Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

23 SA.- VMV 
8 F * — * — 2 * * —89 —3— — S —S— E S— —S — V S * —77 — * — —* 
— 389 1* 9 Vaä 9 4 49 3 I8 —158 — 166 1419 
ausgabe 4. Montag, den 9. Januar 1911. 
——— ——— — — —— —— 
Aus den NRachbargebieten. 
Hansestãdte. — 
gamburg, 9. Jam. Eltas Calmann— Seniorcheh 
her Bantfirma E. Calmann, ist Freitag inm 84. Lebensjahre 
— —— Nachrichten) Von einem Zuge über⸗ 
hren und, getdt et wurde auf Bahnhof Sternschanze 
8 72 Jahre alte Bahnarbeiter Stamer. Die betreffende Stelle 
5 von dem gesamten Personal als die gefahrvollste auf 
gamburg⸗ Altonaer Verbindungsbahn angesehen. — Aus⸗ 
wandert sind 1910 über HSamburg 7490 Personen, gegen 
7 1900. — Racheakt eines geschiedenen Ehe— 
anes. Der von seiner Frau geschiedene Kaufmann 8. 
lauerte Freitag abend seiner fruheren Frau in der Näãhe ihrer 
Mahblendamm belegenen Wohnung auf. Als sie in Be⸗ 
gleitung einer Freundin zurückkehrte und bereits den Hausflur 
die hatle, starzte iht der Mann nach und aöß ihr gus 
Flasche Schwefelsaure ins Gesicht. ebenso der Be⸗ 
eiierin die dem Attentäter mutig entgegensprans. Auf das 
Hilfegeschrei der bedrängten Frauen eilte ein Schutzmann herbei. 
Run atladierte der Kaufmann selbst den Beamten und schüttete 
jhm Säure in das Gesicht. Der Schutzmann Überwältigte den 
Menschen, der selbst so schwere Verletzungen davongetragen 
hatte, dah er ins Hafenkrankenhaus gebracht werden mußte. 
Schiffbeck, . Jan. Großfeuer entstand Sonnabend 
in dem Betriebe der Norddeutschen Jutespinnerei und Weberei, 
das die Appretur und die Weberei total einäscherte. Das 
Feuer, das in den aufgespeicherten Jutevorraäten reichliche 
Nahrung fand, verbreitete sich mit großer Schnelligkeit über 
as danze massive Gebäude. Die Feuerwehren konnten sich 
uf den Schutz der in nächster Nähe gelegenen Fabrik— 
besriebe beschränken. Die Entstehungsursache des Feuers 
onnle bisher nicht ermittelt werden. Der Betrieb muß,. da 
ohne die Appretur das Werk nicht arbeiten kann, auf einige 
Tage stilliegen. Der Schaden, der durch Versicherung gededt 
st, lät lich noch nicht feststellen. 
Schles wig⸗ Holstein. 
Oldesloe, 9. Jan. Neue städtische Konflikte 
sind in unserer Stadt hervorgetreten. Vor einigen Wochen 
urde Stadtrat Relling, der bereits 24 Jahre amtiert hat, 
nicht wiedergewählt. Die Bürgerschaft trat geschlossen für 
die Wahl Comduhr ein, der mit einer Mehrheit von 200 
Stuimmen Relling verdrängte. Der Eintritt Comdührs in den 
Magiltrat hat jetzt zwei Mandatsniederlegungen zur Folge 
gehabt. Nicht nur Beigeordneter Reimann, sondern auch Stadt⸗ 
rat Ströh hat, wie bereits kurz gemeldet, sein Amt nieder⸗ 
gelegt. Ströh gibt geschäftliche Gründe an. In Wahrheit 
haben beide Herren ihre Aemter niedergelegt, weil dem neuen 
Stadtrat Comdühr der Vorsitz in zwei Kommissionen über—⸗ 
tragen wurde, die bisher von ihnen geleitet wurden. 
Segeberg, 9. Jan. Die Einweihung des 
neuen Realschulgebäude wurde Freitag unter äuzerst 
reger Teilnahme der Segeberger Einwohnerschaft vollzogen. 
