Full text: Lübeckische Anzeigen 1911 (1911)

chsen hat man darin Fortschritte gemgcht und wir beobachten 
eee liberale Handhabung, Für Bayern ist dies schon 
bon LAba. Müller-Veiningen dugettanden. Dagegen, wollen die 
Klagen aus Preußen noch nicht aufhören. (Sehr richtig! links.) Ich 
bitte den Reichskanzler, sich mit dem preußischen Ministerpräsidenten 
in Verbindung zu setzen und möglichst energisch eine Verständigung 
mit den Einzelstaaten zu suchen. Jedenfalls ist es grundsägtzlich 
salsch, politisch mißliebige Versammlungen auf polizeilichem Wege 
u verhindern. Ueber die Umzüge besteht eine grundsäßtzliche 
zwischen dem vreußischen Minister des 
Innern und dem Staatsfekretär. Nach dem Erlaß des preußischen 
insters sind die Umzüge in der Regel verboten, während sie nach 
dem Gesetz in der Regel zuzulassen sind. Bel dem Fortschreiten der 
Reichsgesetzgebimg ist die Errichtung eines Reichsverwal— 
ungsgerichtshofs eine dringende Notwendigkeit. Was die 
Forderung einheitlicher Wahlurnen betrifft, so ist mit einer 
Statistit nicht zu rechnen, die bloß die Wahlproteste in Betracht 
zieht, denn die kann nicht vollständig sein. Eine idegle Wahlurne 
vird es nie geben, aber die im Reichsaint des Innern ausprobierte 
Kiste ist immer noch besser als die vielgenannie Zigarrenkiste. Ich 
muß es zurückweisen, weiin der Abg. Pauli-Potsdam für seine Par⸗ 
tei die Mittelstandsfreundlichkeit allein in Anspruch nimmt. Die 
Rechte hat doch nicht die Mittelstandsfreundlichkeit in Pacht ge⸗ 
nommen. Wir sind unsererseits von jeher für den Mittelstand ein⸗ 
getreten. In Bezug auf das Suübnussionswesen möchte ich das 
ächsische Submissidnsamt zur Nachahmung empfehlen? (Beifall bei 
den Rationalliberalen.) 
Staatssekretär Delbrück: Die Frage der Tarifvertrame 
st ein Problem, das den Sogzialpolititer ebensosehr anziehen 
giuß wie den Juristen. In juristischer Beziehung besteht keine 
Verschiedenheit zwischen dem Vorreduer und mir. Zunächst muß 
die Judikatur darüber uxteilen, inwieweit fie diefe Institution 
weiter zu entwickeln in der Lage ist. Selbstverftaändlich wuürde 
s möalich sein, die Berufsvereinigungen rechtfähig zu machen 
dahin, daßz sie mit ihrem Vermögen für ähre Beamten halten. 
ana so leicht ist. dies aber auch nicht, wie die früheren Verband: 
lungen ergeben haben. Eine Zentralstelle für Tarifverträge be⸗ 
steht schon in meinem Etat. Es ist nicht zwedmaäßia. darüher 
hinaus zu gehen. Die damit verknüpften juristischen und wiri⸗ 
schaftlichen, Brobleme sind bier dauernd verfolgt und entwickelt 
worden. Wir haben niemals bei dem Abschluß von Tarifper⸗ 
rägen versagt. Die Zentralstellen würden uiber das Erreichbare 
berhaupt hinausgehen. Wir müffen dabei auch auf die Bundes⸗ 
ftaaten Rücksicht nehmen. 
Abg. v. Strombeck (Fentr.)!: Namens eines Teiles meiner 
Fraktion muß ich mich gegen die weitere Einschränkung des 
Hausierhandels wenden. Seine Existenz ist auch im Interesse der 
Konsumenten notwendig. Auch würde das u der Gerechtiakeit 
entshrechen. F 
Abg. Kölle (Wirtsch. Bgg.); Die wenig vornehmen Angriffe 
des Abgeordneten Hoch weise ich zurück Gegen die Automobile 
auf dem Lande sind Maßregeln nötig. Die Margarinevergif⸗ 
ungen beweisen, daß die jetzige Gesebgebung mieht ausreicht. 
