Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

Ver Reduer wird vlelfach beglückwünscht. Sodann wird die 
Diskufsfion geschlofsen und das Gehalt des Staatssekre— 
ärs bewitlligt. 
Hie Resolütionen betreffend die Wanderlager und die 
Hausserer, das Bergrecht, Zentralstelle für Tarifverträge, die 
Rechtsanwaltsgehilfen, die Stellung der Techniker unter das 
Zandelsgesetz. die Unfallversicherung, die Bevorzugung, von 
Zandwerkern, bei Staatslieferungen, das Petroleummsnopol, die 
Wablurnen, die Pflanzenschädlinge und die Einheitsstenographie 
verden augen'o mmen. Abgelehnt wird die sozialdemo— 
ratische Resolutivn betreffend den Exlaß eines Reichsberggesetzes. 
Die Abstimmung über den Rest der Refolutionen wird ausgesetzt. 
Eine Reihe weiterer Titel wird ohne Debatte bewilligt. Dann 
wird die Weiterberatung auf Donnerstag 1 Uhr vertagt. 
Schluß 78 Uhr. 
— — — 
Preubischer Landtag. 
Abgeordnetenhaus. 
49. Sitzung.) 
Swen Berlin, den 16. März. 
Im Ministertisch: v. Trott zu Solz. 
A : ch er eroffnet die Sitzung um 114 Uhr. 
Die zweite Beratung des 
Kultusetats 
wird fortgesetzt beim Kavitel ‚RMechnisches Unterrichts— 
wesen“. 32.5 
ebich Dr. v. Woyna (freikons.). Bei dem Unterricht in der 
andwirtschaftlichen Baukunde muß bere darauf hingewie— 
en werden, daß nicht zu kostspielig gebaut wird, daß Bau⸗- und 
Betriebskapital in richtigem Verhältnis zu einander stehen. Wir 
—V 
Etat Mittel zur Exrrichtung eines Laboratoriums an der Tech⸗ 
nischen Hochschule in Honnover zur Erforschung der in du⸗ 
st riellken Berwertung der preutzischen Moore 
bereitzustellen. F 
ve Maceo (natlib.): Wir treten für vollkommene Gleich⸗ 
stellungeder Technischen Hochschulen mit den 
Univerfsitäten ein. Die Studierenden müssen nicht nur 
auf technischem Gebiet, sondern auch auf den Gebieten der Volks⸗ 
wirtschaft, des Verwaltungswesens und der allgemeinen Gesetz 
gebung ausgebildet werden. 
Abg. Dr. Bell (Zentr.)) Mit den Anregungen der Vor⸗ 
redner bin ich im wesentlichen einverstanden. Wir erkennen an, 
daß die Regiexung der Bedeutung des echnischen Hochschul— 
wesens durch Förderung der technischen Wissenschaften gerecht 
wird. Wir haben auch die Rede des Koisers bei der Einweihung 
der Technischen Hochschule in Breslau, in der er auf die Bedeu⸗ 
hung der Technik und, die innigen Beziehungen der technischen 
Wissenschaft zur Industrie hingewiesen hat, mit Frende begrüßt. 
Vielfach besteht Mißstimmung darüber, daß die Techmischen 
Hochschulen gegenüber den Universitäten zuxückgesetzt werden. 
Es ist wünschenswert, daß die Staatsbetriebe nicht 
ausschließlich mit Juristen besetzt werden, sondern 
daß a; Techniker und Käufleute herangezogen werden. 
Die Studienpläne müssen so eingerichtet werden, daß diejenigen, 
die zum höheren Verwaltungsdienst überzugehen gewillt sind, 
Belegenheit haben, sich mit den einschlägigen Materien der Ge⸗ 
etzes⸗ und Verwaltungskenntnis vertraut zu machen. 
Abg. Faßzbender (Zentr.) wünscht die Ausgestaliung der Ma— 
chinenlaboratorien an den Technischen Hochschulen. F 
er Antrag Woyen wird aun die Budgetkommission ver⸗ 
wiesen. 