Zahlreiche Glüͤlwunsche und Geschenke waren eingegangen. An— 
prachen hielten u. a. Bürgermeister Kuhr, der Leiter der 
Schule, Dr. Georges, und Seminardirektor Lehmann-Raschik. 
Flensburg, 9. Jan. Nachklänge zum Eisen— 
bahnunglück bei Gr. Tarup. Bei dem Eisenbahnun⸗ 
qlüct am 8. April 1908 verunglückte auch der Gastwirt Vogler, 
der eine Gehirnerschütterung davontrug. Er beanspruchte eine 
Jahresentschädigung von 2000 M. Dieser Antrag wirde von 
dem Oberlandesgericht in Kiel abgelehnt. Ihm wurden für die 
ersten drei Monate 933,33 Muäzugesprochen und für die weiteren 
⸗ehn Monate nur 30 00 Erwerbsminderung. — Der Hoboist 
Voss, Flensburg, der mit dem aleichen Zuge fuhr und verletzt 
wurde. erhält eine Jahresrente von 1000 M. 
Großherzogiünmer Medlenburg. 
Schwerin, 9. Jan. Mit dem Großherzogspaar 
werden am 12. Jan. auch der Herzog und die Herzogin von 
Tumberland in Schwerin eintreffen, die am hiesigen Hof einen 
mehrwöchigen Nufenthalt nehmen wmerden — Pachtabstand. 
— 
Das dem Kammerherrn v. Lewtzow auf Gr.Markow gehörige 
hut Hohen-Mistorf wurde vom Pächter Nilgens an Landwirt 
Zohn, Hannover, abgestanden. Die bisherige Pachtsumme be— 
iffert sich auf 20 000 Miinkl. Park und Jaad. — Der 
esjährige Antonitermin zeichnete sich durch große 
veldflüssigleit aus. Da indessen 4prozentige Staats⸗ und 
dommunalpapiere immer noch zu einem den Nennwert nur 
venig übersteigenden Kurse zu haben sind, hielt sich auch der 
Zinsfuß fur beste Hypotheken auf 4 Prozent. Der Verkehr 
n 33 Prozent Zinsen tragenden Wertpapieren war mir ein 
eringer, in Ritterschaftlichen Pfandbriefen wohl besonders des⸗ 
Jalb, weil der Ritterschaftliche Kreditverein von den Inhabern 
ʒer Pfandbriefe die Erstattung der Talonsteuer verlangt und 
»er wegen dieser Forderung angestrengte Prozeß noch nicht 
n letzter Instanz entschieden ist. Dagegen war der Verkehr 
n 4prozentigen Wertpapieren ein recht lebhafter, insbesondere 
ourden 4prozentige Pfandbriefe der Mecklenburgischen Hypo⸗ 
heken⸗ und Wechselbank in großen Posten umgelsetzt. 
o Dafsow, 9. Jan. Unglück hatte der Schlachter⸗ 
zeselle Sch, indem ihm Sonntag von einenr Kollegen der 
echte Handrücken durchschnitten wurde. Er mußte ärztliche 
zilfe in Anspruch nehmen. — Auf ein altes Grab, 
zas mehrere Urnen enthielt, stießen in etwa 1mm Tiefe Holz- 
rbeiter in der Prieschendorfer Forst unweit des Torsmoores. 
Die Urnen wurden leider zettrüummert und nur die Scherben 
und einige Knochenreste konnten geborgen werden. 
hallfest des Berliner Schrifisteller⸗Klubs. 
