vor der er sich produzierte, die über— 
aschende Frage, „ob jemand der erhabenen Anwesenden vielleicht 
ufällig ein reines Taschentuch bei sich habe“. Eiuft zeigte er seine 
künste vor Kaiser Wilhelm J. Er bat ihn, mit einer Feder die 
Vorte zu schreiben: „Bellachini kann nichts!“ Die Feder versagte. 
Darauf ersuchte er ihn zu schreiben: „Vellachini ist Hofkünstler 
»es Deutschen Kaisers!“ Sogleich gehorchte die Feder, und der 
Faiser erklärte, sein Wort pflege er zu halten, um fo mehr, wenn 
es ein geschriebenes sei. So wurde Beilachini Hofkünstler. 
Eine Fülle der sonderbarsten Lebensläufe und Gesitalten weist 
zie Geschichte der Brettlkünste auf, und es fehlt darunter felbst 
aicht an solchen, die in die Geschicke ihrer Zeit bedeutend einge— 
zriffen haben. Erinnern wir uns an Cagliostro, den „großen 
zauberer“ und an die schöne Lady Hamilton, nacheinander das 
Nodell Romneys, die Geliebte Nelsons, die Freundin der 
königin Karoline von Neapel und schließlich die gefeierte Tanz⸗— 
ünstlerin. Fast alle Gesellschaftsklassen erscheinen auf dem 
Brettl und nehmen an seinen Künsten teil. Ein Graf Somerset 
oll es gewesen sein, der in England, und zwar in den Tagen 
zakobs J., zuerst das Saltomortale geleistet hat. Ein durchge— 
jangener Mönch war der Gymnastiker Caästi-Tschuti, Beamteu⸗— 
ohn, der berühmte Zauberkünstler Alexander (Heimbürger), der 
909 gestornben ist. Als er, der aus seiner Vaterstadt Münster 
zeimlich durchgegangen war, nach Jahren im eigenen Wagen, in 
inen schweren Biberpelz gehüllt, wieder in ihr Tor einfuhr, be— 
jegnete er seinem Vater, der voller Erstaunen seine Pfeife fallen 
ieß und auf den Diener weisend fragte: „Ist das Dein Herr da 
vorn?“ Wenn Kant einmal behaupltet, das Leben erzeuge viel 
unwahrscheinlichere Romane, als sie die verwegenste Phantasie 
ines Romanschreibers ersinnen könne, so findet diese Behauptung 
n dem Leben der Saqui Bestätigung. Sie bdieß eigentlich 
Antoinette Lalanne, war 1777 in Agde geboren, bildete sich auf 
ibenteuerliche Weise zur Seiltänzerin aus und machte durch ihre 
dühnheit, Eleganz und Schönheit Furore. Als bei einem Fest zu 
Nenilly im Jahre 1809, wobei sie auftrat, ein Feuerwerk vor— 
ritin losging, crekutierte sie ihre Künste unter dichtem Funken— 
regen mierschütterlich weiter, um erst nach deren Beendigung ohn⸗ 
mächtig niederzusinken. Napoleon selbst umhüllte sie da sorglich 
nit dem Schal seiner Schwester Panline. Er ließ ihr einmal 
venen des stürmischen Wetters verbieten, bei einem von ihm der 
Jarde gegebenes Fest das Seil zu besieigen. Die Saqui gab 
em Marschall Lannes die Antwort: „SNommandieren Sie Ihren 
Soldaten, aber nicht einem Weibe“ — und trat auf. Napoleon 
var entzückt und schenkte ihr einen kostbaren Ring. Nach Jabren 
vohlhabender Vrinzipalschaft geriet sie in Not, mußte auf Rteisen 
zjehen, wurde ausgergubt umnd kam mittellos in Paris au. Da 
iahm sich ihrer der, Direktor des Hippodrome an, engagierte sie 
nd ergraut, west, verfallen, aber doch noch immer elaftisch nurd 
eistungsfäbegetrat die Fünfundsiebzigjährige noch einmal auf. 
Zzie hat dann noch 14 Jahre lang gelebt. 
Buuter Flitter, heller Glauz, rauschende Musik .. .und da⸗ 
inter wieviel Kummer, Not, Verzweiflung! Aber auch wieviel 
Vagemut, Beharrlichkeit, Tüchtigkeit und Vhantasie! So ist das 
'eben der Brettlkünstler. Pauvres saltimbanques 35
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.