Abg, Heine (nI.) begrüßt die neue Professur für ländliche 
Baukunst in Danzig. 
Abg. Meyer⸗-Rottmannsdorfn (st.) tritt für Schaffung ge— 
eigneter Räume für die Schijfs und Maschrnenban-⸗ 
abteilung an der Technischen Hochschule in Danzig ein. 
Abg. Dr. Wagner-Breslau (fk.) spricht den Wunsch aus, 
daß die Technische Hochschule in Breslau vald vollendet verden 
nöge. 
Das Kapitel „Technisches Unterrichtswesen“ wird bewilligt. 
Es folgt das Kapitel Kunst und Wissenfchaft. 
Abg. Dr. Pachnide (Vpt.): Für Kunst und Wisfenschaft 
müssen wir eine offene Hand haben; hier wäre Sparsamkeit nicht 
im Platze. Das kunstgewerbliche Bildungswesen muß mehr ge⸗ 
ördert, werden. Bei der Jubelfeier in Bahern haben wir ge— 
ehen, daß es der Ehrgeiz der bayrischen Krone und der Volis- 
bertretung ist, München zu einer hervorrogenden Stätte künstle⸗ 
cischen Schaffens zu machen. Deshalb müssen wir bestrebte sein, 
daß Berlin dahinter nicht zurückbleibt. Gleichberechtigung der 
unstrichtungen ist eine Gruͤndbedingung sür das Gedeiben der 
unst. Der Ueberschuß an Museumsschaͤtzen sollie in die Poo— 
Ainz abgegeben werden. Die wertvollen Ausgrabungen in vñ— 
afrika werden dem Museum, für Naturkunde zu gaute kommen, 
aber auch im eigenen Lande sollten Ausgrabungen vorgenommen 
werden. Wünschenswert würde es sein, wenn das Nrimcupitai 
mehr zur Förderung von Kunst und Wiffenschaft beitragen 
wiirde, wie das in Amerika geschieht, wo ganze Universitäten von 
Privaten unterhalten werden. Beifall.) 
Abg. Dr. Wagner (fk.): Auch wir, würden es begrüßen, wenn 
urch das Privatkapital die Wissenschaft in veitestemn Maße unter⸗ 
stützt würde. Die Einführung, des Befahlgungsnaheises für 
Musiklehrer wäre zu wünfchen. Die Kabinelorbee bon 1834 gibt 
hne erebee Einschreiten dazu die Möglichtkeit. 
Abgq. Dr, Liebtnecht (Soz.); Wie die denea bemüht ist, 
ie, Bildungsbestrehungen des Voltes zu unterdrüden, das hat 
je durch ihre kleinlichen Maßnahmen gegen die Free Vot 
dühne bewiesen. Der Verwandlungskünstler v. Jagow, der 
zus einer „Hose! einen „Riesen“ und aus dem Erzengel' Gabriet 
eine „Schwiegermutter“ macht, ist ganz vorzůglich zum Theater⸗ 
zensor geeignet! Die xreichen LmerikanerPerfolgen der der 
Unterstuͤtzung von Kunfst und iseshat nur Reklamezwecke. 
Wir bezweifeln, ob die Kaifer? —D——— 
eignet ist, der voraussetzungslosen Wissenschaft Diensie zu leisten. 
Auf dem Gebiet der Wisfenschaft und Kunst vertreien“ wir in 
Wahrheit den Fortschritt. 
Abg. Sneh WBpt); Wir erkennen die großen Verdienste au, 
die das bayri he Königshaus sich bei der Förderung 
don Kunst und Wissenschaft erworben hat, Man sollte aber mcht 
den Eindruck erwecken, als ob das Heil allein aus Suddeutschland 
ame, Niemand wird doch leugnen wollen, daß guch bei uns 
dn und Wissenschaft eine erfrensiche Eutwicklung genommen 
babeit. 
Abg. Heine (nl.): Das biologische Institut in Rovigno, das 
ursprünglich dazu bestimmt war, das Berliner. Aquarium mit 
dem nötigen Tier- und Pflanzenmalerial zu versehen, hat sich zu 
einem Forschungsinstitut von sese Bedentung entwickelt. 