O Karten zu 10, zu 15 4nd 20 Miäsind zu diesem Felte 
iach Wahl zu nehmen. Wer die billigste Sorte erwirbt, darf 
chon tanzen, wenn die anderen noch essen. Wer sich bis zu 
»0 Mouverfteigt, hat Anwartschaft auf einen guten Platz 
ei den Aufführungen. — Das prachteolle und vornehme Heim 
randwehr⸗Offizierkasino Charlottenurg neben dem Bahnhofe 
zoologischer Garten strahlte in blendender Pracht. Unauf⸗ 
alfsam flutete der Menschenstrom in die jestliche Halke, ent—⸗ 
edigte sich der Umhüllungen und strahlt nun gegen die ver— 
chwenderischen Lichteffekte an. Die Hexrren der Schöpfung mit 
anger Reihe von Orden und Medaillen für Kunsit und Wissen⸗ 
chaft, zwei und drei feurige Bänder über der Binde und 
„ran die Kreuze zum Halse heraus“. Manche prunken sogar 
nit zwei und mehr Sternen auf der deutschen Mannesbrust, 
ꝛährend Uniformen mit und ohne Schetterfransen wiederum 
as Bild beleben. Die Damen in nicht übertriebenen, aber 
urchweg geschmacrollen Toiletten, der Gattung des Festes 
ingemessen, meist mit „Feder“Besatz. Bei manchen jehlte hier 
ind da oben ein Stück, um das die vrachtvoll dravierten 
Zleider unten zu kurz waren. Das machte lsich aber bein 
Tanzen nachher so graziös. Die schön geridien Seidenstrümofe 
amen „voll und ganz“ zur Geltung, was die Schwiegermutter 
ines Korrespondenten für Kyritz (oder Polzin?) scheuß'ich fand; 
ch war onderer Ansicht. Ebenso hielt sich diese Rürdige Dame 
mmer von neuem wieder auf, was jene in Heliblau dräben 
angezogen hatte! Dabei war nun gar kein Grund, darüber 
zu schelten. deun die war da viel eher ausgesogen! 
Nach langem Hin-— und Hersuchen fand ich einen mir zu— 
agenden Platz. Zuerst hatie man mich neben eine richtig 
vehende Exzellenz plaziert. Aber ich habe von einem Freunde 
er anderen Fakultät, dem ein Graf in Lebensgröße nach dem 
hierten etwas nordnordöstlichen Grog einmal Brüderschaft an— 
»ot, gelernt: man solle sich nicht mit all und jedem abgeben. 
zch machte famosen Tausch; statt der alten „Aeh“⸗Xellenz 
am ich im Nebensaal bei eineni Redakteur meines Leibblaites 
ind seiner reizenden Frau und deren exotischer Schwester zu Platz. 
Interessante Geselischast, ein wirklicher Flüchtling aus Harun 
ai Raschids Ländern, inkognito, ohne Harem anwesend! Unser 
Ratskellet kann aber besser mit Massenabfüiterungen fertig 
werden. Es ging langsam mit der Bedienung, dafür aber 
konnten wir nachher desto mehr essien, denn wir hörten nichts 
don etwaigen Kilometernden im Haupfssaale. Das Zwischen⸗ 
piel im Treppenhause fiel erst aus, der Dichter war noch nicht 
norhanden. Dafür strömte al'es in den Hauphsaul und sab 
u ———— 
Präfelt für Abhaltung einer schwungvollen republikanischen 
Rede hätte entgehen lassen können. Er sprach von Vaterland 
und Freiheit und endete mit dem Schwurt, lieber mit seinen 
Mithürgern sterben zu wollen, als den Zeind in die Stadt 
sinein zu lassen. Zur Bekräftigung des Entschlusses, Blois bis 
uf den letzten Bluistropfen verkeidigen zu wollen, schleuderte 
r seinen schönen Zylinderhut auf die Ecde. Später erfuhren 
rir, dat der hohe Vorgesetzte des Herrn Präfekien, Gambetta, 
n der Stadt und Zeuge des Vorganges mif der Brücke ge— 
vesen sei. Daher die Tapferkeit. 
So war auch jetzt noch das 9. Korps von einer unmittel⸗ 
zaren Verbindung mit den auf dem nördlichen Loiceufer be— 
indlichen Teilen detr 2. Armee abgeschnitien. Auch am 10. De⸗ 
ember hatten hier die Kämpse ihre Fortsetzung gefunden. 
die Franzosen hatten nene Angriffspverjuche gegen die Armee— 
bteiung des Großherzogs und namenilich Versuche gemacht, 
eren rechten Flügel zu umgehen und einzudrücken. Sie waren 
iber überall zurückgewiesen worden, so daß das zur Unter⸗ 
tützung bei Beaugench bereitstehende 10. Armeclorps nicht 
zötig hatte, in den Kampf einzugreifen. 