Bei seinen weiteren Bemerkungen wird der Redner vom Vize⸗ 
präsfidenten Dr. Spahn mehrfach unterbrochen, und er verzichtet 
auf das Wort. 
Die Weiterberatung wird vertagt. 
Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr: Fortsetzung. 
Schluß 8 Uhr. 
Preußischer Landtag. 
Abgeordnetenhaus. 
18. Sitzung. — 
Berlin, den 14. März. 
Am Ministertisch: v. Trott zu Solz. 
Bizepräsident Dr. Porsch eroͤffnet bie Sitzung um 10 Uhr 
5 Minuten. 
Die zweite Beratung des 
Kultusetata — 
vird beim Kapitel „Elementarunterrichtswesen“, AbschnittEle— 
mentarschulwesen“ forigesetzt. 
Abg. Goebel (Iir). Die Mietsentschädigungen 
der Lehrer sind vielfäch unzureichend und stehen nicht im Ein— 
dang mit den Grundsätzen, die im VLehrerbesoldungsgeset aufgesielit 
ind. Auch über ungleichmäßige Bemefsung der Ortszulagen führen 
die Lehrer in verschiedenen Landesteilen mit Recht Klaͤge. Ins— 
desondere ist eine einheitliche Regelung der Ortszulagen im 
berschlesischen Industriegebiet erforderlich. Die Lieferung der 
albücher darf nicht einigen wenigen Vetlegern übertragen 
werden. 
Abhg. Dr. Heß (Ztr.): In Schulen, in denen Schüler beider 
Nonfessionen vorhänden sind, muß darauf Bedacht genommen wer 
den, daß die katholischen Kinder ausreichenden Religionsunterricht 
trhalten. Insbefondere sollten die evangelischen Lehrer es ver 
neiden, beim Religionsunterricht die religiösen Gefuͤhle 
zer Katholiken zu verletzen, wie das in der Schule in Annahütte bei 
Fraukfurt a O. vorgekomnien ist. Die Sladt Butn ist ein typisches 
Beispiel dafür, wie man den billigen Ausprüchen der konfessionellen 
Minderheit der Katholiken in Schulfragen nicht gerecht wird. 
Bährend hier eine Simultanschufe besteht. sind in zahlreichen 
IAten für die evangelische Bevölterinig.“ doo fie fich in 
iner ebensolchen Minderheit befindet, Konfessionsschulen vorhanden. 
Fine Erhöhung des Fonds zu Eutschädigungen an Elementar— 
sehrer und ⸗Lehrerinnen für die Teilnahme an amtlichen Kreis— 
konferenzen wäre erwünscht. 
„Abg. Brust (Zentr.) beklagt sich über ungleichmäßige Be⸗ 
wefsung der Amtszulagen“ für evangelishe und katholische 
II zu Ungunsten der letzteren im Regierungsbezirk 
Muünster. 
Geheimrat Kloßzsch: Es ist richtig, daß sich bei der Bemessung 
der Amtszulagen Schwierigkeiten ergeben haben. Wir sind 
wemiiht, adiese Schwierigkeilen m Verwaltungewegne zu heben. 
Der Befürchtung freilich muß ich widersprechen, daß das sechs⸗ 
stufige Schulsystem eingerichtet wird, um den Hauptlehrern die 
erhöhte Amtzulage zu gewähren. Daß sich bes der Bemessung 
der Maietsentschadigangen“ Diflerengen ergeben, ist 
elbjtverständlich, da durch das Gesetz seibtt ein einheitliche Re⸗ 
gelung nicht beabsichtigt war. Jedenfalls bedeutet dies Gesetz 
einen kolossfalen Fortschritt. 