Darum ist es nötig, daß es ar ten bleibt. 
Abg. Dr. Wagner (ft.): Pen, Beamten des Biologischen 
Instituts auf Helgöland miß ehaterndtpnß gewährt werden. 
Die allgemeine Besprechung wird geschlossen. 
Abg, Dr. Hauptmann (8Zir.)“ befürwortet die Umwandlung von 
nuberetatsmäßigen Beamtenstellen in etalsmöhige am Pieleoroloai- 
chen Institut in Berlin. * 
Abq. Wenle (Vpt.): Zum Ankauf von Faitersen müßten 
MNittel in den Etat eingestellt werden. Um d Zerstörung von 
aturdenlmälern zu verhindern, sollle ein «esetz erlassen werden. 
Abg. Frhr. v. Wolff Metternich (3t3);: Ich schliehe mich den 
Ausführungen des Vorredners an. Es muß auch verhutet werden, 
aß seltene und schöne Vögel getötet werden, un Federn für die 
düte der Damen zu liefern 
Präfident v. Kröcher: Die Vögel find aber keine Naturdenk⸗ 
näler. (Große Heilerkeit.) 
Abg. Schreiner (Zir.) wünscht die Einstellung von Mitteln zur 
Fortsetzung der Ausgrabungen des Trierer Kaiservalastes 
Abq. Dr. Runze (Vpt.): Die prähistorischen Dentmäler müssen 
auf gesetzlichem Wege geschützt werden. 
Bei den Ausgaben für die Akademie der Künste in 
Berlin empfiehlt . 
Abg. Dr, Runze (Vpt.) eine größere Pflege der musitali— 
schen Ballade, auf deren Bedeutung besonders Richard Wagner 
hingewiesen hat. 
Abg, v. Neumann-Großenborau n(k.) wüuscht, daß große Kunst⸗ 
werle möglichst dem Lande erhalten vͤleiben. 
Dammt ist das Kapitel Kunst und Wissenschaft erlediat. Bei dem 
Sapitel Univpersfitfüten foölat eine Beiprechung über den 
Berliner Professorenstreit. 
Abg. Schmedding (Btr.); Das Abgeordnetenhaus ist nicht 
die geeignete Stelle, um endgültig über den Profelsoren 
kreit“an der Berliner Üniversität zu entscheiden. Den 
etzigen Minister trifft keine Schuld an der Angeegenet Wir 
saben keine Veranlaffung, dem Professor Bernhard besondere Sym⸗ 
athien entgegenzubringen. Wir bedauern. daß das Ansehen 
er Professoren durch die Angelegenheit gelitten hat. Der 
Minifter würde sich ein großes Verdienst erwerben, wenn er zur 
rriedlichen Beilegung des Streites beitragen würde. 
ANog Eigthoff Vot): Nachdem die Deffentlichkeit sich mit der 
Angelegenheit beschäftigt hat, müssen wir Stellung dazu nehmen. 
das Mimifterium hat deine alückliche Hand bei der Behandlung 
es Falles gehabt. Prof. Bexnihard ist gegen den Willen 
der Fakultät an die Üniversität berufen worden. Der Streit ist 
nicht aus wissenschaftlichen, sondern aus persönlichen Motiven 
entstanden. Entgegen dem durch den Revers abgegebenen Ver⸗ 
prechen hat Bernhard Vorlesungen angekündigt, die ebenfalls 
»on Sering angekündiat, waren, worin aweifellos ein WBort⸗ 
ruch zu erblicken ist Es ist mir aweifelhaft, ob der, Minister 
hon seinen Raten inimer richtig informiert worden ist. Die 
Pistolenforderung ist von der Fakultät guf das schärfste mißbilligt 
worden. Daß die Angelegenheit an die Oeffentlichkeit aezerrt wpr⸗ 
zen ist, isi die Schuld Bernhards, der die Presse mit Nachrichten 
ersehen hat. Bernhard ist in seinem ganzen Verhalten aus dem 
Ministerium entscheidend beeinflußt worden. Ich bitte „en 
Minifter, die Sache noch einmal zu prüfen. Wenn auch die Pro⸗ 
essoren Wagner. Sering und Schmoller nicht immer den richtigen 
Weg gegangen find, so steht doch ihr Verhalten turmhoch über 
emjenigen Bernhards, defsen Berufumg aus volitischen und nicht 
uus wissenschaftlichen Gruünden erfolgt ist. Ich bitte den Minister, 
illes zu tun, um den Frieden in der wiederhor·teNon. 
