Full text: Lübeckische Anzeigen 1809 (1809)

  
  
  
  
Bemerkungen 
dber die gegenjeitigen Berbältnife des Publicums 
und der Yerzte, 
m 
Unter diefer Rubrik werden von Zei: zu Zeit Eeine 
YXuffäse erfdheinen, deren Zweck in gleichem Grade 
das Wohl der Kranfer und der Yerzze umfaßr, 
  
  
IL. Ueber die Lage des Arztes. 
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Bann gleich in den frübefen Zeiten der Ärztliche Stand 
unter die vorzüglich begüterten gerechnet ward: fo if 
dieß doch feit langen Jahren, wenigfiens in unfrer Stadt 
Richt nıchr der Fall. Einige der erften und achtungs 
würdigften Pracktiter mußten darben, weil fie im Alter 
fchmach wurden, andre giengen aus der Welt, ohne, 
wenn anders nicht zufällige Glüdsglter ihnen zu Theil 
geworden waren, den Ihrigen etwas zu hinterlasen ; 
Feiner hat je durch feine Praris ein Vermdgen erwors 
ben. Eine traurige Perfpective! Man übt feine Pflicht, 
man entfagt jeder Bequemlichfeit; man thut willig Bert 
sicht auf Muhe und ungeftörren Lebensgenuß; man 
aunterzieht fich jeder Yufopferung, um feinen leidenden 
Brüdern zu helfen; aber man wird alt und (chwach, 
and diefe Hülfe if vergeffen; — man firbt und hinteıf 
Läßt eine Wirtwe, hinterlaft Kinder, denen nichts übrig 
bleibt al$ Andenken an die Tugenden des Verstorbenen. 
Der Staat forgt auf Feine Weife für den Yrzt, Für 
ihn giebt e6 Feine Stellen, welche ihn ernähren Fönnen, 
wenn er in feinen Gefchäften Unglück hat, oder ihnen 
nicht Länger vorzufichen ist Stande if, Der Willühr 
der Kranken überlaffen, hängt feine Wohlfahrt vom Zus 
fall, oft von Xaune ab, Und doch if die Srlernung der 
Medizin Eoftbarer, wie die irgend einer andern Wiffen? 
fehaft; dod) erfordert die Nusiübung derfelben und die 
Heybeyfchaffung der zum Fortfudiren nötkigen Bedürf; 
Riffe einen verhältnismäßig größeren Nufmand. Allers 
dings zählen wir grade in diefem Wugenblife mehrere 
unter unfern YNerzten, welchen ein glückliches Ungefähr 
durch Srbfchaften oder Heyrathen Vermögen zuwandte,. 
Aber die fe Quellen der Wobhlhabenheit find allen Stäns 
den gemein; fe find blos zufällig und durchaus unabı 
Häygig von der Nuskbung der Medizin; ja fe erzeugen 
dur den etwanigen Schein, den fe auf einzelne Indis 
December 
30 1809, 
vidızen werfen, mancherlen falfche Urtheile, die Eräns 
Eend und nachtheilig merden für diejenigen, denen ia 
diefer Hinficht ein minder günftiges Loos fiel. 
Häufig glaubt man, der Arat verdiene fein Geld mit 
Leichtigkeit, er habe außer feinen Befuchen menig Mühe, 
Aber mer zählt die Stunden, die er zum Nachdenken 
und zum Nadclefen über die vorkommende Krankheit 
verwendet, wer die trüben Yugenblicfe, die Mitleid und 
Tbeilnahme etzengen, wer die fchlaflofen Nächte, in 
denen Angftliche Sorge kber den Ausgang der Krankheit 
feine ganze Seele erfüllt, Wahrlich, e& giebt Feinen 
Stand, welcher zugleich für Kdrper und Geif in fo 
hobem Grade angreifend ifk, wie der Stand des Arztes, 
und wenn diefer nicht ganz erlegen foll: fo muß er 
wenigfien$ , wor NRahrungsforgen sefichert, ohne ängfls 
liche Ermattung der Zukunft entgegen blifen Edanen, 
Wie Fann er in den verwifelgen Fallen, wo Gefundhejt 
und Leben von feiner Beurtbeilung abhängen, ein uns 
befangner Schiedsrichter feyn, wenn eigne Sorge ihn 
niederbeugt ; wie Fann er mit Innigkeit trößen, wenn 
er felbft des Trofies bedarf; wie alle Theilnahme auf 
das Schickfal feiner Kranken verwenden, wenn die Lage 
der Seinigen felbft fein Gemüth um Theilnahme ans 
faricht? Allgemein it die Klage, daß man den Werth 
der Gefundheit nicht genug beachtet. Freylich in den 
trüben Stunden der Krankheit vermift man fie birter 
genug, fehnt fi ängklih nach Hülfe und Genefung, 
und gelobt die rhätigfe Dankbarkeit , aber nur zu oft 
wird dieß Gelübde mit der wiederFehrenden Befferung vers 
geffen, und doch hat die WiederherkeNung der SGefunds 
heit den wefentlidhften Einfluß auf die Sefchäfte und 
Auf das Glück des Genejenen, 
Zn den gegenwartigen traurigen Berhältniffen , wo 
ein großer heul der niedern Claffen häufig der Hhlfe 
des Arztes bedarf, ohne bey dem beften Willen ihn 
dafür belohnen zu Eönnen, (deint e$ nicht am unrechten 
Orte zu feyn, den wohlhabenderen Theil unferer Mits 
bürger auf obige Punkte aufmerkfam zu machen. Sie 
werden es fühlen, daß der Arzt, welcher in den glück 
lichfien Zeiten nichts zu erübrigen vermogte, ibt zwiefady 
Leider, und das faifche Urtheil berichtigen, AIs ob feine 
Lage gegenwartig beneidenswerth feg, Nie wird aber 
 
	        
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