Abg. Dr. Hintzmann (natlib.): Seit dem Jahre 1906 lieg! 
dei dem. Provinzialschulkollegium zu Koblenz ein Antrag an 
Henehmigung des Voltsschuilefebuchsfür dee Rhein— 
3r0vinz vor. Es ist bedauerlich, dasßz dieser Antrag noch 
mmer unerledigt ist. Die Gehaltsverhältniffe der 
deb.rer an den Mittelschulen find Uunzureichend. Der 
esolution der Budgetkommission, nach der die Hilfsschulen 
ür schwachbeanlagte Kinder konfefsionalissierte werden 
ollen, können wir nicht zustimmen. Um unfere Jugend auf die 
wefahren der französifchen Fremdenlegion aufmerkfam zu 
nachen, halten wir es für angezeigt, daß den Schulbibliotheken 
Bücher einverleibt werden, die die Jugend hierüber aufklären. 
„Abg. Dr. Schmitt (Zeutr.); Die utsvicklung des Mitteisn, 
vesens ist zu begrüßen. Freilich ist der Religionsunterricht etwas 
in kurz gekommen. Deshalb ist es erwünschi daß wenigfiens auf 
Zer Mittelstufe noch eine dxitte Reiigio ne'stun ve den 
Lehrplan eingefügt wird. Für den gemeinschaftlichen Unterricht 
Knaben und Mädchen an diesen Schulen können wir nicht ein— 
reten. 
Abg. Witzumann snatlib.): Die Reise- und Umzugskosten 
jür die Lehrer sind nicht ausreichend. Es schmerzt die Lehrer, daß 
ie in dieser Beziehung miß den unseren Begmten verglichen werden. 
Abg. Thurm sfortschr. Vp.): Fuͤr die Mittelschnlen ist eine ein— 
iune Schulaufsicht erforderlich; die geiftliche Schulinspektion im 
Nebenamt kdann hier nicht in Frage kommen. 
Abg. Erast (fortschr. Vp.): Durch die vermehrte Berücksichtigung 
der NMittelschülen darf die Volfksschule, die das Fundament der 
Bollsbildung ist, nichf vernachläffigt werden. 
Abg. v. Trampezhnski Poles; Das Vollsschulunterhaltungs- 
zesetßz mnß auch auf die Provinz Pofen ausgedehnt werden. Eine 
wolitishe Gefahr kann der Regierung baraus nicht erwachsen. 
Abg, Hosf (sortichr, Vpi: Die Besoldung der Minelschullehrer 
ann nicht als genügend angesehen werden, Vor allem fehll es an 
ner gesetzlichen Grundlage für ihre Besoldunge Den Antrag betr. 
donfessionalisfserüng der an sen lehnen, wir 
ibenso wie die Natibnalsiberdlen ab. In der Festseßung der Um⸗— 
gskosten erbliden die Lehrer eine Zurücksezung gegenüber den 
eumten. 
Die Ausgaben für die Lehr,erbesoldung werden be— 
willigt. Der Antrag der Budgetlommission, wonach bei Vermeh— 
rung der Hilfsschulen für schwachbeanlagte Kinder der Volks. 
schule der konfesfsionele Charakter dieser Schulen ge— 
wahrt werden soll, wird gegen die Stimmen der Nationalliberalen 
und Freisinnigen angenommen. 
Zum Titel Perfönliche Zulagen an Lehrer und Lehrerinnen in 
Posen und Westpreußen liegt ein Antrag der Abgg. Dr. Manrer 
natlibzu. Gen. vor, worin eine neue Berechnung der Ostmarken— 
zulage für erste und alleinstehende Lehrer nud Schulleiter auf Grund 
der neuen Gehaltsregelung J wird. ..... 
Abg. Erust (fortschr. Vp.s: Wir hallen es für zweckmäßig, die 
Ostmarkenzulagen als unwiderruflich festzulegen. 
Abg. Viereck freikons.) beantragt Zurückverweisung des An— 
trags Maurer an die Budgetkommission. 