Beifall.) 
Kultusminister v. Trott zu Solz: Bei dem ganzen Streit ist 
der Gesichtspunkt für mich maßgebend gewesen, das Ansehen 
der Unliverfitätauwahren. Nachdem der Streit einmal 
wsgebrochen war, kam es darauf an, eine Verständigung zwischen 
zen Streitenden herbeizuführen. Als mir von der Universitäb 
uus gesagt würde, ich, allein könne allenfalls den 
Ztreit beilegen, habe ich die Herren aus meinem 
hinisterium beauftraat, eine Verstäudigung zu erzielen 
sas ist nach mühevollen Verhandlungen im Dezember vorigen 
Fahres gelungen. Es wurde eine Verständigung herbeigeführt, 
zie nach allen Seiten hin genügen konnte. Was ist nun geschehen, 
im alles wieder in Frage zu stellen? Es war der Artikel in der 
Vossischen Zeitung, der unter Mitwirkung Bernhards zustande ge— 
ommen ist. Es zZeigt aber von einer übertriebenen Empfindlich— 
eit, wenn man darin einen weitgehenden Vorwurf gegen die drei 
Lröfessoren erblickt hat. Der Artikel reicht nicht aus, um den 
janzen Streit wieder aufzurühren. Ich konnte nicht dazu kom⸗ 
nen, Bernhard den Vorwuͤrf des Wortbruchs zu machen, und war 
deshalb außerstande, auf dem Wege des Disziplinarverfahrens 
segen ihn vorzugehen. Die Fünferkommission hat die Frage des 
Wortbruchs offen gelassen. Auf diese Frage kam es aber an, dazu 
mußte man Stellung nehmen. Wenn ich nun das Disziplinarver⸗ 
3 gegen Bernhard nicht einleiten konnte, so hatte ich keine 
—W——— 
fessoren nicht absetzbar sind. Die gegen das Ministerium erhobe⸗ 
nen Vorwiirfe, daß es sich in irgend einer Form an der Fw 
polemik beieiligt hätte, sind ünrichtig. Ueber tatsächliche Vor⸗ 
ommnisse bekommt die Presse vom Ministerinm Auskunft. Aher 
eine Parteinahme nach der einen oder anderen Richtung ist aus 
jeschlossen. Es ist von meinem Dezernenten ea verhindert 
vorden, daß gehässige Artikel über den Fall in die Zeitungen ge⸗ 
ommen sind. Es handelt sich nicht um einen Gegensatz zwischen 
Iniversität und Ministerium; ich habe in der Angelegenheit im 
Interesse der Universität gehandelt. Jetzt verlangt die Univer⸗ 
stät, sie möchte einen ihr unsympathischen Kollegen los werden. 
das herbeizuführen, bin ich gar nicht in der Rage. Der Vorwurf, 
aß Bernhard in der ganzen Angelegenheit vom Ministerium ge⸗— 
tützt worden sei, ist ebenfalls unbegründet. Wir haben immer 
ersöhnend und vermittelnd gewirkt und auch die Interessen der 
Krofessoren Wagner, Sering und Schmoller wahrgenommen. Ich 
habe in der ganzen Angelegenheit das Ziel der Verständigung 
immer im Auge gehabt, und dieses Ziel habe ich auch erreicht. 
Abg. Graf Clairon dHaussonville onse Der Miinister 
hat den richtigen Weg Lingeschlagen, um zum Friéden zu gelangen. 
Abg. Korfanty (Pole): Die Differenz liegt ausfchließlich in 
der Person und im Chavrakter Bernhards. 