Wir, beim 9. Korps, fingen allmählich an. etwas unge—⸗ 
vuldig zu werden. Nicht weil uns die allerdingas starl vor—⸗ 
andene Möglichkeit, von den aus Orléans nach Süden ab— 
jedrängten und nun vielleicht einigermaßen wieder geordneten 
Tdeilen der Loire-Armee, die zusammen nun drei Armeckorps 
15.. 18. 20.) stork waren, in der linken Flanke angegrifsen 
u werden, für unsere Sicherheit besorgt gemacht hätte. Tat⸗ 
ächlich scheiterie die Absicht der französischen Regierung, die 
ei Bourges versammelten drei Korps des linken 
liets sich auf uns werfen zu lassen, uns in 
ie Loire zu drängen und bei Blois der Armee 
hanzys die Hand zu reiche, nur an dem Widersoruch 
»er Generäle, die nur zu gut den troitlosen Zustand ihrer 
Truppen kannten. Aber auf Schußweite einem Feinde nahe 
u sein, der mit den Unserigen seit vier Tagen in heftigem 
Kampfe stand, und nicht eingreifen zu können, das fiel 
chlietzlich auf die Nerven. Zu machen war vorderhand 
6t5;: wir freuten uns der ischtönen Wintersonne und sahen 
—— 
dem Tanze zu. — Och bin leide? unmujsikalisch und habe 
aher nicht recht spitz bekommen, war meine liebenswürdige Er⸗ 
larerin, Lustige Witwe“ oder „Geschiedene Frau“? Sie sagte 
zaͤmlich, Berliner Art set, den Kreis um die Tanzenden jnmmer 
nger zu schließen, sie schließlich ganz in eine Ecde zu drängen. 
ziötzlich öffnet fich der Vorhang der kleinen Bühne, einer 
ver Hetren vom Vorstand bittet, den Saal zu räumen. Ein 
mmuͤtiges „Nein“ schallt ihm enlgegen und man jstürmt mit 
5tahlen in die Reihen. Diese sollten aber, nach den 105 bis 
0. Marks⸗Preisen geordnet, vergeben werden. Geworden ist 
rohl nichts daraus, trotzdem es der Heroldskette, die mich 
in das Lüubeder Volksfest erinnerte, zeitweise gelang, die 
Ztraßen zu räumen — pardon! ich dachte eben an Moabit! 
das kommt aber von meinem funkelnagelneuen Iylinder, Marke 
W. M., dessen Feuerfestigkeit die vorhin so entrüstete Schwieger⸗ 
nama aus Kyritz mit ihren 19712 Kilo ausprobiert hat. — 
Ich war geknickt, mein Sabbathelm dito, aber im Komparativ. 
— Die „Schlagerrevue“ steigt noch nicht, wir gehen daher einst⸗ 
veilen zur Tombola. Meine Dame prophezeit, ich würde das 
noyddampfer⸗Mittelmeer⸗Rundreise⸗Freibillett gewinnen! Und 
ichtig: es hat geschnappt! Beim zweiten Griff, den mich Frau 
xr. Annemarie Oestreicher tun läßt, hole ich Gewinn 239: ein 
Neibild, Lloydpostboot. Es kann auch einer unserer zukünftigen 
dravemünder Hochseefischdampfer sein, so genau ist's nicht aus⸗ 
umachen. Außerdem Abenditimmung, Seitenlaternen brennen 
ioch nicht. — Jetzt beginnt es im großen Saal, unsere Damen 
itten, doch mit ihren Karten mal nach der Damenspende“ 
u sehen. Ich rutsche auch auf den Leim, da warni mich eins der 
zorttandsmitglieder. Die Karten seien für 10, ohne Damen— 
bende. Aber Nachzahlung von 2 Meter — — „Sagen Se man, 
ze kenn'n nich ran!“ Das tat ich auch. Aber meinen schönen 
zlatz war ich los und saß nun hinten, wo ich nicht sehen und 
einahe so gut wie in unserer Stadthalle hören konnte. Ein 
iedlicher Pud und eine sühße Colombine kündigten die Nummern 
in, dann sang einer, mitunter sogar zwei. Zuweilen sah ich 
ruch hinter einem Federputz weg oder unter einem Arm durch, 
»atz die beiden tanzten und dabei auch noch sangen. Aber 
es war sehr hübsch, vienn die Leute klaischten und jubelten. 