Geheimrat Kloßsch: Die Amtszulagen und Ortszulagen sind 
bewegliche Gehaltsteile und können beĩ der Bemessung der Ost- 
markenzulage nicht in Betracht kommen. Die Berechnung bat 
nach dem Grundgehalt zu erfolgen. 
Abg. Dr. Maurer (natlib.): Gegen die Zurückverwenung 
uinseres Antrages an die Budgetkommission haben wir nichts ein— 
„uwenden. Die Rektoren sind mit ihrem Höchstgehalt von 4000 
Mark schlechter gestellt als die mittleren Beamten. Mit dem 
Titel betreffend die Ostmarkenzulagen werden verbunden die 
Titel betr. Unterstützungsfonds für Lehrer und Lehrerinnen. 
Abg. Heine (natlib.): Die gesetzliche Regelung der Verhält— 
nisse der Altpensionäre darf nicht dauernd zurückgestellt werden. 
Ahg. Haff (Fortschr. Vpt.) schließt sich dem Vorredner an. 
Die Altpensionäre fordern nicht Gnade, sondern ihr Recht. 
Abg. Goebel (Zentr.): Auch wir sind mit den Anregungen 
hezüglich Besserstellung der Altpensionäre einverstanden. 
Abg. Frhr. v. Zedlitz (freikons. und Abg. Graf Clairon 
) Hauffonville (kons.) sprechen sich in gleichem Sinne aus 
Der Antrag Maurer wird an die Budgetkommission verwie⸗ 
sen. Der Abschnitt „Elementarschulwesen“ ist damit erledigt. 
Bei den Ausgaben für das „Taubstummen- und Blinden⸗ 
wesen“ beschwert sich 
Abg. Stucynski (Pole) darüber, daß die polnischen Kinder in 
en — nicht in der Muttersprache unterrich— 
et werden. 
Geheimrat Heuschen: Selbst die Volksschnlen für normale 
Finder tönnen nicht die Ausbildung der Kinder in zwei Sprachen 
ermöglichen, um so weniger sind dazu die Schulen für Taub⸗ 
sttumme im Stande. 
Bel den Ausgaben für Wohltätigkeitsanstalten und Volks⸗ 
dibliotheken tritt 
Abg. Engelbrecht (freilons.) für Ausgestaltung der Volts— 
vibliotheken ein. 
Abg. Dr. Kaufmann (Zentr.) bittet die Regierung um Un—⸗ 
terstützung jener katholischen Vereine, die für die Vollsbildung 
dervorragendes leisten. 
Für Förderung der Zugendpflege 
wird 1 Million Al im Etat gefordert. 
Abg. Hockeenroth (kons.): Die christlichen Organisationen 
haben bhisher erfolgreich und segensreich gewirkt, 
ndem sie das Hauptziel verfolgten, die jun⸗ 
gen Leute zu christlich-sittlichen Charakteren heranzubilden. 
Bir begrüßen es, daß nach einem Erlaß des Ministers diese Organi— 
ationen gestärkt werden 33 Das ist um so erfreulicher in einer 
Zeit, wo Verführer am Werke find, unserer Jugend die Ideale, die 
tiebe zum Herrscherhaus, zu seiner Geschichte und seinen Einrich- 
ungen aus dem Herzen zu reißen. (Beifall.) 
Abg. Kesternich (Zentr.): Auch wir begrüßen den Ministerial⸗ 
Erlaß, der das Ziel versfolgt, die heranwachsende Jugend in christlich 
natlonaler Gesinnung zu erziehen. Eine Hauptaufgabe der Jugen d 
—A wird es sein, den jungen Leuten in dem kritischen und ge⸗ 
fährlichen Alter von der Beendigung der Schulzeit bis zur Militaär⸗ 
beratend und helfend zur Seite zu 3 Die Einstellung des 
Millionenfonds ist keineswegs dazu bestimmt, die bestehenden Or⸗ 
ganisationen vor einem Zusammenbruch zu reiten, wie die Sozial— 
demokraten es darstellen. Wir bedauern die französische und 
italienische Jugend, die, wie es dem Ideal der Sozialdemokratie 
entspricht, in der religionslosen Voltsschule unterrichtel 
wird. In Belgten hat die religionslose Voltsschule 
vollständig Fiasko geinacht. Wir wollen die Jugend nicht knebeln, 
vie die Sozialdemokraten behaupien, sondern wir wollen sie be— 
kreien aus der Knechtschaft derjenigen Partei, die keine wahre Frei— 
geit, sondern nur das VPhantom der Freiheit kennt. Auf dem Gebie! 