Damit schließgt die Debatte. Morgen vormittag 11 Uhr Fort— 
tetzung der Etatsberatung. (Schluß 634 Ubr) 
—M—2— 
Der NAiglon. 
Der Morgen des 20. März 1811 dämmerte trübe über Paris 
herauf. In den Tuilerien herrschte ein unruhiges Treiben und ge— 
paunte Erwartung; der Hof und alle Würdenträger waren versam- 
nelt: man erwartete die Geburt des ersten Nindes Napoleons. Am 
Tage vorher hatten Extrablätter verkündet, daß die Geburt des 
daisersprossen unmittelbar bevorstehe. Volksmassen wogten in den 
Ztraßen und drängten nach dem Tuilerienpark, um die Kunde so— 
leich mit Jubel aufzunehmen. Der Kaiser war in höchster Erregung, 
denn die Geburt ging nicht leicht von statten, und ein operativer Ein— 
griff erwies sich als notwendig. Napoleon beschwor die Aerzte, nur 
in die Rettung seiner Frau zu denken; ganz verstört und gebrochen 
vankte er ins Nebenzimmer und drückte die heiße Stirn gegen die 
Fensterscheibe, um Fassung zu suchen. So traf ihn die Nachricht von 
er Geburt des Sohnes. Sein sehnlichster Wunsch war erfüllt. 
Dem Kaiserkinde, das damals, von seinen Eltern und von einem 
anzen Vollke so jubelnd begrüßt, das Licht der Welt erblickte, war ein 
ragisches Schidsal beschieden, das nicht zu den Höhen der Macht 
ind des Ruhmes, sondern in die Tiefen innerer selbstverzehrender 
Aual und in frühen Tod führte. Selten hat ein junges, noch vor 
er Blüte gebrochenes Leben die Phantasie der Nachwelt fo sehr be— 
chäftigt, wie das in Ehrgeiz und Sehnen verglühende Dasein diefes 
ndaisersohnes, den sein Vater in den Windeln zum König von Rom 
nachte, der dann als Herzog von Reichstadt in stiller Zurückgezogen⸗ 
Xeit zim Jüngling heranwuchs und in dem die Franzosen den 
Aiglon, den jungen, Adler, sahen, dessen neue Sonnenfluͤge sie zu 
euer Größe führen sollten. In Romanen und Dramen hat man ihn 
päter verherrlicht, und Edmond Rostand hat seine ganze gefuüͤhlvolle 
Lathetik aꝛtfgewandt. um dies zarte, blasse Leben mit dem goidigen 
Zchimmer einer romantischen Verklärung zu umhüllen. Ein lebendi— 
jes Bild von der kurzen Spanne Zeit, die ihm auf dieser Erde zu 
un beschieden war. entwirsj O Robicet in Ueher Kand imnd 
cer. 
Wie alle Erstgeborenen, galt auch der kleine Napoleon schon in 
der Wiege als ein Wunderkind. Bereits einen Monat nach feiner 
Beburt schrieb Erzherzog Ferdinand an den Großvater, seinen Bruͤ— 
)er Kaiser Franz: „Ter Kleine sieht wie das Leben aus und könnte 
uicht gesünder und schöner sein, als er ist. Der überglückliche Vnier 
vidmete dem Säugling all seine freie Zeit und wollte ihm mit einem 
Monat „schon zu essen geben!“ Spaäter wurde das Kindlein. das 
n einem seiden gefütterten, von zwei weißen Schäschen gezogenen und 
nit der Kaiserlrone geschmückten Wägelchen spazieren führ. der Lieb. 
ing des Volles. Bittschrifien aller Art wurden ihm überreicht; seine 
krzieherin, die Gräfin Montesquien, hielt den Knaben schon früh 
uu Wohltaten an, sodaß sie der Kaiser einmal mit Rückficht auf seine 
kasse scherzend bat, fie möge doch bisweilen einsamere Wege für die 
pagzierfahrten wählen. Das verwöhnte Kind war mitunter sehr 
igensinnig. Einmal fing es so aus irgend einem dinlaß wieder 
urchtbar zu brüllen an und wälzte sich auf dem Fußboden herum. 
