Full text: Lübeckische Anzeigen 1786 (1786)

    
Qibeckische Mnzeigen 
von allerhand Sachen, deren Bekanntmachung dem gemeinen Wefen 
n6öthig und nüßlich if 
Drey und Dreyzigites Stuck den ı2ten AMugujk 1786, 
SA—— _— PC 
Geldeswerth, und doch Fein Geld. 
  
  
  
Yitoeris, Königinn in Babylon, ließ ih über einem Hauptthore ihrer Refidenz an einer erhabnen 
und recht ficdhtlichen Stelle ihr Grabmabhl errichten, mit folgender Ueberfehrıft: 
„Sf einer der nach mir herrichenden Fürften im Geldmangel, der Iffne diefes Grab und nehnte 
„, daraus nad) Belieben! ,, 
„Doch nur im Nothfalle, denn helfen wirds ihm nicht, e& geöffnet zu hHaben,,, 
Das Grab blieb unverfehrt (mohl auf hundert Yahre), bi8 Darius, Hyftafpis Sohn es erbra 
und er fand — Feine Schäße, fondern die Refie des Leichnams und diefe Worte dazu 
„Unedler, unerfättlicher Geiz trieb dich dies Grabmahl durchzumwühlen. ,, 
  
Sn unfern Tagen, da man den Gräbern ihre freylich (ehr übertriebne Heiligkeit heftig abgeitritz 
ten hat, FAlingt jene Qeifung nicht fonderlich. Sin ganz anderes Gemwicht hatte fie zu einer Zeit, 
da man dag Begräbniß mit in die Landesreligionen geflochten hatte und es für den Todten noch lange 
nach feinem ode von fehr fchlimmen Jolgen gehalten wurde, unbegraben geblieben oder nicht gez 
hörig beftattet zu feym VBermuthlich war Staatsklugheit die Erfinderinn diefer geheiligten Iräume, 
Man wollte dadırch iene Sorglofigkeit verdrängen, womit man vielleicht fonft zum vergiftenden EFfel 
die Leichname zu frühe ausfcharrte, zu flach bedeckte oder gar unbedeckt hinwarf, Doch, von diefer 
Seite abgefehen, kann ich den Einfall der Königinn im ANgemeinen nicht (ehr vorzüglich finden. Mir 
gefällt daran nicht; 
ı. daß Nitocris mit einer Zweydeutigkeit aus der Welt zu gehen, fich fo lange vorher entidhlog 
und dazu fo viele Anftalten machte. Offenbar Fdnnen die Worte, der nehme daraus nach Belieben 
der Verbindung nach eher aufs Geld, als auf die Weifung gedeutet werden; fo verfiand fie Das 
rius Ayftafpis und gewiß viele vor und mit ihın, Die folgende Einfhränkung; es wird ibm nicht 
belfen; litte ia au) manche Deutung, nach welcher fie im Nothfalle mehr Reiz zum Deffnen, als Ab: 
haltung davon fheinen Fonnte, Ullfo zweydeutig war der Spruch fo fehr, daß gerade der Sinn, den 
er nicht haben follte, icedem Lefer als der natürlichfte einfallen mußte, dagegen der andre, den er ha: 
ben follte, viel gezwunguer und gefuchter if. Mic dünkt e8 ift durchaus nicht würdig , nicht weife, 
nicht einmal anftändig, ferbend oder gleichfam nach feinem Tode nod redend, recht abfichtlich feine 
leßten Worte fo auf die Spike zu ftellen, 
2, Und wozu? Um nach langer Zeit einmal irgend einen fhnuldig oder gar unfhuldig in Geld: 
noth gerathenen, irgend einen geizigen Fürfen nicht zu beffern oder zu retten, fonderı zu befchs: 
men! X) liebe gar Feine Satire mit Faltem DBlute; fo gut ich e& and leiden Kann, daß einer ın 
Veideufchaft, oder auch überhaupt im gefellichaftlidhen Gefpräche dann und mann über dummen Stolz, 
plumpe Unwiffenheit und Findifche Thorheiten folder, an deuen Lehre und Ernft verlohren it, et 
fcharf gewürzte8 Wort mit einfireuet und nachdem die Umftände find halte ich dafür, diefer Sport, 
diefe Bitterkeit felbfl Fönne mit dem befiten Herzen gar wohl beftehen. Aber al& geprüfte, reife, ganz 
Falt gewordene Neberlegung, da zucke ich immer die Uchfeln und beneide keinen Satirenfchreiber (ehr 
um fetnen Ruhm, am wenigften wenn er, wie faßt ganz hier der Fall if, des Liegenden, des Unz 
glücklidjen fpottet, der feine Hülfe oder doch fein Mitleiden anfpricht,
	        
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