Goethe zu sprechen; Grillparzer konnte sich nie ent- Sinn des Lebens gelten lassen. Paul Ernst bekannte,
schließen, die Gesamtausgabe seiner Werke in die er sei an das Ende seiner tragischen Dichtung ge-
Hand zu nehmen; wie schwer es ihm war, die Auf. kommen, als er sich dem Glauben genähert habe.
führung eines seiner Stücke anzusehen, weißt du. Mülßte das so sein, so hätte die Tragödie innerhalb des
Racine konnte seine Dramen nicht lesen; er versuchter christlichen Daseins keine Aufgabe; sie könnte besten-
es einmal und warf den Band ins Feuer. Was sie falls zu diesem Dasein führen. Tiefer hat Zacharias
fürchteten, ist wohl klar: die Dämonen, die im Werke Merner in einem bedeutenden Briefe an Iffland ge-
steckten und vielleicht in ihre Brust zurückgekehrt graben; ausgehend davon, daß der ,,religiöse Sinn die
wären. Denn diese Dichter hatten als Menschen Huintessenz des tragischen sei“, forderte er eine
längst eine Stufe erreicht, die über dem Bezirk der Tragödie, die auf dieselbe Weise vom christlichen
Dämonen lag. Und nur die antiken Tragiker be- Glaubensgehalte durchdrungen wäre wie die grie-
hielten die Kraft, mit dem Chorlied der Tragödie auf chische vom Mythos. Das Tragische ist noch da, auch
den Lippen zu sterben. Aber das beweist nur, daß innerhalb des christlichen Lebens, und der Dichter
sie in einer Welt lebten, deren Mitte das Tragische war.. kann es aussagen. Denn die Gegensätze der mensch-
Dichter: Gewiß, dennoch kann die Tragödie nicht lichen und geistigen Wirklichkeit, auf denen er be-
ein Vorrecht der Antike sein. Die Empfindung des ruht, wurden nicht aufgehoben; der Mensch ist nach
Tragischen ist uns geblieben; nur wenn wir es emp- wie vor gespalten; die sittliche Freiheit des Menschen,
finden, nicht wenn wir es durch Gedanken ausdrücken die der Tragödie unerläßlich ist, wurde sogar erst
wollen, können wir es verstehen. Auch die Mächte vom Herrn ausdrücklich bestätigt; die Mächte wurden
sind uns nahe geblieben, ja um so näher gekommen, von ihm endgültig gekennzeichnet. Wie Gott den
je weniger wir begreifen, wo sie sind. Diese Nähe des Elerrn, so haben wir auch Satan und seine Hilfs-
Feindes fühlen wir Dichter in der Zeit, genau wie sie gewalten erst durch Christus erkennen gelernt. Der
die Großen gefühlt haben, denen wir im übrigen so Kampf auf Leben und Tod will immer wieder ge-
unähnlich sind. Das ist ja wohl unser Amt: dem, führt werden und widerklingen, wenngleich auch der
Feinde das Wort zuzurufen, das ihn bannt. Auch eine Himmel darüber ein anderer geworden ist. Er will
geringe dichterische Kraft muß den Feind spüren. vor allen Dingen vom Geiste entschieden werden.
Auf irgendeine Weise ist sie ihm verwandt. Aber als Freund: Und doch ...
die großen Dichter die UVnheimlichen in ihrem Werke Diehter: Warum willst du deinen Gedanken nicht
scheuten, standen sie am. Ende, oder sie hatten ein aussprechen ?
großes Stück Wegs hinter sich gebracht. Ich habe die Freund: Ich müßte von dem Dichter reden, der
Mitte nicht erreicht + und soll aufhören. „von unten‘ kommt.
Freund: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Dichter: Nicht wir selbst haben uns auf den Weg
ob die Tragik, von der wir sprechen, die einzige ist ? geschickt, sondern Gott hat es getan. Warum sollten
Dichter: Es gibt auch eine andere. Bach hat in der wir uns des Ausgangspunktes schämen?