Da snand die Gouvernante rasch auf und schloß die Fensier, Was 
machst du da?“ schrie er sie an. Glauben Sie,“ erwiderte die 
vräfin Montesquieu, „daß die Franzosen ihren zukünftigen Kaifer 
ichten könnten, wenn man ihn dingaus bis anf die Straße schreien 
wört?“ Sofort beruhigte sich der Kleine und bat um Verzeihuüng. 
Die schönsten Stunden verbrachte er bei seinem Vater; da durfie er 
ach Herzenslust herumtollen, warf selbst die strategischen Pläne umd 
darten durchetnander und unterbrach die voriragenden Minister mit 
einen vergnügten Rufen. Als der Kaiser nach dem unglücklichen 
ussischen Feldzuge geschlagen zurückkehrle, mied er zungchst die 
Zeffentlichkeit und beschäftigte fich am liebsten mit seinein Söhnchen. 
ẽinst trat er in sein Schlafzimmer und wollte ihm Gutenacht sagen, 
ꝛa kniete der Kleine vor einem Kruzifix und sprach eben den Echluß 
eines Nachtgebetes: „Lieber Gott, laß doch Papa Frieden machen, 
um Wohle Frankreichs, zum Wohle der ganzen Menfchheit.“ 
xhspeigend berließ der Kasser das Zimmer o se renn br 
ioch kurz vor seinem Tode diese Szene den wentgen SWerreuen er 
ählt und bitterlich geweint. 
VUnd bald kam der Augenblick, wo Napoleon sein Kind zum 
etzten Mal umarmte und es u d den Offizieren der Na⸗ 
ionalgarde zum Schutze empfahl. Wenige Monate darauf trug 
nan den kleinen König von Rom mit Gewalt aus den Tuilerien 
u dem Wagen, der vbihs nach Oesterreich führte, während er sich 
chreiend straubte und schrie, er habe seinem Vater versprochen 
hn in Paris zu erwarten. Als er an der Seite seiner Mutter 
ie Schönbrunner Schloßtreppe hinaufstieg und die Damen des 
Wiener, Hofes nicht müde wurden, ihm die kleinen Hände zu 
üssen, da war er schon ein Prinz von Parma, und nicht lange 
danach wurde der Erbe eines Weltreiches zum ᷣcrꝛog der kleinen 
ree Reichsstadt. Am Wiener Hofe erhielt er nun, von den 
juten Großeltern freundlich aufgenommen, eine treffliche Er⸗ 
iehung; aber schm von frühester Jugend an war seine Phan⸗ 
asie aufgeregt, hing, mit leidenschaftlicher Verehrung an dem 
Bater und wühlte sich in die vergangene Glanzzeit hinein. 
Frühreif, unruhig, stets gequält von jugendlich hochfliegender 
unce verzehrte ex sich in dem heißen Feuer eines unfrucht⸗ 
aren Ehrgeizes. Nur mit Geschichte und Kriegswissenschaften 
vollte er sich esigen wenn er aus seiner gewöhnlichen 
zurückhaltung einmal hervortrat, quälte er seine Erzieher mit 
ragen nach seinem Vater. Der Tod des Angebeteten er— 
hülterte ihn tief. Als er mit 19 Jahren zum ersten Mal beim 
hall des englischen Botschafters in der Pes en erschien, 
var seine schwermütig schöne Erscheinung das Entzücken aller 
damen. Seine elegante, biegsam schmächtige Gestalt, die großen 
Aauen Augen mit den schweren Schatten und die müde Blässe 
eines Gefichts keßen aber auch bereits ahnen, daß er den Keim 
— 
den Strapazen des militärischen Dienstes hingab, trug dazu 
bei, ihn völlig zu entkräften. Er litt an entsetzlichen Husten⸗ 
anfällen und Schwächezuständen; in seiner Mundhöhle hatt 
sich Eiter suatazset. sodaß er kanm atmen kbonnte. Am 22. Juli 
s632 verlosch dies müde Leben, das schon so lange nur schwach 
und unruhig geflackert hatte. Ich gehe unter! Ich gehe unter! 