der religiösen Betätigung sowie der ——— des Handwerks hat 
sich der Katholische Gesellenverein große Verdienste erworben. Auf 
deim Gebiet des Hospizwelens iß dieser Vetein vorbildlich geworden 
Auch der katholische Lehrerverband hat die Jugendfürsorge und 
Jugendpflege in sein Programm aufgenommen. Der Katholikentag 
hat, als Hauptziel der Jugendpflege die sittliche Festigung und die 
Bekämpfung des Aberglaubens und der Unmähigkeit bezeichnet. Die 
Bemeinden müssen mehr als bisher die chrisilichen Juͤgendorgani— 
ationen unterstützen. Auch die Volksschule wird vielfach Gelegenheit 
—38 an der, Förderung der Jugendpflege sich zu beteiligen. Wir 
ind bereit, bei der Verwirklichung des Idegls, das der Minister in 
seinem Exlaß sich gesteckt hat, mitzuwirken (Beifall.) 
Die Densran wird auf heute abend 724 Uhr vertagt. 
Schluß gegen 5 Uhr 
Abendsitzung. 
Am Ministertisch: Mmnister v. Trott au Solz. 
Vizepräsident Dr. Prrsch eröffnet die Sitzung um 72 Uhr. 
Die Beratung des Kultusetats wird bei dem Kapitel „Fonds 
zurrFörderung derJugendpflege“ fortgesetzt. 
Abg. Scheukendorf (Natlib.!: Bedauerlich ist, dah in den 
Fonds die weibliche Jugend nicht bedacht ist. Auch vdie 
Schulen müssen hineingezegen werden und zwar die Forthildungs 
wie die Hochschulen. Wenn auf diesem Wege eine sittlich, geifiig 
ind körperlich ausgebildete Ingend heranwächst, dann werden wir 
veniger empfinden, was uns heute fehlt, nämlich die Freude 
am Baterlande. GBeifall.) 
Abg. Flesch (Fortschr. Vpi.): Auch wir sind erfreut über die 
taatliche Jörderung der Jugendpflege, aber wir sind nicht jo be— 
geistert wie der Vorredner, wir wollen crit die Refultare 
ubwarten. Wir erwarien, daß alle polifischen und 
religiösen Momente von diesem Gebiet fernaehbau'te n 
verden. 
Minister v. Trott zu Solz: Ich bin dankbar für die An—⸗ 
erkennung. die meinem Erlaß betr. die Jugendfürsorge zuteil ge⸗ 
vorden ist. Es soll sich keineswegs im eine bureau— 
ratische, sondern um eine frese Betätigung handein. 
Vir wollen alle Organisationen unterstützen, vporausgesetzt, daß sie 
uuf vaterländisschem Boden stehen. Wir machen auch keine 
Interschiede zwischen den Konfejfionen. Da es sig erst um einen 
nfang handelt, so haben wir zunächst die männüliche Jugend ins 
luge gefaßt, was aber nicht ausschlietzt, dah wir in Jutunf! 
iuch die weibliche Jugend in unsere Bestrebungen ein— 
chliehen. Wenn alle beiteiligten Faktoren mitarbeisen. wird das 
Iyn Erlaß bezeichnete Hiel sich hoffentlich erreichen lasfen 
eifall. 
Abg. Strübel (Soz.): Die Furcht vor der Sozialdemokratie 
bexanlaßt die herrschenden Klassen zu dem in Frage stehenden Vor— 
gehen. Man, will die Jugend zum Gehorsam und zur unte. 
verfung erziehen. Batexländische Gefühle sind ger'a de 
ddih Reihen der Sozialdemokraten au finden.“ Cachen 
rechts. 