fin „Journalistenlied“ wurde mehrsfach wiederholt. Die „Dorf⸗ 
nusit“ aus der „Polnischen Wirtschaft“ trugen Frl. Ballot 
ind Herr Rieck noch einmal vor. Irl. Török tanzte, daßz einem 
bie eigenen Beine förmlich mitflogen. Sie sind aber nicht so ge⸗— 
zlieben, sondern haben sich wieder beruhigt. „De Fieß“, das 
jeht wohl heule, aber „de Hände“, die sind noch sehr vergnügt, 
vas man „Schreibkramyf““ nennt! Giamperro als Win disch⸗ 
rätze Dragoner konnte nach mehrmaligem Hervorruf nur noch 
usammentnicken und „Servus“ machen. — Der zuerit ausge— 
ebene Hert Klink trug jetzt die ernste Episode von dem über 
ne sranzösischen Erfolge getäuschten und schwer verwundeten Offi⸗— 
jer vor. Die ernst gewordene Stimmung aber itieg sofort, 
As Irl. Bailot „Knöpf mir mal die Taille auf“ von ihrem 
Nartner Ried verlangte. — Unten tanzte man. oben war der 
Zaalm auch inm Umsehen wieder dafür geräumt; und wader wurde 
as „Tanzbein“ geschwungen, was man, bei grazibsem Auf— 
afsen, nicht nur bei den Serren der Schödfung beobachten, 
iber bei der schöneren Hälste der Gesellschaft bewundern konnte. 
ich spielte Ballvater und muhte mein Oelbild, zwei Bonbonnieren, 
inige Schals a, ud Täschchen, sowie den Selt brwachen. Da—⸗ 
ei nun immer die Todesangit: Die werden dich hier versetzen 
id für die Zeche dalassen! Aber die Umhaänge waren keine 
Zapierkrausen, wie ich erst fürchtete! Es löste sich auch alles 
rach Wunsch. Nur jede zwei Minuten kam irgend ein Befracter 
nit 'ner Scherbe im rechten Auge, murmelte was: „Erlauben, daß 
FJräulein Tochter Extratyur“, und ich hütete meine Schätke wieder, 
pährend ich einen „Schatz“ nicht abbekam. Eigenilich „be—⸗ 
eidigendes Vertranren“. Dabei hatte ich trotz scheußlicher Er—⸗ 
rältung nachmittags Haagare schneiden, Bart rasieren lassen und 
erduldete elende Foltern zu enger Stiefel. Endlich schlug dann 
die Abschiedsstunde, mit einem Male taucht von irgend woher 
‚der Herr Gemahl“ auf, schwingt sich mit ins Auto: „Morien! 
sächstes Jahr machen wir's wieder so!“ Damit ließen sie mich 
tehen und ich meinen Schirm und fürs erite auck meinen Bart. 
uns mit der Faust in der Tasche die Sache an der Loire— 
hrücke an, wo auf der französischen Seite der roihosige, auf der 
inserigen der hessische Toppelposten stolzierte, ein jeder be— 
nüht, in Haliung und Miene die ganze Würde seiner Nation 
um Ausdruck zu bringen. Mian hätie meinen können, der 
drieg sei zu Ende: auf beiden Uferkais sah man die Sol⸗ 
alen friedlich spazieren, auch aus der Richtung von Beau— 
jench war seit dem 7. Dezember zum erstenmal kein Schlachten⸗ 
ärm zu hören. Am nächtten Tage, am 12. bezog die 18. 
dirijion enge Quartiere bei Vienne, während die 285. sich weiter 
remabwärts gegen Amboise vorschob. Es waren Befehle vom 
ARbettkemmando gekommen, die uns mitteilten, daß General 
Fhanzy mit den Hauptteilen seiner Armee im Rudzuge in west⸗ 
iche Richtung auf Vendome hinter den Loir begriffen sei, 
vrährend Abteilungen auf Blois zurückgingen, denen das 10. 
