Festakt in der Stadtbibliothek

Die unerschöpfliche Weisheit alter Bibliotheken

Rede zur Übergabe der restaurierten historischen Lübecker Bibliothekssäle

von Prof. Dr. Helwig Schmidt-Blintzer

Heute feiert die Hansestadt Lübeck
sich selbst, indem sie einem ihrer bedeu-
tendsten Denkmale, denn das ist ihre
Stadtbibliothek, die restaurierten Räume
aus vergangenen Jahrhunderten zurück-
gibt.

Die Bedeutung der Stadtbibliothek
gründet einerseits in ihr selbst, dann aber
auch in der Bedeutung. die historischen
Bibliotheken überhaupt zukommt, die
nicht nur ein Quell unerschöptklicher
Weisheit darstellen, sondern die selbst
noch in der Extremsituation ihrer Zerstö-
rung Wirkung entfalten. Es ist tatsächlich
ein sehr dialektisches Verhältnis. das Bi-
bliotheken zu sich selbst und das wir zu
Bibliotheken haben. Sie bewahren aufk,
was sonst vergessen würde, und zugleich
ermöglichen sie erst das Vergessen. Wenn
sie zerstört werden, geht zwar vieles end-
gültig verloren, doch bleibt die Zerstörung
in Erinnerung und belastet mehr als die
Erhaltung der Bibliothek, - und das über
Jahrtausende, wie die neue Bibliothek von
Alexandria, die Alexandrina, zeigt, die am

23. April 2002 hatte eröffnet werden sol- V

len. deren Eröffnung nun aber aut unbe-
stimmte Zeit verschoben wurde. Natürlich

ist die Errichtung einer neuen Bibliothek .

Die alte Lübecker Bibliothek

Auch wenn heute keiner zu Fuß aus
der Ferne hier gekommen sein wird, wie
Johann Sebastian Bach einst aus Arnstadt,
der den bedeutenden Dietrich Buxtehude
(1637-1707) hier in Lübeck hat erleben
und von ihm etwas hat lernen wollen, so
könnte doch einer der schönsten Tonsätze
Dietrich Buxtehudes hier erklingen, die

Von Dietrich Buxtehude, dem lange
Zeit ja kast Vergessenen, berichtet
übrigens die Schrift Die Beglückte ung
Geschmückte Stadt Lübeck von Johann
Gerhard Krüger (Lübeck 1697) bei der
Beschreibung der Kirche St. Marien -
und wie wüssten wir sonst hiervon, wenn
nicht durch Bibliotheken! -, von Buxte-
hude also heilt es dort:

„Westlich zwischen den beeden Pfei-
lern der Thürme ist zu sehen das grosse
und prächtige Werck die Orgel/welche/
wie auch die Kleine/ der Welt-berühmte
Organist und Componist Dietrich Buxe-
hude anjetzt verwaltet; da dann insonder-
heit auff der grossen Jährlich von Martini
biß Weyhnachten an 5. Sonntagen die an-
genehme Vocal- und Instrumental Abend
= Music nach der Sontags = Vesper = Pre-

T digt/von 4. biß 5. Uhren/ das sonst so

nirgends wo geschiehet / von vorgedach-

| tem Organisten als Directore kunst= und

am Ort einer alten verbrannten, aber nie | l i

vergessenen, wie im Falle der Alexandri-

nischen, die vor fast 2.300 Jahren von Pto- |

lemaios I. errichtet wurde und vor 1600
Jahren verbrannte. und von der Alexander

Kluge sagt, sie brenne für inn noch immer, PI

- natürlich ist eine solche Neuerrichtung
spektakulärer als die verbesserte Unter-
bringung einer alten Bibliothek, zumal
man in Alexandria nun eine riesige Bibli-
othek und kaum Bücher hat.

Und doch ist auch ein solches Ereignis
wie dieses heute. bei dem eine Bibliothek
im Mittelpunkt steht. die auf eine 400-
jährige Geschichte zurückblicken kann,
sehr wohl geeignet, auf die Bedeutung al-
ter Bibliotheken hinzuweisen; zugleich
können wir uns aber auch zur Beantwor-
tung der Frage herausgefordert fühlen., ob
die Bibliothek als Sammlung gedruckter
Bücher im Zeitalter des Internet und der
Digitalspeicherung nicht doch ein abge-
schlossenes Kapitel der Menschheitsge-
schichte darstellt. Darauf will ich gerne
eingehen, doch zunächst zum heutigen
Anlass und zur Lübecker Stadtbibliothek
selbst!

 

Prof. Schmidt-Blintzer beim Festvortrag
im Scharbausaal

Kantate „Nun danket alle Gott“ (Bux W V
79) nämlich.

Dabei würde die Musik selbst nicht
einmal als Dissonanz empfunden, auch
wenn - zugegebenermaßen - bei einer
solchen Veranstaltung in unserer heutigen
säkularen Gesellschaft der Text des „Nun
danket alle Gott“ von manchem als unan-
gemessen empfunden würde, weil man ja
Adressaten des Dankes kennt, - über sol-
che Empfindungen von „Unangemessen-
heit“ nachzudenken, dürfte sich dennoch
lohnen.

rühmnlich praesentiret wird.“

Diese einem alten Buch entnommene
Mitteilung kann zugleich als ein erstes
Beispiel dafür genommen werden, dass
das Aufheben und Sammeln alter Bücher,
um aus ihnen zur Erinnerung zu zitieren,
einen guten Sinn haben kann. Diese alten
Drucke nämlich ermöglichen uns zu er-
kennen, dass die Welt nicht immer schon
SO Lewesen ist, wie wir sie heute erleben,
und sie weisen uns darauf hin, dass sich
die Welt verändert. Der Mensch hat sich
biologisch in den letzten Jahrtausenden
nicht verändert, aber seine Kultur oder
besser: Kulturen und Umgangsformen
haben sich dramatisch gewandelt und ver-
ändern sich weiter in einer solchen Ge-
schwindigkeit, dass wir gelegentlich uns
selbst nicht mehr verstehen.

Der Gefahr, dass wir uns selbst nicht
mehr verstehen, abzuhelfen, gibt es Bibli-
otheken, und ich freue mich, dass Lübeck
alle Anstrengungen dazu unternimmt, sei-
ne alten Bibliotheken zu pflegen. Über
die Bibliotheken Lübecks und ihre Ge-
schichte muss an dieser Stelle nicht vieles
gesagt werden. Reflektiert wurde über sie
schon in früheren Zeiten, wenn etwa Lu-
dewig Suhl im Vorwort zu Johann Georg
Gesners „Verzeichnis der vor 1500 ge-
druckten auf der Bibliothek zu Lübeck
befindlichen Schriften“ (Lübeck 1782),
durchaus Bescheidenheit demonstrie-
rend. schreibt:

 

158

Lübeckische Blätter 2002/11

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