Als der Redner in längeren Darlegungen erörtert, wie die 
Sozialdemokraten vaterländische Gesinnungen auffaffen, wird ea 
vom Präsidenten aufgefordert, zum Thema aurückzukehren und 
wird auf seine Bemerkung „Wir wissen ja, wie das Präsidialregi. 
nent geführt wird' zur Ordnung gerufen. 
Abg. SEtröbel (Soz) schliehßend: Die sozialdemokratischen 
Jugendorganisationen werden von der Polizei und anderen Be⸗ 
hörden schikaniert und unterdrückt. 
Im Verlaufe seiner weiteren Bemerkungen wird Redner vom 
Präsidenten no hmals zur Ordenung gerufen, 
Hierauf wird das Kapitel exledigt und die Weiterberatung 
bes Kultusetats auf morgen 11 Ühr vertagt. 
Schluß 104 Uhr 
Die willenschaftliche Technik im 
kaufmannischen Betriebe. 
Das Zeitalter der Technik und der Industrialisierung des 
Lebens hat wohl auf keinem Gebiete so bedeutfame Wandlungen 
jervorgebracht wie in der Orgauisierung der kaufniänunischen Se⸗ 
zriebe, die bei dem ersten oberflächlichen Blick der Technit fern⸗ 
zustehen scheinen. Neue Prinzipien in der Geschäftsführung 
und in der Arbeitsteilung haben fich durchgesehzt, die Statistit 
hat dem Leiter großer Geschäfte wertvolle Winke gegeben, Und 
die Symptome einer anderen Zeit, die sich dem Fernerftehenden 
. B. in dem gewaltigen Auffschwung des Reklgmewesens auf—⸗ 
rängen, äußern sich heute überall in den großen kaufmänni— 
schen Betrieben und sind in Gebiete eingedrungen, die neuen 
Ideen kaum noch Raum zu gewähren schienen. Ein Mitarbeiter 
der Daily Mail, der diefer vielbedeutenden Erscheinung eine in— 
teressante Betrachting widmet, gibt eine Definition des neuen 
kaufmännischen Prinzips: es giht stets eine Art, jede Arbeit am 
beftere zu veorrichten, und die Aufgabe jedes Kaͤufmanns ist es, 
dlese Methode zu entdecken, sie quf eine Formel zu bringen uns 
zur ständigen Einrichtung zu erheben. 
Was früher der Initiative des einzelnen Beamten oder 
Handwerkers überlassen blieb, liegt heute in den Hünden einer 
Zentralgewalt, die sich eine experimentelle und vergleichende 
Plethodit zu eigen gemacht hat, umn überall mit gleichem oder 
jeringerem Aufwand größere Arbeitsleistungen und damit 
zrößeren Gewinn zu erzielen. In London gibt es z. B. cine 
zroße Restaurant-Gesellschaft, die eine ganze Reihe von Etablisse⸗ 
nents betreibt und als Muster einer modernen kaufmännischen 
Organisation bexühmt ist. Der Fernstehende ahnt nicht, wie 
elbst die geringfügigsten Verrichtungen der einzelnen Angestell— 
sen den Direktiven der Zentraälgewalt nunterliegen. Selbft so 
pesenee Details wie die beste Art, ein Tischtuch zu falteir, 
ind Gegenstand eines Studiums gewesen und erst dann einheit⸗ 
ich zum Prinzip erhoben worden, Jeder Kellner, jedes Kuͤchen⸗ 
nädchen muß heute nach dem bestimmten Syftem falten; wenn 
nun ein Augestellter von der einen Filiale zur anderen versetz 
wird, gibt es nichts Neues mehr zu lernen, umd nirgends wird 
durch ein „Einarbeiten“ Zeit vergeudet. Das ist die wiffenschaft- 
liche Behandlung und Leitung eines Betriebes, die für den mo⸗ 
hernen Handelsstand charakteristisch geworden ist. Bei einem 
großen Unternehmen, das eine Unzahl von Läden in vielen 
Broßstädten unterhält, wird die Schaufenster⸗Dekoration vom 
zentralbureau aus erledigt. Ein Sachverständiger sitzt im Di— 
ektienszimmer und entwirft den Dekorationsplan für 
ille Läden; dann gehen die enguen Instruktionen 
an alle Filialen. Wo früher 3 von ZFilial⸗ 
leitern Zeit und Ueberlegung vergeudeten, um ein Arbeits— 
pensum zu verrichten, wirkt heute nur eine einzige Intelligenz 
und verrichtet das gleiche Werk. 