Zorps folge. Dieses Korps solle sich in Besiz von Blois 
etzen und dabei solle unser 9. Korps mitwirken. Schon am 
LI. war eine Kriegsbrücke des 10. Korps bei Beaugench jfertig 
eweorden, welche nunmehr aber abgebrochen und bei St. Diéè 
näher an Blois neu gebanut wurde und für den Uebergang des 
). Kerre und der von ihrem Versolqungszuge aus der So— 
ogne über Vienne zurückerwarteten 6. Kavallerie-Division dienen 
oilte. So hatte sich das Kriegsbild an der Loire geändert. 
Die Anwesenheit des 9. Korps an der Loirte, Blois gegenüber, 
ind die dadurch entstandene Bedrohung des Rückens der Chanzy⸗ 
chen Armee hatie ihre Früchte getragen. Schritt für Schritt 
vich die 2. Loire-Armee, wie nunmehr die Streitmacht Chanzys 
16. 17. 21. Korps) im Gegensatz zur 1. Loire-Armee Bour— 
b»atis (15., 18. 20. Korps) offiziell hieß, zurück; mehr und 
nehr schwand die Gefahr, welche von hier aus Orléans be—⸗ 
»rohte. Da aber die Anwesenheit einer so starlen feindlichen 
Armee hinter dem Loir immer noch die Möglichleit eines 
Ingriffs auf die Einschliekung von Paris, etwa auf den 
ztrahen über Chartres bestand, so entschloß sich Prinz Friedrich 
Karl zu einem allgemeinen Vorgehen gegen diese Linie. Dazu 
var der Wiederanschluß unseres sonst isoliert im Süden der 
Noire befindlichen Armeekorps erforderlich. 
dcForfsekung folat.) 
Ordonnanzritte 1870/71. 
Gortsetzung.) 
Am Abend langte noch ein Offinier von der 6. Kavallerie⸗ 
division, Premierleutnant Frhr. v. Werthern von den 16. 
Husaren, beim kommandierenden General an. Er kam über Romo⸗ 
remntin und bestätigte, daß er außer versprengten Trupps keine stär⸗ 
leren ieindlichen Abteilungen in jener südöstlich von uns gelegenen 
Gegend getroffen habe. Er habe, da seine Patrouille nur 
wenige Mann stark sei, denjenigen französischen Mannschaften, 
die er unterwegs angetroffen habe, schriftliche Anweisung ge— 
geben, sich in Romotantin als Gefangene zu mesden. Das 
Jaben sie auch ausnahmslos ehrlich getan. 
Am nächsten Morgen wolite General v. Manstein noch 
einen Versuch machen, den Uebergang auf das andere Ufer 
durch Wiederherstellung der zerstörten Brucke und Besetzung 
von Blois zu gewinnen. Er schidte einen Generalstabsoffizier 
an die Brücke mit dem Auftrage, zu sondieren, was die Fran⸗ 
zosen machen würden, wenn wir mit Herstellung der Brücke 
beginnen würden. Der Offtzier, Hauptmann Ligniß, brachte in 
Erfahrung, daß Blois von drei Bataillonen Infanterie und 
einigen Gebirgsgeschützen besetzt war. Haupimann Lignitz unter⸗ 
hande.e mit dem auf der Brücke erschienenen General Barry, 
Kommandeur einer auf Blois zurüchgegangenen Division des 
6. Armeekorps. Er drohte mit Beschiehung der Stadt und der 
Lisenbahn. General Barry ertlaärte, er werde, falls wir gauf 
die Beschießung ver zichteten, nichts Feindseliges gegen die Be— 
satzung von Vienne vornehmen, auch keinen Verkehr auf der 
Eisenbahn stattfinden lassen. Jedem Verfuche aber, die Brücke 
herzustellen, werde er Widerftand entgegensetzen, selbst wenn 
die Stadt darunter leide. Während dieser Unterhandlungen 
erschien. den Zylinder auf dem Haupte, der Herr Präfelt, 
Monsieut Lecanu, in Begleitung einiger anderer Herren. Mon— 
seur je Präfekt stellte sich drüben an den Rand des mächtigen 
oches in der Brücke. Auf unserer Seite stand Hauptmaänn 
Lignitz. Unten rauschte der Strom, in dem sich mäctige Eis— 
elien schoben. Von oben strahlte eine herrliche Wintersonue. 
Tie Gelegenbheit war u schöm oals daß sie sich der e
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.