Full text: Lübeckische Anzeigen 1826 (1826)

  
  
her ich für unfern SGegenftand aufs lebhaftefte intereffirte, fd) in einem trefflihen Auffake augs 
fprady) — will man darum das unmäßige Dranntweilntrinken für unfchädlich hakten, weil e6 
freinalte Säufer giebt? 
Ein anderer fcheinbarer Grund ward In der hohen Lage unfrer Kirchen und in dem 
Lufezuge, der auf unfern Kırdhöfen herricht, gefunden. Nun if es freilich wahr, daß wir darin 
einen Vorzug befißen, welcher bey uns das DBegraben in der Stadt weniger fhädlich, als an 
manchen anderen Orren macht; aber die Wırkung diefes Borzugs erfireckt fich doch uur auf die 
MDegräbniffe außerhalb der Kirchen, und kann auf das Yunere der Kirchen, welche die meijte Zeit, 
und namentlich während des SGorttesdien/tes, ganz oder zum Theil ungesffner find, wenig oder 
gar nicht einwirken, Ueberhaupt aber genügt der Troft, daß der Nachtheil unter andern Ums 
ftänden größer feyn würde, gewiß nicht, wenn es Mittel und Wege gliebr, Ihn ganz zu entfernen, 
Sekt man indeffen au den Einfluß der Begräbniffe in der Sradt auf den SGejunds 
Heitszufand ganz bei Seite, To bleibt noch immer der, lange nicht genug berückfichtigte, nadıs 
theilige Einfluß derfelben auf Meligiöfität, Sittlichkeit und Veredlung Ubrig. Und kaum kann 
man der Verfuchung widerffehen, von diefer Seite tiefer in die Sache einzugehen, 
Sene heiligen Hallen, welche man betritt, um fich zu dem Höchften, das der menfchs 
liche Seift fallen kann, zu erheben, wo ein befeligender Glaube, ein bejänftigender Trojt, eine 
frärkende Hoffnung und eine in Liebe fih äußernde Freudigkeit des Lebens gewonnen werden Vols 
fen, müßfen nichts in fich faTen, das Eckel und Abrcheu, und eben dadırch die greßte Stdrung 
aller höheren Negungen des SGeluftes und des Herzens ermeckt, Gert eo aber wohl in der Welt 
irgend etwas, das fo allgemein und fo lebhaft gemieden würde, als Leichengeruch? DYDoer [pürte 
man ihn nicht in unfern Kirchen, wo die SGrabgewölbe zum Theil an den Seiten Uber der Erde 
angebracht find, wo die Gräber — deren fo viele nicht einmal mit Sand gefüllte, fondern auss 
gemanert find — zum Theil am Tage vor der nächiten Beerdigung geöffnet, und, was ich Frzs 
lid mit eigenen Augen gefehen habe, fogar halbwerfanlte Särge Tags zuvor herausgelebt wers 
den, um fie demnächft auf die erwartete Leiche wieder hinzußellen. Man darf frei behaupten, 
daß es wenige feiner organifirte und nachdenfende Menfehen giebt, die uıcht durch den Yeichens 
geruch in unfern Kirchen geängftet, ja wohl gar abgehalten werden follten, den SGottesdienft [o 
Aeißig zu befuchen, als e8 ihrem innern Bedürfniffe gemäß if, 
Seder ländliche Kırhhof, fey er im YAenßern auch noch fo ärmlıdh ausgeftattet, ik ein 
Garten Gottes, der Saaren für die Ewigkeit trägt, und zu erhabenen Ydeen anregt, wenn der 
MWanderer nicht jedem edleren Gefühle ver’chloffen if, Und je Ihöner diefe Ruheplabe in der 
freien Natur durh Sorgfalt und SGefchmack, oder dur finnige Liebe und Wehmuch, geordnet und 
gefhmückt find, defto wohlthuender ift der Gang zwildhen den Gräbern für das Gemuücth, das 
zur fegnenden That ermuntert und geftärkr unter die Lebenden heimfehrt, Wie mancher herrliche 
Entfchluß mag unter der Linde gefaßt feyn, die Klopftock am Grabe feiner Mera, das fpäter auch 
das feinige roard, gepflanzt hat, und wie Fönnte man Achnlidves von den Leichenfteinen, die in 
unfern Kirwen legen, glauben und erwarten, wenn fie auch die größten und edelften Entfchlas 
fenen deken? — Ha follte nicht der Tod Telbft eine freundlichere Seftalt gewinnen, wenn wir 
willen, daß die Ruheftäte zum langen Schlafe für uns in der freien [dhönen Natur bereitet fey, 
alg wenn uns das Grab in den grauenhaften Sewölben unferer gothifhen Kirchen erwartet? 
Ein heiterer Hinblick auf die ernfte Scheideftunde gehört aber wohl zu den wirffamften Mitteln 
fittlider Veredelung, -— 
Doch auch hier breche ich ab, um den Punkt der Ehre zu berühren, der fo fehr Geeig: 
net if, jeden, dem feine Baterftadt thener if, für unfern SGegenftand zu gewinnen und zu bes 
leben, x 
Faft allem ‚wahrhaft Suten und Zeltgemäßen hat unfer Lübeck, befonders In neuerer 
Zeit, fih leicht und freudig zugewender; davon zeugt das ganze Leben und Treiben, davon zews 
gen insbefondere das Dafeyun und die Erfolge unferes Vereine; aber zur Verlegung der Begräbs 
nıffe vor die Stabt Hinaus, zu Ddiefem Uebergange vom Vorurtheil zur richtigen Anficht, vom 
Schädlichen zum Heilbringenden, fd wir noch uldıt gefchritten, obgleich man längft nah und 
ferne, in Monarchien und Freyftaaten, in den größten wie in den Fleinften Srädten, durch Ser 
feße oder durh Privatverbindungen, diefen Uebergang zu: ©tande gebracht hat, — Wem Edunte 
  
 
	        
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