Aber diese Methode greift noch viel tiefer in das moderne 
Erwerbsleben ein, erobert sich Handwerksstube, Fabrik und 
dontor. Man beobachtet in einer Großweberei, dahß der eine 
Arbeiter geschickter und rascher sein vern verrichtet als der an— 
»ere. Der raschere Arbeiter braucht dariim nicht mehr Körper⸗ 
mergie aufzuwenden: seine größere Leiftung entspringt dem 
Umstande, daß er praktischer arbeitet und mnütze Körperbewe— 
zungen spart. Der wissenschaftliche Kaufmann laßt diesen ge⸗ 
chickten Arbeiter beobachten, ja systematisch studieren. Alles, 
vas er macht, wie er es macht, jede Bewegnug wird festgehalten 
und gufgezeichnet, und so erringt man schließlich das Geheimnis, 
wie das Werk am schnellsten, am leichtesten und am richtigsten 
zu vollbringen ist. Den weseey und langsamen Leuten 
wird dann die so gewonnene Methode erklärt, sie werden ein— 
geübt, kurz, man sucht überall das Richtige zum Alltäglichen 
zu erheben. Die Maurexarbeit z. B. erscheint zunächst ein ün— 
kruchtbares Feld für die Betätigung kaufmaͤnnischen Scharfsinus. 
die Praxis hat das Gegenteil erwiesen, und die systematische 
zIntelligenz hat gerade auf diesem Gebietie verblüffende Erfolge 
Izielt. Man hat die Bewegungen geschickter Maurer beim 
Batsteinlegen genau studiert und so diese korperliche Verrichtung 
in ein System gebracht, dem alle Arbener sich unterwerfen und 
as eine Unmenge vergeudeter Zeit und Körpertraft spart. Ja 
ogar die einfachen Grabearbeiten sind Gegenstand solcher Un— 
ersuchungen geworden, man hat durch Experimente festgestellt, 
wvelche Form und Größe der Schaufel vei normalem Kraflauf⸗ 
wand die höchste Leistung begünstigt, und die unpraktischeren 
Schaufelformen trotz des aufänglichen Widerfpruchs der eiumai 
)arau gewöhnten Leute abgeschafft. 
Und diese Prinzipien wurden bald von der Werkstatt und 
vm Arbeitsplatz ins Kontor übertragen. Ein großer euglischer 
Betrieb ließ eine Zeitlang samtliche Stenograͤphen und Ma— 
chineuschreiber ein Formular ausfüllen, auf dem alle am Tage 
oerrichteten Arbeiten und Haundleistungen genau aufgeführt 
werden mußten. Selbft die Adressen und Postpatkete mußten der 
Anzahl nach registriert werden. Man beobachlete daun die Ar— 
eitsweise jener Beamten, die am meisten leifieten, brachte diese 
Wahrnehmungen in ein System und konnte nun die von Natur 
us weniger geschickten Leute anlernen und nach kurzer geit 
ur gleichen Leistungsfähigkeit bringen. Dabei wurde es auf der 
inderen Seite möglich, genau festzustellen, was seder vom Hause 
nisgehende Brief, jedes Telegramm, jedes Posipaket dem Ge— 
chäfte für Unkosten machen. Da Gleichförmigkeit der Arbeit 
yft Beschleunigung heißt, sind in vielen großen Betrieben sonar 
zeuaue Vorschriften für die Art des Adreffenschreibens usw. fest⸗ 
jesetzt worden. Die Erfahrungen und die Beobachtung hat den 
Btick des modernen Kaufmanns geschärft, seine Phantafie be⸗ 
ruchtet und ihn erkennen lassen, wie gerade die Sunime der 
leinigkeiten ain Schluß des Jahres ein großes Viel bedeutet. 