Matthäuspassion die ganze Welt im Lichte darge- Freund: Und doch, meine ich, kann der Dichter, der
stellt. Die unteren Kräfte drängen herauf und er- von unten kommt, das Tragische nur so lange aus-
fassen und verdunkeln den Menschen; aber das Licht. sagen, wie er teil hat an den Mächten.
geht von oben aus; in diesem Lichte erscheint die Dichter: Vielleicht auch, wie er teilhaben will. Aber
Welt der Dämonen, und in ihm stürzt sie wieder ab. in dieser Veränderung des Willens oder selbst der
Von Bach würde ich nicht zu sagen wagen, daß er die Wünsche spiegelt sich die Veränderung des Wesens.
Dämonen in sich trug; sie haben ihn wohl erreicht, Freund: Das heißt, er ist von der Kraft Christi be-
und er hat sie deutlich erkannt und zurückgeworfen, rührt und in eine Sphäre gezogen worden, die über der
doch hatte er vielleicht nichts mit ihnen gemein, Gemeinschaft mit den Dämonen liegt.
obgleich er ein Tragiker ist. Diehter: Das erkühne ich mich nieht zu sagen. Der
Freund: Weil er von oben kam. innersten Sehnsucht, dem tiefsten Wesen wurde eine
Dichter: Dies ist wohl die wesentlichste Unter- andere Richtung mitgeteilt. Der Zug zu den Dä-
scheidung in der Kunst wie im Leben: ob einer von monen wurde gebrochen. Und dies erst ist die Ant-
oben oder von unten kommt. Damit möchte ich nicht wort auf deine Frage. Indem ich sie dir gebe, möchte
sagen, daß man den, der von unten kommt, ver- ich selber fragen: Was nun ?
dammen dürfte. Er muß eben nur hinaufstreben; er Freund: Du hast selbst hervorgehoben, wie hilflos
darf nicht unten bleiben wollen; und er muß die der Künstler ist. Fragt er wie du, so muß er warten.
Ordnung von oben als die höhere erkennen. Auch der Niemand kann ihm antworten, niemand helfen.
in der Tiefe Wohnende kann Gott preisen, sobald er Dichter: Ich weiß. Aber erst jetzt verstehe ich eine
die Augen zu ihm erhebt. s Versuchung, der vielleicht auch mancher Große erlegen
Freund: Bachs Welt ist um unsern Herrn geordnet, ist. Er kam an diese Stelle und fühlte den Trieb zur
wie die Gestalten des Naumburger Chors um das Gestaltung absterben; er wollte und konnte nicht
Sakrament in ihrer Mitte; in dieser Welt steht der warten. Von oben kam ihm auch keine Hilfe, viel-
Mensch zwischen Christus und Satan. Nicht das Edle leicht weil er noch nicht lange genug gewartet hatte,
und Hohe im Menschen kann sich hier gegen das vielleicht weil ihm keine bestimmt war. Da — wandte
Übermenschliche empören + wie es in der Antike er sich zurück. Und je mehr ein Mensch den Dämonen
geschah -, sondern nur der Dämon kann es. Die gibt, um so mehr wird er auch von ihnen erhalten.
christliche Tragik und die der Antike sind grund- Selten lassen sie ihren Diener unbelohnt, wenn sie ihn
verschieden. auch mit Sicherheit eines Tages verlassen werden.
Dichter: Es ist gewiß wahr, daß Christus dureh sein Der Künstler, der sich ihnen übergibt, wird große
Erscheinen die ganze Welt und so auch das Tragische Kräfte von ihnen empfangen; er mag eine Art von
verändert hat. Ist der Dichter von Christus berührt Inspiration erfahren, wie er sie noch nieht kennen-
worden, so kann er das Tragische nicht mehr als den gelernt, je nicht für möglich gehalten hat — und er

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