Meine Mufler rufen!“ waren seine letzten Worte, dann entschlief 
er sanft in den Armen des Erzherzogs Franz Karl, ohne eigent⸗— 
sichen Todeskampf. 
— Mee2e — — 
Die Hheimfahrt im Raiserzuge vor vierzig 
Jahren. 
Am 18. März hatte Kaiser Wilhelm ‚mit warmem und er— 
hzobenem Herzen“ den „Soldaten der deutschen Armee“ sein Lebe⸗ 
wohl zugerufen, bevor er Frankreichs Erde verließ. Nun brauste 
er Kaiferzug der Heimat zu. Mitten hinein in diese begeisterte 
Freundenstimmung versetzt uns ein Brief, der diese „Heimfahrt 
m Kaiserzuge“ schildert und kurz danach in der Wochenschrift 
Im neuen Reich veröffentlicht wurde: 
„Ich bin in der Heimath bei Weib und Kind, ein alücklicher 
Maunn. Wir haben im Eisenbahnwagen einen Triumphzug durch 
Deutschland gemacht, dessen eigenthümliche begeisternde Wirkung 
ich mit anderen Empfindungen, die das Leben giebt, gar nicht 
ergleichen läßzt. KZwar regnete und schneite es, als wir, von 
Pont⸗a⸗ Mousson kommend, bei Pagny die deutsche Grenze über⸗ 
chritten, und das neue Deutschland sah sehr traurig aus. Aber 
in uns war heller Zubel, denn uns stand das Wiedersehen des 
heißgeliebten Vaterlandes bevor, das Betreten der Heimath, deren 
vntt wir atmen müssen, um wirklich zu leben. Es war ein volles 
und reines Entzücken, da wir die Grenze bei Saarbrücken über⸗ 
chritten. Die Blicke der Begrüßenden, die Befriedigung, Freude 
and der Stolz, womit sie auf uns sahen — das Herz ging einem 
nuf und manche Thräne der Freude floß aus unseren Augen. 
Und von ijetzt begann ein Fest der Heimkehr, viel schöner und 
jewaltiger, als im Jahre 1866, die getane Arbeit war auch 
chwerer uid gründlicher gewesen, die Resultate völliger. Welche 
Reden der neue Kaiser überall gehalten, das haben Sie wohl 
in den Zeitungen gelesen, aber was kein Blatt verkünden kaun, 
das ist der Ausdruck, die stille, r Sprache iu den Ge— 
üchtern der tausend und tausend Menschen, welche zwei Tage⸗ 
fahrten lang überall am Wege stgnden, Jeder voll von Hin⸗ 
zabe und rührender Liebe und Dankbarteit in Auge und Zügen. 
den Naiser suchte jeder, und wenn sie ihn erkannt, dann wiesen 
ie mit den Händen nach ihm: „Da, da ist er.“ Freudestrahlend, 
nit feuchtem Blick riefen sie ihr Hurrah, warfen Hut und 
Nützen und grußten mit den Tüchern. Der kleine Junge 
chwenkte die schwarz-⸗weiß-⸗rote Fahne, der Greis schwenkte mit 
em Feuer des Jünglings den Hut, aber ihm flossen die Thränen 
in den weißen Bart, er fühlte ganz anders, was erfüllt war. 
And dies wiederholte sich an jeder Bahnsperre, an jedem Halte⸗ 
unkt, auf jeder Station, uns schien das ganze deutsche Volk zum 
Bruß an die Bahn geeilt, auf der wir so schnell dahinsausten. 
Es waren überall dieselben Grüße, und gerade in ihrer end— 
vsen Wiederholung erhoben sie Gemüth und Gedanken ganz un⸗ 
beschreiblich. 