Ler moderne Kaufmann, der sich anschickt, den Briefeinlauf zu 
jffnen und gleich zu beauitworten, wird nicht mehr wie sein Vor— 
ahr den Stenographen unbeschäftigt dafißen iasfen, bis der Chej 
zen Brief gelesen und, die Antwort iberlegt hal. Er wird fine 
Briefe allein öffnen, sie alle lesen und dann den Slenograbben 
zur eine Viertelstunde gebrauchen, wo früher derfelbe Beamte 
mit denselben Kosten eine Stunde seiner Arbeitsfahigteit vpfern 
mußte. In dieser Richtung entwickeln sich die neuen Prinzipien 
des Kausmanns, und das ist die wissenschaftliche Technit im 
kaufmünnischen Betriebe. 
Vermischtes. 
Generalprobe zum Londoner Kaiserbesuch. Man schreibt 
sus Londan: Am Sonnabend beanfsichtigte der Herzog von 
Connaunght eine Generalprobe der Zeremonien, die gelegentlich 
der Feierlichkeiten zur Enthüllung des Deukmais der Königin 
Lietoria vor sich gehen werden. Die Enthüllung findet, wie be— 
lkannt, im Beiscin Kaiser Wilhelms, der Kaiserin Auguste Vik— 
oria und der Prinzessin Vittoria Luͤise statt. Der Herzog nahm 
seinen Standpunkt auf der Plattform des Denkmals.“ Die ir— 
öndischen Garden waren an dem Endpunkt der Mall, der 
Straße, die auf den Buckingham Palast mündet, auifgestelit und 
marschierten um das Denkmal herum nach der Schioßseite zu, 
wo sie sich als Ehrenwache aufftellten, einen Teil der Mannschaf⸗- 
en als Spalier vom Schloß nach dem Denkmal aufzogen und 
verschiedene andere Bewegungen ausführten. Die Ruͤsikkapelle 
der Gardebrigade nahm ebenfalls an der Probe teil und spielte 
das Programm der Zeremonie. An dem Schloßgitter werden 
zur Zeit, verschiddene Arbeiten ausgeführt, die bis zu den Ente 
hüllungsfeierlichteiten fertiggestelit sein müssen, so z. B. ein 
Zentraleingang zum Schloßß, der direkt auf das Denkmal führt. 
die Probe stand unter deni Kommando des Londoner Geueral- 
ommandanten Generalmajors Codrington, der von seinem 
Stabe begleitet war. Nach der Probe, die eine Stunde Zeit in 
Anspruch uahm, zog sich der Herzog ins Schloß zuruick 
Der Diamantendiekstahl in Transvaal. Nus London wird 
elegzabhiert: In Las Palmas wurde ein Deutscher 
zerhaftet, der im Verdachte steht, Diamanten im Werte von vee— 
en hunderttausend Mark in Johannesburg gestohlen zu haben. 
In seiner Begleitung befand Ich eine junge Dame, die gleich— 
alls von den Vehörden in Gewahrsam genommen wurde. Sie 
veigerte sich, ihren Namen zu nennen, gab abher zu. von dem 
Diamantendiebstahl Kenntnis erlangt zu haben.“ Einen heson⸗ 
ders großen und wertvollen Stein haätte der Dieb in dem Hals⸗ 
band seines Hundes versteckt. Sowohl der verdächtige Mann 
alz auch seine Begleiterin werden auf einen noch Kapftadt ab— 
zehenden Dampfer eingeschifft, um den dortigen Behörden aus⸗ 
geliefert zu werden
	        
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