Full text: Lübeckische Anzeigen 1810 (1810)

  
[mzeigen, 
63. 
  
  
Mittwochs den 
Woher es fommen mag, daß die Zahl der Ychlech: 
ten Dienftboten bei weitem die der beffern übers 
trifft? Und wie demfelben akzubelfen fei? *) 
Dıiete Klage if freilich a”gemein genug , und grdß: 
tentbeil$ mit Grund, ohne ungerecht zu feyn und die 
auch nod) jeßt vorkommenden guten Perfonen diefes 
Standes zu verfennen, Man fehe nur die Warnungen 
der Herrfchaften, nichts auf ihren Nanıcn verabfolgen 
zu faffen, welche in jedem Blarte diefer Muzeigen vor: 
Ffommen , um darinn einen Beweis dafür zu finden. 
Eben fo dringend und (aut if der Wunfch , es mögte 
anders werden! Einzelne Stimmen wurden auch unter 
uns gehört; aber fie verhallten wieder unter der Menge 
und im Sturme der Zeit, An andern Orten fühlte 
man das Bedürfniß diefer Mhänderung fo fehr, daß 
felbft von Seiten der Obrigkeit eigne SefindesOrdnun; 
gen gegeben wurden, wie noch neulith zu Wien. Vor: 
züglich finder fi diefe Verdorbenheit des Gefindes in 
größern Städten, von wo aus fie fich immer weiter vers 
breitete, Mber fie if unfrer ganzen Aufmerkfamteit 
werth, Doch um fie gründlich zu verbeffern - fuche 
man erftdie Quellen auf. Sind diefeverftopfe, dann erfi 
{äßt fih das Beffere hoffen. Und was man von der 
jegigen Generation nicht völlig erwarten Fann , dem 
laßr un$ von der jegt aufsiühenden entgegen jehen. 
Um indeffen einzufehen, wie dringend das DBedürfniß 
diefer Verbefferung (ei, denke man nur daran, daß aus 
den gegenwärtigen Dienftdoten Eheleute , Väter md 
Mütrer werden, Und find fie verdorden, an übertries 
benen£urus, Vergnügungen, Verfchwendung und Trägs 
beit gewöhnt: fo Fönnen fie fich nicht ernähren, fie vers 
  
*) Diefe Abhandlung wurde veranlaft durch den in 
Nr. 62 eingerüeften Yuffaß, der diefegrade fo aus 
Arne aufmirft und beantwortet; welcher 
en Grund aber allein in der-vernachläßigten Erzies 
hung der Sugend aus den niedern VolksFlafjen dt 
and daher diefen Gegenfand etwas einfeitig betrachs 
tet und nicht vollländig genug. behandelt, Sol: 
gende Sedanken mögen dazu dienen , einigermaßen 
ie AufmerFamkeit auf diefen wichtigen Gegenftand 
zu (eiten, und etwas zur Berbefferung beyzutragen. 
   
8, Yugufß 13810, 
arınen, und fallen dem Staate zur Verforgung anheimy 
deffen Caßten dadurch ungemein vermehrt werden, indef 
die Hülfsquelien und Beyzräge fich fichtlich vermindern, 
Sind die Heltern vernachläßigt ıumd verdorben; was og 
aus ihren Kindern werden? In vielen unfrer Häufer 
find die Kinder fehr häufig der Aufficht des Sefindes 
überfaffen, und manche Neitern find unbeforgt, was jene 
von ihnen fehen und hören, Wie oft hat ein (hlechter 
Dienftbote in dem Herzen funger Kinder den Keim des 
Lafters geiegt ? Können bedächtige Aeltern darinn gleiche 
gültig fern 2 
Die erfic Quelle des fhlechten Gefindes fuchen wir alfe 
in ihren YHeltern und deren gewöhnlich Ausferft vernach; 
läßigten Bildung, Vater und Mutter find und bleiben 
die erfien Erzieher der zarten Kinder. Aber der frühe 
gelegte Keim des Unkrauts$ if nachher mit aller Mühe 
gar nicht, oder fehr fwer auszurotten. Und dieg um 
fo mehr, je länger die Kinder unter der Aufjichr ibrer 
MYeltern bleiben, oder ohne Zucht und Unterricht aufs 
wachfen. Das fchiechte Beyfpiel der Yeltern und Nachs 
baren reißt aud) fe mit hin, und fie werden faul, uns 
ordentlich, unbefheiden, zänkifd ausfdmeifend, Zages 
diebe, untreu, weil jene € waren, Alle EHinfrige Mühe 
der Lehrer Kann dies nicht ganz verbeffern; und diefe 
frühe Berdorbenheit Juffert fich mehr oder minder fürs 
ganze Leben. Befonders mögte dies bey Knaben am 
fichtbarften fenn. — Weit-die Neltern felbf nichts gelernt 
haben, fehen fie die Norhwendigkeir nicht cin, die Kins 
Der unterrichten zu laffen, in dem Wahne, fo wie fie 
durch die Welt geiommen wären ,. wohl gar ohne Lefen 
und Schreiben, würden ihre Kinder es aud) Lnnen. 
Andre Bedürfniffe nehmen zu viel weg; und-Ae betrachs 
ten die Ausgaben für Unterricht als die entbehriichfen, 
fchieden venfelben von einer Zeit zur andern .auf, oder 
befchränken fid) nur auf das Allernothwendigfie, Nachs 
der fehlt e$ den ermachfenen Kınderm an Geld, uf und 
Zeit, und fie lernen wenig oder nichts. Bey einıgen 
Meltern it wahre Armuth die Urfache , warum fie ihre 
Kınder nicht zur Schule (Diken , befonders wenn ihre 
Familie zahlreich ik, Wenn auch für fie geforgt it— 
Dank fen e8 den mannigfaltigen wohlthätigen Anftalten 
und deren Sriftern, die ich dazu in unfrer Stadt des 
 
	        
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