Wir fuühren dahin wie Selige, wie auf Engelsflügeln durch 
ein Reich des Glanzes und der Liebe getragen. In der gehobe— 
nen Seele erhielten alle Erlebnisse der letzten Vergangeünheit 
die Klarheit und Lebendigkeit sichtbarer Bilder. Neun Monate 
harter Kümpfe zogen durch den Sinn. Alles, was man in 
iesent Feldzuge erlebt und gelernt, die Menscheu und unge— 
zure Verhältnisse, das Edle und Scheußliche, Freund und Feind, 
die Bundesgenossen in ihrer Bedeutung und Schwäche, 
das alles fuhr geisterhaft in wachem Traume an dem 
nneren Auge vorüber, unzählig waren die Gestalten, 
chmerzlos wurde auch das Sorgenvolle, das man erlebt hatte,' frei 
ind sicher schwebten die Gedanken darüber. Und immer wieder hob 
eues Hurra, der wehende Gruß, der feuchte Glanz glückseliger Blicke 
er Landsleute am Wege das Gemüt zu frohem Genuß der Gegenwart. 
Auch traurige Eindrücke blieben nicht aus, schwarze Gestalten in der 
Menge oder an den Fenstern verdeckten mit dem Tuch das Antlitz, 
venn der Freudenruf im sie erscholl, ihnen kehrten die Liebsten nicht 
urück. So fuhren wir zwei Tage durch das Vaterland. Es war ein 
Triumphzug, wie ihn die Vorfahren sich vielleicht für die Helden ihrer 
Zagen dachten, wenn diese vom Schlachtseld zu den Götlern herauf— 
etragen wurden. Freilich auch darin waren manche unter uns der 
erde entrückt, daß sie unterwegs wenig Gelegenheit hatten, irdische 
Nahrung einzunehmen. Die jubelnde Menge trennte als undurch⸗ 
ringliche Mauer von den Büfetts und die dem Kaiser und Kron— 
zrinzen Iredenzten Becher, Tassen usw. trugen nicht dazu bei, allen 
indern das Leid dieser Trennung zu verringern. Als wir der Hei— 
nat näher lamen, schlug das Herz schneller, ind die Ungeduld wurde 
chwer gebändigt. Und als man endlich Frau und Kind an bas 
derz Ichloß, da war Ruhm und Gefahr, die ganze Welt war vergessen, 
as laugentbehrte Haus das Daheim in der ganzen Fülle seiner 
Zeligkeit nahm ganz gesangen. Es ist schön, als Vveutscher stolz zu 
cin, und es ist auch nicht übel, für das Vaterland den Feind zu 
zuuen. Aber die ganze Welt, aller Siegerstolz und alle Erfolge und 
Ehren sind wenig kegen das Glück, nach solcher Trennung sich unten 
hven Seinen als ein stisler, zufriedener Menscheun üblen 
Vermilchtes. 
Verhastete Inwelendiebe. Aus Paris wird geschrieben 
Dder itglienischen Baronin Evelina della Marra wurden auni Frei⸗ 
ag während ihres Besuches bei ihren in Paris ansässigen Schwestern 
hre sehr kostbaren Juwelen und Geschmeide aus ihrem Hotel ge⸗ 
tohlen. Am selben Abend hörte ein Herr in einem Café auf den 
Boulevards drei junge Leute sich in spanischer Sprache sehr luftig 
über einen eben gelungenen Einbruch unterbalten und arle Einzel⸗ 
jeiten des Diebstahls erzählen. Er benachtichtigle sofort den 
Kolizeilommissat, der die Geheimpolizei in Kenntnis setzte. Den 
Sendlingen dieser gelang es, die jungen Leute am Nordbahnhofe 
estzunehmen, als fie sich gerade naͤch Dünfirchen begeben wollten. 
In einem Kofsfer fand man den größten Teil der gestohlenen Ge— 
chmeide wieder, serner Pfandscheine über versetzte. Die Diebe ind 
wei Brafilianer Martino Castro, der mit dem ehemaligen Prä⸗ 
identen von Venezuela Castro verwandt sein wille und Vietor 
Schichit. Der dritte wurde als bei der Sache umbeteiligt sofor? auf 
reien Fuß gesetzt. Die Baronin und ihre Senwesdern hehaunten, 
aß die Verhafteten der Comorra angehören, non deren Sendlingen 
ie schon mehrfach ausgerandt und bedeobht wonen 53
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.