Full text: Lübeckische Anzeigen 1809 (1809)

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Zübeckifche | 
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Mittwochs den sg. Februar 
Ein Wort zur Beherzigung, 
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Hıc Verbrechen find Sehrreidh, und ein Shhnopfer 
Das die Strafgerechtigkeit dem Sefene bringt, dient 
zur Warnung, erinnert an Enrfündigung, und predigt 
einem Jeden mit Nachdruck die heiligen Worte: Wer 
ba ficher, der fehe zu, daß er nicht falle! 
Yufıe Micbürger Fennen zum Theil den hedauernss 
müroigen Unglücklihen, der am gefirigen Tage die 
Strafe feines (chauerlidhen Verbrechens von der vichs 
tenden Hand empfing; die fArekliche That, wodurch 
er fein Xeben verwürkıe, if bekannt genug, — er if 
gerichtet, Geweiht fen ihm von uns eine Thräne der 
Menfchlichkeit! — Haß und Abfcheu dem Lafer und 
Berbrechen, Mitleid und Bedauern dem Ungläcklichen, 
der dem Lafer in die Arme, und mit ihm in den Yb; 
grund des Berderbens hineinfürzte, 
Eindruck, tiefen Sindruck müffe das Sefchehene des 
gefirigen Tages auf eines Zeden Gemlth machen, der 
e$ vernahm, oder felbft Augenzeuge davon war, 
Was if der Menfch! Worauf gründet fich feine 
ftolze Sicherheit! Was if feine ungeprüfte, aufrechts 
fiehende Tugend! Eine einzige Berfuchung in der 
‚Stunde feiner Schwäche , ein einziger farker Neiz, in 
dem Augenblikke, wu er fi) felbf nicht bewacht, — 
und feine Tugend if dahin; er verliert feine Befons 
nenheit, Arauchelt, fallt, und immer tiefer in den 
Schlund finkr er hinab, der das Grab feiner fittlichen 
Würde wird, wenn er Feinen Helfer, Feinen Netter 
findet, der mit liebender Kraft ihn aus der fHrecklichen 
Vase herausreißt, in feinen Arnien hält, zur Befon‘ 
nenheit zurücbringt und ihn den verlaffenen Tugends 
pfad wiederfinden lehrt. Sinen Schritt, nur einen 
Schritt abwärts von dem Wege der Tugend, und der 
Menfch if auf der fchlüpfrigen abhängigen Bahn des 
Lafers, von der die Rückkehr zu dem Tugendvfade 
dem armen Abgewichenen nicht fo leicht feyn dürfte, 
Der Wbftand von einem begangenen leichten Fehls 
tritte zum todeswerthen Verbrechen, fcheint ein unge 
heurer Abftand zu feyn; — ach! es if nur ein Heiner 
Schritt bis dahin; die Annalen menfchlicher Berirruns 
gen und Berörechen lehren uns in taufend Benfpies 
1809. 
fen, was aus dem Menfchen werden kann, wenn er 
nicht auf feiner Aut if, und leichtfinnig den zrfien 
Fehltritt begeht, weil er ihn entweder für unbedeutend 
hält, oder weil cr im flolzen Selbftvertrauen Stärke 
genug zu befigen wmähnt, fd) vor fernern Febhleritten 
und Verbrechen bewahren zu Fönnen. Ss if der Chas 
rafrer der Natur in feinem Theile ihrer Würkfamkeie, 
einen Sprung zu machen, fondern, vom Kleinen zum 
Großen, vom Leichten zum Schweren Kberzugehen. 
Meberall beginnt fie mit Keimen, entwic:it diefe 
Keime, fordert fie durch Wachschum zur Biüche, und 
läße diefe Blinthe zur Frucht gedeihen, Sf es in der 
moralifchen und intellectyellen Welt anders als In der 
phofifhen? Sft der moralifd) gute Mensch es gleich, 
in feiner ganzen Vollendung; oder muß er nach und 
nad) werden, mus er frun fol und werden Fann? 
Müfgen nicht feine Tugendkräfte allmählig mwachfen und 
zunehmen, wie ferne Kdrperkrärre nach und nuch durch 
Wachstum gedeihen? — Uno. entg*genNgefenLeN 
Falle: der Menfch in feiner Schlechtigkeir, erfu cine 
er uns da gleid) auf der böchften Stuffe der Unmorali: 
tät, in feiner ganzen Berwildrung, ausgeauser zum 
vollendeten Bbfewicht ? — 
Wabhrlich, dem müßte die Menfchennatur villig 
fremde und unbekannı feyn, der diefe Behauptung was 
gen möchte. Die Lafterhaftigkeit, die mie cin wildes 
Feuer das menfehliche Herz verwüftet und verzehrt, if 
in ihrem Beginnen ein Feines Fünkchen, das vervorgen 
glimmz, fo, daß man fein Dafeyn Fanm bemerkt; aber 
es bedarf nur der Unfachung , und das Fünkchen mwırd 
alles Breunbare um fich her ergreifen und dadurch ges 
nährt zur hellen Flamme auflodern, Wer fein Hays 
und Eigen:hum vor wilder verzehrender Glur bewahren 
will, der verachte nicht leichtfünnig, den unter der Arche 
glimmenden Funken; und wer fein Herz und fein Ges 
Miüıth, vor dem zerförenden und vergiftenden Lafer ges 
chert wünfcht, der hüte fich vor dem erfien Feinfken 
ebhitritte. Der erfte Schritt zur Sünde zieht raufend 
andere nach fih; und wer fi nicht feheuet, mir Bow 
fay das erfte Fleinße Verbrechen zu begehen, der wird 
vor den folgenden größeren, ficher nicht zurücbeben. 
Möcte doch Jeder, der in der Stunde der Schwach: 
beit, der Gefahr zu fAraucheln Faum zu entgehen ver 
 
	        
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